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[ Wohnbausanierung ]

Kompensation

Dämmung, Luftdichtheit und Gebäudetechnik – werden sie gegeneinander abgewogen, können Wohnblocks Nullenergiestandard erreichen.

Michael Schmid

Die EU will handeln: Ein Richtlinienvorschlag der Brüsseler Kommission vom April dieses Jahres sieht vor, dass ab 2019 alle Neubauten in den Mitgliedsstaaten Nullenergiestandard haben müssen. Das berührt auch den Bestand, der bei den Betriebskosten noch mehr ins Hintertreffen gerät. Aber auch bei älteren Häusern ist Nullenergiestandard möglich.

Der Architekt Walter Braun ist davon überzeugt. 2005 wurde unter seiner Leitung von der GAG Ludwigshafen ein Wohnblock mit zwölf Mietparteien aus dem Jahr 1960 zum ersten Passivhaus mit Energieüberschuss saniert. Jetzt liegen die Ergebnisse von Messungen vor, die über drei Heizperioden hinweg das Passivhaus mit einem Gebäude derselben Wohnanlage verglichen, das parallel gemäß EnEV 2002 saniert worden war. Das Ergebnis: Es ist machbar Bestandsbauten zu tragbaren Kosten so zu sanieren, dass der verbleibende Energiebedarf aus regenerativen Energiequellen gedeckt werden kann.

Mehr noch: Die Investition amortisiert sich für die investierende Wohnungsgesellschaft schnell. Der Werterhalt des Gebäudes ist über 2019 hinaus gesichert; für die Mieter kompensieren gesunkene Nebenkosten die höhere Miete, zudem müssen sie Preissteigerungen fossiler Brennstoffe für die Heizung nicht mehr fürchten.

Vor allem belegten die Messungen zum ersten Mal, dass auch bei Wohnqualität und Lufthygiene das mechanisch belüftete Gebäude gegenüber dem nach EnEV modernisierten Haus die Nase vorn hat: Die Raumtemperatur liegt um rund zwei Grad höher und die relative Luftfeuchte ist um circa fünf Prozent geringer – beides reduziert beträchtlich das Sporen- und Schimmelrisiko. Ebenso verringert sich der CO2-Gehalt der Raumluft, besonders in den Schlafzimmern, und bewegt sich dauerhaft unter dem Richtwert von 1500 ppm.

Pilotprojekt: Das 2005 zum Passivhaus sanierte Mietshaus der GAG Ludwigshafen war das erste, das dank Photovoltaik einen Energiegewinn erzielte. Den Passivhausstatus belegten Messungen über drei Heizperioden hinweg.

Augenfällig ist die Energiebilanz: Der Wohnblock mit einem Jahresbedarf von ehemals 250 kWh/(m2a) beziehungsweise 20.000 Litern Heizöl (54 Tonnen CO2) kommt jetzt mit 14 kWh/(m2a) aus. Dieser verbleibende Restwärme- und Warmwasserbedarf wird per Nahwärmeanschluss mit Hilfe von Kraft-Wärme-Kopplung gedeckt, was unterm Strich zu einem Energiebedarf führt, der 0,7 Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr entspricht. Wäre diese Möglichkeit nicht gegeben gewesen, hätte Braun auf Geothermie in Form von vier rund 95 Meter tiefen Erdwärmesonden samt Luft-Wasser-Wärmepumpe und einem 1000-Liter-Pufferspeicher zurückgegriffen – eine Alternative, die das Haus in punkto Wärmeenergie komplett autark gemacht hätte.

Für den Energieüberschuss des Gebäudes ist die auf den südlich gelegenen Dachflächen installierte Photovoltaik­anlage verantwortlich. Sie produziert circa 40 kWh/(m2a) Strom und kann, nach Abzug des Gebrauchs- und Betriebsstroms, circa 20 kWh/(m2a) ins Netz einspeisen.

Nun war die Ludwigshafener Passivhaussanierung ein Experiment. Es wurde möglich, weil sich die GAG auf die Zusatzinvestition einließ, das Land Rheinland-Pfalz sich mit zinsgünstigen Baudarlehen und Zuschüssen engagierte und weil alle am Bauprozess Beteiligten einen überproportional hohen Einsatz nicht scheuten. Als „Gratwanderung zwischen Mut und Übermut“, bezeichnet Braun zum Beispiel die technischen Hürden, die es bei der Dämmung im Bereich der Dachanschlüsse zu überwinden galt. Doch realisiert, getestet und als Erfolg bewertet, kann es jetzt in groben Zügen als Vorbild dienen, um zum Einen auf ökonomische Weise energieeffizient zu sanieren und zum Anderen bis zum Nullenergiestandard weiterzudenken.

Die Maßnahmen, die dazu nötig sind, erscheinen einfach. Braun hat sie dem Passivhausneubau entlehnt: Dämmung, Luftdichtheit und Wärmerückgewinnung. Er nutzt die Tatsache, dass die drei Parameter in einer energetischen Wechselwirkung stehen und „wie kommunizierende Röhren jede für sich und alle zusammen den Heizenergieverbrauch beeinflussen“. Ist zum Beispiel einmal ein EnEV-Standard von 50 kWh/(m2a) erreicht, mache eine weitere Zunahme der WDVS-Stärke sowohl energetisch als auch ökonomisch immer weniger Sinn, weil der Energieverlust durch Fensterlüftung etwa so groß ist, wie der Transmissionswärmeverlust des gesamten Gebäudes. Die für die EnEV 2012 vorgesehenen 35 kWh/(m2a) sind mit bloßer Dämmung, ohne mechanische Wärmerückgewinnung, überhaupt nicht mehr zu erreichen, so Braun.

Je mehr also die Wärmedämmung an Grenzen stößt, umso bedeutender werden Luftdichtheit und Wärmerückgewinnung. Letztere gewährleisten in Ludwigshafen dezentrale mechanische Lüftungen mit Wärmetauschern. Ihre Leistung wiederum steigt in dem Maße, wie das Gebäude luftdicht ist. Wand- und Deckendurchbrüche, Steckdosen oder Fenster luftdicht zu schließen sind vielfach unterschätzte Maßnahmen. Dabei wirken sie stark und kosten im Vergleich zu Dämmung und mechanischer Lüftung fast nichts. In Ludwigshafen etwa konnten die 15 kWh/(m2a) trotz Dämmung nach Passivhausstandard erst dann erreicht beziehungsweise sogar unterschritten werden, als die Luftdichtheit stimmte. Dank sorgfältiger Planung und Ausführung erreichte sie im Blower-Door-Test 0,45 n-1 und übertraf damit selbst die Luftdichtheitsvorgabe des Passivhausstandards von 0,6 n-1. Die Folge ist ein Wärmerückgewinnungsgrad von über 85 Prozent anstelle der 40 Prozent, wie sie für Bestandssanierungen üblicherweise angenommen werden.

Ist nun das Passivhaus die Strategie, die sich in Zukunft auch für große Gebäude durchsetzen wird? Paradoxerweise lassen gerade die Erfahrungen mit der Ludwigshafener Passivhaussanierung Braun daran zweifeln. Angesichts des Potenzials, das in der gegenseitigen Kompensation von Gebäudehülle und Gebäudetechnik liegt und in Ludwigshafen den Passivhausstandard erst ermöglichte, denkt Braun weiter und warnt heute davor, den Passivhausstandard von 15 kWh/(m2a) zu dogmatisieren.

Die Fortschritte in den Bereichen Luftdichtheit und Gebäudetechnik erlaubten es heute, ein Nullenergiehaus auch bei einem Heizwärmebedarf von 20 oder sogar 25 kWh/(m2a) zu erreichen. Was wirtschaftliche Vorteile hätte, denn es könnte auf günstigere Einzelbauteile zurückgegriffen werden – etwa auf Fenster mit weniger U-Wert oder dünnere Außendämmung. Den zusätzlichen Energiebedarf kann Gebäude- und Haustechnik mit weniger Investitionsaufwand kompensieren.

Braun ist überzeugt, dass dies beim Ludwigshafener Projekt nach heutigen Technik- und Effizienzniveau ebenfalls ­möglich wäre. Dem Planer und Sanierer eröffnen sich also Spielräume, wenn er die Parameter Dämmung, Technik und Luftdichtheit flexibel einsetzt. Ein Abwägen, das die EU-Nullenergierichtlinie für 2019 übrigens explizit vorsieht. Vor allem aber könne sie, so Braun erfreut, „zur Auflösung der ideologischen deutschen Passivhausdiskussion beitragen“.

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