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[ Pritzker-Preisträger ]

Zu Gast bei Balkrishna Doshi

Auf einer Reise durch Indien lernt der Frankfurter Architekt Julien Christl den diesjährigen Pritzker-Preisträger Balkrishna Doshi kennen. Ein persönlicher Reisebericht.

Julien Christls Zeichnung von Balkrishna Doshi.

Von Julien Christl

Völlig erschöpft von der drückenden Hitze und dem Chaos in den Straßen Kalkuttas liegen meine Freundin und ich auf harten Hochbetten in unserem Hostel. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Indien haben wir wieder Internet. Ich wische mich mit dem Handy durch die Nachrichtenseiten und bleibe bei einer Überschrift hängen. „Pritzker-Preis für Balkrishna Doshi. Begehrtester Architekturpreis geht erstmals nach Indien.”

Ich lerne, dass  Doshi vor allem wegen seiner Sozialbauten einer der einflussreichsten Architekten Indiens ist. Er hat eng mit Le Corbusier zusammengearbeitet, führte dessen Pläne für Wohnhaus-Villen in Ahmedabad aus und half bei der Bauleitung des Parlaments in Chandigarh. Ich finde heraus, dass Doshis Architekturbüro „Sangath“ sich ebenfalls in Ahmedabad befindet. Schnell fassen wir einen Entschluss: Diesen Mann möchten wir unbedingt auf unserer Reise kennenlernen!

Auf eine Anfrage per mail, erhalte ich keine Antwort. Wir geben unseren Plan trotzdem nicht auf. In Ahmedabad angekommen, probiere ich es telefonisch. Nach ein paar Versuchen erreiche ich endlich eine Frau. Sie erklärt mir, dass seit dem gewonnenen Preis ständig Ausländer anrufen würden. Es klingt fast vorwurfsvoll, doch sie kichert und lädt uns noch am selben Tag ein, das Büro zu besuchen. Also geht es mit dem Tuk-Tuk quer durch die staubige Stadt.

 

Als wir an der Adresse angekommen sind, lässt erstmal nichts erahnen, dass hier ein Architekturbüro sein soll. Auf der Straße, wird gerade eine Hochbahn gebaut, ringsherum stehen ein paar alte Bürogebäude mit schmutzigen, getönten Gläsern. Es ist laut und sehr heiß. Ein kleiner Mann winkt uns zu, zeigt auf ein Schild an einer Mauer vor uns und lächelt wissend. Man sieht uns wohl an, wohin wir wollen. Als wir durch ein eisernes Tor treten, stehen wir in einer grünen Oase.

Umsäumt von kleinen Teichen und schattenspendenden Bäumen, erheben sich flache, weiße Tonnengewölbe. Überall ist Vogelgezwitscher zu hören, Affen klettern in den Palmen, Pfauen laufen durch den Garten. Wir folgen einem kleinen Steinpfad zum Gebäude. Der Straßenlärm ist kaum noch zu vernehmen. Es ist ein schönes und idyllisches Bild. Wir sind etwas früh dran, also setze ich mich auf einen Steinsockel und zeichne während wir warten.

Wir haben Glück. Tatsächlich ist Doshi heute kurz im Büro und nimmt sich – zwischen zwei wichtigen Meetings – Zeit für uns. Höflich lädt er uns in sein helles Büro ein. Auf dem Tisch liegen Skizzenrollen, Stifte und Papierknödel. An der Wand hängt ein großes Foto von ihm mit seinem – wie er Ihn selbst nennt – „Lehrmeister Le Corbusier“. Wir gratulieren ihm herzlich zu seinem Preis und plaudern ein wenig mit ihm. Doshi fragt uns nach unserer Reise, wo wir herkommen und was uns an unserem Beruf gefällt. Auch er erzählt ein wenig über seine Einstellung zur Architektur.

Autor Julien Christl in Aktion.

Ich frage ihn nebenbei, ob ich ihn für mein Reisetagebuch porträtieren dürfe. Er freut sich, willigt ein und wirkt fast etwas schüchtern. Doshi erzählt uns, dass seine Projekte Moderne mit Tradition vereinen sollen. Er versuche dabei, Kontext und Kultur, Nutzung und Klima, Raum und Material zu berücksichtigen. Er betont, dass er immer für den Menschen baue: „Für den Nutzer und nicht nur für den Architekten“, erklärt er und schmunzelt.

Doshi empfiehlt uns einige Gebäude in der Stadt, die wir uns unbedingt anschauen sollen. Meine Freundin nickt mir zu. Also bleiben wir noch ein paar Tage. Er wirkt entspannt und strahlt Ruhe aus. Mit seinen 90 Jahren erscheint er ausgesprochen fit und klar. Für mich wirkt er hier, in seinem halb eingegrabenen Tonnengewölbe-Büro, wie ein Meister Yoda der Architektur. Nach etwa einer Dreiviertelstunde müssen wir uns verabschieden. Wir bedanken uns herzlich und wünschen ihm alles Gute.

„Ja, und wenn ich irgendwann nach Deutschland komme, dann komme ich in Ihrem Büro vorbei“, sagt Doshi lachend. In den darauffolgenden Tagen besuchen wir, neben den Gebäuden Louis Kahns und Le Cobusiers, einige seiner Werke. Gekommen waren wir für die Bauten Le Corbusiers, geblieben sind wir für die Gebäude Doshis. Die Ästhetik, die Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten, die Funktionalität und die effiziente Raumnutzung seiner Projekte sind faszinierend. Das Spiel mit Licht und Schatten, der Kontrast zwischen Dürre und frischem Grün, die Tiere, die sich überall frei bewegen: All das macht seine Architektur lebendig und zu einem besonderen Erlebnis. Für uns wird diese Reise für immer einzigartig bleiben.


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