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[ Baukultur und Feste ]

„Zufälle im hüllenlosen Raum“

Ernst J. Fuchs, the next ENTERprise, über das Entwerfen mit den Jahreszeiten und jenseits von Gebäuden

Das nächste Spiel: Auch sich selbst inszenieren Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs gern.

Haben Sie als Kind „Raumschiff Enterprise“ geschaut?

Natürlich! Jeder wollte wissen, wie man sich in einem Raumschiff fortbewegt und auf unbekannte Sphären trifft. Genau aus dieser Zeit kommen wir. Die Serie hat bis heute Spuren hinterlassen: Es geht in unserer Arbeit um die Expedition, um das Entdecken, um die Suche nach neuen Räumen und nach Raum ganz allgemein.

Ihr Büro arbeitet nicht nur mit dem geschlossenen Raum, sondern auch mit dem Raum rundherum. Ist der Freiraum gleichberechtigt?

Wir unterscheiden nicht nach innen und außen, sondern nach Raum mit Hülle und Raum ohne Hülle. Beides ist gleichwertig, allerdings mit unterschiedlichen Qualitäten. Eine Klimahülle verändert lediglich die Nutzbarkeit. Im Idealfall treten beide Räume in einen Dialog. Ein Gebäude beginnt ja nicht erst mit dem Eingang und hört auch nicht mit der Gebäudehülle auf. Es hat zudem eine Aura, eine atmosphärische Umgebung. Das ist der spannendste und interessanteste Bereich überhaupt.

Ist das Planen eines hüllenlosen Raumes schwieriger?

Ja, definitiv. Leider wird der Freiraum als Planungsaufgabe in unseren Breiten marginalisiert. Ich denke, es scheitert einerseits am Willen der Beteiligten, andererseits an der Kompetenz der Planer. Freiraum zu gestalten, ist eine sehr komplexe Aufgabe. Eine Landschaft ist nie fertig. Sie wächst weiter. Man kann der Natur nur einen Weg anbieten. Der Rest entwickelt sich – mit der nötigen Pflege. Aus diesem Grund arbeiten wir in all unseren Projekten immer mit Landschaftsarchitekten zusammen. Gerade wenn es um Grünraumplanung, um Pflanzenzusammenstellung und um Koexistenz unterschiedlicher Spezies unter unterschiedlichen Bedingungen geht, müssen wir auf die Kompetenz anderer zurückgreifen.

Sie kooperieren ausschließlich mit dem Büro Land in Sicht.

Die Zusammenarbeit hat sich bewährt. Wir verstehen uns. Wir wissen, wie wir ticken.

Welche Faktoren beziehen Sie in die Planung eines hüllenlosen Raumes mit ein?

Topografie, Wetter, Wind, Temperatur, Haptik, Geräuschkulisse, natürlich auch Geruch. Das sind sehr wesentliche Dinge. Jeder Mensch ist mit einem Sensorium ausgestattet. In der Architektur werden die meisten Sinneswahrnehmungen unterschätzt. Es geht meistens nur um das Sehen. Essenzielle Wahrnehmungen wie Hören und Fühlen spielen nur eine Nebenrolle. Für uns sind diese Faktoren aber wesentlich. Es macht einen enormen Unterschied, ob ein Raum leise ist oder laut, ob er dumpf klingt oder hallt, ob man sich geborgen fühlt oder exponiert.

Im Gegensatz zum geschlossenen Raum kann der hüllenlose Raum nur in der warmen Jahreszeit genutzt werden.

Ein Irrglaube! Landschaft ist das ganze Jahr über da, nur leider wird die kalte Jahreszeit oft nicht bewusst in die Planung miteinbezogen. Die unterschiedlichen Qualitäten sind sehr spannend. Was blüht im Frühjahr? Was im Sommer? Was im Herbst? Und vor allem: Wie schaut der Winter aus? Was kann man zu welcher Jahreszeit an Qualitäten beitragen? Da kann man viel entdecken.

Sie sagten einmal: „Das Provozieren von Zufällen und dem Unvorhersehbaren ist unsere Strategie für die Raum- und Programmproduktion von Architektur.“ Was sagen die Bauherren dazu? Niemand will einen Zufall in Auftrag geben.

Anscheinend doch! Natürlich bedeutet das nicht, dass wir ausschließlich mit dem Zufall arbeiten. Aber einen gewissen Stellenwert wollen und müssen wir dem Unvorhersehbaren einräumen. In jeder Stadt, in jedem Gebäude, in jedem Raum gibt es Bereiche, die per se nicht planbar sind. Das bedeutet auch, dass wir den Benutzerinnen und Benutzern Angebote machen, sich den Raum anzueignen, denn erst in der Benutzung findet der Raum seine Funktion. Und manches kann nur durch Zufall entstehen. Erst der Zufall macht Raum und Materie lebendig.

Das Interview führte Wojciech Czaja.

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