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[ Tag der Architektur ]

Dynamische Großform

Der Tag der Architektur beginnt im neuen Kieler Fährterminal – einem Bau, der mehr von Bewegung erzählt als manche Schiffe

Schiffshaus und Hausschiff: Maritim sind die Formensprache, das Ambiente und die Nutzung des Kieler Fährterminals, in dem der Bundesauftakt des Tages der Architektur stattfindet.

Von Claas Gefroi

„Horizonte“: Das Motto des diesjährigen Tages der Archiektur konnte nur in Kiel geboren werden. Die Stadt ist ganz von der Horizontalen geprägt, dem hohen Himmel, dem weiten Meer. Nur das Rathaus, einige Kirchen und Bürohäuser wagen sich in eher moderate Höhen. Und dennoch gibt es in dieser Stadt eindrucksvolle vertikale Dominanten – sie kommen und gehen freilich Tag für Tag. Es sind die großen Skandinavienfähren und Kreuzfahrtschiffe, die am Förde­ufer direkt an der Innenstadt festmachen, um Hunderte Passagiere und Autos auszuwerfen oder aufzunehmen. Laufen diese Giganten ein, dann wird Weite mit einem Mal zu Enge, Waagerechtes zu Senkrechtem. Die heutigen Schiffsriesen überragen mit bis zu 60 Metern Höhe die meisten Bauten der Stadt und gehören deshalb zum Stadtbild wie Rathaus und Nikolaikirche.

Der Fährverkehr hat hier Tradition: Bereits 1780 gab es eine regelmäßige Schiffsverbindung nach Kopenhagen; im 19. Jahrhundert kam die Route nach Oslo (das damals noch Kristiania hieß) hinzu. 1961 ging mit dem Oslokai unterhalb des Schlosses der erste moderne Fährterminal Kiels in Betrieb. Von Anfang an waren die Planer auf eine pittoreske Wirkung aus: „Kiel wird eine besondere Attraktion besitzen, wenn große Fährschiffe mitten in der Innenstadt liegen“, meinte beispielsweise Stadtbaurat Klaus Müller-Ibold. Und der norwegische Reeder Anders Jahre verlangte, der Anleger müsse in einem Umfeld liegen, das „… den landschaftlichen und städtebaulichen Reizen der Hafeneinfahrt und der Liegeplätze in Oslo gleichkommt“.

Auch der zweite Fähranleger, der 1981 am Bollhörnkai entstandene Schwedenkai, liegt unmittelbar am Stadtzentrum. Doch die Umnutzung der westlichen Uferkante ging nicht ohne Blessuren ab: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Kleine Kiel, der einst die Altstadt umfloss, in weiten Teilen zugeschüttet und seine Verbindung zur Förde auf unterirdische Röhren reduziert. Durch den Bau des Schwedenkais wurde der Bootshafen, die südliche Verbindung des Kleinen Kiels mit der Förde, vom Meer räumlich abgetrennt und fristet seitdem als dreieckiges, von Mauern eingefasstes Becken ein trauriges Dasein.

Modernisierung am Schwedenkai

Das Fähr- und Kreuzfahrtgeschäft jedoch boomt und Kiel etablierte sich in den letzten Jahren immer mehr als der deutsche Ostseehafen. Es entstanden mit dem Norwegen- und Ostseekai zwei neue Terminalgebäude. Die Stena-Line, deren Schiffe vom Schwedenkai Richtung Göteborg starten, wünschte zudem einen Um- und Neubau des Schwedenkais für zwei moderne RoPax-Schiffe (Kombifähren), die jeweils über 4 000 Spurmeter für Lkw und Pkw besitzen und 1 000 Passagiere transportieren können. Der Betreiber der Ter­minals, die städtische Firma „Seehafen Kiel“, investiert hierfür 30 Millionen Euro. Dafür werden die Betriebsflächen logistisch optimiert und erweitert sowie der Eisenbahn­anschluss ertüchtigt. Zur schnellen Be- und Entladung der Fahrzeugdecks wird eine neue RoRo-Brücke installiert. Und schließlich: Das alte, unauffällige Terminalgebäude von FO Arkitektkontor aus Göteborg musste einem Neubau des Büros KSP Jürgen Engel Architekten weichen.

Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe, denn ein Neubau ist billiger als die Modernisierung des Bestands. Teil der Rechnung ist aber auch das so möglich gewordene neunstöckige Bürohochhaus, das sich über den drei Ebenen des Terminals erhebt und der „Seehafen Kiel“ zusätzliche Mieteinnahmen beschert. Das Hochhaus macht auch gestal­terisch Sinn: Erst die Gesamthöhe von über 43 Metern ­verschafft dem Gebäude genügend Geltung, damit es sich neben den Schiffsriesen behaupten kann. Die Architekten haben sich viel Mühe mit der städtebaulichen Einbindung gegeben: Die quer zum Kai errichtete Hochhausscheibe markiert einen Eingang zur Altstadt; sie verbindet optisch die Stadt mit dem Hafen und gewährt weiterhin den Blick von der City auf das Wasser.

Die Teilung in verschiedene Baukörper macht die unterschiedlichen Funktionen nach außen anschaulich und erleichtert die Orientierung. Der großzügig verglaste Terminal bildet den Sockel. Dort werden die Besucherströme elegant verteilt und gelenkt: Im Erdgeschoss findet die Abfertigung der Lkw statt. Die oberen beiden Etagen für Passagierabfertigung und Verwaltung ragen als aufgeständerter Riegel weit nach Osten und überspannen Fahrspuren und Bahngleise. Sie werden noch mittels gläserner Brücken mit der Innenstadt und den Schiffen verbunden. Darüber erheben sich die Bürogeschosse in einem zu einem Parallelogramm verschobenen Baukörper.

Empfangen statt abgefertigt: Das Innere des Terminals (Rendereing) will die Ankommenden freundlich begüßen – und lässt die Sonne ein, wann immer sie über Kiel scheint.

Das Prinzip kennt man schon vom am Hamburger Elb­ufer gelegenen „Dockland“ der Architekten Bothe Richter Teherani. Doch während dort das Gebäude quasi als Yacht in See stechen will, bleibt die Schiffsmetapher beim Kieler Bürohaus eher dezent. Gleichwohl ergibt sich auch hier das Problem, dass die dynamische Großform anachronistisch wirkt in einer Zeit, in der Fähren und Kreuzfahrtschiffe wie schwimmende Kühlschränke die Meere durchpflügen. Eine feine Idee ist es, die verschiedenen Gebäudeteile mittels eines umlaufenden, mäandrierenden Bandes zusammenzuhalten. Es sollte ursprünglich einen subtilen Kontrast zu den komplett gläsernen Fassaden bilden. Aus Kostengründen wurden jedoch im Bürohaus statt der geplanten bodentiefen Fenster Brüstungs- und Fensterbänder verbaut, was dem Gebäude viel von seiner zeichenhaften Wirkung nimmt. Immerhin konnten die Architekten die vom Bauherrn gewünschten geschlossenen Fensterflächen auf die Innenseite der Verbundfenster hinter den durchlaufenden Sonnenschutz verbannen, wodurch der Eindruck von Lochfassen vermieden wird.

Das Innere war bei Redaktionsschluss noch nicht aus­gebaut und somit kaum zu beurteilen. Die sich über zwei ­Ebenen erstreckende große Abfertigungshalle des Terminals mit Check-in, Warte- und Sicherheitsbereichen für bis zu 500 000 Passagiere jährlich wird komplett dem Corporate Design des Hauptnutzers, der Stena-Line, angepasst. Dass die Decken mit ihrem Haustechnikdurcheinander wiederum zur Kostenreduktion unverkleidet blieben, ist für die Architekten schmerzhaft. Den Bauherrn indes kümmert es nicht, denn – so sein Kalkül – die Passagiere lassen den Blick voll Vorfreude ohnehin nur nach draußen, über Wasser und Schiffe schweifen. Das Argument ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, denn der Ausblick ist tatsächlich wunderbar.

Ihn können aber nicht nur die Reisenden genießen, denn auf dem Dach des Terminals entsteht in 12,5 Metern Höhe eine öffentliche Aussichtsterrasse mit einem Restaurant. Sie versöhnt den Kritiker mit einem hervorragend geplanten ­Gebäude, das durch den Druck zur Kostenreduktion in der Ausführung nicht immer überzeugt. Hier oben bekommt der Bau eine neue Qualität. Wenn Architektur es schafft, jedermann – auch Menschen, die sich keine Passage nach Oslo oder Göteborg leisten können – neue Horizonte zu öffnen, die Welt neu zu betrachten, dann hat sie viel erreicht. Und deshalb ist der Terminal Schwedenkai von KSP Architekten eine gute Wahl für den Auftakt zum Tag der Architektur.

Claas Gefroi ist Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Architektenkammer Hamburg und freier Autor.

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