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[ Schwerpunkt: Konkurrenz ]

Wo die Mitte Spitze ist

Wenn der Mittelstand zum Bauherrn wird, entsteht oft gute Architektur. Davon profitieren Unternehmen und Standort gleichermaßen

Text: Cornelia Dörries

Über lange Jahre galt der praktische, schmucklose Zweckbau im Gewerbegebiet als kleinster gemeinsamer Nenner von Architektur und Mittelstand. Zeichenhafte Firmensitze und Geschäftsbauten, sogenannte Corporate Architecture, leisteten sich nach diesem Verständnis nur große, global agierende Unternehmen in repräsentativen Großstadtlagen. Doch inzwischen pflegt auch der Mittelstand selbstbewusste Auftritte und lässt seine Unternehmenskultur in Stein, Stahl oder Glas übersetzen.

Ein Vorreiter war der Medizinbedarfshersteller B. Braun im hessischen Melsungen, der im Jahr 1987 den Pritzker-Preisträger James ­Stirling (zusammen mit Michael Wilford) mit Neubauten beauftragte. Denn Unternehmen können sich im Zeitalter einer globalisierten Konkurrenz nicht darauf verlassen, allein über ihre Produkte wahrgenommen zu werden. Wettbewerbsvorteile werden heute über die Marke, das Image und emotionale Zuschreibungen wie Prestige, Aura oder Mythos gesichert – immaterielle Faktoren, die nach einem möglichst unverwechselbaren Ausdruck verlangen. All das wird über ein sogenanntes Corporate Image gesteuert, das nicht nur mit Mitteln des Produkt- und Grafikdesigns arbeitet, sondern sich verstärkt auch der kommunikativen Talente der Architektur bedient. Dabei geht es keineswegs nur um Äußerlichkeiten. Jochen Siegemund, Professor für den Masterstudiengang Corporate Architecture der FH Köln, unterscheidet zwischen Unternehmen in den USA, die zugunsten der Markenpräsenz stärker auf das Spektakuläre setzen, und in Europa, wo das Unternehmen an sich, die Strategie und die Wertschöpfung mehr zählen. Denn gerade der Mittelstand kann sich kurzlebigen Kulissenzauber gar nicht leisten. Corporate Architecture für diese Zielgruppe muss neben ästhetischer Klasse auch unbedingte bauliche Qualität und eine möglichst langfristige Nutzbarkeit bieten. Erst dieser im besten Sinne kaufmännische Anspruch bewirkt eigentlich, dass Corporate Architecture nicht auf den Show-Effekt reduziert wird, sondern begünstigend auch nach innen, auf die Mitarbeiter, wirken kann. Vor allem die neueren Projekte dieser Sparte reagieren mit flexiblen internen Strukturen und der Ablösung überkommener Raumhierarchien auf den tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt (siehe dazu auch Seite 46). Aus dieser Perspektive, die den gesamten Unternehmensauftritt im Blick hat, überzeugt Corporate Architecture nur dann, wenn die äußere Erscheinung den inneren Werten entspricht. Dann aber zahlt sie sich aus. So konnte beispielsweise in der Langzeituntersuchung „Office Excellence Check“ des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation nachgewiesen werden, dass es einen Zusammenhang zwischen der Beschaffenheit der Arbeitsräumlich­keiten und der Produktivität der Mitarbeiter gibt. In ihrer konservativen Schätzung der brachliegenden Potenziale nehmen die Wissenschaftler an, dass sich mit einer zeitgemäßen Arbeitsplatzgestaltung die Leistung in deutschen Büros um mehr als ein Drittel steigern ließe.

Doch gute Corporate Architecture für den Mittelstand dient nicht nur den Unternehmen: Gerade weil viele dieser Firmen eben nicht in den großen Metropolen sitzen, sondern in kleinen oder mittleren Städten verwurzelt sind, gewinnt durch dieses neue Standortbewusstsein der Unternehmer auch die oft geschmähte Provinz an Profil und Eigenständigkeit.

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Gewerbegebiet mal anders: Der Leitz-Park im hessischen Wetzlar schottet sich nicht ab, sondern öffnet sich baulich zur Landschaft und mit Angeboten für Besucher.

Wie Corporate Architecture einen Beitrag zur praktischen Baukultur vor Ort leisten kann, zeigt sich am jüngst fertiggestellten Leitz-Park in Wetzlar. Genau genommen handelt es sich dabei eigentlich um ein Gewerbegebiet mit fotooptischem Schwerpunkt, gelegen am östlichen Rand der hessischen Mittelstadt. Doch die 35.000 Quadratmeter große Anlage, entworfen vom Frankfurter Büro Gruber und Kleine-Kraneburg, ist mehr: Hier entstand in zwei Bauabschnitten (2010 und 2014) ein neues Quartier, das seine stadträumlichen Qualitäten aus der planvollen Integration von Landschaft, Gebäuden und Umgebung bezieht. Es schottet sich nicht ab, sondern gibt der Tradition Wetzlars als Stadt der Fotografie einen physischen, sozusagen begeh- und erlebbaren Ort. Mit dem Umzug des weltberühmten Kameraherstellers Leica in seine neue Zentrale (Entwurf ebenfalls von Gruber und Kleine-Kraneburg) im Frühjahr 2014 ist das Traditionsunternehmen nicht nur an seinen Gründungsort Wetzlar zurückgekehrt; die Eröffnung des Neubaus setzte zugleich ein Zeichen für die erfolgreiche Gesundung des Unternehmens nach einer lange währenden wirtschaftlichen Krise. Das markante Leica-Ensemble ist eines von insgesamt vier Gebäuden auf dem Areal und zweifellos der Primus inter Pares. Daneben stehen zwei Flachbauten, die Fertigungsbetriebe der Schwesterunternehmen Viaoptic und Weller Feinwerktechnik beherbergen, sowie ein frei stehendes Café. Die dreigeschossigen, miteinander verbundenen Zylinder des Leica-Komplexes lassen sich durchaus als Anspielung auf die Filmrollen verstehen, mit denen die Leica-Kleinbildkameras zum Welterfolg wurden. Dass die Fensterbänder an die typischen Randperforationen dieser Filme erinnern, ist mehr als nur schöner Zufall; mit Spiegelungen des Tageslichts verleihen sie den Kubaturen darüber hinaus eine dynamisch-flirrende Optik. So weit die poetische Deutbarkeit dieser Architektur. Ihre handfesten Qualitäten liegen indes in der platzbildenden Anordnung zu den anderen Bauten und den lichten, offenen Arbeitsbereichen im Inneren. Die Offenheit des Gebäudes bleibt keine oberflächliche Geste: Das Unternehmen ist sozusagen ganztägig geöffnet und bietet auch spontanen Besuchern bei einem eigens konzipierten Rundgang Einblick in Fertigung und Montage. Außerdem gibt es neben einer Ausstellung historischer Fototechnik und – natürlich – Fotoausstellungen auch ein hauseigenes Restaurant sowie das bereits erwähnte Café auf der zentralen Piazza.

Informationstechnik bodenständig

Doch ortsbildprägende Corporate Archi­tecture funktioniert auch ohne die Lock­botenstoffe des Erlebnisweltlichen. Zu den gelungenen Beispielen einer eher introvertierten Branche gehört die „Softwarescheune“ im oberpfälzischen ­Falkenberg. In der strukturschwachen Gegend am östlichen Rand Bayerns gründeten zwei Brüder im Jahr 1999 die IGZ, eine Firma für Logistiksoftware; als Unternehmenszentrale diente beiden damals die ausgebaute ­elterliche Scheune. Gut zehn Jahre später waren Auftragsvolumen und Belegschaft so gewachsen, dass ein Neubau unausweichlich wurde. Das beauftragte Büro Brückner & Brückner aus dem nahen Tirschenreuth entwarf ein Gebäude, das mit seinem Sockel aus grob behauenem Granit und einer hölzernen Obergeschoss-Konstruktion an die regionaltypische Scheunenarchitektur anknüpft und hinter seiner wohlgestalteten Fassade höchst moderne, offene und kommunikative Arbeitsbereiche beherbergt. Nicht nur das Äußere des Gebäudes ist eine angenehme Überraschung; auch im Inneren herrscht dank der vorherrschenden warmen Holztöne und des gläsernen Dachaufbaus eine fast sakrale, bedächtige Atmosphäre. Ein IT-Unternehmen, das Global Players wie Boss oder Siemens zu seinem Kundenstamm zählt, verzichtet auf eine technoid-futuristische Ufo-Architektur und zieht stattdessen das Bodenständige vor, freilich in höchster Qualität bis ins letzte Detail. Das erzählt mehr von der Firma und ihrem Selbstverständnis als so mancher Werbeprospekt.

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Softwarescheune: Eine zeitgenössische Interpretation der regionaltypischen Agrararchitektur in Oberfranken

Natürlich ist es nicht jedem Unternehmen vergönnt, sich mit dieser Art von Architektur zu präsentieren. Doch selbst die gesichtslosen Kisten im Gewerbegebiet müssen keine hoffnungslosen Fälle sein. Wie der gestalterische Umgang mit einem Zweckbau für industrielle Fertigung, Lager und Verwaltung aussehen kann, zeigt ein schlichtes Projekt für einen Hersteller elektrotechnischer Systeme in Kerpen. Das Büro Michels (Köln/Berlin) entwarf für die Firma ELEQ mit Hauptsitz in den Niederlanden ein knapp 7.000 Quadratmeter großes Entwicklungs- und Produktionszentrum diesseits des Rheins.

 

Die Lage wurde mit Hinblick auf Expansionsmöglichkeiten gewählt, das straffe Raumprogramm garantiert kurze Wege und optimale Produktionsabläufe – und dennoch gönnte sich der Bauherr mit der Fassade etwas, das diesen kostenbewussten Pragmatismus auf spielerische Weise unterläuft: Das Haus ist kreuz und quer von Bändern aus leuchtendem Orange überzogen und sieht aus wie ein mit Kupferdraht umwickelter Transformator. Architektur trifft Elektrodynamik – dann vibrieren manchmal auch die Kisten.

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