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[ Kritik und Anregung zum Zertifizierungs-Modell der DGNB/ von Peter Lüttmann ]

Nachhaltigkeit und Baukultur

Kritik und Anregung zum Zertifizierungs-Modell der DGNB/ von Peter Lüttmann

… bestes Zertifizierungssystem auf dem Globus … wissenschaftlich bewertet … mit Tausenden von Stunden ehrenamtlichen Engagements … – Große Worte ihres Präsidenten W. Sobek im Interview der DAB 10/09 über das Bewertungsmodell der „Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen“ (DGNB). Sie machten mich neugierig: Wie wird Nachhaltigkeit mit diesem Anspruch von der DGNB – in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Verkehr Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) – verstanden und messbar gemacht? Um diesen Fragen und Ansprüchen nachgehen zu können, liefert die Internetpräsentation auf „www.dgnb.de“ (Beispiel Bürogebäude, Stand 2008) einen Leitfaden und eine Systembeschreibung für „Das Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen“.

Bevor diesbezügliche Ernüchterungen und das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Baukultur zur Sprache kommen sollen, ist zunächst festzuhalten, dass ich prinzipiell die Methodik des Bewertungssystems der DGNB mit systematisch-hierarchischer Strukturierung des Zielspektrums der Nachhaltigkeit für richtig halte. Es ist ein wichtiger Schritt zur Objektivierung und zum Erreichen operationaler Nutzbarkeit des oft verbal überstrapazierten und missverstandenen Nachhaltigkeitsbegriffs. Beliebigkeiten werden vermieden und Begriffe für Prüfung, Diskussion und Anwendung werden (wie es hier geschehen soll) kritik- und entwicklungsfähig. Soweit mir bekannt, handelt es sich zusammen mit einem älteren Leitfaden des (BMVBS) aus dem Jahr 2001 um die derzeit einzigen Modelle, die mit Fokussierung auf Nachhaltigkeit versuchen, Ziele des Bauens systematisch und hierarchisch strukturiert abzubilden. Doch nähere Einblicke in die Systematik sowie das Interview lassen kritische Anmerkungen notwendig erscheinen, die ich in drei Punkten zusammenfassen will:

Kritikpunkt 1 bezieht sich auf die Trägerschaft des Systems: Ich halte es für problematisch, wenn nicht nur die Auditierung, sondern auch die Formulierung und Wichtung von Maßstäben für das Planen und Bauen (die hier bestimmt werden), denen letztlich erhebliche gesellschaftlich-normative Bedeutung zukommt, eine Angelegenheit privater Gesellschaften sein sollte. Auf längere Sicht ist das Konzept institutioneller Neutralisierung von interessenabhängigen Einflüssen z. B. nach dem Vorbild der DIN/EN/ISO-Organisation der bessere Weg.

Kritikpunkt 2 richtet sich gegen die Systematik der Zertifizierungskriterien: Betrachtet man die Vielzahl der national-internationalen Definitionen von Nachhaltigkeit und weiß um den andauernden Diskussionsprozess, so kristallisiert sich dort die Fokussierung auf dauerhaft lokales, regionales und globales Verhalten heraus, das nach dem (nicht unumstrittenen) „Drei-Säulen-Modell“ der Nachhaltigkeit den Erhalt und die Entwicklung ökologischer, ökonomischer und sozialer Systeme zum Wohl künftiger Generationen sowie globale Gerechtigkeit proklamiert. Nachhaltigkeit als Ziel individueller Zufriedenheit z. B. durch Schaffen von Behaglichkeit und Komfort – wie es bei der DGNB erscheint – ist in diesen Definitionsansätzen nicht enthalten. Die Beschreibung des Nachhaltigkeitsverständnisses der DGNB findet sich im Leitfaden mit dem Hinweis: „… Im Mittelpunkt steht ein umfassendes Qualitätskonzept, das der Bau- und Immobilienwirtschaft genauso dient, wie der Gesellschaft … „. Als Bestandteile werden dann Umweltfreundlichkeit, Ressourcensparsamkeit, Behaglichkeit, Gesundheit, wirtschaftliche Effizienz und Werterhalt sowie niedrige Betriebs- und Unterhaltungskosten genannt. In der Ausarbeitung des Systems folgt die DGNB zunächst dem „Drei-Säulen-Modell“, erweitert dies aber durch Aufnahme „kultureller“ und „funktionaler Qualität“ im sozialen Zielbereich sowie durch weitere Bereiche mit „Technischer Qualität“ und „Prozess-Qualität“. Damit werden die Grundsätze z.Zt. etablierter Nachhaltigkeits-Definitionen verlassen. Ich meine, dass die genannten Ergänzungen zu Verfälschungen bei der Bewertung der eigentlichen Nachhaltigkeit führen. Allerdings zeigt die DGNB damit, dass sie[P.L.1] [P.L.2] sich marktorientiert verhalten und eine breitere Wert- und Qualitätsstruktur als allein die der Nachhaltigkeit abbilden will.

Im letzten und 3. Kritikpunkt befasse ich mich mit einzelnen Bewertungskriterien des DGNB-Systems: So wird z.B. das Thema Denkmal- und Stadtbildpflege al ein tatsächlich ökonomisch-politisch oft umstrittenes Kernthema bewahrender Nachhaltigkeit gänzlich und gerade deshalb „vergessen“(?!). Auch sollte in den ökonomischen Kriterien nach den Lehren der „Finanzkrise“ die Nachhaltigkeit der Finanzierungsmodelle bewertet werden. An anderen Stellen, wie z.B. der „Prozessqualität“, fehlen Ziele zur Beschreibung der immens bedeutsamen sozial nachhaltigen Qualität interner und externer Beziehungen. Weiter gibt die Ausfüllung des Kriterienbereichs „gestalterische Qualität“ im Sektor „soziokulturelle Qualitäten“ Anlass zur Kritik. Unabhängig davon, ob gestalterische Qualität unbestritten im System der Nachhaltigkeit vereinnahmt werden sollte, könnte man dem Credo der Architekten folgen, dass soziale Außenwirkung in die örtliche Gesellschaft eine tatsächliche Wirkungsdimension von Architektur ist und daher Schnittmengen zur sozialen Nachhaltigkeit erkennen. Allerdings erscheinen die von der DGNB gewählten Bewertungsmaßstäbe mehr als hilflos, wenn allein mit dem Faktum „Gestaltungs- und Städtebauwettbewerben“ sowie „Kunst am Bau“ architektonische Nachhaltigkeitswirkung gemessen werden soll.

In der Zusammenfassung der drei Kritikpunkte folgere ich, dass die jetzige Ausgestaltung des DGNB-Konzeptes systematische und begriffliche Unplausibilitäten enthält, die dessen Brauchbarkeit zur Bewertung von Gebäuden ausschließlich hinsichtlich Nachhaltigkeitsqualitäten infrage stellen. (Wie und ob sich hier die erklärte Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium auswirkte, ist nicht zu erkennen.) Nach eigener Beschreibung (siehe oben) geht es der DGNB um ein breiteres und praxisorientiertes Spektrum der Ziele. Den Autoren soll unterstellt werden, dass diese Öffnung kein Missverständnis nach dem Motto „…alles ist irgendwie nachhaltig …“, sondern die Erweiterung der Nachhaltigkeitsmaßstäbe ebenso marktstrategisch erfolgte, wie die Zusammenfassung und Publizierung unter dem „grünen“ Gütesiegel. Wertet man das System der DGNB, dem eigen Bekunden folgend, als Qualitätskonzept und Zertifizierungsmodell für Zwecke des Bau- und Immobilienmarketing – mit angehängter Nachhaltigkeitskomponente ist es schlüssig, in mancher Hinsicht widerspruchsfreier, wenn auch verbesserungsbedürftig. Das hier analysierte Zielsystem lässt erkennen, dass sich Anforderungen und komplexe Ziele von Bauvorhaben und von Architektur nur gewaltsam und wenig überzeugend unter der Überschrift „Nachhaltigkeit“ zusammenführen lassen und es ist zu fragen, wo und wie insgesamt das Spektrum der Anforderungen treffender systematisiert werden könnte. Dafür wäre nur ein übergeordnetes, integrierendes System geeignet. Wenn also Nachhaltigkeit, wie sich zeigte, keine „Ersatzbaukultur“ sein kann, sollte man sich für Zwecke einer komplexen Abbildung von Prozessen und Ergebnissen des Planen und Bauens besser dem Denkmodell „Baukultur“ zuwenden.

In der amtlichen Begründung des Gesetzes zur Einrichtung einer „Bundesstiftung Baukultur“, findet man: „Die Kultur des Bauens zeigt sich in der Wahl angemessener Verfahren und in der Integrationsleistung, die soziokulturelle, ökologische, gestalterische, technisch-funktionale und wirtschaftliche Qualitätsbelange zu einer ausgewogenen, nachhaltigen Gesamtqualität zusammen führt …“. Staatssekretär Dr. Lütke Daldrup beschreibt im DAB 12/06, dass Baukultur eben nicht nur der Ausdruck künstlerischen Schaffens ist, sondern den gesamten Prozess des Planens und Bauens umfasst. – So erweist sich erwartungsgemäß und im Gegensatz zur Nachhaltigkeit die Integrationspotenz des Baukulturbegriffs, der sich auf die Gesamtheit der Anforderungen an Prozesse und Ergebnisse, auf Wirkungen und Potenziale des Planens und Bauens bezieht. Baukultur als System der Systeme. – In der aktuellen Fachdiskussion wird dieses Modell bisher allgemein rhetorisch-verbal beschrieben. Eine systematische Strukturierung – wie es die DGNB mit ihrem System zeigt – gibt es nach meinem Wissen noch nicht.

Es fehlt heute ein formalisiertes Konzept zur Abbildung baukultureller Anforderungen, das durch innere Plausibilität seiner Struktur überzeugt, dargestellt als hierarchisch gegliedertes Wert- und Zielmodell heutigen Planen und Bauens, als Gesamtheit sich ergänzender, teils überschneidender Teilsysteme mit Kongruenzen und Widersprüchen. Dieses Modell müsste begriffliche und systematische Klarheit als Grundlage für wissenschaftlich-theoriekritische Diskussion, für Orientierung im Praxishandeln und für gegenseitige Verständigung ermöglichen. Damit stünde operationalisierte Baukultur als Bezugssystem für umfassende Bewertungen von Prozessen und Ergebnissen des Planens, des Bauens und von Architektur zur Verfügung – nicht zuletzt und u.a. auch für eine ausgewogene Positionierung von Nachhaltigkeit innerhalb der Baukultur.

Peter Lüttmann ist Ltd. Baudirektor i.R., z.Zt. promovierend an der TU Berlin zum Themenkomplex „Bauherren, Ziele und Aufgaben“.

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