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[ Smart Home ]

Im Alter vernetzt

Eine Bielefelder Wohnungsgesellschaft zeigt, wie man älteren Menschen mithilfe smarter Technologien den Umzug ins Altersheim erspart.

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Wohfühlfaktor Selbstständigkeit dank des „Bielefelder Modells“.

Text: Günther Ohland
Die Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft BGW bietet älteren und behinderten Menschen komfortable und barrierefreie Wohnungen an, die auf alltagsunterstützende smarte Technik vorbereitet sind. Und das nicht erst seit heute und gestern. Entstanden ist dieses sogenannte „Bielefelder Modell“ bereits in den 1990er-Jahren. Am Anfang standen Überlegungen, welche Folgen der demografische Wandel für den Wohnungsbestand hat. Es sollte drohender Leerstand verhindert werden, wenn ältere Mieter, die lediglich geringfügig bei der Haushaltsführung eingeschränkt sind, ihr vertrautes Umfeld gegen einen Platz im Altersheim hätten tauschen müssen.

Deshalb entwickelte die BGW zusammen mit einem sozialen Dienstleister und der Stadt Bielefeld ein Konzept, das bundesweite Aufmerksamkeit erregte und mittlerweile auch in anderen Städten umgesetzt wird. Das Besondere daran ist der quartiersbezogene Ansatz des Wohnens mit Versorgungssicherheit, aber ohne Betreuungspauschale. Kombiniert ist dieses Angebot mit einem Wohncafé als Treffpunkt und Ort der Kommunikation, der allen Menschen im Quartier offensteht. Gleichzeitig ist ein sozialer Dienstleister mit einem Servicestützpunkt und einem umfassenden Leistungsangebot rund um die Uhr vor Ort präsent. Alle Mieter können auf die Hilfs- und Betreuungsangebote zurückgreifen, müssen diese aber nur bei Bedarf und im benötigten Umfang bezahlen.

Probieren und studieren

Um die Angebote den Mietern oder potenziellen Interessenten und vor allem den meist skeptischen Familienangehörigen zu demonstrieren, betreibt die Genossenschaft mit dem Verein „Kompetenzzentrum Lebensgerechtes Wohnen“ eine Musterwohnung in der Harrogate-Allee. Der Verein ist ein branchenübergreifendes Netzwerk mit Mitgliedern aus Wohnungswirtschaft, Industrie, Handwerk, Kommune und Dienstleistern der Sozial- und Gesundheitswirtschaft. In der Musterwohnung werden innovative Techniken und Dienstleistungen präsentiert, die das Leben zu Hause in jeder Situation einfacher, sicherer und gesünder machen. Zum Beispiel können sich Interessenten ein Bild von Pflegebetten machen, die attraktiver als herkömmliche Krankenhausbetten sind. Verzichten lässt sich auch auf den zwar leicht zu reinigenden, aber ungemütlich wirkenden PVC-Bodenbelag. Dagegen erzeugen waschmaschinentaugliche Teppichfliesen eine viel wohnlichere Atmosphäre.

Neben bedarfsgerechter, individuell gestaltbarer und bezahlbarer barrierefreier Ausstattung zur Umrüstung von Wohnraum sind auch Smart-Home-Techniken und -Produkte erlebbar. So lässt sich das Bild der Videokamera an der Eingangstür auf ein smartes Tablet oder das TV-Gerät übertragen. Senioren, die nicht so gut zu Fuß sind, öffnen dann die Haus- und Wohnungstür vom Sessel aus. Licht- und Jalousieschalter sind schnurlose Fernbedienungen. Fenster, Balkon- und Terrassentüren werden per Sensor überwacht.

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Verlässt der Bewohner das Apartment, signalisiert das System, ob alle Fenster verschlossen sind. Die Sensoren sorgen auch dafür, dass sich bei geöffnetem Fenster das Heizkörperventil schließt. In der Küche, die mit höhenverstellbaren Schränken und Arbeitsplatten ausgestattet ist, wacht Elektronik über den Herd. Bei drohendem Brand und Rauchentwicklung schaltet der Herd automatisch ab. Es lassen sich auch Beaufsichtigungs-Szenarien einstellen. Erkennt der Präsenzmelder, dass für eine bestimmte Zeitspanne niemand in der Küche ist, schaltet der Herd sich ab. Der vergessene Kochtopf wird so nicht zu einer potenziellen Brandursache und Gefahr für das gesamte Haus.

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Entgegen den häufig angeführten Argumenten, dass ältere Menschen moderne Technik ablehnen würden, haben die Bielefelder positive Erfahrungen gemacht. Ihre Mieter meinen, sofern die Technik das Leben vereinfache, sei sie willkommen. Skeptisch sind hier in der Regel die jüngeren Angehörigen. Sie vermuten, dass ihre alten und gebrechlichen Verwandten die Wohnung per Smartphone bedienen sollen. Bei Projekten mit alltagsunterstützender smarter Technik ist deshalb die Aufklärung ein wichtiger Faktor. In diesem Sinne hat sich auch die Musterwohnung als „Testlabor“ praktisch bewährt. Darüber hinaus wird sie als Trainingsobjekt genutzt. Mitarbeiter und Schüler von Pflegediensten erfahren hier, welche technischen Möglichkeiten bereits bestehen und welchen Nutzen sie bieten. Schließlich sind es die Pflegekräfte, die Veränderungen bei den Bewohnern als erste erkennen und so gegebenenfalls eine Veränderung der technischen Ausstattung empfehlen können.

Für die Zukunft rüsten

Heute noch vom Pflegedienst erbrachte Aufgaben wie Messung von Gewicht, Blutdruck und Blutzucker kann oft der zu Pflegende selbst erbledigen – und übermitteln, wenn die Wohnung durch Vernetzung entsprechend vorbereitet ist. Moderne Vitalparameter-Messgeräte nutzen das Internet zur (verschlüsselten) Kommunikation mit einem Pflegedienst. Einfach zu nutzende Skype-Video-Kommunikation über das TV-Gerät oder ein smartes Tablet verbindet die Menschen im Quartier per Internet untereinander, mit entfernt lebenden Angehörigen und mit dem Pflegedienst. Die Pflegekraft kommt nur noch dann, wenn es ­pflegerisch geboten ist, nicht aber turnusmäßig. Es ist dafür notwendig, alle ­Wohnungen mit einer internetfähigen Infrastruktur auszustatten. Die DIN EN 50173-4 „Anwendungsneutrale Kommunikationskabelanlage – Wohnungen“ beschreibt, wie eine solche Basis-Infrastruktur in Haus und Wohnung aufgebaut sein soll. Zwar ist auch heute noch nicht jede Wohnung der BGW komplett als Smart Home ausgestattet, doch die Basis-Infrastruktur ist als Standard in den Wohnanlagen vorhanden. Eingesetzt wird hier eine sternförmige Verkabelung der Kategorie 7, die zur Verbindung von telemedizinischen Produkten erforderlich ist, sowie ein Smart-Home- beziehungsweise ein AAL-Controller, der die Kommunikation der verschiedenen Geräte, wie TV-Gerät, Tablet, Präsenzmelder usw., untereinander und mit dem Internet ermöglicht.

In der Vergangenheit hat die BGW jeden Neubau und jedes Sanierungsvorhaben genutzt, um die Gebäude entsprechend auszurüsten. Auf diese Weise sind mittlerweile 15 dieser Wohnanlagen entstanden; die letzte in der Braker Straße 11 wurde vor rund einem Jahr fertiggestellt. Die 38 Apartments in den drei Häusern bezogen Senioren und Menschen mit körperlichen Behinderungen, die ihr Leben hier selbstständig meistern können. Treffpunkt auch für die Nachbarschaft ist das lichtdurchflutete Wohncafé im Parterre. Dort wird täglich frisch gekocht. Betreiber der Anlage ist der Pflegedienst „Alt und Jung“. Zudem beteiligen sich acht Ehrenamtliche im Alter von 15 bis 70 Jahren an der Betreuung der Bewohner – vom Kochen bis zum gemeinsamen Marmelade-Zubereitung.

Das „Bielefelder ­Modell“ enthält:

  • Versorgungssicherheit für den Mieter rund um die Uhr durch Dienstleister ­ohne Betreuungspauschale
  • Servicestützpunkt
  • Behandlungspflege im Bereich der ärztlich verordneten Anwendungen
  • Familienverhinderungspflege (Pflege durch Dienstleister bei Ausfall eines pflegenden Familienmitglieds)
  • Sicherheit für den Mieter durch ­Dauermietvertrag
  • Barrierefreie Wohnungen
  • Wohncafé auch als Treffpunkt und für gemeinsame Mahlzeiten
  • Gästezimmer für besuchende Familienangehörige (35 – 45 Euro)
  • Unterstützung von Selbsthilfeaktivitäten
  • Begleitung von Aktivitäten, Hobbys, ­Kultur und Freizeit
  • Eingliederungshilfe für jüngere ­Menschen (Frührentner)
  • Vermittlung von Hauswirtschafts- und Pflegediensten<
  • Musterwohnung Harrogate-Allee

Günther Ohland ist Fachjournalist, Buchautor, Initiator des SmartHome Paderborn und ­Vorsitzender der SmartHome Initiative Deutschland e. V.

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Gesine Marquardt (Hg.)
MATI. Mensch – Architektur – Technik
Interaktion für demografische Nachhaltigkeit
Das Buch bietet allen an der Planung demografisch nachhaltiger und mit alltagsunterstützender Technik ausgestatteter Gebäude Beteiligten einen Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung. Dabei werden Aus- und Weiterbildungen von Architekten, Kooperations- und Planungsstrategien, Ethik und Akzeptanz, Marktgestaltung, technische Lösungen sowie nationale Praxisbeispiele betrachtet.

Fraunhofer IRB Verlag, 2015, kartoniert, 288 Seiten, 59 Euro
Fachmesse und Kongress
Zukunft Lebensräume

Am 20. und 21. April 2016 werden im Congress Center und der Halle 5.1 der Messe Frankfurt richtungsweisende Konzepte und Technologien präsentiert und im Rahmenprogramm mit Experten diskutiert, die Lösungen für die Herausforderungen des demografischen Wandels bieten. Die Leitthemen der „Zukunft Lebensräume“ sind in diesem Jahr: Assistenz im Quartier, das Generationenbad sowie das Krankenhaus. Der zweitägige Kongress, für dessen Teilnahme (tageweise möglich) die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen Fortbildungspunkte vergibt, berücksichtigt eine Reihe architektenrelevanter Themen wie: technische Assistenz und barrierefreies Wohnen, keine Barrieren durch Lichtgestaltung, Architektur für die Gesundheit, Demografie und Assistenz im Quartier.

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