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[ Weltkulturerbe in Berlin ]

Intimes Wohnen

Ein Spaziergang durch die Hufeisensiedlung

Taut hin, Taut her: Bewohner verzieren ihren Mietergarten nach eigenem Gusto

Text: Ralf Kalscheur

Der Garten des Reihenhauses in der Onkel-Bräsig-Straße steht unter Beobachtung. Es ist ein wohlmeinender Blick, der den Vögeln gilt, die hier nach Futter suchen. Wolfgang Sürth ist ein kundiger Vogelbestimmer. Seit seine Frau vor einigen Jahren starb, hat er noch mehr Zeit für das Hobby. Er ist 86 Jahre alt und wohnt seit 59 Jahren zur Miete in diesem Haus in der Hufeisensiedlung. „Die himmlische Ruhe, die Verbundenheit mit dem Garten, das beschauliche Leben“, zählt der frühere Hochbauingenieur Vorteile des Lebens hier auf: „Ich war immer zufrieden.“ Nur die Vögel, hält Sürth inne: „Früher gab es hier viel mehr Vögel.“

Der Rentner trinkt mit einer Nachbarin Kaffee. Hannelore Knippel ist ganz froh, dass ihr Zuhause in der nahen Gielower Straße nicht zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. „Zum Thema Denkmalschutz wollte man uns ja schon einige Vorschriften machen“, berichtet sie, „einige!“. Zum Beispiel, dass ein Wintergarten nicht aus Plastik sein dürfe, sondern nur aus Holz. „Aber rechtlich können die uns ja nichts“, sagt Frau Knippel.

Für die neuere Bewohnerschaft der Siedlung steht Marie Louise Jenschke.  Die Psychologin ist Gründungsmitglied im Verein „Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz“, der die Welterbe-Info-Station als Vereinsheim nutzt und ehrenamtlich mitbetreibt. „In den letzten Jahren, und vor allem, seit die Siedlung 2008 in die Welterbe-Liste aufgenommen wurde, ist hier schon ein anderes Publikum hingezogen“, hat die 44-Jährige festgestellt. Sie ist Eigentümerin eines Reihenhauses in der Anlage. „Die neuen Bewohner sind oft sehr architektur-interessiert. Viele Akademiker-Familien mit Kindern sind darunter“, erzählt Jenschke. In den Geschossbauten am Rande der Siedlung, von Bruno Taut fast festungsartig gestaltet, würden aber noch einige Sozialhilfeempfänger leben.

Der Verein wurde 2007 gegründet, nachdem viele Teilnehmer einer Bewohner-Versammlung ihrem Unmut über den Strauß denkmalschutzrechtlicher Auflagen Luft gemacht hatten. Eine uneinheitliche Verwaltungspraxis genehmigte dem einen, was sie dem anderen verwehrte. Manch Eigentümer sah sich mit einer teuren Rückbau-Verfügung vom Denkmalschutzamt konfrontiert, weil alte, zugige Holzfenster nicht denkmalgerecht saniert worden waren. „Unser Verein versucht durch Information für den Denkmalschutz zu sensibilisieren und Interessen auszugleichen“, erklärt Jenschke. Sie meint, dass der Erhaltungsaufwand sinnvoll sei – und dass das auch die große Mehrheit der Mieter und Eigentümer so sehe. Auf einer gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt erarbeiteten Internetplattform werden inzwischen spezialisierte Handwerker genannt, Sammelbestellungen für kostspielige Materialien organisiert, Fördermöglichkeiten und Vorschriften erläutert.

Die Hufeisensiedlung entstand 1925 zur Bekämpfung der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg. Arbeiterfamilien sollten hier günstigen Wohnraum finden. Doch ausufernde Baukosten führten zu Mietpreisen, die sich von Beginn an nur Beamte und Angestellte leisten konnten. 1998 privatisierte der Berliner Senat die Alleineigentümerin Gemeinnützige Heimstätten-Spar und Bau-AG (Gehag). Die frei werdenden Reihenhäuser werden seitdem nur noch als Einzeleigentum verkauft. „Damals haben Mieter eine Genossenschaft gegründet, um ihre Häuser zu kaufen. Aber die Preise waren schon zu hoch“, erklärt Marie Louise Jenschke. Nach und nach wird die als Ikone des modernen sozialen Wohnungsbaus gerühmte Großsiedlung von einer homogenen Nachbarschaft der immer Besserverdienenden bewohnt, die sich die Ruhe und den Denkmalschutz auch leisten können.

Das ist nicht das Märkische Viertel, sondern die Hufeisensiedlung, und zwar deren nordöstlicher Begrenungsbau zur Fritz-Reuter-Allee. Er ist nicht zehn, sondern drei Etagen hoch. Das Bild zeigt nur die winzigen Fenster der vorspringenden Treppenhäuser.

„Die Eigentümerin Deutsche Wohnen AG kann sportliche Mieten und Kaufpreise verlangen, wenn etwas frei wird“, sagt Thomas Krüger: „Weil sie es halt auch bekommt.“ Für Interessenten werde eine Warteliste geführt. Der Architekt ist mit seiner Agentur für Stadtführungen „Ticket B“, neben dem Förderverein, Betreiber der Info-Station. Die Deutsche Wohnen AG, die 2007 mit der Gehag fusionierte, hat den Laden 2011 eingerichtet und die angeschlossene Wohnung als Dauerausstellung im Stil der 20er Jahre sowie im ursprünglichen Farbkonzept Bruno Tauts restauriert. Seit Juni 2012 dient sie als Treffpunkt für Anwohner und Startpunkt von Führungen für Architekturinteressierte. „Das Angebot wird ganz gut angenommen“, so Krüger, insbesondere von den Britzern. „Es gibt hier ein starkes Gemeinschaftsgefühl“ An zwei Tagen pro Woche hat das kleine Café bislang geöffnet; dann kommen 50 bis 60 Menschen. Krüger: „Wir betreiben auch in der Ringsiedlung Siemensstadt eine vergleichbare Info-Station, aber dort kommen kaum fünf Leute am Tag.“ Die Bewohner jenes industriell geprägten, zuweilen rau anmutenden Welterbes würden sich nicht so sehr mit ihrer Umgebung identifizieren (mehr dazu hier). Die Zukunft der Info-Station im Hufeisen ist dennoch ungewiss. Bislang nutzen Agentur und Verein die Räume noch mietfrei. Beiden schwant: das wird wohl nicht immer so bleiben.

Auf zum Spaziergang durch die Hufeisensiedlung. Angela Lorenz, Altbewohnerin und ebenfalls im über 150 Mitglieder zählenden Förderverein engagiert, übernimmt die Führung. Ihre Familie wohnt hier in fünfter Generation, „meine Großeltern waren noch Trockenwohner“, erzählt die 66-Jährige. Man wohnte damals ein Jahr mietfrei in der neu gebauten Wohnung und heizte sie dafür trocken. Sie selbst wuchs im Hufeisen auf, wo auch ihr Vater noch wohnt.

Der Platz vor der Info-Station am Kopf des Hufeisens ist 2011 neu gestaltet worden. Gegen erheblichen Bürgerprotest wurden die Hainbuchen gefällt, die den Blick auf den Eingangsbereich und die Freitreppe verstellten. Auch Lorenz sah die Rodung mit gemischten Gefühlen; sie hat sich mit der „Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands“ abgefunden. Die Treppe führt uns zur Teichsenke, die Bruno Taut zum Mittelpunkt der 350 Meter langen, dreigeschossigen Häuserreihe in Form eines Hufeisens machte. Es ist ein Froschteich, an seinen Ufern stehen ein paar Bäume. Die Grünfläche ist akkurat gepflegt. Angela Lorenz und Thomas Krüger weisen auf die Ruhe hin. Die fast geschlossene, hellgräulich verputzte Häuserfront mit den kleinen Dachbodenfenstern hat etwas Burgenhaftes. Die Stadt bleibt draußen, nahezu: Auf einer Bank sitzen Jugendliche und unterhalten sich. Sonst ist niemand zu sehen. Die sich gegenüberliegenden Balkone der kleinen zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen bieten einander Einsicht, ihre Mieter sind zu Zurückhaltung aufgefordert: Wenn einer lärmt, hören es viele. „Die Hufeisensiedlung ist kein architektonisches Wunderwerk“, steht in einem Architekturführer, den man in der Info-Station kaufen kann.

Wer das Hufeisen durch einen Durchgang nach Westen verlässt, erlebt einen ganz anderen Siedlungs-Charme. Lauschige, von Bäumen gesäumte Wohnstraßen führen an zweigeschossigen Reihenhäusern vorbei. Deren Madenputz ist bunt angestrichen, sodass in den Zeilen ein abwechslungsreiches Farbbild von dunkelroten, blauen, ockergelben Häusern entsteht. Die in unterschiedlichen Farben angestrichenen Türen und Fensterrahmen tragen ebenfalls zum individuellen, lebendigen Erscheinungsbild der Reihenhäuser bei. Wo sich die Zeilen zu einem Anger weiten, „Hüsung“ genannt, ist sich der Mittelpunkt der Siedlung. Hier veranstaltet der Förderverein sein jährliches Nachbarschaftsfest. „1000 Besucher kommen dahin“, sagt Angela Lorenz. Die Straßennamen wie „Hanne Nüte“ und „Onkel-Bräsig-Straße“ erfreuen Kenner der niederdeutschen Literatur Fritz Reuters.

Am Ende der Hüsung liegt die Fritz-Karsen-Schule. Der Zahl der vor den Reihenhäusern stehenden Kinderfahrräder und der Kindersitze in den parkenden Autos nach zu urteilen, gibt es viele Kinder in der Siedlung. „Unser Verein und die Schule stehen in engem Kontakt. Die Bewohnerstruktur in der Siedlung verjüngt sich kräftig, weil so viele Familien hierhin ziehen“, sagt Lorenz. Sie grüßt jeden freundlich, der uns entgegenkommt. Man kennt sich. Hier ist die Hufeisensiedlung ein Dorf.

Zwischen den Reihenhäuser-Zeilen liegen die Mietergärten. Bei den sechs Meter breiten Häusern sind die Gärten auch sechs Meter breit, bei den Fünf-Meter-Häusern eben fünf. Schmale Fußwege führen an ihnen vorbei und vermitteln das Gefühl, sich in einer Kleingartenkolonie zu bewegen. Das Haus von Angela Lorenz liegt gegenüber der Trockenwiese; dort können Bewohner ihre Wäsche aufhängen. Die Familie hat gerade das Dach neu decken lassen. „Wir mussten fünf Dachdeckerbetriebe abfragen, bis wir einen gefunden haben, der die Farben und Form der Ziegeln hatte“, klagt Lorenz: „Der denkmalschutzrechtliche Katalog war 20 Seiten dick.“

Auf dem Weg zurück hält Lorenz kurz und winkt einer Frau zu. Man sieht sie von draußen in ihrem Wohnzimmer stehen. Sie hat ein Kind auf dem Arm und winkt zurück. „Das ist meine Tochter und mein Enkelkind“, sagt Angela Lorenz. „Das ist hier schon intimes Wohnen.“

Ralf Kalscheur ist freier Journalist in Berlin.

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