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[ Hochwasser ]

Nichts wie weg mit dem Zeug

Dem sächsischen Architekten Wolfram Thürigen geht das jüngste -Hochwasser an die Existenzgrundlage

Foto: R. Stimpel
Ü̈berreste eines Architekturbüros: Einige Geräte konnte Wolfram Thürigen beim Juni-Hochwasser nicht mehr aus seinem Büro tragen. Die geretteten Computer stahlen bald darauf Einbrecher.

Text: Roland Stimpel

Während die Mulde über die Ufermauern floss und Wolfram Thürigen in Gummistiefeln sein Büro ausräumte, kam eine neue Warnung: Um 40 Zentimeter werde der Pegel noch steigen. Das beruhigte den Architekten im sächsischen Döbeln: Bei der Flut vor elf Jahren war das Wasser bis in den ersten Stock geschwappt; diesmal würde ein Großteil seines Inventars im Erdgeschoss trocken bleiben.

Doch am 3. Juni 2013 wurden aus den 40 Zentimetern 1,40 Meter. Zum zweiten Mal in elf Jahren war Thürigens Büro zerstört: die Wände bis auf Kopfhöhe durchfeuchtet und voller Fäkalwasser-Flecken, alle Papiere in den unteren Regalen zu welligen Klumpen vermatscht, Bildschirme und Plotter, Drucker und Staubsauger nur noch schmuddeliger, schmieriger Elektroschrott.

Für das, was er retten konnte, fand er rasch ein Ersatzbüro. Es liegt 500 Meter vom Flussarm mit dem makabren Namen „Flutmulde“ weg, aber auch hier riecht es im Hochparterre muffig. „Das ist noch vom Hochwassser 2002“, erklärt Thürigen. „Seit damals haben die Räume leer gestanden. Jetzt bin ich selbst über sowas froh.“ Leidlich froh war er aber nur in den ersten zwei Wochen nach der Flut. Dann kamen nachts Einbrecher in das schlecht gesicherte Ersatzbüro und stahlen seine geretteten Computer. „Das war der Gau. In der Flut hatte ich schon alle Papiere verloren, die ich nicht mehr aus dem Büro tragen konnte. Jetzt bin ich auch noch alle Software, alle Pläne und Zeichnungen von aktuellen Projekten los.“ Und nach dem beruflichen Gau kam der private: Sein Privathaus, das hochwassersicher am Döbelner Hang steht, soff bei einem starken Regen ab. „Nicht mal Bilder und Videos von meinen Kindern habe ich jetzt noch.“

Wohl keinen anderen Architekten haben die Fluten und ihre Folgen so getroffen wie Wolfram Thürigen. Ausgerechnet das droht ihn zu ruinieren, was er vor 15 Jahren für seine Sicherheit tat: Er kaufte einen Altbau an der Staupitzstraße, hoch über dem Graben der Mulde. Ein paar Häuser weiter zeigt eine Tafel die historischen Flutpegel: Das letzte ernsthafte Hochwasser war 1897 gewesen; das 20. Jahrhundert hatte auf eine „Jahrhundertflut“ glatt verzichtet. Unten in seinem Haus etablierte Thürigen das Architekturbüro, das er gleich nach dem Mauerfall gegründet hatte. Und später sollte das Haus seine Rente sein.

2002 kam das Wasser über Nacht. „Es gab keine Vorwarnzeit. Am Morgen war alles weg.“ Die Mulde ergoss sich bis in den ersten Stock, hoch über den Pegel von 1897. Thürigens Büro im Erdgeschoss soff komplett ab. Auf 230.000 Euro beziffert er seinen Schaden: alle Räume, Möbel, eigene Geräte, die Kosten fürs Labor, das seine Daten von den verschlammten Festplatten barg, und obendrauf den Arbeitsausfall seines Sieben-Leute-Büros.

Zwar gab es damals reichlich Hilfe. 80 Prozent des Wiederbeschaffungswerts gab der Staat – aber nur dem, der die restlichen 20 Prozent selbst stellte. „Das müssen Sie erst mal haben, wenn Sie nichts haben. Ich habe es nicht ausschöpfen können.“ Thürigen musste zwei Leute entlassen, obwohl er in der Folgezeit gut zu tun hatte – mit dem Beheben von Schäden ebenso wie mit ihrer Analyse, auf die er als Sachverständiger spezialisiert ist. Das eigene Büro machte er flutsicherer mit Fliesenboden, Stahlregalen und Stühlen ohne Hohlräume. „Darin fängt es nämlich fürchterlich an zu stinken, auch wenn äußerlich alles trocken scheint.“ Elektroleitungen verlegte er vom Boden in die Decke. „Dafür hätte ich beinahe keine Förderung bekommen, da ich die Leitungen nicht wieder genauso herrichtete, wie sie vor der Flut gelegen hatten.“ Auf flutfeste Türen und Fenster verzichtete er. „30.000 Euro, das war nicht darstellbar.“

Zwischendurch gab es hässliche Überraschungen. Dreiste Bauherren antworteten auf Rechnungen von ihm: „Zeigen Sie erst mal den Vertrag.“ Natürlich wussten sie, dass der längst zu Papiermatsch zerfasert war. Die Elektronik-Versicherung zahlte, aber nur für seine eigenen Geräte. Für die kaputte geleaste Technik musste er noch drei Jahre Gebühren entrichten. Seine Bank stundete ihm erst großzügig die Sechs-Monats-Kredite, stellte dann aber alle auf einmal fällig. All das überstand Thürigen. Aber bald darauf waren die Flutschäden beseitigt, und Döbelns potenzielle Bauherren hatten kein Geld mehr für Neu- und Umbauten. „2004 hätte ich schon beinahe dichtmachen müssen.“

Foto: R. Stimpel
Flutopfer vor Flutmauer: Wolfram Thürigen muss seinen Bürostandort an der Mulde in Döbeln behalten – ob er will oder nicht.

Später lief es wieder einigermaßen. Als in diesem Jahr am 2. Juni die erste Flutwarnung kam, fuhr Thürigen mit dem Kombi in den Hof und versuchte alles Bodennahe zu retten. „Diesmal haben wir mehr bewahrt als damals; der Schaden liegt nur bei 120.000 Euro. Aber wir konnten längst nicht alle Mappen und Ordner aus elf Jahren herausschleppen.“ Im Vertrauen auf die 40-Zentimeter-Prognose wuchtete Thürigen so viel, wie ging, nach oben auf die Regale – wohin das Wasser dann folgte. „Meine ganze Sammlung von Bauschadensfällen ist zum Beispiel vernichtet, ebenso die Literatur zur Wertermittlung.“ Auch bei der Hardware konzentrierte er sich aufs Wichtigste. „Laptop, Kamera und Messgeräte waren zuerst draußen.“ Daran bedienten sich später die Einbrecher. Als das Wasser abgeflossen war, fing das Aufräumen an. Dabei erfuhr Thürigen viel spontane Unterstützung: „Einer kam einfach mit seinem Radlader auf den Hof gefahren und hat Dreck mitgenommen. Zeitweise haben 16 oder 17 Leute geholfen. Ein paar sind extra aus Dresden gekommen.“

Wenigstens hatte er diesmal faire Kunden: „Die Wohnungsbaugesellschaft hat mir angeboten, mit einem Projekt einen oder zwei Monate später anzufangen. Das rechne ich denen hoch an.“ Ein bisschen Geld als Nothilfe bekam er von Freunden und Kollegen, vom Lions Club, von der Stadt und aus der Sammlung der sächsischen Architektenkammer. Jetzt gibt es ein Hilfsprogramm, das Gewerbetreibenden die Hälfte der Verluste erstatten soll. „Schnell und unbürokratisch soll es sein. Aber bisher ist kaum etwas angekommen.“ Und was kommt, hilft auch nur bedingt: „Für die anderen 50 Prozent brauche ich die Aussage der Hausbank, dass ich das wirtschaftlich darstellen kann.“ Das kann er eher nicht, zumal es noch keine Flut-Konjunktur gibt. „Selbst wo man planen könnte, kann man nichts ausführen. Die Baufirmen hier sind alle mit Notmaßnahmen beschäftigt. Die lachen sich krumm, wenn man sie um ein Angebot in einer Ausschreibung bittet.“

Dazu kommt das Fehlen von Arbeitsmitteln. „Ich wäre ja schon froh, wenn ich ausgestattet wäre wie damals als Student: mit ein paar Tischen, Stühlen und einem Zeichenbrett. Dann könnte man wenigstens schon mal loslegen.“ Arbeit hat er irgendwie genug, auch wenn sie nichts einbringt: „Zehn Stunden am Tag bin ich gut beschäftigt“ – mehr mit Schadensfolgen als mit produktiver neuer Arbeit. „Jetzt soll ich den Wert der Möbel nachweisen. Und mein Steuerberater soll das gegenzeichnen, warum auch immer.“ Oder er klingelt beim Softwarehändler durch und bettelt, ob er ihm nicht ein Programm zum Studentenpreis überlassen könnte. Gern würde er ein neues Büro irgendwo einrichten, wo kein Hochwasser hinkommen kann. „Aber ich muss zurück in die Staupitzstraße. Anderswo müsste ich Miete zahlen, andere Mieter für mein Haus finde ich nicht.“ Und Käufer? Thürigen kennt als Mitglied des Grundstückswert-Gutachterausschusses den lokalen Immobilienmarkt genau: „Es ist nicht so, dass betroffene Häuser als Schnäppchen gekauft würden. Sie werden überhaupt nicht gekauft.“

Wenn er Glück hat, gibt die Mulde nach zwei Jahrhundertfluten innerhalb von elf Jahren erst mal Ruhe. Und wenn nicht? Auf Wasserspeicher oben im Erzgebirge oder hohe Mauern gibt Thürigen wenig. „Man muss damit leben, dass es wieder passieren kann.“ Also macht er sein altes Büro noch wasserfester als nach der letzten Flut. „Ich verzichte, soweit es geht, auf Trockenbau. Ich will ein fast papierloses Büro, scanne alle Daten und nehme sie täglich mit heim. Sobald ich wieder Geld habe, miete ich eine Garage und kaufe fürs Auto einen Anhänger. Und wenn das Wasser wieder kommt, dann nichts wie weg mit dem Zeug.“

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