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[ Räume der Stille ]

Bedingt neutral

Räume der Stille sollen Besinnungsorte für jedermann sein. Doch nicht jeder Konflikt bleibt draußen, wie ein Frankfurter Beispiel zeigt

Haus der Stille auf dem Frankfurter Campus Westend von karl+probst aus München

Von Sabine Kraft

In einer hektischen, überreizten Welt wächst das Bedürfnis nach Ruhezonen und geschützten Räumen, die erschöpften Menschen ein kurzes Innehalten, einen Moment der Besinnung erlauben. „Räume der Stille“  sind solche Oasen, und man findet sie in Krankenhäusern und Hospizen ebenso wie in Schulen und Universitäten, Autobahnraststätten und Flughäfen. Selbst Parlamente, Wirtschaftsunternehmen, Sportstadien und touristische Attraktionen haben einen Raum der Stille.

Auf dem Campus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main steht Studenten und Mitarbeitern nun ein „Haus der Stille“ offen. Der Neubau, finanziert vom Land Hessen und konzeptionell betreut vom eigens gegründeten „Verein zur Förderung des interreligiösen Dialoges“, ist der erste seiner Art an einer deutschen Universität und bietet all jenen, die dem Wissenschaftsbetrieb für einen Moment den Rücken kehren wollen, Raum für Meditation, Ruhe und Gebet. Realisiert wurde der zweigeschossige Solitärbau vom Büro Karl und Probst aus München, das sich mit seinem Entwurf in einem internationalen Wettbewerb durchsetzte.

Das „Haus der Stille“ befindet sich vor dem Eingang des ökumenischen Studentenwohnheims und setzt sich mit seiner geschwungenen Dreiecksform und der warmen Lärchenholzverkleidung deutlich von dem kubischen, mit farbigem Sichtbeton und Faserzementplatten verkleideten Wohnheim-Ensemble ab. Das Innere umfängt die Besucher mit einer schützenden Geste. Der zentrale, 100 Quadratmeter große Meditationsraum mit den abgerundeten Ecken und einer kleinen Empore nimmt die dreieckige Grundform des Gebäudes auf und wird von zwei Lichtöffnungen erhellt. Das auf diese Weise einfallende Licht wird zum Gestaltungsmittel eines bewusst karg gehaltenen Innenraumes.

Der Innenraum des Hauses der Stille ist zurückhaltend-neutral gestaltet. Nur so wird er den vielfältigen Glaubens -und Gefühlswelten seiner Nutzer gerecht.

Die einzigen Einrichtungsgegenstände sind einige Holzhocker und Kniebänke. Ansonsten herrscht inmitten der weiß verputzten Wänden und dem mit hellbraunem Linoleum ausgelegten Fußboden eine geradezu feierliche Leere. Hier sollen sich Besucher aller Glaubensrichtungen willkommen fühlen. Für die Aufbewahrung praktischer oder kultischer Gegenstände sind Einbauschränke vorgesehen, die sich elegant in die gekurvte Wand unter der Empore einfügen. Der hier integrierte Stauraum dient als Garderobe, doch auch Stühle, die obligatorischen Gebetsteppiche für muslimische Gläubige, Ikonen für das Taizé-Gebet und Yoga-Matten finden hier Platz. Gleichzeitig schirmt dieses Bauteil als Trennwand die Meditierenden von Eingang und Treppenhaus ab und sorgt für eine gedämpfte Atmosphäre. Parallel dazu führen außen schmale Holztreppen ins Untergeschoss und hoch auf die Empore. Die den Hauptraum abschließende Innenwand wird dort zum massiven Geländer. Über die Treppe zum Untergeschoss gelangt man zu den Sanitärräumen und den Fußwaschbecken für die rituelle Waschung vor dem islamischen Gebet.

Das Gelingen dieses interreligiösen Raumes der Stille setzte architektonische Neutralität voraus. Alle Planungsbeteiligten befürworteten den Verzicht auf Symbole und bauliche Elemente mit eindeutigem religiösen Bezug. Doch was für die einen nur eine neutrale Treppe zur Empore ist, interpretieren andere als Fortschreibung einer tradierten Geschlechtertrennung. Denn wie sie es aus der traditionellen Moschee gewohnt sind, gehen muslimische Besucherinnen nicht in die Halle, sondern wählen oft den direkt hinter dem Eingang platzierten Aufgang zur „Frauengalerie“. Und während der repräsentative Hauptraum ihren männlichen Glaubensgenossen vorbehalten bleibt, verharren die Frauen auf der kleinen Empore hinter ihrem Sichtschutz verborgen.  Hat die Architektur hier also unerwünschten, einseitigen Traditionen einer einzigen Nutzergruppe Vorschub geleistet, die zudem die Ideale eines interreligiösen Begegnungsraums unterlaufen? Es scheint zumindest so, dass man den lauten gesellschaftlichen Debatten auch im „Haus der Stille“ nicht entgehen kann.

Dr. Sabine Kraft ist Architektin und Kunsthistorikerin in Marburg mit dem Schwerpunkt Kirchenbau und -kunst.

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