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[ Architekten in der Politik (I) ]

In Hohen Häusern

Erst Planungsbüro, dann Abgeordnetenbüro: Wie sich Architekten in der Politik für den Berufsstand engagieren.

Dorothée Menzner, Die Linke, Bundestag: Statik und Baustoffkunde helfen in der Atommülldiskussion; Gero Karthaus, SPD, Landtag Nordrhein-Westfalen: als Landschaftsplaner kompetent im Umweltschutz; Peter Hettlich, Grüne, Bundestag: gelernter Ingenieur und Projektsteuerer mit Einsatz für die HOAI-Reform; Roland Richter, CSU, Landtag Bayern: Büroinhaber mit Bodenkontakt und drei Berufskollegen im Plenum (v.l.)

Roland Stimpel

Das platteste Klischee zuerst: Architekten gehen in die Politik, um sich Aufträge zu beschaffen. Das klingt in der Theorie plausibel, aber in der Praxis klappt gerade das nicht. „Filzverdacht darf nicht aufkommen“, sagt zum Beispiel Thomas Boos, Inhaber eines Büros und FDP-Fraktionsvorsitzender im Rat von Dorsten in Westfalen. „An Projekten, die ich im Beruf bearbeite, diskutiere ich politisch nicht mit und verlasse vor Abstimmungen den Saal.“ In einer 80 000-Einwohner-Stadt wie Dorsten ergeben sich Überschneidungen rasch. Beim Flächennutzungsplan zum Beispiel, den Boos im Planungsausschuss mitberaten hat. Oder bei einer Schule, die einst sein Vater entwarf und die er jetzt saniert. „Aber das lässt sich alles trennen. Interessenverquickung hat mir in 15 Stadtratsjahren noch niemand vorgeworfen.“

Die Politik darf nicht das Büro befruchten – wohl aber der Beruf die Politik. In der kommt immer wieder der Architekt in Boos durch. „Bei dem Mediamarkt zum Beispiel, der hier bauen will. Da bin ich der Bremser im Rat, weil ich finde, am geplanten Standort würde dadurch Entwicklungspotenzial verschenkt.“ Oder bei seinem Werben für einen Gestaltungsbeirat. „Fachkundige Blicke von außen können extrem segensreich sein. Als lokaler Architekt stelle ich mich da gern unter Beobachtung.“ Dorstens Rat diskutiere Boos’ Themen schon jetzt „auf fachlich hohem Niveau“ – CDU und SPD stellen drei weitere Architekten und Planer.

Kollegen findet Claus Krüger im Parlament des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge nicht, wo er die Grünen vertritt. Für Krüger ist Baupolitik zum Gutteil Umweltpolitik. Sein größter Einzelerfolg: „Das künftige Landratsamt im alten Pirnaer Schloss wird jetzt nachhaltiger geplant. Da wird die EnEV 2007 um 30 Prozent unterboten.“ Dieses größte Bauprojekt des Kreises macht ihm aber nicht nur Freude. Vor seiner Ratszeit wurde es als PPP-Vorhaben angeschoben, was ihm weder als Lokalpolitiker noch als Vorstandsmitglied der sächsischen Architektenkammer gefällt – es gab keine Chance für einen Wettbewerb. Krüger sitzt zwar im Vergabeausschuss des Kreistags, doch über Bauaufträge bis 300 000 Euro entscheiden die Behörden. Aber Krüger verfolgt das Thema zäh. „Es ist genau an der Schnittstelle zwischen beruflicher, berufspolitischer und politischer Tätigkeit.“

Auf der nächsthöheren Parlamentsebene in den Landtagen geht es kaum noch um Einzelbauten, sondern um planungs-, bau- und berufspolitische Fragen. Zum Beispiel bei Roland Richter, Architekt und Ingenieur mit eigenem Büro in Freilassing bei Salzburg und zugleich CSU-Abgeordneter in der Hauptstadt München: „Beides zugleich ginge nicht mit einem Drei- oder Vierleutebüro. Es geht aber gut mit unseren dreißig Mitarbeitern, unter denen sehr erfahrene und zuverlässige sind.“ Richter selbst macht im Büro weiterhin die Vorentwürfe, oft im raschen Wechsel mit Gesetzentwürfen. Bei diesen schwört er auf seine berufliche Bodenhaftung: „Wenn man Vorschriften immer in der Praxis umsetzen muss, dann geht man an ihre Aufstellung ganz anders heran.“

Zum Beispiel an die Reform der Bayerischen Bauordnung oder auch an die HOAI. Da war Richter doppelt engagiert: Das Berliner Wirtschaftsministerium, das die Novelle erarbeitete, leitete damals sein Parteifreund Michael Glos. Und bei der fälligen Zustimmung durch den Bundesrat war Bayerns Landesregierung gefragt. Richter agierte in Bund wie Land. „Ich weiß nicht nur aus meiner eigenen Praxis, wie wichtig eine HOAI mit allen Leistungsphasen und mit einer höheren Vergütung als der bisherigen ist.“ Im Landtag wussten das auch drei weitere Kollegen – die gelernten Architekten Max Strehle (CSU), Inge Aures (SPD) und Thorsten Glauber von den Freien Wählern.

Beruflich allein steht dagegen Gero Karthaus im Parlament von Nordrhein-Westfalen. Der Landschaftsarchitekt engagiert sich in der SPD vor allem für den Umweltschutz. „Ich denke, so etwas kann ich mit meinem fachlichen Hintergrund entschieden besser beurteilen, als wenn ich zum Beispiel Jurist wäre.“ Als Wissenschaftspolitiker schlägt er sich mit dem Studienchaos nach der Bachelor-Master-Reform herum. Und auf beiden Gebieten schätzt er seine Kammer: „Die Einflussnahme so einer qualifizierten Lobby hilft enorm, wenn es um fachliche Belange geht.“ Zuletzt aber zog es Karthaus zurück in die heimische Landschaft: Er kandidierte am 30. August im bergischen Engelskirchen für das Bürgermeisteramt – „das ist einfach näher an den Wurzeln“.

Im noch wurzelferneren Bundestag hat die Linkspartei ein Duo vom Fach: die gelernte Innenarchitektin Heidrun Bluhm aus Schwerin und die Niedersächsin Dorothée Menzner. Sie hat sich als junge Architekturabsolventin wie viele andere lange mit unsicheren Zeitjobs durchgeschlagen und kennt die prekäre Seite des Berufs. „Die HOAI ist für mich auch ein soziales Thema. Aber genauso wichtig wie sie ist eine anständige Zahlungsmoral. Da sollte die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen und nicht so träge sein wie heute oft.“ Menzners eigener Schwerpunkt ist allerdings die Verkehrspolitik. Zweimal aber nahm sie sich bundespolitischer Statikfälle an: Nach dem Absturz der Berliner Hauptbahnhofs-Querstrebe nach dem Orkan Anfang 2007 – „das war nicht nur ein technischer Skandal.“ Und beim Streit um die Stabilität der Atommülllager Asse und Morsleben in und nahe bei ihrem Wahlkreis. „Da ist eine Ausbildung in Statik und Baustoffkunde schon sehr hilfreich.“

Gelernte Architekten im letzten Bundestag waren auch Georg Brunnhuber von der CDU und Bettina Herlitzius von den Grünen. Nicht vom Hochschulfach, aber dem Berufsstand eng verbunden ist der Grünen-Abgeordnete Peter Hettlich. Der diplomierte Landwirt hat nach dem Studium „für Architekten die Büros geschmissen, Kosten- und Zeitkontrolle gemacht“. Dann hatte er eine eigene Projektsteuerungsfirma, die Industriedenkmale zu Wohn- und Bürohäusern machte. In der Berliner Grünen-Fraktion engagierte er sich als baupolitischer Sprecher zum Beispiel für die Bundesstiftung Baukultur („Da habe ich die Fahne der Ingenieure hochgehalten“), gegen das Wuchern von DIN-Normen und für die HOAI. „Da drohte eine Tragödie.“ Zur rot-grünen Regierungszeit kämpfte er gegen die Abschaffung, die der SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement plante. Und als die HOAI 2008 stark beschnitten werden sollte, bildete er eine ganz große Koalition mit Renate Blank (CSU), Heidrun Bluhm (Linke), Patrick Döring (FDP) und Petra Weis (SPD) – allesamt baupolitische Sprecher ihrer Fraktionen, aber bis auf Bluhm keine gelernten Architekten. „Wir haben da alle zusammen ein ernstes Wort mit Staatssekretär Schauerte geredet“, erzählt Hettlich. Und lobt dessen Bauministeriumskollegen Achim Großmann und seine Beamten. „Die haben einen wirklich guten Job gemacht.“ Jetzt verlässt Hettlich den Bundestag – Vater sein ist wichtiger. Er empfiehlt Verbänden und Kammern: „Seid wachsam! Und nehmt euch die Fachpolitiker in den Fraktionen zur Brust.“

Der einzige deutsche Architekt im Europaparlament ist Dieter-Lebrecht Koch aus Weimar. Den CDU-Mann hat es schon in der Wendezeit vor zwanzig Jahren in die Politik verschlagen; seine Themen sind Verkehr, Behinderte, Klimawandel und Energie. Doch Beziehungen zum Beruf sieht er eher auf einer abstrakten Ebene: „Architekten wie Politiker bilden gesellschaftliche oder räumliche Rahmen; es geht in beiden um das Vorausdenken und Gestalten künftiger Lebensverhältnisse.“ Konkret ins Baugeschehen will er sich nicht einmischen: „Gut, dass das keine europäische Kompetenz ist.“ Eingesetzt hat sich Koch aber dafür, dass Baumittel aus europäischen Strukturfonds vorzugsweise für barrierefreie Projekte gegeben werden – und dass Brüssel mehr Mittel für den Erhalt von Baudenkmalen gibt.