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[ Krankenhäuser und Arztpraxen ]

Schöner Schein, gesünderes Sein

Vielfältige Wohlfühlwelt statt steriler Medizinbetriebe: Architektur wird immer wichtiger.

Rosa Grewe

Die fetten Jahre liegen lange zurück – in der Medizin genauso wie in der Architektur. Seit den 1970er-Jahren haben sich in deutschen Krankenhäusern Liegezeiten verkürzt, Personal wurde abgebaut und die Klinikleitung an private Investoren übergeben. Kliniken und Praxen fusionierten, Ärzte schlossen sich in Ärztehäusern zusammen und teilen seitdem die Kompetenzen und Apparaturen untereinander auf – eine wirtschaftliche Rundum-Optimierung. Das „Deutsche Ärzteblatt“ titelte schon 2008: „Die Ökonomisierung hat Grenzen“. Denn trotz der Optimierungswelle reichen die Umsätze vieler medizinischer Einrichtungen nicht, um den Investitionsstau von bis zu vier Jahrzehnten zu beheben, um zu modernisieren und zu überleben. Wenn nichts mehr geht, dann empfehlen die Berater: investieren statt sparen, das Krankenhaus zur Marke machen. Eine Markenbildung erscheint als die Wundermedizin für kränkelnde Wettbewerber.

So setzen Ärzte gezielter medizinische Schwerpunkte gezielter und werben mit Zusatzleistungen von Akupunktur bis Zahnreinigung. Auch die Architektur der Praxen und Kliniken gestaltet sich dafür um, rückt an zentrale Stadtorte, präsentiert sich modern und erinnert an Gesundheit statt an Krankheit. Der baulichen Umsetzung stehen dabei standardisierte Gestaltungs- und Hygienevorschriften entgegen. Kaum eine Bauaufgabe bringt so vielfältige Anforderungen und Bestimmungen mit sich wie medizinische Einrichtungen: Büroarbeitsplätze, Labor-, OP- und Therapieräume, Lebens- und Erholungsräumen für Mitarbeiter und Patienten. Für die Gestaltung entscheidend sind dabei die Hygiene, die Nutzbarkeit und die Nachhaltigkeit genauso wie die Psychologie, das Wohlbefindens, aber auch Trends und das Marketing.

Hauptsache Hygiene

In deutschen Krankenhäusern stecken sich rund vier Prozent der Patienten mit multiitresistenten, vor allem antibiotikaresistenten Bakterien und Viren an. Auf der Intensivstation sind es sogar rund 15 Prozent. Der Krankenhaushygieniker Professor Markus Dettenkofer erklärt in einem Report der Allianz: „Rund 15 bis 30 Prozent aller nosomialen (krankenhausbedingten) Infektionen lassen sich vermeiden. Allein auf deutschen Intensivstationen könnten mindestens. 800 Todesfälle jährlich vermieden werden.“ Als Übertragungsherd für Keime spielen Oberflächen in Krankenhäusern eine zentrale Rolle. Deshalb waren Praxen und Krankenhäusern bisher vor allem mit Kunststoff, Glas und Edelstahl gestaltet.

Diese Materialien sind robust und leicht zu reinigen, vermitteln aber auch die typische Krankenhausatmosphäre – und eben nicht das nun geforderte positive Bild von Gesundheit. Daher setzen gerade Praxen stärker auf Materialalternativen wie Holz, Naturstein und Textilien und folgen damit dem Trend nach emotionaleren Materialien. Neue Materialien und Beschichtungen machen aber auch in Kliniken neue Oberflächendesigns möglich (Ausgabe 1/2010, Seite 14). Klaus-Dieter Zastrow, Hygiene- und Umweltmediziner in Berlin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene: „Früher wurden OPs gefliest, das muss man heute nicht mehr. Es gibt Keramiktapeten und moderne Lacke und Farben, bei denen die Desinfektion kein Problem darstellt.“ Nanomaterialien ermöglichen zusätzlich keimreduzierte, extrem glatte Oberflächen. Zastrow: „Mit Nanomaterialien ist die Reinigung der Oberflächen leichter; sie eignen sich daher besonders dort, wo mit Feuchtigkeit zu rechnen ist und wo man mit Wasser reinigen kann. Sie sind aber nicht antibakteriell.“

Auch Stoffe können keimreduzierend eingesetzt werden. Es gilt aber: Je härter und glatter die Oberfläche ist, desto geringer ist ihre Anfälligkeit für mechanische Beschädigungen und Keime. Das muss nicht immer kühl aussehen: Mit der Architektur des Krankenhauses Hedwigshöhe in Berlin-Treptow beweisen die örtlichen Architekten Huber und Staudt zusammen mit den Spaniern Manuel Brullet i Tenas und Alberto de Pineda Alvarez, dass es anders geht. Mit einzelnen, frei stehenden Baukörpern und einer Lamellenfassade aus Läerchenholz wirkt die Klinik naturnah und wohnmaßstäblich. Im Innern wählten die Architekten Wallnussfurnier für das Mobiliar, dazu Steinböoden und Panoramafenster mit Blick auf Wiesen und Bäume. Die Materialwahl Holz ergab sich logisch aus der umgebenden Landschaft, sie wirkt nicht befremdlich.

Nicht immer stimmt die Materialerfahrung des Patienten mit seiner Erwartung an einen Medizinraum überein: Holz wirkt warm und wohnlich, aber weniger klinisch sauber, auch wenn seine Oberfläche durch eine Lackierung hygienisch einwandfrei ist. So wie der Desinfektionsgeruch seiner Vorstellung von Hygiene entspricht, hat der Patient aus jahrzehntelanger Erfahrung eine eigene Vorstellung von der typischen Krankenhausoptik und -haptik. Immer mehr Klinikplaner brechen mit diesem Wahrnehmungsmuster, um neue Assoziationen zu erzeugen.

Farben wirken, nur wie?

Bei der Farbwahl für medizinische Räume sind zwei Blickwinkel wichtig, wie der auf Architektur spezialisierte Leipziger Pychologe Ralf Zeuge erklärt: „Einerseits der Einsatz der Farben als Unterstützung oder Instrument der therapeutischen Arbeit und andererseits die Farben im Umfeld der therapeutischen Arbeit.“ Schon seit den 1920er-Jahren untersuchen Wissenschaftler die Wirkung von Farbe auf die menschliche Körper und seine Psyche des Menschen. Einigen Farben werden positive Einflüsse aufgegen bestimmte Krankheitsbilder nachgesagt, doch bis heute fehlen wissenschaftliche Nachweise, welche Farbe wie wirkt. Ralf Zeuge: „Unstrittig ist jedoch, dass Farben auf das psychische Befinden einwirken. Man weiß heute, dass sich mit Raumfarben Einfluss auf die biopsychologischen Prozesse wie den Herzschlag nehmen lässt.“ Bedeutung, Wirkung und Lesbarkeit eines Farbkonzeptes unterliegen der Mode innerhalb eines Kulturkreises. Architekten setzen derzeit eher auf zurückhaltende einheitliche Farbflächen mit warm-pastelligen Erdtönen von Gelb bis Oranger-rot und mit hell abgemischten Blau- und Grüntönen. Dezent statt knallig, das entspricht den neueren Untersuchungen zur Farbwirkung. Und es entspricht dem veränderten Anspruch der Patienten, wie Ralf Zeuge erklärt: „Die Hinwendung zur farblichen Gestaltung einer Praxis reflektiert einen gesellschaftlichen Trend hin zu Wellness und Wohlfühlatmosphäre.“ Für Kinder gelten eigene Gestaltungsregeln. Architekten setzen hier mehr auf die Wahrnehmung von Räumen mit Kinderaugen. Und so gestalten sie Wände und Fassaden kontrastreich und bunt. Oberflächen und Mobiliar sind Projektionsflächen für Spiel- und Fantasiewelten.

Auch von außen soll das Krankenhaus seinen Schrecken verlieren, etwa das Kinderkrankenhaus der Uniklinik Heidelberg, geplant von Nickl und Partner. Gelbe, rote, blaue und orangefarbene Glaspaneele in der Fassaden filtern das Sonnenlicht und werfen farbige, bewegte Schatten auf Wände und Böden. Silhouetten von Seifenblasen und spielenden Kindern auf den Glasfassaden brechen die Maßstäblichkeit des großen Bauwerks auf Kinderniveau. In Primärfarben gestrichene Bauteile im Innern der drei Gebäudeteile helfen bei der Orientierung.

Mit dem Trend zu Großpraxen und -kliniken steigt die Bedeutung der Farbe für die Orientierung und Zonierung. Bunte Farbleitkonzepte jedoch, wie sie in Großkliniken in den 70ern üblich waren, funktionieren nach neueren Untersuchungen nur bedingt. Die Wahrnehmung von Farbflächen und deren Verknüpfung mit Funktionen fällt Patienten wie Besuchern schwer, zumal die meisten Farben schon mit einer Aussage belegt sind, zum Beispiel Rot für Stopp. Daher verzichten Klinikgestalter heute eher auf solche Leitsysteme und nutzen Farben wie auch Materialien zur dezenten Zonierung von Räumen und Verkehrsflächen sowieund zur Ausbildung einer Corporate Identity.

Licht für die Seele

Besonders verändert hat sich über die Jahrzehnte die Belichtung und Beleuchtung von Krankenhäusern und Praxen. Dass Licht nicht nur funktionale, sondern auch atmosphärische und therapeutische Wirkung hat, ist längst bekannt. Doch erst seitdem die Ärzte Psyche und Wohlbefinden der Patienten stärker in die Therapie einbinden, gewinnen Lichtkonzepte an Bedeutung und werden zum Wellnessfaktor, für Mitarbeiter wie für Patienten. Dazu wird das energieeffiziente Lichtmanagement mit steigenden Strompreisen immer wichtiger. Daher setzen immer mehr Praxen und Kliniken auf eine intelligente Nutzung des Tageslichts. Mit rund 10.000 Lux wirkt es antidepressiv, sorgt für eine diffuse, gleichmäßige Helligkeit und spart Energie. Das internationale Büro HPP plante daher ein Atrium für das städtische Klinikum Hamburg St. Georg. Hier leuchtet Tageslicht die Flure aus, schafft eine gute Orientierung über die Organisation der Räume und macht außerdem Jahres- und Tageszeiten im Haus erlebbar. Das Draußensein sein im Haus hilft vor allem Langzeitpatienten und wirkt gegen Klaustrophobie und Winterdepressionen. Patienten sollen nicht mehr in großen „Klinikmaschinen“ abgeschottet werden, sondern via Panoramafenster den Blick ins Grüne oder in die Stadt haben. Tageslicht ist auch ein Zeichen eines neuen Medizinverständnisses, das Transparenz, Aufklärung und Wohlbefinden, aber auch die Außenpräsenz, die Marke fokussiert.

Zusätzlich zur Tageslichtnutzung wird die Ausleuchtung medizinischer Räume mit Kunstlicht immer differenzierter. Falsches, grelles Licht kann sehr entwürdigend sein – besonders für kranke Menschen. So gestalten Lichtplaner die Allgemeinbeleuchtung zunehmend mit indirektem warm-weißem Licht und leuchten lediglich Arbeitsplätze und Untersuchungsräume mit neutralweißem, direktem Licht aus. Auch in Patientenzimmern ersetzen Lichtschienen mit warmem Weißlicht ehemalige Leuchtstoffröhren an der Decke. Eine große Veränderung bringt der Einsatz von LEDs, weil sie energieeffizient sind und kaum Wärme erzeugen. Ein weiterer Trend geht zum farbigen Licht, das Therapien und Wellness unterstützen soll.

Plakatives hilft – manchmal

Ein besonderer Trend resultiert aus der grafischen Gestaltung von Wänden: Raumbezeichnungen und Hinweise verwandeln sich in eigene Logos, die zur grafischen Raumgestaltung und zum identitätsstiftenden Element, zum Corporate Design medizinischer Einrichtungen dienen. Das funktioniert wie bei Ikea: Man benennt die Dinge und gibt ihnen mit spezieller Schrifttypologie und Farbe eine unverwechselbare Zuordnung. So plante es auch das Düsseldorfer Innenarchitekturbüro null2elf für die Ambulanz für Gerinnungsmedizin, das MVZ Labor Duisburg. Hier zonieren Schriftfelder die Räume nach Funktionen, schaffen Orientierung und machen Arbeitsgänge transparent. Mit einem herkömmlichen Leitsystem sind die Schriftlogos allerdings schwerierig zu kombinieren; schnell würde man sich wie im Schilderwald fühlen. Einzeln eingesetzt,t wirken sie zwar grafisch stark, erklären aber manchmal Offensichtliches. Es geht auch subtiler, wie der Psychologe Ralf Zeuge sagt: „Mein Eindruck ist, dass es einen weiteren Trend hin zu assoziativem Design gibt.“ So wie in einer Kinderarztpraxis in Hamburg, geplant von der Innenarchitektin Susanne Beissner-Schindler: Die Nachttischleuchte erinnert an das heimische Schlafzimmer, ebenso wie das im Märchenstil in geschwungenem Holz gerahmte Kinderbett. Diese Erinnerungen ersetzen angstbesetzte gegen vertraute Gegenstände und wirken so gegen Angsträume. Das funktioniert besonders gut bei Kindern, die stark auf sehr positiv besetzte Bilder reagieren. Für Erwachsene setzen Ärzte und Gestalter auf Naturassoziationen mit Material, Farbe, Form und Fotos.

Zukunftsforscher sagen ein Zeitalter der Gesundheit voraus, in dem diese als Wohlfühl- wie Wirtschaftsfaktor immer wichtiger wird, gerade in einer alternden Gesellschaft. Die Architektur soll den Patienten möglichst Leiden, Krankheit und Alter vergessen lassen. Gelingt das, ist die Medizin-Wellness-Marke geglückt. Und immer mehr zahlen dann gern immer mehr für eine schönes, gesundes Leben. Die fetten Jahre kommen erst noch – für die Medizin und ihre Architektur.

Rosa Grewe hat Architektur studiert und betreibt das Fachpressebüro quer-streifen in Darmstadt.

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