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[ Schwerpunkt: Netze ]

Gemeinsame Spitze

Architekten-Netzwerke können von zahlreichen Synergieeffekten profitieren – aber nur, wenn die Mitglieder konsequent daran arbeiten und konkurrenzlos denken

Foto: Q5
Konsequente Kooperation: Die Planer Richard Kröff, Till Hölscher, Martin Schraub, Rainer Kutzner und Volker Schultze-Naumburg (v.l.) vom Netzwerk Q5 haben ihre Büros im Südosten Bayerns und unterstützen sich gegenseitig. (Foto: Q5)

Text: Nils Hille

Kleines Büro + großer Auftrag = sehr große Herausforderung. Auf dieses Rechnungsergebnis wären wohl die meisten Planer gekommen, die in überschaubaren Strukturen arbeiten. Auch Martin Schaub stand vor dieser Aufgabe: Er durfte einen Altbau zum Passivhaus umbauen. Ein schöner Job, doch im Büro des Architekten aus Rosenheim sitzt fest nur einer – er selbst. Dazu kommen, je nach Bedarf, zwar bis zu vier freie Mitarbeiter, aber die mussten sich ja schon um das reguläre Geschäft kümmern. Und trotzdem kam Schaub bei seiner Rechnung zu einem positiven Ergebnis: Hinter dem Gleichheitszeichen stand bei ihm schnell „kein Problem“. Ein paar kurze Telefonate – und schon hatte er alles geklärt. Ein Kollege aus der Region, der gerade etwas Luft hatte, übernahm die Leistungsphasen 6 bis 8. Ein anderer Planer führte die Blower-Door-Messungen für ihn durch. Bei dieser Arbeitsteilung hatte Schaub zudem noch ein sicheres Gefühl, dass alles genau so ablaufen würde, wie er sich das vorgestellt hatte.

Diese Flexibilität und Sicherheit in solchen Situationen gibt ihm Q5 – das Architekten-Netzwerk in Südostbayern, dessen Teil er und seine beiden Kollegen sind. Mit einem weiteren Architekten und einem Ingenieur sind sie zusammen fünf Mitglieder, die Q5 vor zehn Jahren gegründet haben. Von der damaligen Idee ist Schaub bis heute begeistert. Das Netzwerk bringe ihnen allen nur Vorteile: „Wir tauschen zum Beispiel immer mal wieder unsere freien Mitarbeiter aus, um die Auftragsspitzen und -tiefs abzufangen. So müssen wir in Hochzeiten nicht am Wochenende arbeiten brauchen in den ruhigen Phasen keine Angst zu haben, dass die Personalkosten unser Budget übersteigen.“ Neben der optimalen Verteilung von Arbeitskapazitäten steht für ihn vor allem der Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt des Netzwerks. Dafür treffen sich die Mitglieder einmal im Monat. Organisiert wird dies vom sogenannten QP, dem Quartalspräsidenten, der sich reihum jeweils für drei Monate um die Organisation von Q5 kümmert. Die ständigen Aufgaben haben die fünf dagegen fest verteilt. So kümmert sich Schaub um Presseanfragen, unterstützt von einer freien PR-Referentin, die für Texte und Bilder sorgt. „Einer allein könnte sich solch eine Öffentlichkeitsarbeit gar nicht leisten, weder finanziell noch zeitlich. Durch das Netzwerk muss aber jeder nur 20 Prozent der Kosten tragen. Das ist gut machbar“, erklärt der Architekt.

Grafik: corps
Nah beeinander: Standorte der Büros des Netzwerks Q5 (Grafik: corps)

Von der PR-Wirkung profitieren alle. Selbst in Artikeln, die eigentlich nur von Projekten eines der Büros handeln, erwähnen Journalisten auch gerne das Netzwerk. Daher ist Q5 im Umkreis mittlerweile bekannt. „Wir wollten nach außen eine gemeinsame Plattform schaffen. Das haben wir auch dank unserer Internetseite geschafft“, sagt Schaub. Potenzielle Bauherren fragen gerne bei ihm und seinen Kollegen an, weil sie das gemeinsame Engagement als gutes Zeichen werten und erkennen, dass der von ihnen gewählte Architekt in kniffligen Situationen auch auf das Wissen der vier Kollegen zurückgreifen kann. „Der Bauherr bekommt fünffache Kompetenz ohne Zusatzkosten“, beschreibt es Schaub Marketing-wirksam. Auch mit den Handwerkern klappe die Zusammenarbeit besonders gut, seitdem sich die Existenz des Netzwerks herumgesprochen habe: „Sie merken, dass wir zusammenstehen, und sie wissen, dass unsere Qualität und unser Anspruchsniveau stimmig sind. Wenn sie bei einem von uns einen guten Job machen, können sie auch von bis zu vier anderen beauftragt werden.“

Von Mitbewerbern zu Verbündeten

Die fünf Planer hatten keine Angst, dass sie sich gegenseitig Aufträge abluchsen – obwohl sie alle aus derselben Region kommen und für eine ganzheitliche Planung unter Berücksichtigung von baubiologischen und ökologischen Erkenntnissen stehen. „Das übliche Denken, dass andere Architekten vor allem Konkurrenz sind, haben wir schnell über Bord geworfen. Wir haben uns stattdessen von Mitbewerbern zu Verbündeten entwickelt“, sagt Schaub. Klar hätten sie auch mal regionale Überschneidungen bei Aufträgen gehabt, aber damit würden sie entspannt umgehen. Der Planer wundert sich vielmehr darüber, dass so wenige Kollegen in seinem Berufsstand kooperieren. Für Q5 zähle schließlich das Motto „Gemeinsam sind wir stark“. Das nutzen sie auch im Umgang mit der Industrie. „Wenn sich jedes Büro für sich eine CAD-Software gesucht hätte, hätten wir wenig am Preis bewegen können. Zu fünft hatten wir aber eine ganz andere Position gegenüber den Herstellern. Das hat sich ausgezahlt.“

Auszahlen sollen sich auch ihre neusten gemeinsamen Entscheidungen. Für dieses Jahr haben sie sich auf ihrem Grundsatztreffen im Januar weitere Ziele für Q5 gesetzt: Sie wollen die interne Kommunikation stärken, um sich noch konsequenter auf denselben Wissensstand zu bringen. „Selbst wenn mal was passiert, haben wir so den perfekten Rückhalt“, sagt Schaub. Und sie wollen ihre Fotografen häufiger gemeinsam nutzen – auch hier ließen sich so noch bessere Preise erzielen.

Messeauftritt möglich machen

Überregional agiert das Netzwerk von Passivhaus-Architekten „greenX“. Die 15 beteiligten Büros sind zwischen Gießen in Hessen, Markdorf nahe dem Bodensee und Weiden in der Oberpfalz ansässig. Es besteht seit acht Jahren; wie bei Q5 war die gemeinsame Finanzierung der für Einzelne zu aufwendigen Öffentlichkeitsarbeit ein Motiv bei der Gründung. Regelmäßig gehen sie zusammen auf Messen und bauen ihren eigenen Stand auf. Architekt Rainer Graf aus Gomaringen bei Tübingen, erster Vorsitzender des eingetragenen Vereins, erklärt: „Die Standmieten sind hoch. Das könnte niemand allein stemmen.“ Muss er dank greenX auch nicht – zu Beginn waren zehn, mittlerweile sind nun 15 wirtschaftlich unabhängige Büros an 16 Standorten beteiligt, die sich solche Kosten teilen.

Das Netzwerk sieht zwar keine Maximalgröße vor, will aber überschaubar bleiben: „Die Büros müssen schon Erfahrungen im energieeffizienten Planen und Bauen aufweisen können“, sagt Graf. Und sie müssen bereit sein, die Aufnahmegebühr von 2.500 Euro sowie die jährlich anfallenden Kosten zu bezahlen. Anders als bei Q5 gibt es bei greenX eine Art Bannmeile um die einzelnen Büros, wie Graf berichtet: „Der Mindestabstand ist so groß, dass jeder seinen eigenen Bereich hat und wir uns im Lokalen nicht in die Quere kommen, wir uns aber trotzdem schnell zum Austausch treffen können.“ Das machen die Mitglieder von greenX regelmäßig: Sie vermitteln sich gegenseitig Erfahrungen, bilden sich fachlich weiter und besuchen einschlägige Veranstaltungen. „Und wenn wir dann noch einmal im Jahr ein ganzes Wochenende gemeinsam verbringen wollen, kommt schon einiges an Organisation auf mich zu“, so der Vereinsvorsitzende Graf, der im Hauptjob seit 1998 ein Büro mit vier Mitarbeitern leitet und zudem regelmäßig als Referent zum Thema Passivhaus Vorträge hält.

Doch trotz der Mehrarbeit überwiegen auch für ihn die Vorteile eines solchen Architekten-Netzwerkes. Besonders der Wissens- und Erfahrungsaustausch begeistert Graf: „Irgendeines unserer Büros ist eigentlich immer gerade an einem Modellprojekt im energieeffizienten Bauen beteiligt. Durch die interne Berichterstattung sind wir dann immer alle auf dem neusten Stand der Technik.“ Spezielle Fragen in ihrer alltäglichen Arbeit klären die Mitglieder unbürokratisch per kurzer Rund-Mail. Nach ein bis zwei Stunden hatte Graf dabei bisher immer eine hilfreiche Antwort zurückbekommen: „Wie tauschen uns fair und ehrlich aus. Das geht unter Planern sonst nicht immer, weil einige von ihnen direkt Konkurrenz wittern.“

Grafik: corps
Weit verbreitet: Büros an 16 Standorten sind an dem Netzwerk greenX beteiligt.(Grafik: corps)

GreenX-Mitglieder wittern wie die Kollegen von Q5 eher ihre Chancen. So geben sie der Bauindustrie die Möglichkeit, Teil des Netzwerks zu werden – allerdings nur als stille Mitglieder. Alle Entscheidungen über das Netzwerk treffen die Architekten allein. Das gilt auch dafür, welche Produkte sie ihren Bauherren empfehlen. „Die Industrie darf uns zwar ihre Ware vorstellen, sodass wir die neusten Entwicklungen aus erster Hand bekommen. Aber selbstverständlich gibt es keine Verflechtungen mit ihr oder gar Verpflichtungen, dass wir die Produkte verwenden“, so Graf. Und wenn, dann nur Verpflichtungen vonseiten der Hersteller: Gebe es mal Probleme zum Beispiel mit einer Lüftungsanlage, hätten die Netzwerk-Architekten den direkten Kontakt zum Firmenvertreter. Und der bemühe sich in der Regel sehr schnell um eine Lösung, schließlich hingen gleich fünfzehn potenzielle Geschäftspartner mit ihren Kunden daran. „Ein schneller Service im Problemfall steigert dann wiederum die Bauherrenzufriedenheit, die uns am Herzen liegt“, so Graf.

Und auch unter den Mitgliedern sei die Zufriedenheit über den Zusammenhalt groß. Mehrere Büros haben sich gemeinsam an Wettbewerben beteiligt und erst vor Kurzem zwei gewonnen. Sollten diese oder andere Projekte realisiert werden, teilen die Netzwerkpartner die Jobs fair untereinander auf.

 

Nicht nur Erfolgsgeschichten

Noch keinen gemeinsamen Job hat ein Netzwerk aus Norddeutschland, das seinen Namen nicht publiziert wissen will. Motiviert und engagiert haben die Inhaber von acht Büros vor ein paar Jahren ihr Netzwerk gegründet und sich zwei Dutzend Mal getroffen. Sie gestalteten eine Image-Broschüre, eine Homepage und spezielle Visitenkarten. Ihr Sprecher: „So konnten wir gemeinsam nach außen auftreten und haben das auch getan.“ Sie hofften dadurch auf größere Aufträge, die sie gemeinsam angehen wollten. „Doch es kam bisher nur zu punktueller Zusammenarbeit, die genauso auch ohne das Netzwerk stattgefunden hätte.“

Woran das liegt, stellt die Mitglieder vor ein Rätsel: „Wir haben eine Fehleranalyse durchgeführt, sind aber nicht wirklich zu einem Ergebnis gekommen“, gibt der Sprecher zu. Die meisten von ihnen haben Schwerpunkte, die sich eigentlich gegenseitig gut ergänzen würden. Doch der Großteil der Aufträge komme durch persönliche Kontakte der jeweiligen Büroinhaber zustande. „Und wenn man solche Kontakte hat, dann müsste es schon eine klare Win-win-Situation geben, dass man sie freiwillig teilt und nicht selbst alles macht. Denn wofür soll ich jemanden anderes hinzuziehen und den Auftrag teilen, wenn ich ihn allein stemmen kann?“ Gerade diese Sichtweise, verbunden mit einer nur mäßigen Auftragslage in der Region, lässt offenbar den Netzwerk-Keim bisher nicht austreiben. Wären die personellen Kapazitäten eines Büros für einen größeren Auftrag jedoch zu gering, „dann könnte unsere gemeinsame Tatkraft zutage kommen“.

Die acht Norddeutschen wollen daher ihr Netzwerk als flexible Konstruktion aufrechterhalten: „So ein Gebilde, das sich schnell aktivieren lässt, im Rücken zu haben, verschafft uns allen eine stärkende und beruhigende Position zugleich. Was gibt es Angenehmeres?“

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