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[ Landesgartenschauen ]

„Was will der Preuße hier?“

Ausgerechnet im dicht bebauten Berlin ist Landschaftsarchitektur ein Exportschlager. Wie kommt so viel Grünes aus dem urbanen Grau?

Text: Louis Back

Niemand wäre früher auf die absurde Idee gekommen, teure Ananas, Pfirsich- und Nektarinenbäume aus dem Süden zu importieren – nur um sie dann irgendwelchen Highlandern von den Orkneys anzuvertrauen“, notierte der britische Schriftsteller Horace Walpole im Jahr 1777. Nicht nur Walpole, halb England schäumte, weil immer mehr Gärtner und Botaniker aus dem hohen Norden Schlüsselpositionen in Englands Gartenwelt besetzten. Der Direktor des Chelsea Physic Garden? Ein Schotte. Der Chefgärtner von Blenheim? Der Gründungsdirektor der Royal Botanical Gardens in Kew? Der umsatzstärkste Pflanzenzüchter Englands? Alles Schotten! Manchem, der sich mit der aktuellen Landschaftsarchitektur in Deutschland beschäftigt, mögen da die Ohren klingeln. Alles Berliner! schallt heute der Ruf durch die Szene. Einen Wettbewerb nach dem anderen scheinen Büros aus der Hauptstadt für sich zu entscheiden. Aktuelle Beispiele sind drei Landesgartenschauen der laufenden ­Saison. Die im bayerischen Tirschenreuth plante geskes.hack, die im brandenburgischen Prenzlau ST raum a. – beide Berliner Büros. Und mit dem Potsdamer Marcel Adams kommt auch der Planer der Schau im baden-württembergischen Sigmaringen aus dem Großraum Berlin. Wie sehen Planer selbst die scheinbare Berliner Dominanz? „Ich weiß nicht. Meine Wahrnehmung ist gar nicht so“, meint Tobias Micke, Mitinhaber von ST raum a., und verweist auf das aktuelle Landschaftsplaner-Ranking von Competitionline. Das führen in Sachen Wettbewerbserfolge drei Büros aus Köln und München an. Also doch eher gefühlte Statistik? Tilman Latz vom Büro Latz + Partner aus dem bayerischen Kranzberg meint: „Berliner sind eben in der Fachdiskussion sehr präsent. Fast alle Fachverlage sitzen in Berlin. Das führt zu einer Situation, in der Berlin stärker wahrgenommen wird.“ Dies scheint das baunetz-Ranking zu bestätigen. Es basiert auf Auswertungen der Fachpresse, mithin auf Wahrnehmung. Und hier liegt mit Topotek 1 ein Berliner Büro an der Spitze.

Die wachsende Präsenz Berliner Landschaftsarchitekten lässt sich aber auch an anderem ablesen. In den Preisträgerlisten des seit 20 Jahren vergebenen Deutschen Landschaftsarchitektur-Preises etwa tauchen Berliner Projekte und Büros erstmals um die Jahrtausendwende auf: 1999 mit den „Neuen Wiesen Karow“ von Andrea Schirmer und Martina Kernbach. Bis dahin waren alle Preise nach Baden-Württemberg oder Bayern gegangen. Seither aber haben sich die Berliner fest etabliert. 2011 errangen mit Fugmann Janotta, Birgit Hammer und der Gruppe F Berliner Büros alle drei Preise. 2013 wäre der Hattrick um ein Haar wieder gelungen. Hutterreimann, herrburg und Landschaft Planen und Bauen heißen diesmal die Gewinner aus Berlin. Nur wird das letztgenannte Büro für eine Kooperation mit Kollegen aus Bonn, Köln und Dortmund ausgezeichnet.

Konkurrenz macht kreativ

Woher kommt die plötzliche Blüte? Ein typischer Berliner Stil lässt sich kaum ausmachen. Eher schon glänzen die Hauptstädter durch gestalterische Vielfalt. Ein recht banaler Grund könnte die schiere Zahl Berliner Büros sein. Fast jeder zehnte freie Landschaftsarchitekt in Deutschland sitzt heute in der Hauptstadt – 305 Büros gibt es dort. In ganz Deutschland bearbeitet jeder freie Landschaftsarchitekt, rein statistisch, 112 Quadratkilometer, auf Berlin bezogen, gerade mal drei. „Man kann sich hier nicht auf das eigene Bundesland zurückziehen“, bestätigt Axel Klapka, Vorstandsvorsitzender der bdla Landesgruppe Berlin-Brandenburg und Mitinhaber des Büros k1 Landschaftsarchitekten. „Dafür gibt es zu viele und zu viele gute Büros.“ „Deshalb müssen wir viele Wettbewerbe bestreiten“, meint ein anderer Berliner, der lieber nicht genannt werden will, „Und das macht kreativ.“

Der Wunsch nach Anonymität kommt nicht von ungefähr. In England hatte 1760 der Gärtnerverband ein rigoroses Berufsverbot für Kollegen aus Schottland gefordert. Davon ist man im Deutschland von heute weit entfernt. Doch in die Achtung, die Kollegen und Bauherren den Berliner Büros zollen, mischt sich zunehmend Unwille. „Man kann nicht gerade sagen, dass wir überall mit offenen Armen empfangen werden“, weiß Klapka. „Im Gegenteil: Manchmal steht schon die Frage im Raum: Was will der Preuße hier?“ Till Rehwaldt, der als Dresdener selbst mehrere Wettbewerbe in Berlin für sich entschieden hat, findet das ein Stück weit nachvollziehbar: „Alle haben doch ihre Befindlichkeiten, wenn andere in ihrer Domäne Erfolg haben! Wenn es einen eindeutigen Platzhirsch gibt, reagiert der natürlich vehementer.“

 

Wurzeln in der Stadtgeschichte

Verstehen lässt sich die starke Außenorientierung Berliner Büros erst vor dem Hintergrund der jüngsten Geschichte. Till Rehwaldt erinnert sich: „Nach der Wende gab es in Berlin plötzlich ein ganz anderes Portfolio von Aufgaben. Die 1990er wurden zur Blütezeit für gestalterisch orientierte Büros. Ausbilder wie Professor Loidl haben das auch an den Hochschulen gefördert. Das hat Berlin damals fast zu so etwas wie einem Brutkasten für moderne Landschaftsarchitektur gemacht.“ Beate Profé, Leiterin des Grün-Referats im Berliner Senat, ergänzt: „Ende der 1990er und Anfang der 2000er wurde dann die Auftragslage ziemlich schwierig, weil die erwartete Dynamik ausblieb. Das hat einige Büros schmerzhaft getroffen. In dieser Phase mussten sich viele zwangsläufig andernorts orientieren.“

Fette 1990er, magere 2000er – der Sprung nach draußen wurde so zur Überlebensfrage. Zumal der Nachhall der Geschichte bis heute auch die Arbeit im Umland erschwert. „Die Region ist anders strukturiert“, sagt Rehwaldt. „Es gibt keinen wirklich potenten Speckgürtel, in dem lukrative Direktbeauftragungen anfallen. Also muss man weit nach außen gehen, um Aufträge zu akquirieren.“ Wenn Berliner andernorts aktiv sind, kommen sie deshalb gleich von weit her. Auch das mag einen Teil der Vorbehalte erklären. Ein Frankfurter Büro, das in Mainz ein Projekt realisiert, geht dagegen fast noch als Lokalmatador durch.

Neue Kommunikationsformen weiten die Aktionsradien, dazu kommen Berlins Verkehrsverbindungen. „EasyJet und Ryanair definieren heute die Grenzen unserer Suburbs“, sagt Martin Rein-Cano von Topotek 1. „Das hat neue Chancen geschaffen.“ Womöglich ist es sogar Berlin selbst, das den Drang nach draußen befördert, mutmaßt Till Rehwaldt: „Vielleicht formt die Stadt einfach einen anderen Menschenschlag: innovativ, interessiert an anderen Dingen – und deshalb auch schneller bereit, sich woanders zu engagieren.“

Oder liegt es doch an der Ausbildung? In der historischen Parallele spielte sie eine zentrale Rolle: John Hope hatte an der Universität Edinburgh Botanik als Kernfach der Medizin etabliert und so für eine akademische Blütezeit gesorgt. Im Berlin von heute dürfte der Faktor nicht ganz so gravierend sein, Bedeutung hat er aber auch hier: Zwei der 14 deutschen Hochschulen, an denen man Landschaftsarchitektur studieren kann, finden sich in Berlin. „Außerdem“, weiß Axel Klapka, „stehen in Berlin traditionell großmaßstäbliche Gestaltungsaufgaben im Zentrum der Ausbildung.“ Mehr noch als die Professoren und ihre Lehrpläne dürften es am Ende aber die Studenten sein, die das Pfund auf die Waage bringen, mit dem der Standort wuchern kann. Aus aller Welt zieht es sie an die Spree.

Hotspot der Szene

„Die Stadt wirkt fast wie ein Durchlauferhitzer. Sie zieht einfach viele gute Leute an“, sagt Tobias Micke von ST raum a. Gründe für diese Attraktivität gibt es genug. Berlin ist ein Hotspot des fachlichen Diskurses. Harald Fugmann, Mitinhaber des Büros Fugmann Janotta und Geschäftsführer der bdla-Landesgruppe: „Es gibt über den bdla hinaus viele Gruppierungen, in denen man sich über Landschaftsarchitektur austauscht. Entsprechend hoch ist die Zahl an Veranstaltungen, Ausstellungen und Foren. Das bildet und prägt die Szene hier.“ Für fast noch wichtiger hält Martin Rein-Cano die Entwicklung der Stadt an sich: „Den Diskurs, der sonst eher akademisch bleibt, kann man hier überall in der Stadt erleben. Das sensibilisiert für viele Themen.“ Hinzu kommt: Die hohe Bürodichte bietet Berufsneulingen die Sicherheit, bei einem etwaigen Arbeitsplatzwechsel nicht gleich umziehen zu müssen. „Berlin ist sicherlich der magnetischste Ort für die Branche“, meint deshalb Till Rehwaldt. Das wirkt bis ins Umland. „Die Hälfte meiner Mitarbeiter wohnt in Berlin“, sagt der Potsdamer Landschaftsarchitekt Marcel Adam, „und die leben sehr bewusst da!“

Natürlich: Image ist nicht Wirklichkeit – doch wirkungsmächtig ist es allemal. Denn es beschert Berliner Büros einen konkreten Standortvorteil: hoch motivierte, bezahlbare Fachkräfte. „Das Image der Stadt zieht unglaublich gute Mitarbeiter an“, bestätigt Martin Rein-Cano von Topotek 1. „Das sind oft völlig selbstlose, übermotivierte Kollegen. Die würden wir in anderen deutschen Städten nicht bekommen.“ Lange wurde dieser Vorteil durch vergleichsweise niedrige Lohnkosten noch verstärkt. „Das Lohnniveau in Berlin ist bislang deutlich niedriger als andernorts. Die Honorarordnung gilt aber für die ganze Bundesrepublik. Das verschafft Berliner Büros eine bessere Position“, meint ein Landschaftsarchitekt aus dem Süden und fügt hinzu: „Allerdings dürften die steigenden Lebenshaltungskosten in Berlin diesen Faktor in Zukunft abschwächen.“ Auch heute schon mag der Verweis auf die in Berlin so starke Generation Praktikum manches, sicher aber nicht alles erklären. „Ich glaube nicht“, widerspricht Axel Klapka, „dass man durch kreative Studenten eine Konstanz in der eigenen Entwurfsarbeit schaffen kann.“

Insel der Wettbewerbsfreudigen

Der vielleicht wichtigste Grund, warum Berliner Büros derzeit in Wettbewerben so erfolgreich sind, dürfte schlicht in deren Teilnehmerstruktur begründet liegen. „In den reicheren Bundesländern erfolgt die Akquise nicht nur über Wettbewerbe“, sagt Tilman Latz. Deshalb lohne es sich für viele Büros in den Flächenländern seltener, den hohen Aufwand für Wettbewerbe zu betreiben: „Wir geben sehr viel Geld für Wettbewerbe aus, aber wir müssen da eine Grenze ziehen.“ Die Architektenkammer Berlin ist eine besonders vehemente Verfechterin offener Verfahren – nicht zuletzt, weil in Berlin viele kleine und junge Büros am Start sind, für die ein solcher Marktzugang essenziell ist. Gerade in der Startphase ebnet das den Weg, ausreichend Aufträge zu generieren. „Auch unsere ersten Projekte waren offene Wettbewerbe“, sagt Martin Rein-Cano. „Was soll man sonst machen, um ins Geschäft zu kommen?“ Die hohe Architektendichte in der Stadt könnte diese Tendenz noch verstärkt haben, meint Tobias Micke: „Es gibt Wettbewerbe, da haben wir Kooperationsanfragen von zehn und mehr Architekturbüros. Und die Ansprüche sind sehr hoch. Das hat uns in Berlin vielleicht früher gefordert als anderswo.“

Wer häufig an Wettbewerben teilnimmt, sammelt zudem Routine und Erfahrung – und kann sich so einen Vorsprung erarbeiten. Marcel Adam: „Wettbewerbserfahrene Büros könen ihre Arbeit so visualisieren und darstellen, dass sie die Preisgerichte überzeugen. Da ist in Berlin eine kleine Kultur entstanden. Deshalb müssen diese Arbeiten inhaltlich nicht besser oder schlechter sein als andere.“ Doch nicht nur in Sachen Präsentation greift mittlerweile der Erfahrungsschatz der Hauptstädter. Auch das gewachsene Know-how in Sachen Partizipation oder die Erfahrung mit Gartenschauen gelten als Berliner Kompetenzen. Tilman Latz: „Und dann haben die Berliner eines gelernt: Sie können mit wenig Geld viel machen – und schaffen es wie kaum jemand sonst, ihre Entwürfe entsprechend minimalistisch zu illustrieren.“

Starke Medienpräsenz, lebendige Szene, Hauptstadtbonus, exzellentes Fachkräfteangebot, Wettbewerbsfreude, Routiniertheit und spezielles Know-how – am Ende dürften es eine ganze Reihe von Faktoren sein, die den aktuellen Erfolgen Berliner Landschaftsarchitekten den Weg geebnet haben. Eins aber verbindet sie alle: Sie sind aus einer sehr spezifischen Situation geboren. Und die kann sich – kleiner Trost für Nichtberliner – auch wieder ändern. Siehe England.n

Louis Back ist Fachautor für Baukultur, Gartenkunst und Stadtnatur in Berlin.

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