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[ Stilwandel in Siegen ]

Der Schöngeist und das Biest

Die Stadt Siegen hat jahrzehntelang anspruchslos geklotzt. Jetzt versucht sie die Wende – mit einem Baurat, der traditionelle Ästhetik verficht.

Ohne Rücksicht: Die Hüttental-Schnellstraße ist -Siegens auffälligstes Bauwerk – nicht nur bei Nacht.

Roland Stimpel

Das Internetlexikon Wikipedia kennt Siegens Dominante: „Die Hüttentalstraße ist das Bauwerk mit der allergrößten optischen Präsenz.“ Die Schnellstraße zieht sich mal fünf, mal fünfzehn Meter überm Erdboden durch die lang gestreckte Stadt. Sie überschattet Wasserläufe, Wohn­viertel und Waldränder, macht sich an Rampen und Knoten breit und ist nach über zwanzig Jahren Bauzeit noch nicht mal fertig. Zu ihren täglichen Benutzern gehört Michael Stojan, seit einem halben Jahr Siegens Baurat.

Sein Amt liegt im Norden der Stadt, fünf Kilometer weg von ihrem politischen, ­geschäftlichen und historischen Kern. Dorthin fährt er über alte Industriegelände, vorbei an Schlackenhalden und ­Sozialbauten, und ruft: „Diese Stadt hat unglaubliche Gestaltungspotenziale! Sie wurden nur lange Zeit zu wenig ­gewürdigt. Allein die Plätze!“

Im Rahmen: Baurat Michael Stojan in einer „Sehstation“, die den Blick auf die Stadt schulen will

„Siegen hat Platz“ wirbt auch die Stadtwebsite für Touristen und Besucher, aber sie meint etwas anderes: „Über 5 000 Parkplätze in Siegen-Mitte“. Auch Stojan hat am Ziel seiner Fahrt die freie Wahl des Abstellorts. Wenn es nach ihm geht, ist sie aber bald ein bisschen eingeschränkt: Siegens bizarrster Parkplatz soll weg. Eine Sechzigerjahrestruktur namens „Siegplatte“, die auf 250 Metern Länge den Fluss überdeckt – und das für gerade einmal 141 Autoplätze. Die Platte ist inzwischen ein Symbol für Siegens langjähriges Desinteresse an stadträumlichen Qualitäten. Aber vielleicht bald ein Symbol der Wende, für die Stojan hergerufen und hergekommen ist.

Gucken, wer einen Gestalter will

Der gelernte Stadt- und Regionalplaner ist Kämpfer und Spezialist für beschauliche und trauliche Räume, regional geprägt und eher geschlossen statt weitläufig und unübersichtlich. Stojan favorisiert architektonische Harmonie auf Traditionsbasis anstelle einer Stadt aus individuellen, wechselnden, den Zeitgeist dokumentierenden Inseln. Auf früheren Karriere-Stationen in Gütersloh, Potsdam, Gladbeck und Garbsen bei Hannover hat er einiges in dieser Art realisiert oder angeschoben. Sein Kriterium für den Wechsel heißt „gucken, welche Städte einen Gestalter haben wollen“.

Als solcher sieht er sich in der Bauratstradition der Jahrzehnte vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Bei etlichen Fachkollegen provozieren Stojans Gestaltungen Abneigung, Ignoranz oder mitleidiges Lächeln, bei Bürgern und Bürgermeistern eher Begeisterung.Jetzt also Siegen: Kern eines Industriewinkels mit älterer Tradition als das Ruhrgebiet und noch länger Residenz- und Verwaltungsstadt. Siegen liegt gleichermaßen weit weg von den Metropolregionen an Rhein, Main und Ruhr und in einer regenreichen Gegend.

Geistig ist die Stadt pietistisch-protestantischen geprägt und hat ungefähr hundert Freikirchen, für die Sinnlichkeit im Zweifel Sünde ist – offenkundig auch beim Bauen. In dem schiefergrauen Milieu fällt Stojan schon äußerlich mit seinen gern hellen Anzügen und farbenfrohen Schlipsen auf.

Ohne Regeln: Der Wiederaufbau der 50er-Jahre war relativ ambitioniert. Doch heute sind viele Bauten lieblos überformt – auch in der zentralen Kölner Straße.

Die Wende soll im Kopf beginnen

„Die wussten hier, wen sie sich holten“, sagt er. Sie, das waren in dieser Stadt alle Ratsfraktionen. Für die bürgerlichen gilt der Parteilose ohnehin als verträglich, aber auch Rote und Grüne haben ihn gewählt. „Alle sehen, wohin ihre Stadt gekommen ist, und wollten jemanden, der aktiv Stadtgestaltung betreibt.“ Heraus aus der städtebaulichen Sackgasse von Hochstraßen und Flussparkpaletten, dem Wuchern der Center und der Vergröberung ganzer Quartiere wie der Unterstadt am Bahnhof. Im einst kleinteilig gemischten Viertel dominieren seit den 90er-Jahren Großformen wie „City-Galerie“ und „Sieg-Carré“, die die Kaufkraft aus der kleinteiligen Oberstadt saugten.

„Hier gab es lange keine Vision vom Ganzen“, resümiert Stojan. „Und auch heute sehen manche in der Stadt noch nicht, welche Qualitäten und Gestaltungsmöglichkeiten Siegen hat.“ Die Wende soll im Kopf beginnen. Dazu hat sich der Traditionsfreund kürzlich auf Zeit mit der „Landesinitiative StadtBauKultur NRW“ verbündet. Sie tourt mit ihren „Sehstationen“ durch die Städte des Bundeslands: quadratische, mehrere Meter große, farbige Holzrahmen, die den Blick der Passanten auf urbane Qualitäten oder Missstände lenken sollen.

In Siegen eher auf Missstände: auf die Betonplatte über der Sieg oder das als unterirdischer Kanal in die Sieg einmündende Flüsschen Weiß und auf die Hindernis- und Kurvenläufe der Siegener an der vernachlässigten Verbindung von Unter- und Oberstadt. Aber die Sehstationen zeigen auch Architektur der Vor- und ersten Nachkriegszeit, wie Stojan sie mag. „Hier gab es nach den Kriegszerstörungen einen bemerkenswert qualitätvollen Wiederaufbau. Er wird oft noch als billiger Ersatz für die Altstadt gesehen, aber damit wird er stark unterschätzt.

Ich halte ihn für einen der gelungensten in Deutschland.“ Die Parzellen blieben klein, Straßen- und Platzräume wurden rekonstruiert und behielten oder bekamen Blickbeziehungen zu Kirchtürmen oder zu beiden Schlössern. Die Gestaltungsvorschriften für Höhen, Erker oder Dachfarben neuer Häuser waren recht eng, aber ambitioniert.

„Schade nur, dass schon so viele Details wieder verschwunden sind“, bedauert Stojan – Kreuzsprossenfenster etwa, Dachlandschaften oder Ladeneingänge. Doch die kleinteilige, geschlossene Struktur zeigt sich robuster als anderswo die damaligen Avantgardebauten in offenen Stadtlandschaften, die heute oft technisch, funktional und energetisch als zu leicht befunden werden. Fürs Erhaltene kündigt Stojan „die konsequente Pflege des Erscheinungsbilds der 50er-Jahre an.“

Karstadt und der Barock

Er hat Ideale mit einem Schlag ins Romantische, ist aber in der Umsetzung ganz der pragmatische Kommunalbeamte. Harmoniefördernd sind nicht Appelle und Träume, sondern Satzungen, Fördertöpfe und von der Stadt organisierte Gemeinschaftsinteressen. Dem sollen sich Werbung, Straßenmöbel und die Architektur unterordnen. Viele Neubauten wird es in Siegens Innenstadt aber so bald nicht geben.

Auch Stojans wichtigster Wunschbauherr hat gerade andere Sorgen: Karstadt, dessen 1971 in die Oberstadt gesetzter Konsumklotz annäherungsweise als technoid-brutalistische Verkaufsoptimierungsmaschine beschreibbar ist. Zur Fußgängermeile Kölner Straße hin gibt sie heute beredt Auskunft über die wirtschaftliche Lage des Konzerns. Und gegenüber vom Unteren Schloss provoziert Karstadts Seitenfassade selbst bei Freunden der Willy-Brandt-Epoche die Frage, ob nicht in Sachen Baukultur die absolutistische Barockzeit stärker war.

Überm Fluss: Parkplatz auf der Siegplatte (links), schwungvolles Studentenmodell von Marcel Kipping für den Umbau (Mitte) und ein schon existenter bescheidener Stadtplatz über dem Wasser (rechts).

Hier kann und will Stojan zwar nicht abreißen. Aber er will Karstadt oder seinen noch unbekannten Nachfolger bewegen, eine Hauszeile davor zu platzieren, die den Klotz gnädig verdeckt. Zumal an der Platzseite schon etwas ambitioniertes Neues steht, das Museum für Gegenwartskunst von Josef Paul Kleihues aus dem Jahr 2001. Der Druck wächst, da bald Leben auf den Platz kommt: Aus dem dreiflügeligen Schloss ziehen Landesverwaltungen, Gerichte und ein dezent integriertes Jugendgefängnis aus und stattdessen die Ökonomen der Universität Siegen ein – 2 500 Stadtbeleber.

Noch schneller könnte es unten an der Siegplatte gehen, die ohnehin saniert werden müsste. Ihr Abriss wäre zwar teurer, aber für die Kommune doch günstiger, da das Land ihn subventioniert. Zudem mag die Platte kaum noch jemand in der Stadt, abgesehen von ein paar Älteren aus der Erbauergeneration und einigen Autofreunden, in deren Augen die City schon bei einem Parkplatzschwund von knapp drei Prozent kollabiert. Auch für Weiteres setzt Stojan auf Landeshilfe – etwa das neue Förderprogramm für städtebaulichen Denkmalschutz oder den Topf der wandernden Bauschau „Regionale“, die 2013 in die Gegend kommt.

Politisch tückische Details

Aber neben konsensgetragenen Großprojekten wird es viel Klein-Klein geben. Und da kann es Widerstand mit jeder politischen Farbe geben: mittelständisch-schwarzen gegen das Beschneiden des Wildwuchses von Werbung und Auslagen in der Fußgängerzone, roten in Fragen der modernen Tradition, liberal-blaugelben wegen Regeln und Beschränkungen oder grünen, weil Stojan Blickbeziehungen und ausgelichtete Parks lieber sind als spontanvegetatives Wuchern. Stojan setzt jedoch darauf, dass die Siegener und er den gleichen Weg in Richtung nachindustrielle, nachautomobile Stadt gehen – und das auch sehen und spüren wollen.

Da ist er sich im Prinzip mit der lokalen Fachwelt einig, vom BDA-Architekten und nordrhein-westfälischen Kammer-Vizepräsidenten Michael Arns bis zu Nachwuchsleuten wie der 26-jährigen Verena Giesler, die auf Stadtspaziergängen Mitbürger auf Schmerzhaftes und Stärkenswertes hinweist.

Siegens monströsesten Drachen will aber nicht mal Stojan bekämpfen: die Hüttentalstraße. Die pragmatische Lösung für die regenreiche Stadt: ein langer, von der Straße überdachter Hüttental-Radweg.


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