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[ Standpunkt ]

Bildung für die Baukultur

Architektenkammern können nicht Geschmacksrichter sein. Aber sie tun vieles, um Bürgern die Maßstäbe für Bauqualität zu vermitteln

Foto: Architektenkammer Niedersachsen
Wolfgang Schneider, Präsident der Architektenkammer Niedersachsen (Foto: Architektenkammer Niedersachsen)

Wenn Du findest, Philosophie sei schwierig, dann lass Dir gesagt sein, dass sie nichts im Vergleich zu der Mühe ist, die es verlangt, ein guter Architekt zu sein.“ Der Verfasser des Tractatus logico-philosophicus, Ludwig Wittgenstein, gab seine Lehrtätigkeit für drei Jahre auf, um seiner Schwester Gretl ein Stadtpalais in Wien zu bauen. Wittgenstein schuf eine andere Privatheit als die seinerzeit übliche. Keine des Geschmacks, sondern eine der Haltung. Die Radikalität dieser Architektur, die keinem Vokabular der Moderne zuzuordnen ist, wollte oder konnte kaum einer lesen. Folglich wurde die baukünstlerische Leistung von Wittgenstein seinerzeit nicht anerkannt.

Einige Jahre zuvor, 1923, beauftragte der französische Industrielle Henry Frugès den Architekten Le Corbusier mit dem Bau von Häusern für seine Arbeiter und deren Familien in Pessac bei Bordeaux. Die Siedlungen wurden zu einem Paradebeispiel der Moderne: lange, rechteckige Fenster, flache Dächer, kahle Wände, alles frei von regionalen Elementen. Doch die Bewohner sehnten sich nach ihren alten Häusern und kleinen Parzellen zurück, wohl auch, um im Privaten nicht an die Arbeitsbedingungen in den Betonhallen erinnert zu werden. Sie verwandelten nach und nach ihre „Corbu-Würfel“ in „individuelle“ Häuser mit Spitzdächern, Flügelfenstern, Sprossen, Fensterläden und Blumentapeten, umringt von Palisadenzäunen und Zierbrunnen. Qualitäten, an denen es in ihrem Leben fehlte.

Und heute? Heinrich Klotz’ „röhrende Hirsche“, diese Beschreibung der (Kitsch-)Architektur als Ausdruck eines subjektiven Geschmacksempfindens, ist allgegenwärtig. Wir müssen sie respektieren und gleichzeitig Strategien entwickeln, ihnen zu begegnen. Doch Architektenkammern sind keine Geschmacksrichter, wir geben nicht vor, was schön oder hässlich ist. Jedoch wissen wir, was gute von schlechten Gebäuden unterscheidet und was qualitätsvolle Architektur zu leisten in der Lage ist. Dies hat weniger mit subjektivem Geschmack zu tun als vielmehr mit objektiven Maßstäben.

Doch welches sind die Maßstäbe, mit denen wir Architektur bewerten? Form, Funktion, Nach­haltigkeit, Ortsverbundenheit … Die Kammern tun seit einigen Jahren viel dafür, Kriterien zur Bewertung von Architektur auch Nicht-Architekten und sogar Schülern näherzubringen. Das Projekt ­„Architektur macht Schule“, das bundesweit erfolgreich etabliert ist, bildet die junge Generation in puncto Bewertungsmaßstäbe. Andere Kammerveranstaltungen verfolgen ähnliche Ansprüche. In Niedersachsen gibt es beispielsweise die Veranstaltungsreihe „Architektur im Dialog“, in der Architekten und Nicht-Architekten ihre Sichtweisen auf Architektur und Baukultur vorstellen. Wichtig ist mir darüber hinaus, stets eine kritische Urteilsfähigkeit im Sinne Kants zu erhalten. Und trotz aller Einwirkungen sollten wir auch die zum Teil fest verankerten Geschmacksempfindungen nicht unterschätzen. Was passiert, wenn man entgegen den Gefühlen der Bürger baut, hat das Eingangsbeispiel Wittgenstein gezeigt. Auch vielen aktuellen Bauwerken wird dieses Schicksal zuteil. Nur ein Bauwerk, mit dem man sich identifiziert, wird gemocht. Über Geschmack sollte auch der Architekt nicht streiten, sondern einen offenen Dialog mit guten Argumenten führen.

Wolfgang Schneider, Präsident der Architektenkammer Niedersachsen.

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