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[ Schwerpunkt: Bewegung ]

Entwürfe im Sprint

Erst rannte Florian Schwarthoff als Hürdenläufer durch Stadien, später plante er sie als Architekt

Leichtathletik-WM: Schwarthoff qualifiziert sich
Am Start: Als Sportler und Architekt weiß Florian Schwarthoff, dass es in beiden Disziplinen auf Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen ankommt, wenn man Erfolg haben will.

Text: Roland Stimpel

Florian Schwarthoff sprintet länger, als er denken kann. „Meine Eltern haben erzählt, ich sei schon beim Laufenlernen gleich losgerannt“, erzählt der heute 46-Jährige. Mit zwölf ging er in den Leichtathletik-Verein. Bald war er Zehnkämpfer, dann als Weitspringer deutscher Jugendmeister, schließlich Hürdenläu- fer – passend für einen 2,01 Meter großen, schlanken Menschen. Im Alter von 19 gewann er die erste von zwölf deutschen Meisterschaften im 110-Meter-Lauf. Zugleich nahm er die Abitur-Hürde. Ein Sportstudium hätte nahe gelegen. „Aber ich wollte nie Trainer oder Sportlehrer werden. Als Golfspieler ginge das vielleicht, weil man da noch mit 50 problemlos die volle Leistung bringen kann. Aber nicht als Leichtathlet.“ Also wurde Schwarthoff Architekt, aus einem einfachen Grund: „Das war mein Stiefvater schon; er hatte ein kleines Büro im Elternhaus.“ Das klingt leidenschaftslos, aber was Schwarthoff macht, das macht er engagiert und zielstrebig.

Zwischen Olympia und Hörsaal

Er schrieb sich in Darmstadt ein – weniger wegen des Rufs der Uni, mehr wegen der Nähe zu einem Trainer in Heppenheim und zum Bundesleistungszentrum für Leichtathletik in Heidelberg. „Von da an hatte ich zwei Vollzeit-Beschäftigungen. Das Leben war extrem eingetaktet. Aber es war eine tolle Zeit. Nie hatte ich das Gefühl, ich müsse auf etwas verzichten.“ Schwarthoff pendelte zwischen Entwurfsseminar und Laufbahn. Seine Priorität war klar: „Vor Wettkämpfen musste das Studium hinten anstehen.“ Darmstadt war großzügig: „Die Fakultät hat das zum Glück sehr unterstützt. Bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften haben Professoren Termine für mich geschoben; für ein Vier-Wochen-Trainingslager mitten im Semester hatten sie Verständnis.“ An die Studienentwürfe ging er nach der Wettbewerbssaison. Er brauchte 16 Semester; dabei und danach wurde er dann zwölfmal deutscher Meister, Vize-Europameister und olympischer Bronzemedaillen-Gewinner 1996 in Atlanta. Auf seinen Reisen konnte er Sport und Studium verbinden: „Da habe ich die Orte viel bewusster angesehen. Es war grandios, mit 20 in Städte wie Seoul zu kommen oder nach Tokio. Das hat auch das Architektur-Bewusstsein gefördert.“ Sein Diplom machte er im Winter. „Das habe ich durchgezogen. Zweimal überlegen, dazu hatte ich keine Zeit. Schnell eine Entwurfsidee finden, sie abklopfen, dann durchziehen – das war es.“ Auch das kostete ein Opfer – diesmal auf der anderen Seite: „Die vier Wochen vor der Abgabe habe ich kaum noch trainiert.“ Sein erster Halbtagsjob nach dem Studium sei „auch eine Art Sponsoring“ gewesen – Sportförderung durch das Büro HWP Hauss, Walla und Partner in Heidelberg. Vor Olympia 2000 in Sydney war er nochmals „ein Jahr in die Sportwelt abgetaucht“, brachte es bis ins Finale und dort auf Rang sechs. Im Jahr darauf packte er den Beruf strikter an. „Nach der Saison wollte ich in einem namhaften Büro arbeiten.“ Er bewarb sich bei gmp in Berlin, wohin es ihn privat verschlagen hatte. „Das war ein sehr nettes Vorstellungsgespräch. Am Ende hieß es: Sie fangen dann bei uns an.“ Bei gmp hatte gerade die große Stadien-Zeit begonnen: zur Fußballweltmeisterschaft 2006 die Arenen in Berlin, Frankfurt und Köln, für die WM 2010 drei in Südafrika, dann zwei für die Europameisterschaft 2012 in Warschau und Kiew, schließlich vier für Brasilien in diesem Jahr. „Weil immer irgendwo Meisterschaften anstehen, gibt es im Stadionbau dauernd neue Aufträge.“

Nach dem Einstieg bei gmp bekam Schwarthoff zunächst mit dem Umbau in Frankfurt zu tun, und das war nicht nur angenehm: Die Fans sollten näher an den Rasen; die Laufbahn musste raus. „Auf der war ich 1988 deutscher Meister geworden. Aber was soll man machen?“ Nur drei große Leichtathletik-Schauplätze gibt es in Deutschland heute noch, in Berlin, München und Nürnberg. Seine Sporterfahrung kam ihm beim gmp doppelt zugute. „Olympia-Qualifikation oder Wettbewerbsabgabe, da gibt es definitiv Parallelen, ob bei Zielstrebigkeit oder Selbstorganisation. Was ich beim Sport gelernt hab, hilft mir auch im Beruf.“ Ein zweiter Punkt: „Wenn man Leistungssportler war, hat man gegenüber Bauherren-Vertretern eine viel höhere Glaubwürdigkeit.“ In Dubai sollte mal ein Aufwärmplatz weit vom Stadion entfernt angelegt werden. Schwarthoff schaffte es, ihn unter die Tribüne zu bekommen. (Das Stadion wurde allerdings wegen der Finanzkrise nicht gebaut.)

Die größten Herausforderungen erlebte er in Brasilien. „Da war ich ein halbes Jahr vor Ort, um Projekte anzuschieben und für uns eine Infrastruktur aufzubauen. Das Land ist gar nicht auf Unternehmen aus dem Ausland eingestellt. Es ging erst besser, als wir dann gmp do Brasil gründeten.“

Nebenbei betrieb er Sport-Organisation, war Direktor des Berliner Leichtathletik-Turniers Istaf und Athleten-Vertreter im Präsidium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. „Später war das leider mit der beruflichen Belastung nicht mehr ver­einbar.“ Inzwischen arbeitet Schwarthoff als Prokurist bei der Erlanger Firma Mauss Bau, die oft als Generalunternehmerin ­tätig ist. „Ich finde es reizvoll, das Thema Architektur auch von der Ausführung her zu beleuchten. Es hilft ihr letztlich, wenn ich mich in beide Welten hineindenken kann.“ Der Sport ist Nebensache geworden, aber eine angenehme: „Ich versuche noch dreimal in der Woche in Bewegung zu kommen. Es ist meine liebste Freizeit­beschäftigung.“

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