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[ Besucherzentren ]

Luftschuh und Milchfahrrad

Ein Architekt und ein Physiker gestalten Besucherzentren für Firmen und Wissenschaft. Ihre Firma vereint Planung, Design, Marketing und Kommunikation

Von Roland Stimpel

Heitere Wissenschaft: Das „Dynamikum“ im pfälzischen Pirmasens lädt zu Schwingungsstudien mit Metallringen. studio klv hat es in einer früheren Schuhfabrik gebaut.

Früher wurden in dem Berlin-Schöneberger Fabrikbau Langenscheidts Wörterbücher gedruckt. Heute sehen sich hier der Physiker Bernhard Kehrer und der Architekt Jan Löken als Übersetzer: Sie inszenieren technische und physikalische Vorgänge so, dass Laien sie sehen, erleben und im günstigen Fall verstehen können. Ihr studio klv erdenkt, entwirft und realisiert Besucher- und Wissenschaftszentren für alle denkbaren Orte – vom Technikmuseum über die Molkerei bis zur Gartenschau. Löken zeigt beispielhaft, wie man als Architekt durch die Vernetzung mit Partnern aus ganz anderen Sphären eine Nische findet.

Jan Löken, studio klv, Berlin

Es ist schwer zu sagen, was studio klv eigentlich ist. Archi­tektur­büro, Designfirma, Kommunikationsbetrieb? Von allem etwas, vor allem aber nichts davon ausschließlich. Hilfsweise versuchen sie es mit „Kreativbüro“. Von den 15 Beschäftigten waren zuletzt vier Architekten und Innenarchitekten. Andere sind Grafiker oder Geograf, Kulissenbauer oder Kommunikationswirt. Angefangen hat das Ganze vor acht Jahren. Kehrer und der elektronikaffine Architekt Löken hatten sich in der New-Economy-Firma Pixelpark kennengelernt, in der Abteilung „Interactive Environments“. Da ging es um Ausstellungsräume oder Messestände mit damals neuartiger, von Besuchern mitzusteuernder Informationstechnik. Als die Firma 2002 daniederlag, gründeten sie ihre Abteilung aus; das Thema blieb. „Es geht immer um Räume, die einen Kommunikationszweck haben oder einen Bildungsauftrag erfüllen“, sagt Löken.

Bernhard Kehrer, studio klv, Berlin

Zum Beispiel in Pirmasens. Früher mal ein Weltzentrum der Schuhproduktion, geriet die pfälzische Stadt in eine tiefe Globalisierungskrise. Neues sollte her, aber räumlich wie ideell möglichst mit vorhandenen, brachliegenden Ressourcen. Also erdachte und realisierte studio klv das „Dynamikum“, ein Wissenschafts- und Besucherzentrum zum Thema „Bewegung“. Passend zum Schuh und zu kleineren Neupirmasenser Branchen wie Fitnessgeräten und Logistik und natürlich eingerichtet in einer historischen Schuhfabrik auf 4 000 Quadratmetern Raum. „Bewegung“ wird dort seit 2008 unter allen denkbaren Blickwinkeln abgehandelt, von der Mechanik bis zum Tanz, mit Lauftunnel und Kreiselrodeo. Und, wo immer es geht, mit Pirmasens-Bezug: „Wir haben in den Typus Sciencecenter den Typus Stadtmuseum integriert.“ Löken konstruierte selbst ein mit Pedalen betriebenes Luftkissenfahrzeug in Schuhform. 120 000 Besucher kommen im Jahr, dreimal mehr, als Pirmasens Einwohner hat. Und die Regierungs- und Wirtschaftsinitiative „Land der Ideen“ wählte das Projekt in der fernen Provinz für ihre Bundeskampagne aus.

Wo ist die Grenze zum Halligalli?

In Goseck an der Saale schuf studio klv für eine Steinzeit-Ausgrabungsstätte ein archäologisches Zentrum, dessen Besucher selbst spielerisch ausgraben und Fundstücke einschätzen können. Auf einer Schweiz-Expo in Basel entwarfen sie einen Pavillon fürs Bundesgesundheitsamt und das Interieur, das die Seh-, Hör- und Riechvorgänge bei der ersten Begegnung zweier Menschen inszeniert. Bei der Berliner Luftfahrtausstellung erdachten sie den „Space Pavillon“ für die einschlägige Branche, im Technikmuseum der Hauptstadt gestalten sie jetzt das älteste deutsche Sciencecenter um, das nach 27 Jahren etwas angestaubte „Spectrum“.

Große Klappen: Auf Schloss Goseck in Sachsen-Anhalt gruben Archäologen ein steinzeitliches Sonnenobservatorium aus. Große und kleine Kurzzeitarchäologen können jetzt selbst zu Forschern und Entdeckern werden.

Dafür hatten sie einen Ideenwettbewerb gewonnen – eher die Ausnahme, da studio klv viele seiner Aufgaben selbst entwickelt. „Ein Großteil unserer Arbeit spielt sich vor der HOAI-Leistungsphase 1 ab“, sagt Löken. „Wir haben hohen Aufwand für die Akquise.“ Denn meist geht es nicht darum, für eine gestellte Bauaufgabe die beste Lösung zu finden. Sondern eher darum, die Aufgabe erst einmal genauer zu definieren – oder potenziellen Kunden klarzumachen, dass sie eine Aufgabe haben und vergeben könnten.

Etwa der Luxlait-Molkerei in Luxemburg. Die wollte erst nur Ideen für eine Tour durch ihren Betrieb. Daraus wurde dann ein Besucherzentrum mit Milchfahrrad, Kuh-Mensch-Wettrennen und Verdauungssimulator, das in diesem Jahr eröffnet wird. Und das die Frage nach den Grenzen provoziert, die gerade rein kommerzielle Projekte leicht überschreiten können: zwischen seriöser Aufklärung und unterschwelliger Werbung, zwischen ambitionierter Präsentation und Halligalli.

Löken sieht sich auf der guten Seite der Grenze: „Wir bauen immer auf wirklichen Phänomenen auf und inszenieren nur das, wofür es eine reale Grundlage gibt.“ Und auf dem Ort, seiner echten Welt und seiner Geschichte. „Nur dann kann man auf Dauer Erfolg haben. Was willkürlich hingesetzt wurde und austauschbar ist, das hält nicht lange.“ Gerade da komme die Architektur ins Spiel. „Wir versuchen, Raum und Themenpräsentation zu vernetzen. Die Besucher sollen ein kohärentes und qualitätvolles Erlebnis haben.“

Hohe Ziele (Besucherzentrum (rechts): Auf einer Berliner Luftfahrtausstellung gestaltete studio klv einen „Weltraum zum Anfassen“

Von der Milch zum Wasser: Vor Kurzem machte studio klv wieder eine Ausnahme von seinen Prinzipien und ließ sich auf einen Wettbewerb ein. Die Koblenzer Bundesgartenschau 2011 suchte Ideen für einen Ausstellungsbeitrag „Fluss und Wasser“. Hier gewannen Kehrer und Löken mit ihrer Idee dreier mobiler Pavillons. Mobil sind sie nicht nur, weil jede Gartenschau bald endet. Sondern auch, damit sie bei Bedarf vom flutgefährdeten Standort nahe Rhein und Mosel rasch abtransportiert werden können. Die raue Wirklichkeit des Hochwassers ist in der Erlebnisarchitektur dann doch nicht erwünscht.