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„Nichts hat so viel prägende Kraft“

Wie wichtig sind Kirchen in einer zunehmend weltlichen Umgebung? Irmgard Schwaetzer, Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland und frühere Bundes-Bauminsterin, sieht in ihnen Bedeutung nicht nur für Gläubige

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Irmgard Schwaetzer, 73, ist Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland – des einmal jährlich tagenden Kirchen-Parlaments, das aus Laien und Geistlichen zusammengesetzt ist. Sie war von 1991 bis 1994 Bundesministerin für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau und von 1980 bis 2002 Bundestagsabgeordnete der FDP.

Interview: Roland Stimpel

Die Welt wird mobiler und virtueller. Verlieren für die Kirche Räume an Bedeutung?

Sie sind und bleiben wichtig. Kirchenräume laden zum Gebet und zur individuellen Sammlung ein, sie versammeln die Gemeinde, sie umfassen sie physisch und symbolisch. Dabei kann auch heute großartige Architektur entstehen – denken Sie an die Immanuel-Kirche in Köln, die gerade erst mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet worden ist.

Sollen Kirchen eher die Gemeinde gegen die unwirtliche Außenwelt schützen oder sollen sie diese einladen?

Sie dienen keinesfalls der Abschottung. Das belegt nicht nur die bundesweite Initiative „Offene Kirche“, die sicherstellt, dass Kirchen zu verlässlichen Zeiten geöffnet sind. Wo das gelingt, gehen immer wieder Menschen hinein und verweilen dort. Es ist wichtig, dass wir viel Mühe auf das Offenhalten von Kirchenräumen verwenden.

Manche sind Museen, einige kosten Eintritt.

Das betrifft nicht viele, und das ist auch gut so. Auch wenn ich nichts dagegen einzuwenden habe, wenn Besucher finanziell am Erhalt der Kirchen beteiligt werden. Es muss natürlich sichergestellt sein, dass man zum Beten und zum Gottesdienst frei hinein kann.

Viele stehen auch leer oder werden anders genutzt.

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Kirchenarchitektur in Deutschland: Die Vielfalt der das Ortsbild prägenden Sakralbauten reicht von der jüngst mit dem Deutschen Architekturpreis prämierten Immanuel-Kirche von Sauerbruch Hutton in Köln (unten) bis zur wendisch-deutschen Doppelkirche in Vetschau im Land Brandenburg

Das betrifft einen kleinen Teil der mehr als 20.000 evangelischen Kirchen und Kapellen in Deutschland. Nach evangelischem Verständnis sind Kirchen keine heiligen Räume. Deswegen ist es da zum Beispiel völlig unproblematisch, auch Konzerte zu veranstalten. Natürlich überlegen wir intensiv, wo die Grenzen sind.

Andere werden vollständig umgenutzt, das geht bis hin zur Gastronomie-Kirche. Stimmt Sie das traurig?

Ich finde es immer traurig, wenn Kirchen aufgegeben werden müssen und danach nicht mehr im ursprünglichen Sinn genutzt werden. Auf der anderen Seite müssen wir die Realität in unserer säkularen, zu großen Teilen glaubensfernen Gesellschaft anerkennen. Viele Kirchen sind nun einmal für größere Gemeinden gebaut worden. Am traurigsten finde ich es, wenn Kirchenbauten ganz leer stehen – wegen der Leblosigkeit und wegen des dann drohenden Verfalls. Wir sollten alles daran setzen, sie lebendig zu erhalten.

Lieber anders nutzen als gar nicht?

In der ersten Stufe sollten wir noch nicht über eine kirchenfremde Nutzung nachdenken. Es gibt Kirchen, die für Zwecke der Gemeinde innen unterteilt werden – zum Beispiel hat man das beim Wiederaufbau des Doms Sankt Marien in Fürstenwalde so gemacht. Da ist jetzt unten im Vorraum eine eher touristische Nutzung, die aber zum eigentlichen Kirchraum hin abgeschlossen ist. Darüber sind Räume der Gemeinde. Der eigentliche Kirchraum macht jetzt nur noch einen Teil der Fläche aus, die er vor der Zerstörung im Krieg hatte. Aber natürlich steht er nach wie vor im Zentrum.

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Viele Kirchen leben von räumlicher Groß­zügigkeit, doch sie verschwindet bei Unterteilungen?

Ja, das kann eine Folge des Konzepts sein, wenn Dinge in den Kirchenraum integriert werden, die anderswo vielleicht in einem separaten Gemeindehaus ablaufen. Viel wichtiger ist jedoch, dass die Kirche insgesamt weiter genutzt wird. Sehr gelungen finde ich etwa den Umbau der Heiligkreuzkirche in Berlin-Kreuzberg. Da werden Gottesdienste gefeiert, aber auch Essenstafeln für Obdachlose aufgestellt, und der Altarraum dient als Bühne für Aufführungen. Unter der Kuppel finden sich Büros und Sitzungsräume. Und nach wie vor wird die historische Hook-Orgel von 1870 gespielt.

Nicht wenige Kirchen werden als solche ganz aufgegeben.

Bauten gehören zur Kirche, aber wir können nicht alle behalten. Im Zentrum unserer Arbeit steht die Verkündigung, stehen Gottesdienste, Konfirmandenunterricht, Kindergottesdienste und die Menschen, die die Gemeinde ausmachen. Es ist definitiv nicht der erste Zweck der Kirche, ein Maximum an Gebäuden zu behalten. Natürlich prüfen wir im Falle eines notwendigen Verkaufes genau, an wen wir die Kirche übergeben. Eine Nachnutzung, die mir sehr sympathisch ist, ist zum Beispiel die Übergabe von Kirchen in Cottbus und Bielefeld an jüdische Gemeinden.

Und Moscheen?

Auch da hat es Diskussionen gegeben, aber das schließt sich nach unserem Verständnis aus. Dafür gibt es gute Gründe. Das führt im Blick auf unsere unterschiedlichen Traditionen nur zu Verunklarungen.

Und wenn Muslime Moscheen neu bauen?

Das findet in der Regel die Unterstützung der evangelischen Kirche, weil wir es für völlig selbstverständlich halten, dass gläubige Menschen ihre Religion leben können. Auch Moscheen sollten deutlich sichtbar sein und nicht in irgendwelchen Hinterhöfen stehen. Wir haben neuerdings nicht vier, sondern vielleicht fünf Millionen Muslime in Deutschland, die ein Recht auf die Ausübung ihrer Religion haben.

Sie haben weder Konkurrenz- noch Überfremdungsängste?

Konkurrenz liegt unserem Glauben fern, und Überfremdungsängste haben wir definitiv nicht. Fremdenfeindlichkeit ist mit dem christlichen Glauben absolut unvereinbar. Die Leute, die jetzt für eine Rettung des „christlichen Abendlands“ auf die Straße gehen, sind nach unseren Erfahrungen eher nicht Kirchenmitglieder.

Wie geht die Kirche mit Flüchtlingen um?

Mehr als 120.000 Ehrenamtliche engagieren sich in der evangelischen Kirche für Flüchtlinge und helfen auf vielerlei Art. ­Gemeinden stellen Unterkünfte zur Verfügung und fördern die Integration. Der ­Berliner Dom, in dessen Gemeinde ich ­Mitglied bin, bietet derzeit eine Notunterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an.

Bleiben wir bei diesem Dom. Seine Architektur ist wilhelminisch-preußisch im Extrem. Wie sehen Sie ihn als Liberale rheinischer Herkunft?

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Kirche und Macht: Der Berliner Dom steht für die Verbindung von Preußen und Protestantismus. Heute ist das Gotteshaus auch eine touristische Sehenswürdigkeit.

Er ist ein sehr gutes Gottesdienstgebäude. Ich erwarte, dass mir eine Kirche Ruhe, Konzentration und stille Orte zum Gebet gibt. Diese Architektur aus einem Guss ermöglicht all das, was wir normalerweise von Kirchen erwarten.

Und das Wilhelminische?

Das ist Teil seiner Geschichte. Aber auch hier setzt die Architektur klare Zeichen: Die Kuppel war höher als die des Berliner Schlosses – das sehen Sie gerade jetzt wieder an der neu entstandenen Kuppel des Humboldtforums. Auch der Kaiser wollte darstellen, dass Gott über ihm steht.

Steht der Dom nicht auch für den Missbrauch des Protestantismus für die wilhelminische Vorherrschaft in Deutschland?

Gebäude können nichts dafür, wofür sie gebraucht oder missbraucht werden. Es sind nicht sie selbst, sondern Menschen, die den Gebrauch verantworten. Wenn Sie heute Kirchgänger im Berliner Dom fragen, dann ist diese Vergangenheit völlig passé. Auch aus der Architekturkritik scheint mir das Thema weitgehend verschwunden – und das zu Recht. Diese Kirche ist einfach sehr gut geeignet für das, was Menschen in einer Kirche suchen.

Ändert sich die Bedeutung, wenn nun nebenan das Schloss respektive Humboldtforum entsteht?

Wir rücken damit noch mehr ins Zentrum. Das ist natürlich kein Selbstzweck: Die öffentliche Theologie, die eine sehr starke Rolle in der evangelischen Kirche spielt, sieht es als Aufgabe, das Leben im säkularen Raum zu begleiten, immer die Benachteiligten der Gesellschaft im Auge zu behalten und ihre Interessen wahrzunehmen. Auch dafür kann ein Ort nicht prominent genug sein.

Es ist mit Humboldtforum und Schinkels Altem Museum ein Ort der Kultur, kein Ort der Politik.

Erstens ist es ein zentraler Ort, der viel Aufmerksamkeit finden wird. Zweitens wird das Humboldtforum alles andere als ein unpolitischer Bau. Drittens weisen die künftig dort ausgestellten Sammlungen viele Artefakte auf, die mit den Religionen der Völker zu tun haben, von denen sie stammen. Im kulturellen Dialog, der hier entstehen soll, wird Religion eine wichtige, wenn nicht prägende Rolle spielen. Hier sind wir als evangelische Kirche natürlich gefragt – gerade an so einem Ort, der auch Prägekräfte für die moderne Gesellschaft entfalten kann.

Der Dombau bleibt der größte am Ort – aber schrumpft er nicht in Wahrnehmung und Wertschätzung durch den neuen Nachbarn?

Kirchen haben immer das Zentrum von Städten bestimmt und tun es weiterhin. Die evangelische Kirche ist in den vergangenen 20 bis 25 Jahren immer wieder gefragt worden, ob unter Umständen künftig andere Gebäude diese zentrale Funktion übernehmen. Aber es gibt dafür keinerlei Anzeichen. Kein Kaufhaus, kein Hochhaus, nichts sonst hat so viel prägende Kraft wie Kirchengebäude mit ihren Türmen.

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