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[ Danewerk ]

Ein Flächendenkmal aus der Wikingerzeit

Ein Ideenwettbewerb - und eine Chance für den ländlichen Raum

Die Lage des Danewerks im nördlichen Schleswig-Holstein nahe der heutigen Stadt Schleswig

Von Matthias Maluck und Cornelia Plewa

Die Großdenkmäler Danewerk und Haithabu im Norden Schleswig-Holsteins gelten als zwei der bedeutendsten Monumente der Wikingerzeit vom 8. bis ins 11. Jahrhundert nach Christus. Sie liegen zwischen dem Ostseefjord Schlei und den Niederungen der Flüsse Treene und Eider und sind ein komplexes System aus Erdwällen, Palisaden, Gräben, Mauern, Seesperren und natürlichen Hindernissen. Beide Anlagen nutzten in der Wikingerzeit die natürliche Gunstlage der Landenge: als Handelsknotenpunkt, als Verteidigungsanlage und als Grenzwall Dänemarks in Richtung Süden.

Zusammen mit anderen Stätten der Wikingerzeit in Skandinavien, dem Nordatlantik und dem Baltikum sollen Haithabu und das Danewerk zum UNESCO-Welterbe nominiert werden.  Hierzu fand kürzlich ein internationaler Ideenwettbewerb statt.

Konfliktsituation: Entwicklung des Denkmals – Entwicklung der Orte – Entwicklung der Landschaft

Das Danewerk war in der Wikingerzeit und im Mittelalter ein Bauwerk von höchster militärstrategischer Bedeutung, die jedoch in den nachfolgenden Jahrhunderten schnell verloren ging. Auch die „Reaktivierung“ des Danewerks in den Kriegen zwischen Dänemark und Preußen im 19. Jahrhundert hatte nicht lange Bestand.

Das Danewerk heute in der schleswig-holsteinischen Landschaft

Immer mehr verschwand das Danewerk aus dem Bewusstsein der Menschen vor Ort, während es für die dänische Bevölkerung ein Monument von nationaler Bedeutung blieb. Es wurden Entwässerungsmaßnahmen durchgeführt, Seen wurden zugeschüttet, die Knicklandschaft entstand, der Wall wurde zum Teil bepflanzt, neue Wege und Straßen wurden angelegt, die Siedlungen wuchsen, es entstanden geschützte Biotope, Natur- und Landschaftsschutzgebiete. Die Intensivierung der Landwirtschaft, die Ausweisung von Gewerbegebieten, der Abbau bodennaher Rohstoffe, Flugplatzausbau, die Bestimmung neuer Wohnlagen sind Themen, die das Alltagsleben der Menschen heute meist stärker beschäftigen als die Pflege und Entwicklung eines Denkmals.

Der engere Denkmalschutzbereich und der engere Naturschutzbereich sind in der Regel nicht in Frage gestellt worden. Schwierig war und ist jedoch der Umgang mit den Nutzungen im „Umgebungsschutzbereich“ und in den „Landschaftsschutzgebieten“. Klare Kriterien und Regeln, was an welcher Stelle erlaubt war, fehlten. Dieses Umfeld mit seinen Bezügen zu ehemaligen Niederungen und alten Flusssystemen, seinen Sichtbeziehungen und seinem landschaftlichen Eindrücken sind aber wichtige Merkmale, die den Wert des Danewerks mitbestimmen.

Integrierender Ansatz

Im Gleichklang mit dem Wiener Memorandum der UNESCO von 2005 arbeitet das archäologische Landesamt Schleswig-Holstein zusammen mit den regionalen Akteuren intensiv daran, denkmalverträgliche Strategien, Planungen und Maßnahmen zu entwickeln. Die wichtigsten Bausteine sind:

  • Die Erarbeitung eines Managementplans zur Pflege des Denkmals und die Integration der Denkmale in das kulturelle, soziale, wirtschaftliche und auch touristische Umfeld
  • die Schaffung einer „Pufferzone“ rund um das Denkmal
  • die Hebung der kommunalen Entwicklungspotenziale durch Baulandkataster, Wettbewerbe, Ortsentwicklungs- und Freiraumkonzepte,
  • die Förderung der Akzeptanz des Denkmals durch die Vernetzung der Gemeinden rund um das Danewerk (über das Denkmal reden ohne über die Denkmalpflege zu schimpfen), durch kommunale Partnerschaften mit anderen Welterbestätten etc.
  • Steigerung der regionalen Wertschöpfung des UNESCO-Welterbetitels durch einen nachhaltigen Tourismus

Herausforderung : internationaler Ideenwettbewerb

Das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH) hat als Träger öffentlicher Belange die Aufgabe, das Denkmal zu bewahren. Ein Umgang mit den widerstreitenden Interessen der vielen verschiedenen Grundeigentümer und Nutzer gehört zum Alltag der Denkmalpflege. An mehreren Konfliktpunkten  wiederholten sich die ausgetauschten Argumente. So werden in der neu geschaffenen Pufferzone zusätzliche Einschränkungen für die Bevölkerung befürchtet, obwohl der gesetzliche Umgebungsschutz, auf dem die Pufferzone basiert, bereits seit der Eintragung des Danewerks in das Denkmalbuch besteht. Ein Blick von außen wurde gewünscht, eine oder mehrere andere Sichtweisen. Ein Wettbewerb mit internationalen Preisrichtern und internationalen Teilnehmern sollte Lösungen bringen, die die transnationale Bewerbung zum Weltkulturerbe der UNESCO unterstützen. Gemeinsam mit der Regionalentwicklungsinitiative „AktivRegion Schlei-Ostsee“ ist es dem Leiter des ALSH Prof. von Carnap-Bornheim und den Autoren dieses Textes gelungen, Fördermittel für die Durchführung eines Wettbewerbes einzuwerben und ein Projektmanagement für die Vorbereitung des Wettbewerbs auf Ausloberseite einzusetzen.

Im Sommer 2009 wurde unter anderem ein internationaler Ideenwettbewerb für Landschaftsarchitekten und Stadtplaner ausgelobt. Das Büro Architektur und Stadtplanung aus Hamburg hat die formalen Wettbewerbsvorbereitungen übernommen. Die Autoren haben auf Ausloberseite die Fragestellungen erarbeitet, die Materialien zur Verfügung gestellt und mögliche Teilnehmer recherchiert. Die europaweite, begrenzt offene Auslobung (Teil A in englischer Sprache) ergab 40 Bewerbungen, aus denen 20 Teilnehmergruppen zur Bearbeitung ausgewählt wurden. Die Teilnehmer kamen aus den Ländern: Deutschland, Dänemark, Großbritannien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. Im Preisgericht waren über Deutschland hinaus auch die Niederlande und Dänemark vertreten. Mit Hilfe einer Simultanübersetzung wurden Sprachbarrieren überwunden.

Wettbewerbsgebiet und Aufgabenstellung

Das Wettbewerbsgebiet liegt an der schmalsten Stelle Schleswig-Holsteins zwischen dem Ostseefjord Schlei und dem ehemaligen Nordseehafen Hollingstedt. Es durchquert die typischen Landschaftsräume Schleswig-Holsteins sowie 14 ländliche Gemeinden und Randbereiche der Stadt Schleswig. Derzeit sind Danewerk und Haithabu kaum als bedeutungsträchtige zusammenhängende Kulturlandschaft wahrnehmbar. Die Kraft, die das Denkmal für die lokale Entwicklung entfalten kann, ist nur ansatzweise erkennbar.

Hauptfragestellungen waren:

  • Wie wirkt das Danewerk in die Landschaft (östliches Hügelland bis zur Geest)?
  • Wie kann die Erlebbarkeit punktuell und in der Fläche verbessert werden?
  • In welchem Zustand oder mit welchem Mitteln kommt der Wall am besten zur Geltung?
  • Wofür eignet sich die Pufferzone gut? Auf welche Nutzungen trifft das Denkmal?
  • Wie kann das Denkmal eines Verteidigungswalls Ausdruck und Symbol deutsch-dänischer Zusammenarbeit sein?
  • Wie kann eine positive Kommunikation der Bewohner mit dem Denkmal erreicht werden?

Das Wettbewerbsgebiet bezog sich vor allem auf die Pufferzone des Denkmals, die ohne den nicht-sichtbaren Teil des Seesperrwerks allein 2.500 Hektar groß ist. Es galt, ein Gesamtkonzept zu entwickeln und einen zusätzlichen Blick auf die drei bebauten Ortslagen von Busdorf, Dannewerk und Kochendorf zu werfen.

Zwei Grundhaltungen waren für eine erfolgreiche Bearbeitung als Grundvoraussetzung formuliert:

  • der Respekt vor dem Denkmal und
  • der Respekt vor den ländlichen Gemeinden.

Dieser Anspruch war nicht für alle Teilnehmer selbstverständlich: Beim Kolloquium war in den Fragen und Reaktionen auch „Enttäuschung“ darüber  hörbar, dass für den Entwurf eigentlich die Bearbeitung des Themas „zukünftiges Welterbe trifft Dorf“ mit einer Vereinbarkeit dieser beiden Welten erwartet wurde.

Gefordert war ein starkes Konzept, das die gesamte „Kultur-Landschaft“ und ihren geschichtlich-geographischen Kontext im großen Maßstab erlebbar macht. Dazu sollten Test-Entwürfe zur Lösung unterschiedlicher Nutzungsansprüche im besiedelten Bereich und im (bewirtschafteten) Landschaftsraum vorgelegt werden. Eine überzeugende, integrative Idee aus der Landschaftsarchitektur sollte sich also mit qualitativer Ortsentwicklung verbinden.

Die Ergebnisse

Die international besetzte Jury unter dem Vorsitz von Frau Prof. Hille von Seggern vergab vier Preise und tätigte einen Ankauf.

Der Siegerentwurf des Wettbewerbs Lützow 7 mit Urban Essences : ein Landschaftspark mit herausragenden Orten und Angeboten

1. Preis

Mit der Idee eines Euro-Regionalparks als Landschaftspark mit herausragenden Orten und Angeboten haben Lützow 7 mit Urban Essences – beide aus Berlin – den Spannungsbogen zwischen abstrakten Konzepten zum Erlebbarmachen der gesamten Kulturlandschaft und Vorschlägen für die Lösung lokaler Konflikte am besten bewältigt.

Das Konzept schlägt vor, einen Euro-Regionalpark als Landschaftspark mit herausragenden Orten, Angeboten und Sehenswürdigkeiten zu schaffen, der gemeinsam mit Gemeinden, Eigentümern und Anrainern entwickelt werden soll. Das Danewerk selbst soll großräumig freigestellt werden, der Dannewerker See soll wiedervernässt werden. Die Verfasser schlagen Themenskizzen zu sogenannten „Resonanzlandschaften“  vor (Park-, See- und Waldthemen). Das Zusammenspiel der großen Grundidee, die vielfältigen Ideen und Prozesse werden als richtige Antwort auf die Suche nach einer identitätsstiftenden Lösung gewürdigt.

Bild 6: Ausschnitt aus dem Entwurf von Lützow 7 und Urban Essences von der Gemeinde Dannewerk.

Zweiter Preis

Auch der zweite Preis (Verfasser beretta –kastner architetti, Monza, mit Studio Mai, Mailand) beschäftigt sich mit dem Thema Park: Hier ist der Titel „Danewerk-Park“ mit einem durchgehenden Wegesystem als Linie mit Haltestellen. Die Verfasser haben den touristischen Part sehr tief bearbeitet, darüberhinaus auch Werkzeuge entwickelt und ein Regelwerk zur Erhaltung und Herstellung von Sichtbezügen. Die Jury begrüßte die detaillierte Ausarbeitung, durch die jedoch die Leitidee in ihrer Präsentation etwas verunklart wird. Einige Komponenten werden als unrealistisch beurteilt, die vorgeschlagenen Komponenten (Silhouetten/Brücken)  aus Cortenstahl als überladen empfunden.

Dritter und vierter Preis

Der dritte und der vierte Preis legen beide den Schwerpunkt auf die Wiederherstellung eines zusammenhängenden Walls und konzentrieren sich auch räumlich enger auf den Wall und die Pufferzone. Der 3. Preis (Breimann und Bruun, Hamburg mit Prof. Lorenzen, Kopenhagen) inszenieren Einschnitte, markieren Unterbrechungen und ergänzen fehlende Abschnitte durch Pflanzungen in einem Corporate Design (Cortenstahl). Am Wall selbst wird eine Antrittsfläche freigeschnitten. Insgesamt wird die Umsetzbarkeit angezweifelt, eine Auseinandersetzung mit der qualitativen Siedlungsentwicklung wurde nicht vertieft.

Bild 9: Ausschnitte aus dem Entwurf von Breimann und Bruun mit Prof. Lorenzen mit inszenierten Einschnitten.

Der vierte Preis (Schweingruber und Zulauf mit Amman, Albers StadtWerke GmbH, beide Zürich arbeitet mit farbigen Betonbausteinen, die der Linie des Danewerks folgen, ein Freischneiden erfolgt in mehreren Entwicklungsschritten. Diese Prozessorientierung wird von der Jury ausdrücklich begrüßt, eine Realisierung über die gesamte Länge des Denkmals erscheint jedoch – in der vorgeschlagenen Form- und Farbwahl – nur schwer vorstellbar.

Die Wettbewerbsergebnisse sind auf competitionline veröffentlicht.

Ideenwettbewerb und nun?

Das Archäologische Landesamt hat in Zusammenarbeit mit dem Kreis Schleswig-Flensburg den internationalen Wettbewerb ausgelobt, doch wer kümmert sich nun um die weitere Umsetzung?

Punktuelle Aktivitäten als Folge des Wettbewerbs und der Vernetzungstreffen gibt es durchaus. In den Gemeinden wird das Denkmal mehr und mehr als Chance gesehen. Zum einen bietet das Denkmal eine Chance die Bodenwerte zu halten und ggf. auch zu steigern, zum anderen werden besondere Angebote geschaffen: Wegeverbindungen, Ausschilderung, Ausstellungsräume und Dorfmuseen, Führungen, Rekonstruktion von Hafenanlagen, Platz- und Straßenraumumgestaltungen und vieles andere mehr sind Themen, die konkret und in Abstimmung mit der Denkmalpflege diskutiert werden.

Und wer kümmert sich um die Umsetzung der Leitideen, des Corporate Designs? Der erste Preisträger hatte die Bildung einer Genossenschaft vorgeschlagen. Dieses Modell wird sich nicht realisieren lassen, denn die Grundeigentümer des Danewerks haben sich nach Abschluss des Wettbewerbs bereits zu einem Verein zusammengeschlossen und wollen sich nun mit den Themen Leitbild, Gestaltungslinie und Entwicklung eines Regelwerks beschäftigen.

Die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse im Umgang mit dem Denkmal haben einen deutlichen Schub erhalten, die lokalen Eigenkräfte sind stimuliert.

Matthias Maluck ist Wissenschaftlicher Koordinator im Landesamt für Archäologische Denkmalpflege Schleswig-Holstein.

Cornelia Plewa ist freischaffende Stadtplanerin in Flensburg.

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