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[ Schwerpunkt Generationen ]

Zukunftsthema für Zukunftsplaner

Altersgerechtes Bauen ist als Thema auch in den Hochschulen angekommen. An einem Studentenwettbewerb nehmen Fakultäten aller planerischen Fachrichtungen teil – aus ganz unterschiedlichen Gründen und mit vielen Ideen

Junge Konzepte: Ab dem Wintersemester arbeiten die Studenten an ihren Beiträgen für den Wettbewerb, wie hier an der TU Dortmund (erstes Bild). An der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gab es schon erste vorbereitende Workshops.

Text: Nils Hille

„Gerade die jungen Studierenden, die heute noch nicht daran denken, müssen das Thema von morgen begreifen“, sagt Professorin Birgit Schmidt von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Die lehrende Landschaftsarchitektin spricht von altersgerechtem Bauen. Sie möchte, dass ihre Studenten der Schwerpunkte Stadtplanung und Freiraumplanung dazu einen direkten Bezug bekommen: „Wir müssen den Lernenden ihre spätere Verantwortung als Planer in diesem gesellschaftlich sehr relevanten Handlungsfeld vermitteln.“ Da kam für sie und ihre Kollegin, Professorin Uta Stock-Gruber, eine Wettbewerbs­einladung Ende vergangenen Jahres gerade recht. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend forderte in Zusammenarbeit mit der Bundesarchitektenkammer und der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen sämtliche Hochschulen mit Studiengängen im Bereich Planung zur Teilnahme an der Ausschreibung „Altersgerechtes Bauen und Wohnen – barrierefrei, quartierbezogen, integrativ“ auf. Die Rückmeldungen unterstreichen die Relevanz des Themas: Neben den Weihenstephanern haben sich noch 17 weitere Hochschulen beworben; alle wurden zum Wettbewerb zugelassen.

Stock-Gruber und Schmidt leiten zwei Projekte für ihre Studierenden im siebten Semester – für jede der beiden Vertiefungsrichtungen eines. Die 40 Hochschüler mit Schwerpunkt Freiraumplanung erarbeiten ein Konzept für ein dörfliches Ensemble in einer strukturschwachen Region. Die Vertiefungsrichtung Stadtplanung mit rund 20 Lernenden beschäftigt sich mit generationsübergreifenden Wohnmodellen für ein Einfamilienhausgebiet in der Peripherie einer Metropole. Probleme, konkrete Beispiele zu finden, haben die Professorinnen nicht. Ganz im Gegenteil. „Die Themen spielen in allen Regionen Deutschlands eine Rolle“, sagt Schmidt. Im kommenden Wintersemester steht die konkrete Entwicklung von Lösungen an. Vorbereitende Workshops sind schon im März gelaufen. „Wir haben die Studierenden bei der Erarbeitung der Aufgabenstellung mit in den Prozess integriert“, erklärt Schmidt. Diese Möglichkeit, einen typischen Wettbewerbsablauf zu trainieren, ist ein weiterer Grund für ihre Teilnahme.

Vom Seminarraum in die Praxis: Der Wettbewerb ist nah am Planeralltag.

Keine Ausbildung im Elfenbeinturm

Auch Professorin Uta Pottgiesser von der Hochschule Ostwestfalen-Lippe sieht es als Vorteil, dass die Studenten dieses Akquisetool für Planer kennenlernen können: „Wir sind sehr an einer praxisnahen Lehre interessiert. Bei dem Wettbewerb schaut eine Jury von außen auf die Arbeiten. Das ist ein spannender, formal stärkerer Rahmen als sonst.“ Zudem ermögliche die Einreichung ihr und ihren Kollegen, zu sehen, wo sie im Vergleich zu anderen Hochschulen stehen.

Die Dozentin der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur möchte ihren Studenten die aktuellen Themen wie Bauen im Bestand, energetisches Sanieren und eben altersgerechtes Bauen nahebringen. „Wir wollen aus ihnen Lotsen machen, die die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer erfassen und in ihrer planerischen Arbeit umsetzen. Dazu trägt der Wettbewerb sicher ein Stück bei“, sagt Pottgiesser. Für das altersgerechte Bauen sind die Studenten ihrer Ansicht nach auch schon von sich aus sensibilisiert. Oft sei dies durch deren privates Umfeld oder die Medien geschehen. Regelmäßig erreichen die Dozentin zudem Anfragen aus Einrichtungen wie Krankenhäusern und Seniorenwohnheimen, die sich Ideen und damit Lösungsansätze von den Hochschülern für altersgerechte Neu- und Umbauten wünschen. „Auch wenn wir diese meist ablehnen, sehen wir, wie groß die Nachfrage und der Handlungsbedarf in diesem Bereich sind“, so Uta Pottgiesser.

Von dem Wettbewerb erhofft sie sich noch mehr. Er soll dazu führen, dass die einzelnen Lehrgebiete enger zusammenarbeiten. „Die Interdisziplinarität ist eindeutig gewünscht und sinnvoll – bei der Ausschreibung, bei uns im Haus und in der späteren Berufspraxis“, erklärt Pottgiesser. Deswegen werden auch beide Projekte ihrer Hochschule in Gruppen aus Bachelor-Studenten der Fachdisziplinen Architektur, Innenarchitektur und Stadtplanung bearbeitet. Zum einen beschäftigen sie sich mit der barrierefreien Gestaltung eines Areals sowie denkmalgeschützter Häuser in der Brandenburger Gemeinde Kleinmachnow. Zum anderen suchen sie für die an einem Hang liegende nordrhein-westfälische Stadt Oerlinghausen nach Lösungen für Barrierefreiheit. Mit Beginn des neuen Semesters startet dann Anfang Oktober auch die Projektarbeit.

Junge Ideen für die alten Hasen

Zur gleichen Zeit machen sich rund 45 Studenten aus Dortmund an ihre Projekte für den Wettbewerb. Auch sie arbeiten interdisziplinär. Hier kommen zukünftige Raumplaner von der Technischen Universität Dortmund mit angehenden Architekten aus der örtlichen Fachhochschule zusammen. In ihren Arbeiten werden sie sich auf lokaler Ebene bewegen. Drei Dortmunder Quartiere haben sie zur Auswahl, bei denen konkreter Handlungsbedarf in der städtebaulichen und architektonischen Weiterentwicklung besteht. „Wir wollen nicht für den Papierkorb planen, sondern reale Lösungsansätze aufzeigen, die dann von der Architektenschaft aufgegriffen und weiterentwickelt werden können“, erklärt Reicher.

Das Leben kann ein Workshop sein – zumindest in der heißen Phase des Wettbewerbs.

Um dieses Ziel zu erreichen, kooperieren sie auch mit dem Mieterverein der Stadt sowie mit der Dortmunder Gesellschaft für Wohnen. Durch deren Mitarbeiter, die als externe Berater fungieren, lernen die Studenten einen praxisnahen Umgang mit solchen Aufgabenstellungen. „Sie diskutieren, welche Probleme es in den Quartieren gibt und was das für die Mieter und die Siedlung bedeutet“, sagt Reicher. Im Idealfall können die Lernenden am Ende die Frage beantworten, ob es für einzelne Siedlungstypen Gesetzmäßigkeiten und Lösungsmodelle gibt, die sie generalisieren und damit auf andere Städte übertragen können.

Dies könnte sich auch bei der Auswertung aller Arbeiten zeigen. Im Frühling nächsten Jahres müssen die Hochschulen ihre Wettbewerbsbeiträge einreichen. Mitte 2013 küren Bundesministerium, Bundesarchitektenkammer und ARGE e. V. dann die Besten. Die Professorinnen aus Nordrhein-Westfalen und Bayern würden sich über eine gute Platzierung freuen, nehmen den Wettbewerb aber sportlich. Dozentin Schmidt aus Weihenstephan sieht durch die vielfältigen Herangehensweisen an die Aufgabe des altersgerechten Bauens auch so schon einen Gewinn: „Hier werden wir Hochschulen voneinander profitieren und neue Ebenen der Zusammenarbeit entwickeln können. Das fördert das Thema und die praxisnahe Ausbildung der Planer von morgen.“

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