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[ Pavillons ]

Gebaute Schmetterlinge

Pavillons sind auf Flüchtigkeit angelegt – und doch inspirieren sie immer wieder die dauerhafte Architektur

Zwischengelandet: Im Sommer 2006 errichtete Rem Koolhaas für die Londoner Serpen­tine Gallery einen Pavillon, der wie ein leuch­tender Ballon über den Wipfeln der Kensington Gardens schwebte.

Von Cornelia Dörries

Leicht und flüchtig wie ein Flügelschlag, und manchmal nur für einen Sommer: Pavillons sind die Schmetterlinge der Baukunst. Der lyrische Bezug zu den bunten Hautflüglern hat in diesem Fall sogar seine Berechtigung, geht er doch zurück auf das lateinische Wort „papilio“: Schmetterling. Begrifflich verweist der Pavillon damit auf seine Ursprünge als temporäres, zeltartiges Gebilde, das früher für Feste und Lustbarkeiten unter freiem Himmel errichtet wurde. Heute ist der Pavillon ein zwischen temporärer Sensation und architektonisch-experimenteller Innovation schillernder Topos, in dem sich Zeitgeist und gestalterische Fantasie so nahe kommen wie nirgends sonst. Und auch wenn Pavillons mittlerweile keine im Wind flatternden Zelte mehr sind, bleibt ihre bauliche Gestalt vom Streben nach schwebender Transparenz und Offenheit gekennzeichnet.

Auch der im Wortsinn leichtfertige Charakter ist dem Pavillon bis heute geblieben, auch wenn sich Bestimmung, Formen und Materialien seither gewandelt und erweitert haben und es sich bei seinesgleichen längst nicht mehr nur um kurzlebige, improvisierte Saisonware zum Zwecke des Amüsements handelt.

Seine Qualifikation als ernsthafte Bauaufgabe erlangte der Pavillon im Zeitalter der Aufklärung, als mit der Eroberung ferner Kontinente und Kulturen auch neue architektonische Formen entdeckt und nach Europa importiert wurden. Anstelle der althergebrachten Baldachinkonstruktionen entstanden in den Gärten und Parks nun orientalisierende Lustschlösschen und Lauben im Pagoden- oder Haremsstil: feste Bauten, für deren Gestaltung es weder ein Regelwerk noch einen fixen Formenkanon gab.

Das Ausprobieren exotischer Typologien, Formen und Farben blieb jedoch nicht auf Gartenpavillons oder temporäre Vergnügungseinrichtungen beschränkt. In Gestalt der damals entstehenden botanischen und zoologischen Gärten sowie der Kur- und Badeorte fand rasch so etwas wie eine funktionale Indienstnahme der dekorativen Pavillonarchitektur statt.

Architektur mit Sendungsbewusstsein

Eine ganz neue Rolle wuchs dem Typus Pavillon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu. Auf der Weltausstellung in Paris 1867 präsentierten sich die Nationen erstmals in sogenannten Länderpavillons, die den Besuchern einen Eindruck von der wirtschaftlichen Innovationskraft, den nationalen Besonderheiten und der heimischen Handwerkskunst vermitteln sollten. Die Pavillonarchitektur selbst wurde in diesem Zusammenhang nicht nur zum Medium einer politisch intendierten Selbstdarstellung, sondern zu einer Aussage über den Stand der Baukunst der jeweiligen Epoche. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe für die Weltausstellung 1929. Der legendäre Bau wurde zu einem Schlüsselwerk der Moderne und prägte nicht nur Mies’ nachfolgende Bauten wie die Villa Tugendhat und die knapp vierzig Jahre später entstandene Neue Nationalgalerie in Berlin, sondern eine ganze Architekturepoche. Noch dem schlichtesten Vorstadt-Bungalow sieht man jenes Ringen um das moderne Ideal des fließenden, unverstellten Raums an, der sich über Öffnungen und große Fenster mit seiner Umgebung zu verbinden sucht – auch wenn es statt Onyx und Travertin nur zu Rigips und Gasbeton reicht.

Eine ganz andere Geste bemühte der Pavillon der jungen Bundesrepublik, die sich erstmals auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel präsentierte. Das Ensemble, entworfen von Egon Eiermann und Sep Ruf, bestand aus zwei- und dreigeschossigen leichten Bauten, die sich locker um eine Grünfläche gruppierten und das Ideal einer modernen Stadtlandschaft nachbildeten. Anstelle der Expo-üblichen nationalen Kraftmeierei setzte das neue Deutschland im Bewusstsein seiner jüngsten Geschichte mit diesem Pavillon auf edelmütige Zurückhaltung. Doch das Selbstbild eines geläuterten, transparenten und offenen Landes war damals vor allem ein Wunschbild.

So sehen Sieger aus: Der preisgekrönte deutsche Pavillon auf der EXPO 2010 in Shanghai ist ein Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit. Nach der Ausstellung wurde das Bauwerk rückstandsfrei wiederverwertet.

Die weltpolitische Agenda des 21. Jahrhunderts diktiert inzwischen andere Ansprüche. Heute geht es auf den Weltausstellungen um Nachhaltigkeit, Globalisierung, Verstädterung, Klimawandel und endliche Ressourcen. Der Energieverbrauch für temporäre Bauten wie Länderpavillons ist mittlerweile nur noch zu rechtfertigen, wenn ihre Konzeption einen nachhaltigen Rückbau berücksichtigt. So wird der preisgekrönte deutsche Pavillon auf der Expo 2010 in Shanghai nach seiner Demontage nahezu rückstandslos weiterverwertet. Aus dem Fassadenmaterial entsteht ein Sonnenschutz für die Deutsche Schule Schanghai, Teile der Einrichtung erhält das örtliche Goethe-Institut, und die konstruktiven Elemente wie Stahlträger, Bleche und Holzteile wurden an einen chinesischen Bauunternehmer veräußert. Temporär und nachhaltig zugleich – in der Dialektik des Pavillons scheint sogar dieser Widerspruch aufgehoben.

Das inhaltlich Ungefähre des Pavillons – er kann Kunst und Kultur, aber auch Waren, politischen Botschaften oder technischen Neuheiten ein Dach bieten – korrespondiert mit seiner freien Form und relativ geringen Anforderungen an Dauerhaftigkeit und Solidität. Freilich schwellen die modernen EXPO-Länderpavillons nicht selten auf die Größe eines Ozeandampfers an und erfordern genauso viel Entwurfsleistung, Geld und Arbeit wie ein „richtiges“ Haus.

Moderne Pavillonarchitektur kennt weder feste Regeln noch einen Formenkanon. Erlaubt ist, was gefällt und hält - wenigstens für eine Saison. 2009 war es ein luftiger Holzverhau von Frank Gehry.

Experimentelle Festkörperphysik

Doch es gibt wahrscheinlich keine Bauaufgabe, bei der sich architektonische Vision so beherzt und frei mit neuen Entwurfsmethoden und Materialien verbindet, wie Pavillons. So errichtete das österreichische Büro Coop Himmelb(l)au für die Bayerische Staatsoper eine externe Spielstätte, deren äußere Gestalt aus Musik generiert wurde. Als Ausgangspunkt des Entwurfs für den jüngst fertiggestellten „Pavillon Mini Opera Space“ auf dem Münchner Marstallplatz dienten Sequenzen aus Jimi Hendrix’ „Purple Haze“ und Mozarts „Don Giovanni“, aus deren Frequenzanalyse ein 3-D-Modell entwickelt wurde: Bauen nach Noten. Ob sich dieser Entwurfsansatz auch für die Planung solider Gebäude durchsetzt, wird sich noch zeigen.

Auf die Entfesselung ikonografischer Wucht setzen auch die Serpentine Pavillions in den Londoner Kensington Gardens. Seit dem Jahr 2000 lädt die gleichnamige Galerie international berühmte Architekten ein, für die Dauer einer Sommersaison einen Pavillon zu errichten. Mit den hoch experimentellen, baukünstlerischen Versuchsanordnungen, für die bislang unter anderem Zaha Hadid, Rem Koolhaas oder das Büro Sanaa gewonnen werden konnten, findet der Bautypus Pavillon hier zu seinen Ursprüngen zurück: ein illusionistisches Gehäuse zur vorübergehenden Verzauberung eines Ortes, das keinem erkennbaren Zweck dient. Baukunst in ihrer reinsten und zugleich vergänglichsten Form.

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