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[ Ausland statt Ruhestand ]

Als Pensionär in Panzhihua

Architekten und Planer im Ruhestand leisten als „Senior-Experten“ ehrenamtlich Entwicklungshilfe

Beraten in China: Bernd Cronjaeger im dynamischen Unruhe-Stand bei einem ­Projekt des Senior ­Experten Service.

Von Roland Stimpel
Als Stadtplaner in Berlin hatte Bernd Cronjaeger so ziemlich alles erlebt, was man in dem Beruf daheim erleben kann: Sanierung in Kreuzberg, Wettbewerbsmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Entwicklungsgebiete, Arbeit in Behörden, bei Firmen und auf eigene Faust. Im Rentenalter wollte er es noch einmal wissen und meldete sich beim „Senior Experten Service“ in Bonn. Sein erstes Engagement führte auf die Philippinen – in eine 33.000-Einwohner-Gemeinde namens La Libertad auf der Insel Lehte. Dort wollte die Bürgermeisterin Jocelyn Limkaichong den Ort entwickeln und suchte Fach-Expertise. Ihr Ziel: Die jungen Leute sollten eine Perspektive haben, damit ihnen der Weg in die Slums der Hauptstadt Manila erspart bleibe. Cronjaeger blieb sechs Wochen vor Ort, lebte in einer Betonhütte, fotografierte, zeichnete, kartierte und erstellte schließlich „einen kleinen Flächennutzungsplan“ unter dem Generalmotto „La Libertad ans Wasser!“, dazu mit einem Marktzentrum, einer Ufer- und Boulevard-Planung. Auch mit Bürgerbeteiligung experimentierte er und rief in den Schulen einen Malwettbewerb mit Ortsmotiven aus. 900 junge Leute beteiligten sich.

Im Jahr darauf ging er nach Panzhihua, eine Millionen-Metropole im Südwesten Chinas. Dort bat man ihn um Vorschläge, wie das örtliche Gewirr aus alter Schwer- und jüngerer Leichtindustrie, Wohngebieten und Brachen besser in den Griff zu bekommen und die Stadt nach dem absehbaren Ende der Schwerindustrie zu entwickeln sei. Cronjaeger zog mit der Kamera los, begleitet von einem chinesischen Assistenten. „Wann immer ich ein Foto machte, machte er genau das gleiche.“ Für einen gigantischen Stausee, an dem Bewohner aus den gefluteten Tälern jetzt als Arbeitslose lebten, entwickelte er die Grundzüge eines Tourismusprojekts.

Nächster Einsatzort war das zentralasiatische Kirgistan, eine frühere Sowjetrepublik. „Ein Land mit Stammessitten wie Afghanistan und korrupt bis zum Umfallen.“ Eine Familie lud ihn ein, die neben Apotheken, Restaurants und einer Immobiliengesellschaft auch ein kleines Architekturbüro betrieb, dem Cronjaeger Know-how vermitteln sollte. „Ein bisschen Analyse mithilfe von Google Earth habe ich dem Kollegen beigebracht. Und ihm gezeigt, dass er seine Bauelemente nicht unbedingt aus chinesischen Fertigteil-Katalogen bestellen muss.“ Der kirgisische Architekt hatte erst in Deutschland lernen wollen, aber kein Visum bekommen. Inzwischen lebt er in Kanada. „Die ganze Intelligenz geht aus dem Land weg, weil es keine Perspektiven gibt.“ Schließlich geriet Cronjaeger auch in Kirgistan an einen Stausee, diesmal am Rand des Pamir-Gebirges, und entwickelte auch hier ein Tourismuskonzept – wieder mit Google Earth: „Da konnte ich ihnen anhand von La Palma sowohl wildes Wuchern als auch gut geplante Siedlungen zeigen.“

Und bald kam er zum zweiten Mal auf die Philippinen, diesmal in die Hauptstadt Manila im Slumgebiet Baseco, wo 50.000 Menschen in planlos gebauten Hütten lebten. Das Gelände ist mit Müll aufgeschüttet und oft überflutet. Sechs Wochen machte Cronjaeger sich mit seinen Gastgebern Gedanken zur Sanierung. „Es ging um die Kartierung, um die Wasserversorgung – und darum, strategisch ein bisschen voran zu kommen“: An einer Stelle sollte mit dem Bau von schlichten, doch weit besseren Häusern als den selbstgebauten begonnen werden. In die neuen sollten die Bewohner aus den benachbarten Hütten ziehen. Der Slum wäre so nach und nach zu sanieren, doch die Bewohner könnten bleiben. „Da hat sich für mich ein Kreis geschlossen. Ich konnte anknüpfen an Strategien für Kreuzberg, an denen ich über 30 Jahre vorher mitgearbeitet hatte.“

Planen am Rohbau: Detlef Daumiller (links) bei einer Beratung in den Weiten der ­früheren Sowjetunion

Der erste Auftrag des Münchener Architekten Detlef Daumiller für den Senior Experten Service klang sehr deutsch: der Bau einer Sauerkrautfabrik. Entstehen sollte sie in Lettland. Daumiller flog mit einem Lebensmitteltechniker nach Riga, der früher bei der Firma Kühne gearbeitet hatte. Ein junges Ehepaar empfing sie in Gulbene, einem Städtchen im Nordosten des Landes. Dort in der Nähe liegt das einstige Rittergut eines deutschen Barons – „eine fantastische Architektur aus schwarz-gelb-roten Findlingen“, so der Architekt. Im 20. Jahrhundert war es Kolchose; jetzt sollte hier das Sauerkraut hergestellt werden. Zehn Tonnen im Jahr produzierte das Ehepaar schon in einem kleineren Gebäude; nun sollten es 100 Tonnen werden. Der Lebensmitteltechniker und Daumiller planten – „damit hatten sie endlich Unterlagen, die sie mit einem Förderantrag bei der EU einreichen konnten.“ Doch die beiden Deutschen machten auch eine Kalkulation für das Projekt und kamen auf 20 Millionen Euro. „Da war Schweigen auf der anderen Seite.“ Das Projekt starb – „doch sie haben uns noch ihre Autos zur Verfügung gestellt, damit wir die Gegend erkunden konnten“.

Seine nächste Reise führte nach Moldawien, den Kleinstaat zwischen Rumänien und der Ukraine. Ein Bauer wollte dort eine Halle zur Obstkühlung errichten – „und ich habe ihm ein Plänchen gezeichnet, wie er sie umbauen sollte“. Das stattliche Kapital von 40.000 Euro hatte er, scheiterte jedoch schließlich daran, dass er in dem von Energie- und Leitungsmangel geplagten Land keinen Stromanschluss bekam. Später besuchte ihn Daumiller noch einmal. „Jetzt produziert er in der Halle hölzerne Obststiegen – immerhin 50 Stück am Tag. „Ich gab ihm den Tipp, die Holzreste in der Hauptstadt Chisinau als Brennholz zu verkaufen. Er guckte mich an und sagte: Da hast du eigentlich recht.“

Als nächstes fand sich Daumiller in Sri Lanka wieder. Dort wurde er für die Bauleitung eines vom Tsunami zerstörten Hotels gebraucht. „Das Konzept war fertig, als ich kam. Jetzt ging es darum, die Dinge auf die Reihen zu bekommen und europäischen Standard umzusetzen.“ Daumiller war seiner Erinnerung nach „Mädchen für alles“, vom Treppenentwerfer bis zum Brunnenbauer. „Ich habe von früh um neun bis Mitternacht gearbeitet, und das sieben Tage in der Woche.“ Wochenlang gab es nur Reis mit Curry. „Da heißt es dann ‚Friss oder stirb‘.“ Am Ende des zweinmonatigen Aufenthalts kam seine Frau; für eine Woche fuhren Daumillers noch im Land herum. „Zu dem Hotelier habe ich heute noch Kontakt. Sein Geschäft hat sich außerordentlich erfreulich entwickelt.“ Schließlich ging er nochmals nach Moldawien. In Chisinau sollte ein medizinisches Simulationszentrum entstehen, in dem Ärzte, Sanitäter und Schwestern trainieren können. „Da habe ich das Raumprogramm mit den Ärzten abgecheckt, einen Entwurf 1 : 200 und eine große Kostenschätzung erstellt. Dann habe ich einen deutschen Architekten empfohlen, aber der war zu teuer.“ Ein örtlicher Kollege machte die Arbeit. „Ein paar Monate später war ich noch mal da und habe ihm ein bisschen die Hand geführt. Der Bau hat inzwischen begonnen.“

Wie wird man Senior-Experte?

Der Senior Experten Service (SES) ist eine Stiftung deutscher Wirtschafts-
verbände. Er vermittelt engagierte Ruheständler zu ehrenamtlichen Projekten in die ganze Welt – übrigens auch innerhalb Deutschlands. Häufig arbeiten sie in kleineren und mittleren Unternehmen. Die Einsätze dauern meist drei bis sechs Wochen; das Maximum ist ein halbes Jahr. Auch mehrfache Einsätze am selben Ort sind möglich. Mehr als 9.000 Fachleute aus über 50 Branchen haben sich dem SES seit seiner Gründung im Jahr1983 zur Verfügung gestellt. Voraussetzung ist „langjährige Erfahrung in einem technischen, handwerklichen, kaufmännischen, medizinischen oder sozialen Beruf“. Dazu zählen auch Architektur und Planung. Besonders gesucht sind Experten für Regional- und Tourismusentwicklung. Die Arbeit ist ehrenamtlich. Bezahlt wird der Flug; vor Ort werden Unterkunft, Essen und eine kleine Tagespauschale gestellt. Der SES organisiert die Reise und übernimmt auch die Betreuung und Versicherung seine Experten.

www.ses-bonn.de

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