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[ Glosse ]

Fresst die Flächen!

Warum Bauen die Welt durchlöchert – und Flächen angeblich verschwinden, sobald dort häufiger Menschen sind.

67 Artikel

Text: Roland Stimpel

Schon gemerkt? Wo immer ein Haus steht, klafft darunter ein unendlich tiefes Loch. Denn Hausbau ist laut bundesamtlicher Statistik ­„Flächenverbrauch“, in der Umgangssprache sogar „Flächenfraß“. Eben war die Fläche noch da, zum Beispiel als Acker. Kaum kommt das Haus, ist sie verschluckt und weg. Auch wenn jeder sehen kann, dass die Nicht-mehr-Fläche noch genug Tragkraft für ein Haus hat. Wenn Banken dicke Kredite auf das Nichts geben. Und wenn Urbanisten sie belebter finden, sobald sie gefressen ist.

Der Unsinnsbegriff basiert auf einer Feststellung aus den 1970er-Jahren, die eigentlich viel zu wichtig ist für Quatsch: Auch unbebaute Flächen haben ihren Wert; wir sollten sie nicht hemmungslos zubauen, versiegeln, zerschneiden. Aber dann haben sich Planungs- und Umweltbehörden in der Definition vergriffen: Als verbraucht gilt seitdem jeder Quadratmeter, der bisher nicht „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ war, doch neu in diese Kategorie gerät.

Da wird es ökologisch absurd: Als bewahrenswert gelten zum Beispiel Äcker mit nur einer Nutzpflanze, die von Traktor, Güllewagen, Giftspritze und Mähdrescher malträtiert, aber sonst von niemandem besucht werden. Und es wird menschenfeindlich: Schlecht ist die Verwandlung des Ackers in ein Reihen­hausgebiet, auch wenn dort ein paar Hundert Leute ihr Glück finden und in den Gärtchen die Artenvielfalt explodiert. Harmlos sind dagegen Tagebaulöcher, denn sie zählen nicht zur Siedlungs- und Verkehrsfläche. Beim Abbau verschwindet die Bodenfläche zwar physisch, aber nicht aus der Statistik. Schlimm wird es erst, wenn die ausgebeutete Grube zum Erholungspark wird: Der gehört nach der Definition zum Siedlungsgebiet. Was eben noch ein flächen­starkes Kohleloch war, ist durch Bäume, Badesee und Picknickplatz verbraucht und weg.

Natürlich müssen wir mit jeder Fläche verantwortungsvoll umgehen, auf der wir planen und bauen. Aber den gängigen Verbrauchsbegriff können wir getrost in die statistische Tonne treten. Sind Sie vielleicht gerade dabei, auf städtebaulich und architektonisch ambitionierte Art eine Fläche zu fressen? Dann guten Appetit!

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