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[ Individuelle Stadthäuser ]

Urbane Reihen und dörfliche Höfe

Bürgerliche Stadthäuser können abgeschottete Idyllen sein, aber auch ihr Umfeld bereichern

Gruppendorf 1: Marthashof von Grüntuch Ernst Architekten in Berlin-Prenzlauer Berg gruppiert sich um einen gemeinschaftlichen Hof (Modell ganz oben). Tagsüber soll er öffentlich und nachts geschlossen sein. Eine Anwohnerinitiative ­bekämpft das Projekt als zu bürgerlich und beklagt Verdichtung.

Andreas K. Vetter

Eine Stadt bildet sich nicht nur aus Infrastruktur und Baubestand, sondern gleichermaßen durch die in ihr lebenden Menschen. „Stadt und Dasein“ – dieser vielsagende Dualismus entwickelte sich seit 1987 zu einem der operativen Begriffe der legendären Berliner IBA, die sich zum ersten Mal seit der Wiederaufbauphase idealistisch mit dem urbanen Leben und Wohnen auseinandersetzte.

Um die spezifische Identität einer Stadt zu halten, da ist man sich auch heute noch sicher, bedarf es vor allem einer vitalen Innenstadt. Hierfür soll es Einwohnern, die bisher grundsätzlich in die Stadtrandgebiete gezogen waren, zumindest strukturell ermöglicht werden, als Bürger in die Mitte zurückzukehren. Viele, von Stadtvereinen bis hin zu den Architektenkammern, bemühen sich nun um die Generierung eines adäquaten neuen Wohnangebots für Familien und anspruchsvollere Interessenten. Dabei hat sich das in eine Straßenlücke gefügte kleine Stadthaus als sehr zielführender Bautyp erwiesen.

Der in kleineren und mittleren Altstädten oft zweistöckige Bestand bietet mit seiner bescheidenen Dimensionierung ideale Parameter für junge Bauherren. Wer in der Innenstadt wohnt, lebt dort auch, und er fördert folglich nicht nur den dortigen Einzelhandel und die Gastronomie, sondern nimmt auch eher an ortstypischen Veranstaltungen und Gremien teil oder engagiert sich für Pflege und Erhalt des Zentrums. Zumindest in architektonischer Hinsicht sind im Umfeld dieser durchaus ganzheitlich vorgehenden Stadtsanierungsstrategien bereits beachtenswerte Einzelprojekte oder kleine Stadthausreihen durch Baugruppen realisiert worden – so in Schwerin oder Quedlinburg, aber auch in Leipzig, Köln und Berlin.

In großstädtischen Bausituationen allerdings bewegen sich die Parameter wegen der grundsätzlich höheren Stockwerkzahl der Straßenblöcke in größeren Dimensionen, was bei drei- bis viergeschossigen Stadthäusern aufgrund der Kostenlage verständlicherweise entweder eine Mischnutzung mit Gewerbe oder die Teilung in zwei Wohneinheiten nahelegt. Insbesondere Berlin nun zeichnet sich durch eine sehr rege Dynamik in Bezug auf die Implementierung des Stadthauswohnens in die urbane Landschaft aus.

Gruppendorf 2: Die „Prenzlauer Gärten“ von Stephan Höhne ­Architekten bestehen wie Marthashof aus zwei Geschossbauten an der Straße und Einzelhäusern an einer gemeinsamen Sackgasse. Auch diese Anlage ist am Tag offen und nachts geschlossen.

Neue Lust auf Dichte

Spätestens mit dem stadttheoretisch fundierten Berliner „Planwerk Innenstadt“ von 1999 war dort klar geworden, dass es eigentlich an einer authentischen Urbanität der Gesamtstadt mangelte. Nach dem Kriegsverlust der eng belebten Altstadt und vieler hochwertiger Wohnlagen im Zentrum hatte ein Großteil der Einwohnerschaft das private Wohnen in die begrünten Randgebiete verlegt.

Im Laufe der letzten zehn Jahre nun wurden zahlreiche Projekte realisiert oder sind noch im Bau, bei denen sich eine „neue Lust auf Dichte“ (so Hanno Rauterberg) bemerkbar macht. Neben hochwertigen Adaptionen von Gewerbeimmobilien im Loftstil, Bebauungen grüner Hinterhof­areale und dem Ausbau von Dachgeschosswohnungen für Penthäuser mit Dachterrasse kristallisierten sich dabei vor allem drei Wege heraus, wie man den anspruchsvollen und zahlungskräftigen „gutbürgerlichen“ Berliner wieder in die Stadt holt.

An erster Stelle steht das individuell entworfene und in schmaler Parzelle gereihte Einzelhaus, wie es das inzwischen berühmte Townhouse-Quartier im Friedrichswerder vorführt. Mit ihnen wird der Stadtmitte eine in Großstädten längst verschwundene Komponente zurückgegeben, nämlich die persönliche Fassade des städtischen Privathauses und damit auch die Wohnpräsenz des Bürgers. Am Friedrichswerder erhalten die Bürobebauung um den Hausvogteiplatz und das Auswärtige Amt gegenüber solcherart nun ein bürgerliches Vis-à-vis. Es wird damit ein Stück Stadtinneres quasi zurückerobert, auf eine kultivierte und sehr selbstverständliche Weise. Man kann tatsächlich klingeln und sich mit dem Besitzer persönlich unterhalten – was für wohl 98 Prozent der Gebäude in Mitte nicht möglich ist.

Zwar qualifiziert neuere journalistische Kritik, etwa von Christine Rüb, die Modellquartiere Friedrichswerder oder Prenzlauer Gärten deshalb als „vorstädtisch“, denn man stelle wie in Stadtrandvierteln das Auto vor das Haus. Doch ist es exakt dieser Aspekt, nämlich die eigene urbane Parzelle und der damit eventuell verbundene schmale Vorbereich, in dem sich das neue städtische Wohnen manifestiert. Gegenüber dem öffentlichen Raum bildet sich ein Kontaktfeld mit klarer Aussage: Dies ist ein Privathaus, und jeder hat das Recht auf selbstbestimmte Ästhetik und Baugestaltung, ob nun der Wagen vor dem Erdgeschoss steht, mittels Parklift unsichtbar versenkt oder in die integrierte Garage gesetzt wird.

Die Kommunikation mit der Stadt ist Prinzip des Townhouse, was einerseits mithilfe großer Fenster oder Loggien geschieht, die sich auf den urbanen Vorplatz richten und gleichzeitig die inneren Vorgänge durchblicken lassen. Andererseits wird der Anschluss bei nicht wenigen Häusern mittels der baulichen Integration von Büros, Kanzleien, Galerie- oder Verlagsräumen gesucht, die über pointierte Portale oder verglaste Entrées erschlossen werden. Hierdurch erzeugt das Konzept zweifelsohne einen gewissen Zwang zur alltäglichen Anwesenheit der Bewohner, die in ihrem Stadthaus eben auch arbeiten. Gleichermaßen wird die Öffentlichkeit durch jene gewerblichen oder kulturellen Funktionen in das Gebäude gezogen.

Einer spürbar anderen Ausrichtung unterliegen Planungen, die das Idealbild eines in sich geschlossenen, intimen Wohnquartiers verfolgen. Hier wurden keine extrovertierten Straßenzüge geplant, sondern verkehrsberuhigte Zonen mit Hofanlagen nach dem Vorbild der Londoner Squares, was ihren Bewohnern eine vertraute, sichere und ruhige Gemeinschaft bieten soll. Die mit hohem architektonischem ­Planungsaufwand und homogener Stilform realisierten Prenzlauer Gärten am Berliner Friedrichshain folgen diesem Prinzip. Terraced Houses und Apartmenthäuser samt Tiefgarage bieten ein breites Angebotsspektrum an Wohnungstypen.

Dass diese sehr hochwertige Alternative zum gängigen Blockrand durch ihre Vielseitigkeit und gepflegte Anmutung eine zukunftsweisende Ergänzung des Immobilienspektrums der Großstadt darstellt, ist offensichtlich. Dennoch signalisiert sie mit Zaun und Torhäusern zur Straße hin: Hier handelt es sich nicht um ein Wohnen „mit der Stadt“, sondern „in der Stadt“. Der unmittelbare Bezug auf britische Vorbilder war sicher dem Stilklischee geschuldet; der zumindest typologisch naheliegende Vorwurf der sozialen Abgrenzung lässt sich jedoch nicht unbedingt nachvollziehen: Sobald man die ungehindert zugängliche schmale Rotdornallee zwischen den Gebäudezügen entlangspaziert, verhält sich die Anlage mit den kleinen Treppen, den neben Rädern geparkten Autos, Balkonen und ihrem Spielplatz keineswegs segregierend, sondern eher familiär unaufgeregt.

Einzelhaus: Der Bau von hildebrandt lay architekten in Berlin-Weißensee fügt sich unspektakulär in eine frühere Lücke.

Auch wenn jene hier verwendete traditionelle Architektursprache dazu reizt, die Bewohnerschaft pauschal als konservativ und sozial distanziert zu beschreiben, sollte dies besser vermieden werden, da man in Deutschland dabei grundsätzlich immer riskiert, ein Fehlurteil zu fällen. Auch ein „taz“-Artikel Uwe Radas vom Januar dieses Jahres ar­gumentiert ähnlich realitätsnah und bezieht sich nicht auf innerstädtische Gefahren durch soziale Schichtenisolierung. Mit der Feststellung einer steigenden Tendenz zum priva-ten Rückzug, zur Wohngemütlichkeit, die sich ebenso schon seit Längerem im gesamten Prenzlauer Berg erkennen ließe, aber wird der Begriff der „Provinzialität“ zu einem neuen Schlagwort.

Einen noch tiefer gehenden Wandel gegenüber den typischen Stadtwohnungen in dichter und vielseitig genutzter Blockrandbebauung konstatiert ein trenderfassender Slogan, der auch in einem der jüngeren Europan-Wettbewerbe unter dem Motto „Villagizing the City“ auftrat und sich argumentativ an jene Diagnose des Provinziellen anschließt. Er arbeitet jedoch deutlicher die quartierbezogene Hinwendung auf das soziale Netzwerk, die Erfahrungs-, Wohn-, Spiel- und Freizeitgemeinschaft heraus. Dementsprechend bildet sich ein dorfähnlicher Mikrokosmos innerhalb des Stadtviertels, autofrei und leicht zu kontrollieren – Kinder und Wohnungszugänge sind gleichsam unter kollektiver Aufsicht, ebenso wird durch eine hofartige Gesamtanlage die selbstverständliche Abschirmung gegen Lärm, Verschmutzung und Vandalismus garantiert.

Gartenhof mit dezentem Stadtanschluss

Die dem Dorfanger-ähnlichen Charakter entgegenkommende Architektur ist in ihrem Angebot gemischt – beispielhaft sei auf das aktuelle ­Berliner Projekt Marthashof hingewiesen, wo sich unter dem Stichwort „Urban Village“ zwei Fassadenfronten um einen begrünten Hof gruppieren, in denen Townhouse-Typen ebenso wie Geschosswohnungen und sogenannte Gartenhäuser eingebunden werden. Wer sich hier ­beispielsweise für ein in sich separiertes Einzelhaus entscheidet, dem wird eine neuartige Mischung aus gemeinschaftlicher Gartenhofatmosphäre mit dezentem sozialem Anschluss und hochwertigem Wohnkomfort versprochen, der bauliche Kontakt zur Stadt geschieht aber bewusst nur mittelbar.

In der Zusammenschau der hier aufgeführten Wohnkonzepte fällt auf, wie unterschiedlich sie sich in das Stadtgefüge einpassen. Auf die letztlich realisierte Form sollten jedoch nicht nur die Argumente marktgerecht agierender Bauträger oder potenzieller Bewohner Einfluss nehmen, die ihre legitimen Vorlieben für ein ­offenes und ruhiges Wohnen samt Blick ins Grüne auch in der Innenstadt verwirklichen möchten.

Wie immer und überall erweist es sich letzten Endes als unmöglich, allen Inte­ressen gerecht zu werden, und doch sei auf die eingangs erwähnte Grundbedingung hinge­wiesen: Das „Dasein“ in der Stadt ist nur mit der Stadt möglich. Architektur, die sich im urbanen Kontext authentisch entwickeln und damit auch Einfluss auf das Stadtleben nehmen möchte, sollte mit ihren Wohnbauten jeweils Position beziehen, was heißt, prinzipiell und diskursiv mit dem städtischen Umfeld zu kommunizieren, anstatt sich in die privatisierende Hofzone zurückzuziehen. Am spannungsvollsten verwirklicht sich diese Haltung zweifels­ohne im Konzept des individuellen gereihten Stadthauses.

Prof. Dr. Andreas K. Vetter lehrt an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Detmold.