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Ganz groß in Mini-Land

In Russland studierte Anastasia Trautwein Architektur; im Legoland in Günzburg baut sie Highlights der Baugeschichte nach

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Ernst des Lebens: Für Kinder ein Traum, für die in Russland gelernte Architektin Anastasia Trautwein Broterwerb: Konstruieren mit Lego-Steinen.

Text: Christoph Gunßer

Sie ist Mitte vierzig und baut immer noch mit Lego. Mehr denn je eigentlich, denn in ihrer Kindheit hat sie eher das gemacht, „was Mädchen so machen“. Im Architekturstudium in Moskau Anfang der Neunzigerjahre hat Anastasia Trautwein dann auch Modelle gebaut, doch die waren aus Pappe.

Lego kannte sie nur flüchtig von einem osteuropäischen Plagiat. So war es purer Zufall, dass sie 2003, mittlerweile mit Familie in Schwaben lebend, vom Aufbau der Modellwerkstatt im neuen Günzburger Legoland-Park erfuhr. Der 70 Hektar große Park lag fast vor ihrer Haustür, und so heuerte sie dort an – als Modellbauerin für das Herzstück in jedem der weltweit mittlerweile neun Legoländer: das Miniland. Maßstäblich verkleinert, finden sich darin die Perlen der Architekturgeschichte – oder das, was die Macher des Parks dafür halten.

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Städte-Bräu: Die Komposition der Bauten geschieht in Legoland ziemlich frei.

Das Ur-Cluster des Parks bauten die Kollegen aus dem dänischen Billund, wo bis heute das erste Legoland steht. Der Kern des Günzburger Parks besteht unter anderem aus einer wie immer recht frei interpretierten Venedig-Collage, der Berliner City und dem Hamburger Hafen. Danach durfte Anastasia Trautwein selbst Hand anlegen: Schloss Neuschwanstein war ihr erstes Werk, im Maßstab 1: 35. Leicht verblasst, steht es noch heute am Rand von Miniland. Bald folgte, noch vor der Fertigstellung des Originals die Münchener Allianz-Arena, in 4.209 Arbeitsstunden, aus einer Million Steinen. Es ist das größte Modell im Park.

Im letzten Winter hat sie vier Monate lang das Ulmer Münster nachgebaut, mit allen Unregelmäßigkeiten des über Jahrhunderte gebauten Originals, und bis zur letzten Kreuzblume aus Lego. 2,30 Meter hoch, 1,82 Meter lang und 90 Kilo schwer, steht es derzeit noch in der echten Kirche. Woran Trautwein seither arbeitet, ist geheim, da ist die Pressedame des Parks ganz streng – Freizeitparks sind ein Milliarden-Markt und die Konkurrenten sind stets erpicht, bei Trends die Nase vorn zu haben. Eine Plane verhüllt also den Bereich der Werkstatt, die ansonsten voll ist mit reparaturbedürftigen Figuren und zig bunten Boxen aller erdenklichen Lego-Module, von denen es rund 7.000 in 96 Farben gibt. Trautweins Team besteht aus sieben Leuten, wie sie selbst überwiegend Quereinsteiger, denn Lego-Modellbauer ist kein Lehrberuf. Ein Techniker ist dabei, der die versteckten Stützgerüste aus Metall entwirft und fertigt, damit die Riesenmassen verschachtelten Plastiks nicht auseinanderbrechen. Für die Instandhaltung sorgt ein weiteres Team aus fünf Leuten.

Ihr Werkzeug beschränkt sich auf einen leichten Hammer, mit dem sie die Steine festklopft, und eine Tube Kleber. Zwei Bildschirme links und rechts zeigen mit Hilfe spezieller Design-Programme verschiedene Ansichten oder Schnitte des Objekts; ein Programm namens Bricks projiziert das Netz der Lego-Module über die Form, und auf Knopfdruck bekommt die Baumeisterin schichtweise angezeigt, was sie hinzufügen muss.

Am Beginn dieser Tüftelarbeit stehen zumeist Forschungen, im Fall des Münsters auch Besuche im Vorbild. Andere Parks schicken regelrechte Forschungs-teams an die Original-Schauplätze, die auswählen und dokumentieren, was für wert befunden wird, übernommen zu werden. Es geht stets darum, „was die Leute ansprechen könnte“, wie Trautwein es formuliert, aus dem jeweiligen Einzugsgebiet, versteht sich. Das erstreckt sich im Fall des deutschen Legolands von Berlin bis München, von Holland bis Italien.

Hat sie ein Mitspracherecht dazu, was ins Miniland kommt und was nicht? Da zögert die zurückhaltende Frau ein wenig. Nicht wirklich, denn die Entwicklungspläne macht die Parkleitung, die sich dabei auch mit den anderen Legoländern abstimmt. Zuweilen kooperieren die „Model-Shops“ der Parks global miteinander. So kam es, dass Trautwein vor Jahren einen malaysischen Großflughafen zu bauen hatte, für den 2012 eröffneten Park in Johor Bahru.

Vorschläge kann sie eher im Rahmen vorgegebener Themen machen, etwa als in diesem Jahr im Freizeitpark (also außerhalb des zentralen Minilands) der Nachbau einer Polizeistation eröffnet wurde – hier wird sie im Vorfeld gefragt, was an Lego-Objekten dazu passen könnte, und baut diese dann – oder wenn eine Achterbahn als Unterwasserwelt inszeniert werden soll. In diesem Fall ist ihr Beitrag eine Qualle oder ein Seestern aus Lego. Sie hat auch schon die komplette Star-Wars-Ausstattung nachgebaut: „Das hat so eingeschlagen, das lässt sich kaum toppen“, schwärmt sie. Doch bevorzugt sie selbst schon die Architekturmodelle. Klein Venedig ist ihr Favorit.

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„Schöne Architektur ist ein Thema“

Wie ist das, als gelernte Architektin mit Plastiksteinen etwas grob nachzubauen, das andere erdacht haben? Das stört sie nicht, im Gegenteil: „Schöne Architektur ist immer ein Thema.“ Engt das Lego-Modul sie dabei nicht ein? Zumal längst nicht alle Bauten, gerade die kühnen, modernen mit den großen Linien, in die kleinteilig-additive Lego-Tektonik passen. Trautwein beharrt aber: „Man kann alles mit Lego bauen.“

Das Miniland vermittelt Bilder, nicht strukturelles Verständnis. Die tatsächlich wirkenden Kräfte in den Repliken werden oft von Unterkonstruktionen abgefangen, die nicht sichtbar sind. Vorbei sind scheinbar die Zeiten, als kleine Baumeister durch Spielzeug geprägt wurden – so soll Walter Gropius durch Anker-Steinbaukästen (einen Vorläufer von Lego) zum Pionier seriellen Bauens geworden sein.

Durch die immense Erweiterung des Steine- und Figuren-Angebots ist die inspirierende Einfachheit des klassischen Lego der Nachkriegszeit ohnehin fast abhanden gekommen. Dass sich die spielerische Ur-Idee in allzu vielen allzu konkreten Vorgaben verlieren kann, haben inzwischen auch die Lego-Oberen erkannt und das Angebot an Modulen vor Jahren drastisch eingeschränkt.

Dennoch macht der Konzern heute mindestens ein Drittel seines Umsatzes mit immer neuen Lizenz-Produkten, von Harry Potter bis Spongebob. Das färbt selbstverständlich auch auf Legoland ab. „Wir bleiben nicht stehen“, formuliert es Trautwein. „Es muss immer etwas Neues geben.“

Wird in Legoland also auch abgerissen? Darum ist man bisher dank der Flächenreserven des Parks herumgekommen. „Wir bauen ja im Miniland eh’ fast nur Baudenkmale“, schmunzelt die Modellbauerin. Bleiben die Stadtbilder denn dann up-to-date? Wird man in der Berliner Innenstadt das rekonstruierte Stadtschloss hinzufügen? Das gibt es bereits in der Berliner Dependance des Merlin-Konzerns, zu dem die Legoländer (wie die Wachsfigurenkabinette Madame Tussauds und die Sea-Life-Aquarien) gehören: in der Discovery World im Sony Center. Doch in Günzburg wird der Zustand zum Zeitpunkt der Eröffnung 2003 konserviert: ohne Mauer, aber auch ohne Humboldt-Forum. Allerdings wurde nach einem Obama-Besuch die bunt stilisierte Love Parade durch eine Ehrenformation mit Kanzlerin Merkel und dem Präsidenten ersetzt.

Zeitgenössische Architektur jenseits der spektakulären Skylines (Frankfurt) und Landmarken (Allianz-Arena, Flughafen München) fehlt im Miniland jedenfalls. Ist sie zu schwer vermittelbar? Legoland richte sich an Familien mit Kindern von zwei bis zwölf Jahren. Die Exponate müssen also allen gerecht werden. Für erwachsene Puristen gibt es seit einiger Zeit wieder das Kreativ-Set von Lego in Weiß aus den Sechzigerjahren.

Erstaunlich übrigens, dass die Frage des Copyrights der Bauwerke wenig problematisch gesehen wird. „Die meisten Architekten fühlen sich geehrt“, ist hier der Standpunkt.

Muss es für die Bauwerke eine Bauabnahme geben? Nur, wenn sich die Modelle über den Besuchern befinden. Und begehbar ist bislang keine der Repliken – auch wenn sich die Modellbauer zum Spaß schon durch ihre Werke oder auf ihnen bewegen: Die halten das aus.

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Hier hat Handwerk Bestand

Zu den Longsellern von Lego und auch des Freizeitparks gehört die Bionicle-Serie: Roboter spielen hier die Hauptrolle. Fürchtet die fleißige Modellbauerin nicht, dass Roboter ihr bald die Arbeit abnehmen werden? Nein, kontert sie bestimmt. „Wir sind schließlich auch Designer.“ Und Modelle aus dem 3D-Drucker, „das wäre kein Lego mehr“.

Also scheint in der Welt von Anastasia Trautwein vor allem eines sicher: Wenn sie wieder etwas Großes fertiggebaut hat, gibt es nach Monaten ruhiger, konzentrierter Arbeit jedes Mal einen Riesenwirbel. Dann steht die Hand hinter Miniland für einen Moment im Rampenlicht.

Christoph Gunßer ist freier Fachautor in Bartenstein (Baden-Württemberg).

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