DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Rubriken

Services

Menü schließen

Rubriken

Services

Zurück
[ Tag der Architektur 2011 ]

Mögen hätt’ ich schon wollen

Von Warteschlangen, verschlossenen Edelwohnungen und offenen Townhäusern: Schlaglichter zum Tag der Architektur aus Berlin und München

Von Cornelia Dörries und Roland Stimpel

München ist beliebt, München ist voll. Es hat Deutschlands höchste Einwohnerdichte, den engsten Wohnungsmarkt und den womöglich größten Andrang am Tag der Architektur. Dieser beginnt am Samstag um zehn vor einer roten Gründerzeitvilla nahe dem Schloss Nymphenburg – mit einer Warteschlange bis zum übernächsten Haus. Das Büro Stadler + Partner hat den Bau saniert und den Tag bestens vorbereitet; Mitarbeiter stehen mit Bauhelmen am Gartentor und lassen Fünfergrüppchen ein. Auf der anderen Straßenseite spaziert eine Dame mit Golden Retriever und ruft herüber: „Was soll das Haus denn kosten?“

Soll ich mich mit dem Presseausweis vordrängen? Ich denke an das „Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab’ ich mich nicht getraut“ des großen Münchners Karl Valentin und gehe stattdessen zum „Individualraum“, einer aluminiumverkleideten, cool-ambitionierten Eigentumswohnanlage vom Büro 03 Architekten. Auch hier würde die Frau mit dem Goldhund leer ausgehen: alles verkauft. Und die Besucher bleiben allesamt draußen, denn die Erwerber wollen keine hundert Leute auf ihren 100 bis 200 Quadratmetern. So erklärt Architekt Andreas Garkisch draußen das Konzept mit den freien Grundrissen und den nach West und Ost alternierenden Terrassen.

Ein U-Bahn-Sprung führt quer durch die Stadt nach Riem, früher Flugplatz, heute Messe- und Wohnstadtteil. Barfuß empfängt ein stolzer Eigentümer vor den Reihenhäusern, die er mit 23 anderen in einer Baugruppe erstellt hat – außen kantig-einheitlich nach einem Konzept des Gaienhofener Büros Bucher-Beholz, innen frei gestaltbar. Die etwa 50 Besucher sind willkommen, aber drinnen auf dem Industrie-Estrich bitte nicht mit Schuhen. Die Terrasse sieht bald aus wie ein Moschee-Vorraum.

Wiederum keine Wohnräume zu sehen gibt’s am nächsten Tag vor dem Schiffmacherhaus am Viktualienmarkt, dessen Nutzung, Erscheinungsbild und Höhe sich nicht nur einmal in seiner 490-jährigen Geschichte gewandelt haben. Die jüngste Aufstockung durch das Büro Landau + Kindelbacher wollen wieder etwa hundert Menschen bestaunen. Architekt Benjamin Neubauer gewährt Kleingruppen nach gebührender Anstehzeit den Gang durchs gewendelte Treppenhaus. Die sicher ambitionierten, wenn auch zum Einhalten der Traufhöhe nur 2,40 Meter hohen Dachwohnungen bleiben verschlossen.

Umso offener sind zwei öffentliche Bauten: ein Verbands- und Bürohaus, von dessen Modernisierung Architekt Michael Gebhard vom Büro Morpho-Logic so plastisch-liebevoll erzählt, dass man aus dem an sich unspektakulären Bau gar nicht mehr weg will. Die Gruppe ist mit rund 40 Besuchern angenehm klein – auch die nächste im St.-Anna-Gymnasium, saniert und mit einem Brückenbau überm Pausenhof erweitert vom Büro Karl + Probst. Buchstäblich unüberblickbar sind dafür die Scharen, die sich im und am edlen, fürs Innere preisgekrönten Louis-Hotel von Hild und K überall drängeln: in der Lobby, am Hofrestaurant, vor Vorder- und Hinterfassade, in drei zur Besichtigung geöffneten Zimmern und an der Dachbar. München will ambitionierten Luxus sehen, auch am Tag der Architektur. Und München bekommt ihn.

Mauerstreifen-Townhäuser, Remisen und ein Loft

In Berlin sind Menschenansammlungen vor Mietshäusern ein gewohnter Anblick. Doch der Pulk an der Bernauer Straße wartet nicht auf den Makler, sondern auf die Architektin Laura Fogarasi-Ludloff, die zum Tag der Architektur 2011 in das von ihr und ihrem Mann Jens Ludloff entworfene Townhaus auf dem einstigen Mauerstreifen bittet. Es ist kurz nach 13 Uhr, die erste Besichtigungsgruppe wurde gerade eingelassen. 20 Minuten, so raunt es durch die Gruppe, soll ein Rundgang dauern; mehr als 15 Leute auf einmal passen nicht ins Haus. Kurz wird die voraussichtliche Wartezeit überschlagen: 60 Personen, das kann sich hinziehen. Aber wann bekommt man schon die Gelegenheit, sich ein preisgekröntes Einfamilienhaus von innen anzusehen?

Das Gebäude gehört zu einem Quartier individueller Townhäuser auf dem ehemaligen Mauerstreifen, das von der Straße aus wie eine unzugängliche, auf dem grünen Hügel thronende Wagenburg aussieht. Zu den einzelnen Häusern gelangt man über den an einer Seitenstraße gelegenen Hofeingang – und siehe da, die abweisende Straßenansicht verwandelt sich in eine idyllische, fast dörfliche Intimität. Man wohnt hier eng aufeinander. Das Haus selbst macht aus der Not eines kleinen Grundstücks eine Tugend – mit fein gearbeiteten Details, einer belebenden Farbigkeit und einer bis ins Letzte durchdachten Raumfolge. Ja, das Warten hat sich gelohnt.

Allerdings ist es nun für die Besichtigung einer Wärmewarte am Syringenplatz zu spät – aber eine Remise in der Kollwitzstraße liegt auf dem Weg. Für das Haus K78 wurde vom Büro roedig schop architekten ein denkmalgeschütztes, zweigeschossiges Hinterhofgebäude für Wohnzwecke umgebaut. Von der ehemaligen Mosterei ist nicht mehr viel zu erkennen, doch man bekommt trotz der luftigen, modernen Großzügigkeit der über das Dach belichteten Räume noch ein Gefühl für die Zumutungen, die das enge Nebeneinander von Arbeiten und Wohnen früher mit sich brachte.

Viele Besichtigungstermine an den 56 Berliner Standorten konzentrierten sich auf wenige Stunden des Samstagnachmittags. Das verlangt Entscheidungen: Baugruppe Weitsicht im Friedrichshain oder Hamburger Hof in der Spandauer Vorstadt im Stadtteil Mitte? Nach einem Blick auf die Uhr fällt die Entscheidung für Mitte. In der Großen Hamburger Straße entstand aus einem historischen Wohn- und Gewerbe-Ensemble eine neue Adresse, die, den Schildern nach zu urteilen, vor allem Medienschaffende anzieht: ein schön renovierter Alt- und ein etwas vorlauter fünfstöckiger Neubau, der mit seinem kühn auskragenden Dachgeschoss eine bescheidene Backsteinremise zu schlucken scheint. Wer hier zu den Besuchern des Tags der Architektur gehört oder einfach ein neugieriger Mitte-Tourist ist, lässt sich kaum unterscheiden.

Der Weg ist nicht weit zum „Loft L“ in der Zionskirchstraße. Kurz vor dem Termin wartet hier nur ein knappes Dutzend Leute, und Architekt Mark Schwesinger bittet sie entspannt in die Wohnung. Die Besucher erkundigen sich nach dem Fußbodenaufbau und haben Gelegenheit, sich ausgiebig in der Küche der renovierten Gründerzeitwohnung umzusehen. Es klingelt – jetzt stehen die Leute im Treppenhaus Schlange. Der Tag der Architektur wird sich hier bis in den Abend ziehen.

Schreibe einen Kommentar