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Baukultur für die Diktatur?

Dürfen Architekten aus demokratischen Ländern für Tyrannen planen? Seit auch das Planen globalisiert ist, stellt sich die Frage dringlicher denn je

Unschuldige Architektur gibt es nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie  in Peking entsteht. Hier die  Zentrale des staatlichen chinesischen Fernsehsenders, entworfen von Rem Koolhaas

Von Roland Stimpel

Seinen Bauherrn kann man sich oft nicht aussuchen. Aber wann sollte man sich ihm verweigern? Die Frage wird brisanter, da Architektur aus freien Ländern auch in totalitär beherrschten immer stärker gefragt ist. Im Brennpunkt steht China: Sollen und dürfen Büros wie von Gerkan, Marg und Partner, Herzog & de Meuron oder Rem Koolhaas’ OMA Museen, Stadien und Propagandazentren fürs Fernsehen bauen? Rund um die Pekinger Olympiade von 2008 kochte die Diskussion erstmals hoch, in diesem Jahr erneut: Ausgerechnet in den Eröffnungstagen des Pekinger Museums von GMP wurde Chinas prominentester Künstler Ai Weiwei verhaftet.

Zu den lautesten Kritikern speziell im Fall China zählt Christoph Ingenhoven – aber nicht so sehr wegen der politischen Verhältnisse als wegen des dort fragwürdigen Umgangs mit Ideen und Honorarforderungen. Das Thema hat jedoch weltweit Bedeutung: So gewannen Léon Wohlhage Wernik aus Berlin 2007 den Wettbewerb für ein Regierungsviertel inklusive Pseudo-Parlament im libyschen Tripolis – initiiert vom Diktator Gaddafi. Und nach Oscar Niemeyer ist im kubanischen Havanna sogar ein von ihm entworfener Platz benannt. Sein Design ist gegenwärtig, doch funktionell knüpft es an Massen-Aufmarschorte europäischer Diktaturen des 20. Jahrhunderts an. Auch damals war das Thema aktuell: Namhafte Architekten boten sich Stalin, Mussolini oder Hitler und seinen Vasallen in besetzten Ländern an – und der namhafteste, Le Corbusier, gleich allen dreien. Später bekannte zum Beispiel Philip Johnson frank und frei: „Ich würde auch für den Teufel persönlich bauen“.

Das Thema ist komplex und erlaubt keine einfachen Antworten. Wir stellen zehn Pro- und Contra-Argumente einander gegenüber, fällen aber kein eigenes Urteil. Abwägen, entscheiden und sein Tun verantworten muss jeder selbst.

Oder wie Sehen Sie das? Diskutieren Sie mit!

Hauptsache, gut geplant

Alle Menschen haben ein Recht auf gut geplante Häuser, Städte und Landschaften. Man kann es nicht ausgerechnet denen vorenthalten, die schon unter politisch schlechten Verhältnissen leben. Eine nicht demokratisch kontrollierte, aber ansonsten ordentliche Planung ist immer noch besser als eine rundum schlechte.

Gut planen geht nur in Demokratien

In einer Diktatur hat auch eine technisch und ästhetisch gelungene Planung immer einen schweren Makel: Sie ist niemals vom Volk legitimiert. Und oft wird sie ­tyrannisch-brutal umgesetzt: Bewohner ­werden ­vertrieben, Arbeiter ausgebeutet. Nur eine demokratische Planung ist letztlich eine ­gute Planung.

Architekten sind keine Politiker

Architekten sollen bauen, nicht Politik machen. Bei allem ganzheitlichen Denken sind sie doch Spezialisten für ein Segment: die gestaltete physische Umwelt. Hierfür sind sie beruflich verantwortlich. Das ist etwas anderes als die staatsbürgerlich-politische Verantwortung.

Architektur ist immer politisch

Es sind immer politischen Instanzen, die das Bauen genehmigen, ermuntern, behindern, oder die gleich selbst bauen. Jeder Bau drückt politische Verhältnisse aus, verfestigt oder ändert sie. Wer sich als reiner Technokrat sieht, blendet einen wichtigen Teil seiner Verantwortung aus.

Nicht alle Projekte sind böse

Projekt ist nicht gleich Projekt. Es gibt zwar hochpolitische Planungen, etwa Bauten für Repräsentation, Propaganda und die Träger der Gewalt. Aber es gibt auch harmlose Alltagsprojekte, mit denen man mehr Gutes tut als Böses anrichtet.

Ganz Sauberes gibt es nicht

Auch Alltagsbauten sind nur scheinbar harmlos. Sie sind zwar etwas weniger politisch als die besonders prominenten – aber auch an ihnen gewinnt immer das Regime.

Andere Branchen dürfen es doch auch

Keiner beschimpft die Autoindustrie oder die Maschinenbauer, wenn sie in Diktaturen verkaufen oder gar dort investieren. Auch Architekten haben das nicht verdient.

Wir sind keine Branche wie alle anderen

Wenn ausgerechnet Architekten für ihr Engagement in Diktaturen kritisiert werden, ist das letztlich ein gutes Zeichen – nämlich eines dafür, dass Bauwerke und Städte keine Ware sind wie alles andere, sondern als Lebensräume höheren Ansprüchen unterliegen. Darum müssen sich auch ihre Entwerfer diesen Ansprüchen beugen.

Daheim haben viele etwas davon

An Auslandsaufträgen verdienen nicht nur Chefs der Architekturbüros, sondern auch viele Angestellte, Fachplaner, freie Mitarbeiter – und letztlich über Steuern und Sozialabgaben alle. Auch das in Diktaturen verdiente Geld tut bei uns gute Werke. Und reine Moral ernährt niemanden.

Von schmutzigem Geld hat keiner etwas

Wer sich an jeden verkauft, der verkauft seine Seele. Auch beim Geldverdienen muss es moralische Grundstandards geben.

Kontakte fördern die Demokratie

Bauen in Diktaturen weicht diese auf. Wir arbeiten als Demokraten dort, treffen viele Menschen, können ihnen unser Gedankengut vermitteln oder sie politisch ermutigen.

Auch Demokraten müssen buckeln

Wer demokratisch zu missionieren versucht, fliegt raus. Das Regime ist allemal stärker. Auch der planende Besucher muss sich ihm unterwerfen, solange er dableiben will. Solches Verhalten entmutigt Einheimische noch mehr.

Die Diktatur wird weicher

Jeder Bau von uns, der vor Ort anerkannt wird, macht auch Werbung für unser politisches System. Und Wegbleiben ist Solidarität mit niemandem.

Die Diktatur wird betoniert

Was wir bauen, wird vor Ort nicht mit uns identifiziert, sondern mit dem Regime. Gerade gute Bauten sind in dieser Hinsicht besonders schlechte Bauten.

Das Leben wird leichter

Gute Bauten erleichtern zumindest den Alltag; besondere Bauten bringen sogar festliche Momente ins triste Leben der Untertanen.

Das Leben bleibt hart

Kurzfristig nehmen „Volks“paläste oder Stadien Druck weg, langfristig stärken und verlängern sie die Diktatur und ihre Tristesse.

Die Sitten werden besser

Wenn in einem Land die Honorare nicht stimmen und Entwürfe gestohlen werden, dann bessern sich die Sitten nur, wenn dort Architekten den Anspruch auf bessere Sitten vertreten und verbreiten.

Die eigene Praxis wird böser

Wo schlechte Sitten herrschen, korrumpieren sie jeden. Auch Firmen und Menschen, die sich in Deutschland zivil verhalten, verwildern in der Wildnis.

Wer sich verweigert, hat versagt

Architekten, die am lautesten gegen das Bauen in Diktaturen wettern, sind selbst dort gescheitert – Ingenhoven in China, Wolf Prix in Russland und auch in China. Moralgebärden sollen den Misserfolg kompensieren.

Wer mitmacht, sieht nicht mehr klar

Wer gescheitert ist und die Sache mit Abstand sieht, der sieht sie klarer als einer, der sich in der Diktatur am Erfolg betrinkt. Außerdem ist die individuelle Vorgeschichte egal. Hauptsache, die Argumente stimmen.

Fazit: Der Einzelfall zählt
Es kann kein grünes Licht für jeden Bau in der Diktatur geben, aber auch kein generelles Verbot. Pauschales Jasagen ist schlecht, aber pauschale Ablehnung ebenso. Jedes Land, jede Zeit, jedes Projekt ist anders. Politisch und ethisch verantwortungsbewusste Architekten prüfen das politische Umfeld und sich selbst jedes Mal neu. Nur Engagement kann helfen – Verweigerung bessert nichts.

Fazit: Jeder Fall kann schiefgehen
Man muss grundsätzlich Nein sagen. Denn die politische Prüfung jedes Einzelfalls überfordert doppelt: erstens, weil man vieles gar nicht einschätzen kann; zweitens, weil man sich in der Verlockung des Projekts die Diktatur schönredet. Auch wer guten Willens ist, läuft Gefahr, böse Taten zu tun. Dann lieber gar keine und saubere Hände behalten.

Ein Gedanke zu „Baukultur für die Diktatur?

  1. Liebe Kolleginen und Kollegen,
    Ich glaube die Problematik lässt sich aus meiner Sicht kurz resümieren.
    Man lese oder besser besuche dasTheaterstück ‘Furtwängler, Kategorie 4′
    Schauspiel von Ronald Harwood

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