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[ Schwerpunkt Landschaft ]

Wo kein Gras darüberwächst

Wie Landschaftsarchitekten in KZ-Gedenkstätten mit der Geschichte umgehen

Information: Die schlichte Gedenkstätte und nüchtern gehaltene Stelen berichten über die hier verübten Verbrechen.

Text: Stephanie Krebs

Der traumatische Ort sei vieles zugleich, so die Erinnerungsforscherin Aleida Assmann: Gedächtnisstütze für die Überlebenden, Friedhof für die Angehörigen der Ermordeten, Schauplatz eines Verbrechens für Richter und Historiker. Nicht zuletzt sei er eine Bühne, auf der die Nachgeborenen durch sinnliche Anschauung und Vorstellung mit der Geschichte Kontakt aufnehmen könnten.

In Verbindung mit den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten irritiert zunächst der Begriff einer Bühne. Er lässt uns an Spektakel denken, an das Nachspielen der Geschichte durch Laiendarsteller auf Originalschauplätzen. Solche unbedarften Historisierungsstrategien verbieten sich hier. Doch wie lassen sich die Orte der Verbrechen angemessen gestalten? Wie sollen wir heute diese Orte erleben, an denen zum Teil alle sichtbaren Spuren der Vergangenheit getilgt wurden und von denen bald auch keine Zeitzeugen mehr berichten können? Ist hier jede Form der Inszenierung tabu oder geht es gar nicht ohne?

Reduktion: Der Weg durch das frühere Lagergelände Bergen-Belsen soll der Vorstellungskraft der Besucher Raum lassen, statt ihre Eindrücke vorzuprägen.

Diesen Fragen müssen sich Architekten und Landschaftsarchitekten stellen, wenn sie Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager gestalten. Sie müssen eine Balance finden zwischen dem Respekt vor dem historischen Ort und der eigenen Interpretation und Zeichensetzung. Dabei sind die historischen und räumlichen Gegebenheiten an den einzelnen Orten höchst unterschiedlich. In Auschwitz sind Fragmente der Lagerstrukturen erhalten (siehe Ausgabe 1/2012); die konservatorischen Herausforderungen sind groß. Im emsländischen Esterwegen gab es aufgrund von Nachnutzungen so gut wie nichts mehr von der alten Substanz; in Bergen-Belsen dagegen erforderte die Neugestaltung des Lagergeländes zugleich eine Haltung gegenüber der landschaftlichen Überformung der Nachkriegszeit. Im österreichischen Gusen wurden die Lagergebäude nach dem Krieg zu Wohnhäusern umgenutzt, als wäre nichts gewesen. In den jeweiligen gestalterischen Lösungen zeigen sich schließlich auch unterschiedliche Erinnerungskulturen.

Bergen-Belsen: offene Assoziationsräume

Im April 1945 fanden die Briten bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen bei Celle Leichenberge vor; viele weitere Häftlinge starben noch in den folgenden Tagen und Wochen. Über 50.000 KZ-Inhaftierte und 20.000 überwiegend sowjetische Kriegsgefangene kamen durch die unmenschlichen Bedingungen im KZ Bergen-Belsen und im angrenzenden Kriegsgefangenenlager Hörsten ums Leben. Um die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen, brannten die Briten alle Gebäude und Baracken nieder. Die Briten waren es auch, die das Gelände des Konzentrationslagers bereits 1947 zu einer Gedenkstätte umformten. Ein zentraler Gedenkplatz mit markantem Obelisk wurde in eine Heidelandschaft mit Birken und Wacholder eingebettet. Bei der Realisierung wurden schließlich die letzten baulichen Relikte des Lagers entfernt. Das Konzept ging im Wesentlichen auf Entwürfe des Landschaftsarchitekten Wilhelm Hübotter zurück. Nachgewiesen ist deren frappierende Ähnlichkeit mit der Gestaltung des Sachsenhains, den Hübotter 1935 als Kult- und Versammlungsort der Nationalsozialisten gestaltet hatte. Der internationale Wettbewerb für Architekten und Landschaftsarchitekten, der 2002 zur Neugestaltung der Gedenkstätte ausgeschrieben wurde, suchte also nicht nur nach Formen des Erinnerns an Geschehen, deren Spuren nicht mehr sichtbar sind. Es ging auch um den Umgang mit einer Nachkriegsgestaltung, die auf Harmonisierung und Vergessen setzte statt auf Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Umgesetzt wurde nun ein Vorschlag, der durch Respekt und Zurückhaltung gegenüber dem historischen Ort geprägt ist. Das lang gestreckte Dokumentationszentrum der Architekten KSP Engel und Zimmermann bildet ein verbindendes Scharnier zwischen Eingangsplatz und Lagergelände. Der schlichte Betonbau ragt in das Lagergelände hinein, ohne dessen Boden zu berühren – ein Zeichen der Achtung gegenüber dem Ort als einem jüdischen Friedhof, der eine Überbauung auf ewig verbietet. Der breite Weg, der den Besucher aus der Ausstellung heraus in das Gelände führt, ist die einzige deutliche Hinzusetzung im Außengelände. Man wolle Spielräume in der Vorstellungskraft der Besucher offen halten, erläutern die Landschaftsarchitekten sinai Faust. Schroll. Schwarz. ihre Haltung zum historischen Ort. In Bergen-Belsen erreichen sie diese Offenheit durch Reduktion. Sie stanzten die ehemaligen Lagerstrukturen, insbesondere die breite Straße, durch Freischneiden aus der bewaldeten Landschaft quasi heraus. Damit machen sie sichtbar, ohne zu rekonstruieren. Zurückhaltend ist auch das neue Informationssystem, das mit einfachen Stelen und flachen Reliefs über ehemalige bauliche Elemente und historische Ereignisse informiert.

Demgegenüber wollten die Planer in der Gedenkstätte Dachau bei München einen formalen Gegensatz zur geometrisch-„rationalen“ Todesmaschinerie schaffen. Bei der Neugestaltung des Eingangsbereichs 2011 haben die Kranzberger Landschaftsarchitekten Latz + Partner vorhandene Bäume in lockerer Form ergänzt. Doch wie in Bergen-Belsen bleiben die gestalterischen Eingriffe dezent. In bewusster Distanz zur rigiden Formensprache der Nationalsozialisten beschränken sie sich weitgehend auf das Freilegen alter Relikte wie Gleise und Pflasterschichten. Auch die Architektur hält sich im Hintergrund: Florian Nagler Architekten entwarfen das Besucherzentrum mit einer durchlässigen Stelenkonstruktion, die fließende Übergänge zwischen innen und außen erzeugt. Man habe hier kein Haus, sondern einen Ort bauen wollen, erläutern die Architekten.

Esterwegen:Mahnende ­Lesezeichen

Das bekannte Lied der Moor­soldaten ist in den sogenannten Emslandlagern entstanden. Beim Beschreiten eines langen Steges soll der Besucher der Gedenk­stätte Esterwegen heute den Weg der Strafgefangenen ins Moor nachvollziehen können. Das Gelände des Konzentrations- und Strafgefangenenlagers war bis 2001 durch die Bundeswehr genutzt worden, bevor 2011 eine ­Gedenkstätte für die neun Emslandlager mit einem Dokumentationszentrum in einer ehemaligen Bundeswehrhalle eröffnet wurde (Architekt Hans-Dieter Schaal). In Esterwegen erinnerte nur noch wenig an die Geschichte; lediglich die Lagerstraße war durch die Bundeswehr genutzt und deshalb erhalten worden. Lockere, stellenweise dichtere Baumgruppen verliehen dem Gelände einen gewissen parkartigen Charakter. Dem wollten die Landschafts­architekten WES & Partner mit Hans-Hermann Krafft ein deutliches Zeichen entgegensetzen. Sie entschieden sich, ehemalige Lagerelemente sowohl durch Entfernen als auch durch Hinzufügen klar herauszustellen. Auf einer neu angelegten Oberfläche aus rötlichem Lavaschotter machen nun geometrische Baumpakete, herausgeschnitten aus dem vorhandenen Baumbestand, die Standorte der früheren Lagergebäude sichtbar. Einige Grenzlinien des Lagers wurden mit skulpturalen Cortenstahlstrukturen markiert, die sich als mahnende Monumente weithin sichtbar von der umgebenden Moorlandschaft abheben. chitekten KSP Engel und Zimmermann bildet ein verbindendes Scharnier zwischen Eingangsplatz und Lagergelände. Der schlichte Betonbau ragt in das Lagergelände hinein, ohne dessen Boden zu berühren – ein Zeichen der Achtung gegenüber dem Ort als einem jüdischen Friedhof, der eine Überbauung auf ewig verbietet. Der breite Weg, der den Besucher aus der Ausstellung heraus in das Gelände führt, ist die einzige deutliche Hinzusetzung im Außengelände. Man wolle Spielräume in der Vorstellungskraft der Besucher offen halten, erläutern die Landschaftsarchitekten sinai Faust. Schroll. Schwarz. ihre Haltung zum historischen Ort. In Bergen-Belsen erreichen sie diese Offenheit durch Reduktion. Sie stanzten die ehemaligen Lagerstrukturen, insbesondere die breite Straße, durch Freischneiden aus der bewaldeten Landschaft quasi heraus. Damit machen sie sichtbar, ohne zu rekonstruieren. Zurückhaltend ist auch das neue Informationssystem, das mit einfachen Stelen und flachen Reliefs über ehemalige bauliche Elemente und historische Ereignisse informiert. Demgegenüber wollten die Planer in der Gedenkstätte Dachau bei München einen formalen Gegensatz zur geometrisch-„rationalen“ Todesmaschinerie schaffen. Bei der Neugestaltung des Eingangsbereichs 2011 haben die Kranzberger Landschaftsarchitekten Latz + Partner vorhandene Bäume in lockerer Form ergänzt. Doch wie in Bergen-Belsen bleiben die gestalterischen Eingriffe dezent. In bewusster Distanz zur rigiden Formensprache der Nationalsozialisten beschränken sie sich weitgehend auf das Freilegen alter Relikte wie Gleise und Pflasterschichten. Auch die Architektur hält sich im Hintergrund: Florian Nagler Architekten entwarfen das Besucherzentrum mit einer durchlässigen Stelenkonstruktion, die fließende Übergänge zwischen innen und außen erzeugt. Man habe hier kein Haus, sondern einen Ort bauen wollen, erläutern die Architekten.

Gusen: Das unsichtbare Lager

Im österreichischen Gusen bei Linz wurden die Verbrechen des Nationalsozialismus nach dem Krieg aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, obwohl die Schauplätze noch beredtes Zeugnis davon ablegen konnten. 35.000 Menschen waren hier gestorben. Gebäude des Konzentrationslagers, über Jahrzehnte von den Ortsansässigen totgeschwiegen, werden heute ohne irgendeine Kennzeichnung als Wohnhäuser genutzt. Der Künstler Christoph Mayer chm. hat in dieser Situation vollkommen neue Wege beschritten – sowohl inhaltlich als auch formal. Er nutzt das künstlerische Mittel des Audioguides oder Audiowegs, wie es bei ihm heißt, um Verschüttetes freizulegen, ohne auch nur einen Stein zu bewegen. Der Künstler, der im österreichischen Ort St. Georgen an der Gusen aufgewachsen war, erfuhr erst als Jugendlicher von den Geschehnissen im Konzentrationslager Gusen. Den 90-minütigen Audioweg entwickelte der Künstler 2007 mit Unterstützung eines interdisziplinären Teams, das neben Audioexperten auch eine Psychologin und einen Historiker umfasste. Interviews mit Überlebenden des Lagers, mit ehemaligen SS-Angehörigen sowie mit heutigen Dorfbewohnern werden im Audioweg zusammengeführt. Mit subtilen Mitteln verändert der Audioweg die Wahrnehmung von Gusen radikal, ohne irgendwo sichtbar in den Raum einzugreifen. Nicht der Blick auf Gaskammern oder Krematorien verdeutlicht hier die ungeheure Dimension der Verbrechen. Sie offenbart sich in der Verflochtenheit von Grauen und Alltag, die durch die Stimmen von Tätern, Opfern und Mitwissern vermittelt und in der dörflichen Normalität akustisch verankert wird. In dieser Erfahrung rückt dem Besucher die Vergangenheit erschreckend nah.

Dr. Stefanie Krebs ist Landschaftsarchitektin und Fachautorin in Hannover.


Literatur

Assmann, Aleida (2007): Das Gedächtnis der Orte. In: Das unsichtbare Lager. Audioweg Gusen. Broschüre zum Audioweg, hg. von christoph mayer.chm und Kulturverein Tribüne, St. Georgen an der Gusen (A)

Welzer, Harald (2007): Latente Orte. Gefühlte Geschichte. In: Das unsichtbare Lager. Audioweg Gusen. Broschüre zum Audioweg, hg. von christoph mayer.chm und Kulturverein Tribüne, St. Georgen an der Gusen (A)

Wolschke-Bulmahn, Joachim (1995): 1945-1995: Zur landschaftsarchitektonischen Gestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen. In: Die Gartenkunst 02/1995, 7. Jg., S. 325-340

Endlich, Stefanie e.a.(2000): Gedenkstätten für die Opfer Des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Band II, hg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn

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