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[ Gestaltungsbeiräte ]

Boom der Beiräte

Gestaltungsbeiräte bieten ein Musterbeispiel für die Übernahme öffentlicher Verantwortung durch Architekten. Ein besonderes Vorbild ist Regensburg

Modern neben Mittelalter: Der Umbau eines Wohn- und Geschäftshauses in Regensburg ist ein gutes Beispiel dafür, wie das gemeinsame Ringen um eine Lösung zum Segen für die Stadt wird, in der neben Historischem auch Platz für zeitgemäße Architektur sein soll.

Von Cornelia Dörries und Roland Stimpel

Der Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger staunte nicht schlecht, als ihm vor mehr als 13 Jahren der lokale Architekturkreis die Einrichtung eines Gestaltungsbeirates vorschlug. Ausgerechnet Architekten, die sich bekanntermaßen nur sehr ungern von Außenstehenden in die Planung hineinreden lassen, wollten freiwillig ein Expertengremium installieren, das Entwürfe begutachtet, diskutiert und Änderungen vorschlagen darf? Schaidinger war skeptisch. Brauchte man in Regensburg solch eine Kontrollinstanz? Schließlich gab es eine funktionierende Bauverwaltung. Und warum sollten sich die Kommunalpolitiker eine von allen lokalen und administrativen Verbindlichkeiten unabhängige Institution ins Haus holen? Nicht zuletzt ging es um eine entsprechende finanzielle Unterstützung aus der Stadtkasse. Doch nach einer Informationsreise zu den viel früher etablierten Beiräten in Linz und Salzburg war er überzeugt: Von einer unabhängigen, mit externen Fachleuten besetzten Beraterkommission würde auch Regensburg profitieren. Nach dem Vorbild von Linz wurde dann eine Geschäftsordnung entwickelt, und sämtliche politischen Gremien der Stadt versicherten nach deren Verabschiedung, die Entscheidungen des Beirates ernst zu nehmen. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte, die man sich längst auch jenseits der Grenzen der oberpfälzischen Stadt erzählt. Mehr als 200 Projekte wurden seither vom Gestaltungsbeirat betreut, weit über 100 davon sind den Empfehlungen entsprechend realisiert worden.

Das Nachher-Modell: Beim Um- und Neubau eines Hotels mit angeschlossenem Restaurant in Trier schlug der Beirat eine bessere Einbindung in die städtische Umgebung sowie ein optimiertes Raumprogramm mit neu gestalteten Innenhöfen vor.

Beiräte für Kunst, Baukunst oder Stadtbildpflege

Michael Frielinghaus, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten, bescheinigt Regensburg „eine Vorbildfunktion für das Wirken von Gestaltungsbeiräten“. Dem Vorbild folgen mehr und mehr Städte: Schon rund 70 haben ein ähnliches Gremium, weitere planen es. Allein in Südhessen diskutierten zuletzt Darmstadt, Rodgau und Wiesbaden darüber. Nebenan ist Mainz gerade gestartet, und schon titelt die „Immobilien-Zeitung“: „Planungsbeirat macht sich unbeliebt.“ Das galt einem geplanten ECE-Center und einer Massenunterkunft für 795 Studenten – der Beirat darf die Kritik als Kompliment nehmen.

Die Beiräte haben viele Namen: mal Gestaltungs- und mal Planungsbeirat, Gestaltungsforum und Baukollegium, Beirat für Baukunst, für Kunst oder Stadtbildpflege. Das meiste klingt nach reiner Ästhetik, aber die allein reicht vielen Beiräten nicht. Michael Frielinghaus beschreibt das Aufgabenspektrum: „Vorhaben von städtebaulicher ­Relevanz begutachten und Empfehlungen formulieren. Empfehlungen, die nicht nur gestalterische Gesichtspunkte ­betreffen, sondern in einem gesamtheitlichen Ansatz wirtschaftliche Interessen, ökologische Kriterien und den städtebaulichen Kontext für das geplante Gebäude berücksichtigen.“

Zu den Beiräten für ganze Städte kommen solche für einzelne Quartiere und Bauten, die teils dauerhaft und teils auf Zeit arbeiten. So etwas gab oder gibt es in München für den Flughafen und die Theresienhöhe, in Frankfurt für das Airrail-Center und die neue Altstadt, aber auch für Projekte wie den Bahnhofsvorplatz im badischen Eimeldingen, das Quartier St.-Leonhards-Gärten in Braunschweig oder den Remberti-Kreisel in Bremen.

Die Beiräte bieten ein Musterbeispiel für das öffentliche Engagement von Architekten. Hunderte setzen sich in ihnen für besseres Bauen ein, oft in einer weit entfernten Stadt. Sie erhalten ein nicht sehr üppiges Honorar oder gar keins, und sie gewinnen nicht etwa Aufträge fürs eigene Büro, sondern mindern ihre Chancen: Nach den meisten Satzungen darf ein Beirat nicht am selben Ort bauen.

Der aktuelle Beirats-Boom hat aber auch einen unerfreulichen Grund: Städte versuchen mit solchen Gremien das Ausbluten ihrer Bauverwaltungen (siehe Ausgabe 11-2011, Seite 28) auszugleichen. Wo die Stadt sich keine oder zu wenige hauptberufliche Architekten leistet, sollen nebenberufliche Beiräte für ein anständiges Planungsniveau sorgen. Ein zweiter Grund ist positiver: Beiräte sollen nicht als elitäre Fremdlinge eine Stadt überformen, sondern die Bürger besser einbinden. Michael Frielinghaus: „Sie kommunizieren das aktuelle Baugeschehen gegenüber der Bevölkerung. Das geschieht nicht erst reaktiv zum Zeitpunkt des Konflikts, sondern sie beziehen kontinuierlich und neutral Stellung. Bürger werden laufend über Bauvorhaben informiert.“

Besonders spannend ist die Beiratsarbeit, wo über Baukultur heiß diskutiert wird. Hier versuchen viele, sie zu vereinnahmen: manche für ästhetisch-elitäre Vorstellungen, andere für populäre. Ein guter Beirat schlägt sich auf keine Seite, sondern propagiert Gestaltqualität in allen Stilen. Wenn ein Dissens bleibt, muss man damit leben, meint Frielinghaus: „Auch ein Gestaltungsbeirat kann nicht erreichen, dass jedes Gebäude zur allgemeinen Zufriedenheit gestaltet wird – dafür sind die Auffassungen von Architektur und Stadt in unserer individualisierten Gesellschaft zu verschieden.“

In Regensburg herrscht ein breiter Konsens. Tanja Flemmig, die für die Stadt die Geschäftsstelle des Beirats leitet: „Der Erfolg eines Beirats hängt unmittelbar vom Rückhalt in der Politik ab.“ In Regensburg wurde die Einrichtung dieser von jeglicher Parteiräson und lokalen Netzwerken unabhängigen Institution so vermittelt, dass es die Stadtpolitiker nicht als Machtverlust empfinden, wenn sie über das Baugeschehen in ihrer Stadt nicht mehr allein entscheiden, sondern zusammen mit einer Runde externer Fachleute.

Der einst zweifelnde Oberbürgermeister Schaidinger verwies in seinem Grußwort zum zehnjährigen Bestehen des Gestaltungsbeirats im Jahr 2008 jedenfalls mit Genugtuung auf das Geleistete und konnte freimütig anerkennen, dass sich die Aufwendungen für dieses Gremium– derzeit etwa 65.000 Euro pro Jahr – lohnten. Nicht nur die seit 2006 zum UNESCO-Welterbe gehörende Altstadt hat von den Empfehlungen des Beirats profitiert, sondern auch die Randlagen und Gewerbegebiete der Stadt.

Selbst ein Imbiss-Konzern fügt sich

Die Neubauten, die im mittelalterlich geprägten Kern und an der Peripherie Regensburgs entstanden sind, sehen, um es ganz simpel zu sagen, dank des gemeinsamen Engagements von Bauamt und Beirat einfach besser aus als anderswo. Und das erkennen nicht nur Fachleute an, sondern auch die Einwohner und Besucher der Stadt. Als die Lokalzeitung ihre regelmäßige Berichterstattung über die öffentlichen Sitzungen des Beirats vorübergehend einstellte, häuften sich im Rathaus die Anrufe von Bürgern, die wissen wollten, was da los sei.

Die Mitglieder des Regensburger Gestaltungsbeirates werden jeweils für maximal vier Jahre berufen und treffen sich jährlich sechs Mal, um in meist öffentlichen Sitzungen über die eingereichten Neubauvorhaben zu beraten. Sie dürfen weder in Regensburg wohnen noch dort bauen und müssen sich zudem verpflichten, für eine gewisse Zeit nach Ablauf ihrer Beiratstätigkeit keine Aufträge aus der Stadt anzunehmen. Derzeit besteht das Gremium aus dem Vorsitzenden Carl Fingerhuth (Zürich) sowie Carola Schäfers und Paul Kahlfeld aus Berlin, den beiden Münchner Architekten Andreas Meck und Andreas Hild sowie Uta Stock-Gruber aus Buch am Erlbach.

„Es ist uns wichtig, dass ein bis zwei Beiratsmitglieder aus dem weiteren Umkreis von Regensburg kommen“, so Tanja Flemmig. „Denn manchmal passiert es, dass wir bei Detailfragen mit der Entscheidung über ein Projekt nicht bis zum nächsten Sitzungstermin warten können und dann persönlich mit den Plänen zu den Beiräten fahren.“ Welche Projekte im Gestaltungsbeirat verhandelt werden, hängt zunächst von der Lage und Größenordnung ab. Natürlich wird alles, was an strategisch wichtigen Punkten in der mittelalterlichen Innenstadt Regensburgs gebaut, saniert oder modernisiert werden soll, zur Begutachtung vorgelegt – auch wenn es sich nur um eine Eisdiele handelt. Und da kann es schon mal vorkommen, dass dem eingereichten Erstentwurf noch zwei weitere Planungen folgen, bis der Beirat seinen Segen gibt.

Doch auch Zweckbauten für große Handelsketten, die in Randlagen entstehen sollen, müssen durch das Gremium. Sogar dem global agierenden Hähnchenbrater „Kentucky Fried Chicken“ hat der Beirat Zugeständnisse abgerungen. Er wollte eigentlich eine seiner unansehnlichen Einheitskisten montieren, ließ sich aber überzeugen, sein Schnellrestaurant nicht nach den standardisierten Vorgaben der fernen amerikanischen Zentrale zu errichten, sondern mit Rücksicht auf die Umgebung.

Selbst um das Erscheinungsbild einer Einfamilienhaussiedlung aus den Sechzigerjahren kümmert sich der Beirat. Dort, inmitten von Satteldachhäusern, sollte für einen einzelnen Bauherrn ein moderner Flachdachkubus entstehen, bis die Beiräte sowohl dem Architekten als auch seinem Auftraggeber glaubhaft machen konnten, dass ein modernes Haus auch ein Satteldach tragen kann.

Wahrscheinlich hat sich diese Planung durch die Einwände des Beirats länger hingezogen – ein Argument, das hin und wieder auch als Begründung gegen die Einrichtung eines solchen Gremiums herangezogen wird. Doch gerade größere Vorhaben werden, zumindest in Regensburg, durch die Beratung der Sachverständigen nicht verzögert. Anträge, die zur Begutachtung vorgelegt werden, genießen in der Verwaltung nämlich Priorität. Tanja Flemmig verweist dann gern auf die Errichtung eines Baumarkts, über dessen Gestaltung die Verwaltung intern wochenlang ergebnislos diskutierte. Erst der Beirat konnte den Investor schließlich davon überzeugen, seine eingereichte Planung zugunsten einer höheren architektonischen Qualität überarbeiten zu lassen. Und in der Praxis zeigt sich immer wieder, dass es bei einem gründlich geplanten und ausführlich diskutierten Projekt seltener zu Verzögerungen kommt.

Investoren werben mit dem Prädikat „begutachtet“

Auch die Bauherrin Gudrun Zierer sah ihrem ersten Termin beim Gestaltungsbeirat in Regensburg mit Bangen entgegen. Ihr Projekt, ein Wohnhaus auf einem kleinen Grundstück in der Innenstadt, war zur Beratung an den Gestaltungsbeirat verwiesen worden. Auf der Sitzung musste sie nun mit ihrer Architektin vor dem Gremium und allen zuständigen Behördenvertretern die Planung vorstellen. Gudrun Zierer: „Ich fand es schon mal gut, dass der Beirat nicht in einer kleinen, muffigen Amtsstube tagt, sondern in einem wirklich schönen Gebäude. Schon diese etwas erhabene Atmosphäre vermittelt allen Beteiligten, dass es um etwas Wichtiges geht.“ Ihre anfänglichen Bedenken verflogen schnell. Mit Einfühlungsvermögen fragten die Beiräte nach, diskutierten offen über die präsentierten Entwurfsvarianten, wogen Einwände und Argumente ab und schlugen Verbesserungen vor, auf die, wie Gudrun Zierer später sagt, „sie selbst nicht gekommen war“. Doch Beiräte vermitteln nicht nur zwischen Antragsteller und Kommune, sondern oft auch zwischen den widerstreitenden Ansprüchen der einzelnen Behörden untereinander.

Inzwischen ist die Prüfung durch den Beirat so etwas wie ein Marketinginstrument geworden: Investoren in Regensburg verweisen mit Stolz auf das Prädikat „Vom Gestaltungsbeirat positiv begutachtet“, und auch Architekten erfahren, dass diese Art der öffentlichen Auseinandersetzung mehr Aufmerksamkeit bringen kann. Gudrun Zierer kann dem nur zustimmen. „Für mich als Bauherrin ist es eine zusätzliche Dienstleistung.“ Sie ist gespannt auf die nächste Sitzung. Da geht ihr Projekt in die zweite Runde.

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