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[ Arbeitswelten ]

Chill-out im Kontor

Büros werden immer gemütlicher, um wertvolle Schreibtischarbeiter zu verwöhnen.

Stockland-Büros in Sydney

Cornelia Dörries

Behaglich soll es sein, mit viel Tageslicht und frischer Luft, bequemen Möbeln aus Naturmaterialien in warmen Farben, und etwas Grün wäre auch ganz schön. Außerdem soll es gut riechen, lärmfrei sein und neben offenen Bereichen Raum für Zurückgezogenheit und persönliche Gespräche bieten.

Nein, hier geht es nicht um Einrichtungswünsche für ein Wohnzimmer, sondern um das Büro der Zukunft. So lautet jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage, bei der im vergangenen Herbst rund 2 000 Teilnehmer ihre Vorstellungen zu den Arbeitswelten von morgen abgeben sollten.Man könnte diesen ins Anheimelnde spielenden, gestalterischen Wandel der Arbeitswelt fast als ironische Antwort auf eine immer härtere wirtschaftliche Konkurrenz im Zeitalter der Globalisierung verstehen. Es ist aber schon länger bekannt, dass es gerade die sogenannten weichen Standortfaktoren sind, auf die Unternehmen zur Erhöhung der Produktivität sowie zur Gewinnung hoch qualifizierten Personals setzen. Und dazu gehört auch die Arbeitsatmosphäre vor Ort.

So wie das idealtypische Büro der Industriemoderne mit seinen endlosen, anonymen Schreibtischreihen noch ein Spiegelbild der fordistischen Fabrikhalle war, reflektieren die gestalterisch geschliffenen Arbeitswelten unserer Tage nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung von Corporate Identity, Unverwechselbarkeit und Kommunikation, sondern auch den Wert zufriedener Mitarbeiter. Die Zeiten, in denen namenlose Tippfräuleins oder subalterne Sachbearbeiter in staubgrauen Zellenbüros auf Anweisungen vom Chef warteten, sind schon lange vorbei.

Qualifizierte, kompetente Fachleute dürfen von ihrem Arbeitgeber heute mit einigem Recht erwarten, dass er Leistungsbereitschaft und Engagement auch mit einem entsprechend gestalteten Arbeitsumfeld würdigt. Für Hendrik Hund, den Vorsitzenden des bso (Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel), haben standardisierte Büros alter Prägung mittelfristig ausgedient. An deren Stelle werden nach seiner Einschätzung „komplexe Bürolandschaften treten, die Unternehmen helfen, den Wettbewerb um die besten Köpfe durch Mitarbeiterbindung und Flexibilität für sich zu entscheiden“.

Stockland-Büros in Sydney

Schickes Ambiente für schnöde Produkte

Auf der Orgatec 2008, der Branchenmesse für Büro- und Objekteinrichtung, erhielten mit dem Logistikunternehmen Hellmann aus Osnabrück und dem Immobilienentwickler Stockland aus Sydney denn auch zwei Unternehmen den „Best Office Award 2008“, die sich den Ansprüchen an das Büro der Zukunft auf besonders überzeugende Art gestellt hatten. Das familiengeführte Logistikunternehmen Hellmann ließ ein altes Speichergebäude im Osnabrücker Hafen entkernen und zu einem lichten Gefüge großzügiger, offener Räume umgestalten, deren Einrichtung „so manches Eigenheim an Wohnlichkeit übertrifft“, wie es in der Juryentscheidung hieß.

Der andere Siegerentwurf aus Australien bestach mit einer besonders radikalen Idee: Gleich acht Etagen eines Geschäftshochhauses in Sydney wurden komplett ausgeweidet und mit einem neuen Lichthof und offenen, ineinander verschachtelten Ebenen versehen. Die Zellenbüros verschwanden zugunsten einer luftigen Sequenz unterschiedlicher Arbeits- und Konferenzbereiche, die über eine ausladende, große Treppe miteinander verbunden sind. Beiden Firmensitzen ist eine besonders familiäre, freundliche Atmosphäre eigen, die zudem von ästhetischem Anspruch und kommunikativer Offenheit geprägt ist.

Früher legten vor allem Unternehmen der sogenannten Medien- und Kreativbranche besonderen Wert auf extravagante, gern auch schrille, doch Hauptsache individuelle Gestaltung ihrer Büroräume. Heute leisten sich selbst modisch unverdächtige Schraubenfabrikanten oder Düngerhersteller ein eigenes Corporate Design, zu dem auch die selbstbewusste Einrichtung der Arbeitsbereiche gehört.

Wo sich früher Sachbearbeiterverschläge aneinanderreihten, gibt es nun offene Sphären, die von mehr oder weniger geschlossenen Arbeitsplätzen durchsetzt sind, weitläufige Freiflächen und mindestens einen Bereich, der mit tiefer gelegten Fauteuils und Loungesofas zum lässigen Meeting bittet. Die Grenzen zur ironisch überzogenen Inszenierung sind dabei nicht immer klar. So ließen die Hamburger Architekten Bothe Richter Teherani in ihre Büros mit Elbblick gar hohe grüne Stauden pflanzen, weißen Sand aufschütten und Strandkörbe aufstellen, um Bauherrengespräche oder Planungskonferenzen in maritimer Lockerheit führen zu können.

Die Arbeitswelt hat sich im Laufe der letzten Jahre vor allem am Zeichensatz der entspannten Behaglichkeit bedient: Die „recreation areas“ oder „communication zones“ eines mittelständischen Pharmakonzerns oder einer Steuerprüfungsgesellschaft sind von den Chill-out-Sofalandschaften in Clubs oder Bars kaum mehr zu unterscheiden. Den ständigen Wechsel zwischen Arbeit und Entspannung, konzentrierter Beschäftigung und offener Kommunikationsbereitschaft haben auch die großen Büromöbelhersteller zum Anlass genommen, eigene Produktlinien speziell für diese offenen Bereiche zu entwickeln.

Nicht alles kommt so spektakulär daher wie die zum beschwingten Brainstorming einladende Büro-Hollywoodschaukel des Designers Werner Aisslinger für Vitra. Die meisten Loungeprogramme der etablierten Anbieter wie Wilkhahn oder Knoll setzen auf Naturfarben, edel verarbeitete, hochwertige Materialien sowie seriöse Eleganz. Doch daneben sind derzeit auch neu aufgelegte Möbelklassiker der internationalen Moderne sehr gefragt, wie der knallfarbene Sessel „Amoebe“ von Verner Panton aus dem Jahr 1970 oder der leichtfüßige, kalifornisch heitere Coconut Chair von George Nelson von 1955.

Die Büroräume der Spedition Hellmann.

Doch das entgrenzte Open Space Office, das mit dem althergebrachten Großraumbüro nichts mehr zu tun hat, ist für Planer auch eine Herausforderung. Denn Offenheit und eine schon durch den räumlichen Zuschnitt garantierte dauernde Kommunikationsbereitschaft bedeuten auf der anderen Seite auch einen Verlust an konzentrierter, abgeschirmter Atmosphäre, die vor allem für die Lösung diffiziler Aufgaben, komplizierte Entscheidungsprozesse oder einfach ruhiges Arbeiten vonnöten ist. Diesem Widerspruch begegnen die Ausstatter mit neuen Lösungen.

So lassen sich nicht nur mit schallabsorbierenden Deckensegeln, Paravents oder eleganten Raum-in-Raum-Systemen stille Nischen und abgegrenzte Sphären schaffen; auch viele Büromöbelprogramme reagieren bereits auf die wechselnden Bedürfnisse nach Ruhe oder Austausch am Arbeitsplatz. Der Möbelhersteller Vitra hat seine neue Serie „Playns“ entworfen von den Hausdesignern Ronan und Erwan Bouroullec, gleich mit einer marketingtauglichen Philosophie versehen: „Net ’n’ Nest“. Das soll etwa so viel heißen, dass dem vernetzten Austausch unter Kollegen irgendwann die Phase des stillen Werkelns im eigenen Nest folgt.

Der neue Schreibtisch lässt sich je nachdem entweder in eine geschützte Klause für konzentrierte Einzelarbeit oder in eine pultartig erhöhte Plattform für spontane Konferenzen und Besprechungen verwandeln. Mikroarchitektonische Nachbesserungen wie Sichtschutz oder Trennwände sind nicht mehr erforderlich. Die Elemente der Serie lassen sich selbstverständlich auch zu Arbeitsinseln gruppieren und um Ablage- und Stauraum ergänzen.

Die Räume der Spedition Hellmann.

Der intelligente Schreibtischstuhl

Doch nicht nur die solcherart flexibilisierten Bürolandschaften entsprechen den neuen Anforderungen an einen komplexen, ergonomisch und gestalterisch anspruchsvollen Arbeitsplatz. Dank moderner Technik sind die Büromöbel mittlerweile auch in der Lage, die individuellen Bedürfnisse ihrer Nutzer auf diskrete Weise zu ermitteln.

Über RFID (Radio Frequency Identification) erkennen Schreibtischstühle, Arbeitsplatten oder Bildschirme, wer gerade Platz genommen hat und begeben sich automatisch in die richtige, orthopädisch und ergonomisch optimale Position. Das mag nach futuristischer Spielerei klingen, doch angesichts der steigenden Zahl von pathogenen Haltungsschäden erscheint vielen Unternehmen eine Investition in Stühle mit automatischer Gewichtserkennung und Sitztiefenregulierung lohnenswert.Die eingangs erwähnte Umfrage förderte allerdings auch noch andere Wünsche zutage. Viele Mitarbeiter hätten in den Open-Space-Offices gern auch eigene Kaffeeecken, Freiluftarbeitsplätze mit Vogelgezwitscher sowie Sport- und Schlafbereiche. Es könnte sein, dass es im Büro bald schöner ist als zu Hause.

Cornelia Dörries ist Soziologin und freie Journalistin in Berlin.

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