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[ Gütesiegel für Nachhaltiges Bauen ]

Zu gründlich deutsch?

Im Januar erhalten die ersten Gebäude das „Deutsche Gütesiegel für Nachhaltiges Bauen“. Gegen dieses Zertifikat gibt es aber auch Vorbehalte.

Das grundlegende Ziel: nachhaltig bauen und dafür eine Bewertung einführen.

Marion Goldmann
Der Ansturm war groß: Laut Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) bewarben sich für das neue Label zahlreiche ihrer Mitglieder mit „beeindruckenden Projekten“. Dreißig wurden ausgewählt und davon werden derzeit die ersten in einer Pilotphase zertifiziert. Das Ergebnis ist auf der Messe BAU im Januar in München zu erfahren. Dort kann man sich auch einen Überblick über das Bewertungsverfahren sowie über eine mögliche Ausbildung zum „Auditor“ verschaffen.

Im Vorfeld der ersten Probezertifizierungen wurden in knapp einem halben Jahr die nunmehr 63 mit sogenannten Steckbriefen unterlegten Bewertungskriterienzusammengetragen. Viel zu kompliziert, sagen die einen. Unbedingt notwendig, sagen die anderen, um den Anspruch der Nachhaltigkeit von Gebäuden – und hier sind nicht nur Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit gemeint – auf hohem Niveau zu erfassen. Dabei sind sich über das grundlegende Ziel alle einig: Bundesbauministerium (BMVBS), Bauwirtschaft, Baustoffindustrie, Architekten und Ingenieure sowie die Immobilienbranche wollen nachhaltig bauen und sind auch bereit, dafür eine Bewertung einzuführen.

Das ist quer durch alle Lager unbestritten. Ein Gütesiegel ist in erster Linie notwendig, um im internationalen Green-Building- und Labelling-Wettbewerb deutsche Qualität dokumentieren zu können. Immer mehr Investoren legen daher Wert auf einen diesbezüglichen Nachweis. Vorangetrieben wird die Etablierung eines deutschen Labels deshalb auch von den einheimischen, aber international agierenden Unternehmen. Große Architektur- und Ingenieurbüros gehören ebenso dazu wie Bau- und Immobilienunternehmen.

Zu viel des Guten

Aber wie sieht man dies in der Masse der kleinen und mittleren Büros? Stefan Schramm in Köln betreibt ein Architekturbüro mit fünf Mitarbeitern, das Wohn- und Geschäftshäuser mittlerer Größe projektiert. Außerdem ist Schramm europaweit im Einfamilienhausbau tätig. Durch dieses breit gefächerte Feld kommt er seit Langem immer wieder mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung. Einerseits sagt er: „Es ist gut, dass die großen Büros diesen Prozess vorantreiben.“ Auch öffentliche Bauten hält Schramm wie viele andere Mitstreiter für eine Testphase prädestiniert. So ließen sich Erfahrungen sammeln und im Lauf der Zeit könne ein funktionierendes System entstehen. Andererseits hat Schramm Bedenken: Hier zeitgleich in der Entwicklungsphase noch eine Zertifizierung für kleine Projekte aus dem Boden zu stampfen, scheint ihm der Aufwand viel zu hoch.

Damit steht Schramm nicht allein. Bereits im Mai hat die Bundesarchitektenkammer (BAK) entsprechende Bedenken geäußert: zuwissenschaftlich, zu komplex und nicht wirklich praxisnah sei das Verfahren. Zudem sind Fragen der Kosten und der Architektenhaftung ungeklärt. Rudolf Scherzer, Vizepräsident der Architektenkammer Bayern und Mitglied in der Arbeitsgruppe nachhaltiges Bauen der Bundesarchitektenkammer: „ Viele der 63 Kriteriensteckbriefe sind noch nicht praxisgerecht ausgearbeitet. Zum Beispiel wird die zur Bewertung notwendige Datenbasis für einige der Bereiche auch in absehbarer Zeit noch nicht vorliegen. Zudem werden bauphysikalische Zusammenhänge mehrfach in unterschiedlichen Kriteriensteckbriefen behandelt.“

Auch der Detaillierungsgrad sei zumindest in Teilbereichen zu hoch. So finden sich in der ökologischen Bewertungsgruppe neben dem Primärenergiebedarf, unterteilt in nicht erneuerbar und erneuerbar, das Versauerungs-, Ozonschicht zerstörungs-, Ozonbildungs-, und Überdüngungspotenzial ebenso wie Risiken für die lokale Umwelt oder das Mikroklima. Die Komplexität des Bewertungssystems wird durch die Ergänzung von Kriteriengruppen wie der funktionalen und technischen Qualität sowie Prozess- und Standortqualität weiter gesteigert.

Dass neben ökologischen und ökonomischen Aspekten als dritte Säule der Nachhaltigkeit soziale Belange berücksichtigt werden sollen, wird vonseiten der BAK dennoch begrüßt. Weiterhin sei noch zu diskutieren, ob die Kriterien richtig gewichtet sind und die Gestaltung ausreichend berücksichtigt ist. Letzteres ließe sich zum Beispiel mit Kriterien wie Planungswettbewerb, Kunst am Bau, Flächeneffizienz, Umnutzungsfähigkeit oder Barrierefreiheit darstellen.

Auch das deutsche Baugewerbe sieht Mängel im Verfahren und befürchtet die Wertminderung von Bestandsbauten, die den Kriterien nicht genügen, aber auch immensen zusätzlichen Aufwand für Neubauten. Denn um ein Gütesiegel „Gold“ oder „Silber“ zu erhalten, müssten die derzeitigen Planungs- und Ausführungsstandards deutlich überschritten werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerksbau (DGfM) hat ebenfalls Bedenken. Sie hat ihre Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB) deshalb auch nach nur vier Monaten beendet. Ihr Fazit: Das Nachhaltigkeitsgütesiegel führt durch seine überhöhten Anforderungen zu einer Explosion der Kosten und behindert damit letztlich das nachhaltige Bauen. Durch die höheren Anforderungen an die Energieeffizienz aufgrund der EnEV sind die Baukosten ohnehin schon gestiegen, auch fehlt bislang eine Kostenanalyse über die Mehrkosten der Zertifizierung.

Anlass für den Austritt der Mauerwerker war die Ankündigung der DGNB, dass das Gütesiegel ab 2009 auf alle Gebäudetypen einschließlich Wohn- und Bestandsbauten angewendet werden könne. Ursprünglich hatte das Bundesbauministerium die Zertifizierung auf den Neubau bundeseigener Büro- und Verwaltungsbauten begrenzt.

In Zukunft sollen sich alle Neubauten von Siemens an den Green-Building-Richtlinien – eine firmeneigene Ini tiative – der Siemens Real Estate orientieren. Das neue Siemens-Bürogebäude in Schanghai wird deshalb auch eines der energieeffizientesten und umweltfreundlichsten Gebäude der Stadt werden.

Steiniger Weg

Architekt Schramm: „Wenn überhaupt, können sich das nur große Unternehmen leisten.“ Für kleine Immobilien ist das Verfahren derzeit noch unrentabel. Das Problem sei, dass alle Nachhaltigkeit wollen, aber viele wollen nicht mehr bezahlen. Manche Immobilienmarktexperten prognostizieren, dass in absehbarer Zeit eine Art Erster-Klasse-Markt für grüne Immobilien entstehen könnte.

LEED, das amerikanische Green-Building-Label –, einst entstanden in Ermangelung nationaler Standards in den USA und als Marketinginstrument eingesetzt – hat diese Entwicklung maßgeblich mitbestimmt. Nachhaltiges Bauen im Sinne eines umfassenden Klima- und Umweltschutzes bedeutet allerdings mehr. Hier gilt es, ökonomische, ökologische und soziale Belange gleichrangig zu berücksichtigen. Dasdeutsche Gütesiegel soll auf alles eine Antwort geben. Professor Gerd Hauser, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bau- physik und Mitglied des Vorstandes der DGNB: „Wir wissen, dass auf uns ein ganz erheblicher Aufwand zukommt, um ein Gebäude derart zu kennzeichnen. Aber wir brauchen das, um insbesondere auf dem internationalen Markt aktiv werden zu können – auch um uns gegen LEED durchzusetzen.“ Im amerikanischen Zertifikat sind zum Beispiel ökonomische Aspekte bislang überhaupt nicht verankert.

Finanzierende Banken bewerten Energiesparmaßnahmen von jeher nach wirtschaftlichen Maßstäben. Der Nachweis durch Umweltlabels ist für die meisten Finanzinstitute lediglich ein Indiz dafür, dass sich der Bauherr um Qualität bemüht. Im Rahmen der Analyse und Bewertung von Immobilien wird in der Regel ohnehin geprüft, ob die eingesetzte Anlagentechnik auch in Bezug auf die Umweltfreundlichkeit auf dem neuesten Stand ist und die Inves tition sich insgesamt lohnt. Moderne Energietechnik steigertzunächst den Wert. Systeme mit einer kurzen wirtschaftlichen oder technischen Lebensdauer erfordern jedoch eine hohe Wirtschaftlichkeit, da Ersatzinvestitionen kalkuliert werden müssen. Hier schaut ein Banker also genauer hin.

„Bei der ganzen Diskussion um die Energieeffizienz sollte man auch die Entsorgung und Recyclingfähigkeit unserer Bauwerke im Auge behalten“, meint Schramm. Die hohen energetischen Anforderungen haben inzwischen dazu geführt, dass fast nur noch Verbundbaustoffe eingesetzt werden. Nachhaltiges Bauen führt allerdings nur dann zum Ziel, wenn den folgenden Generationen kein Sondermüll hinterlassen wird.

Fragwürdig scheint derzeit vielen auch die für das deutsche Gütesiegel vorgesehene Messung der soziokulturellen Qualität von Gebäuden. „In der Tat werden wir damit in der Praxis erhebliche Umsetzungsprobleme haben“, bestätigt Professor Hauser. Seiner Meinung nach wird das Gütesiegel vorerst nur für große Objekte von Bedeutung sein. Letztendlich wird der Markt bestimmen, inwieweit sich  grüne Standards durchsetzen werden.

Weitere Informationen:

Bundesarchitektenkammer:

  • www.bak.de ► Veröffentlichungen ► Stellungnahmen

Informationsportal Nachhaltiges Bauen des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadt entwicklung:

Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V.:

Deutsche Gesellschaft für Mauerwerksbau e. V.:

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