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[ Baukultur und Feste ]

Kinderspiel

Am Tag der Architektur gibt es immer mehr Angebote für die Jüngsten

Meister von morgen: Im Münchener Büro Ottmann Architekten führt der Nachwuchs Regie. Peter Ottmann assistiert.

Text: Katharina Matzig

Leonard strahlt. Er ist fünf Jahre alt und vermutlich der Einzige im Kindergarten, der jetzt einen Wal aus rot eingefärbtem Beton im Zimmer stehen hat – selbst gegossen, versteht sich. „So ein schöner Nachmittag, endlich konnte ich mit meiner Enkelin einmal in Ruhe basteln!“ Die ältere Dame bedankt sich höflich bei der Architektin Rosa Felkner in Waltenhofen, die kopierte Pläne, Buntstifte, Cutter, Kleber und Pappen auf einem großen Tisch ausgebreitet hat, um den sich etwa zehn Kinder versammelt haben. Und Hannah kann ihr Glück kaum fassen: Das Foto, das sie von dem neuen Bahnhofsvorplatz gemacht hat, hat den ersten Preis im Wettbewerb gewonnen, an dem ihre Klasse teilgenommen hat. Die Grundschulkinder waren gut vorbereitet: An einem Projekttag hatte die Freisinger Landschaftsarchitektin Charlotte Reitsam, die den Platz entworfen hat, ihre Konzeption erläutert und mit den Schülerinnen und Schülern einen Brunnen aus Ton gestaltet. Hannahs Bild wird nun im Rathaus aufgehängt; der Preis, ein Aquarellkasten, wurde ihr vom Bürgermeister persönlich überreicht.

Der große Architekt hilft dem kleinen.

Den Tag der Architektur gibt es seit 1994. Doch es dauerte noch 13 Jahre, bis eine Kammer auf die Idee kam, den Begriff der „breiten Öffentlichkeit“ tatsächlich so weit zu öffnen, wie er gemeint ist: nämlich auch für Kinder und Jugendliche. 2007 wurden beim „Kindertag der Architektur“ der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen von drei Frankfurter Architekturbüros jeweils drei Stationen angeboten: eine Begrüßung und kurze Vorstellung der Arbeit eines Architekten in den eigenen Büroräumen, dann eine Besichtigung und – zurück im Büro – Zeit für die kreative Arbeit der Kinder. In einer Zeitung stand damals zu lesen: „Das Programm stieß bei den Kindern auf große Resonanz. Unbefangen, sehr interessiert und aufgeschlossen stellen sie sich dem Thema Architektur – und das ohne bestimmte Stilvorlieben.“
Vor vier Jahren begann dann auch die Bayerische Architektenkammer, ein spezielles Programm im Rahmen der Architektouren auszuarbeiten: die kinderArchitektouren. Betonwerken, Malen, Modellbauen, Fotografieren, Werkzeugkistenschreinern, Bauklötzestapeln, Holzschindelngestalten, Papierfliegerfalten, Kletterpflanzensetzen, Töpfern oder Geo-Caching sind seither ein fester Bestandteil des Architektouren-Wochenendes. Nach 10 Angeboten im Jahr 2009 sind es in diesem Jahr bereits 17 Aktionen, die Architekten in ganz Bayern anbieten. Die kinderArchitektouren haben ein eigenes Logo und sind selbstverständlich im Booklet verzeichnet. Organisiert und durchgeführt werden diese unterschiedlichen Workshops dabei von den Architekten, deren Bauten ausgewählt wurden; inhaltlich und finanziell werden sie dabei von der Kammer unterstützt. Die Kreativität der beteiligten Architekten und der Bauherren – vor allem Schulen und Kindertagesstätten erarbeiten gern einmal ein architekturbezogenes Kinderprogramm – ist dabei ebenso gefragt wie die der jungen Besucher, die die unterschiedlichen Aufgaben erfüllen.

Baumplaner: In Nürnberg betreibt Heidi Kief-Niederwöhrmeier Nachwuchs-Partizipa­tion am Modell.

Und das Angebot macht Schule: Die Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein bietet bereits zum dritten Mal Kinderworkshops zum Tag der Architektur an. Nachdem 2010 bei drei Workshops 23 Teilnehmer gezählt wurden und 2011 schon 53 Kinder an vier Programmen teilnahmen, sind es in diesem Jahr fünf Orte, an denen Kinder erwartet werden, um etwa eine „UrLaube“ im Piratenlager zu bauen oder ein Kinderschwimmbad zu entwerfen. Auch die Kammergruppe Heidelberg der Architektenkammer Baden-Württemberg lädt ein: zu einer Entdeckungsreise über eine der größten Baustellen Europas, den neuen Heidelberger Stadtteil „Bahnstadt“. Und in Aschersleben machen sich – betreut von der Architektenkammer Sachsen-Anhalt – die „Stadtdetektive“ auf den Weg, die IBA-Stadt von 2010 und ihre bauhistorischen Schätze einen Nachmittag lang genau unter die Lupe zu nehmen.

Gnadenlose junge Kritiker

Das alles kostet ein bisschen Geld und macht vor allem viel Arbeit. Kinder sind gnadenlose Kritiker; der Vorbereitungsbedarf bei den Architekten ist nicht zu unterschätzen – erst recht, wenn sie neben den Führungen für die Erwachsenen auch noch eine Parallelveranstaltung für Kinder organisieren. Aber oft helfen ihnen Bauherren, Künstler und Kollegen, die kein eigenes Projekt vorstellen. Dazu kommt der Nervenkitzel, ob und wie viele Kinder überhaupt teilnehmen. Denn nicht jedes Angebot wird so begeistert aufgenommen, wie wir Architekten das erwarten; statt der gewünschten 15 bis 20 Kinder können es bisweilen auch weniger als fünf sein, die mitmachen – aus welchen Gründen auch immer: sei es, weil das Stadtfest, das Fußballturnier oder die Geburtstagsparty attraktiver ist, oder weil es nicht so einfach ist, die Zielgruppe „Kinder und Jugendliche“ anzusprechen. Vielleicht aber auch einfach, weil die Architektur dann eben doch ein sperriges Thema ist, bei dem Eltern und Kinder nicht automatisch assoziieren, dass es viel Spaß macht, sich an einem Wochenende mit ihr zu beschäftigen. Denn ums Spaßhaben geht es natürlich auch bei den kinderArchitektouren und dem Kindertag der Architektur.

„Ein kompetenter Umgang mit Raum gehört zu den wesentlichen Merkmalen jeder Gesellschaft – schließlich verbringen Menschen fast das ganze Leben in gestalteter Umwelt“, weiß Lutz Heese, Präsident der Bayerischen Architektenkammer. „Raum beeinflusst das persönliche Wohlbefinden und das soziale Zusammenleben. Daher ist es wichtig, sich mit ihm zu beschäftigen. Die Architektouren haben sich seit Jahren diesem Ziel verschrieben und belegen mit den stetig steigenden Besucherzahlen auch, dass die Gelegenheit, sich kompetent geführt mit Architektur auseinanderzusetzen, gerne wahrgenommen wird. Kann es daher eine bessere Gelegenheit als den Tag der Architektur geben, sich auch an die jungen Mitglieder der Gesellschaft zu wenden und sie spielerisch für ein Thema zu begeistern, das sie ihr Leben lang begleiten wird? Ich denke, nicht.“ Und der Augsburger Architekt Stefan Schrammel weiß aus eigener Erfahrung: „Die Arbeit lohnt sich! Die Zeit ist gut angelegt. Angeregt durch den Blick eines Kindes, hinterfragt man die eigene Sichtweise.“ Und darum heißt es am 23. und 24. Juni zwischen Glückstadt und Gilching, zwischen Heidelberg, Hohwacht und Heilsbronn: Was Hänschen nicht lernt …

Katharina Matzig ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit  bei der Bayerischen Architektenkammer.

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