DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Rubriken

Services

Menü schließen

Rubriken

Services

Zurück
[ Die alte Stadt ]

Zu sehr geliebt?

Nie sahen unsere Altstädte so proper aus wie heute. Und doch sind viele gefährdet: Kommerz, Tourismus und Musealisierung drohen die einen zu sterilisieren. Den anderen fehlen Bewohner und Geld für die nötige Pflege.

Harald Bodenschatz, Johannes Geisenhof

Wir lieben unsere Altstädte, wir lieben sie so sehr, dass sie oft leiden müssen. Wenn wir sie aber nicht so sehr lieben würden, müssten sie noch mehr leiden. Heute mehren sich allerdings die Zeichen, dass die Liebe zu verwelken droht. Unsere deutschen Altstädte sind eigentlich noch gar nicht so alt.

Und unsere Liebe zu ihnen erst recht nicht. Sie keimte auf, als im späten 19. Jahrhundert alte Gebäude massenhaft abgerissen, Stadtmauern und Stadttore dem Verkehr geopfert, enge Straßen verbreitert, überkommene Parzellengrößen und Gebäudehöhen gesprengt wurden. Kurzum: Die erste große Zerstörungswelle schwappte über die alte Stadt. Aber nur dort, wo ein wirtschaftlicher Druck vorhanden war, wo die Industriegesellschaft sich breit­machte.

Altes neu entdeckt: Vor genau 100 Jahren nahm Raymond Unwin Rothenburg ob der Tauber in sein Buch „Town Planning in Practice“ auf – die ­Altstadt als Inspiration für die malerische Gartenstadt.

Nicht zufällig finden sich in dieser Zeit erste schüchterne Liebesbeweise für die Altstädte, vor allem im Umfeld der Denkmalpflege, die sich in der späten Kaiserzeit konsolidierte. Eine wunderbare Liebeserklärung an das „alte schöne“ Städtchen mit „dem anmutigen Bilde“ findet sich in dem Katechismus der Denkmalpflege von Max Dvořák aus dem Jahre 1918.

Dort heißt es in der Einleitung mit Blick auf die Veränderungen seit dem späten 19. Jahrhundert: „So blieb … von der einstigen Schönheit des Städtchens nur wenig übrig, ohne daß irgendein künstlerischer Ersatz geschaffen worden wäre.“ „Traut“, „malerisch“, „köstlich“, „harmonisch“ und „tausendfach mit Erinnerungen verknüpft“ – das war die geliebte, geschundene Altstadt für Dvořák. In dieser Zeit wurde Rothenburg ob der Tauber zum Sinnbild einer guten deutschen Altstadt.

Ihm setzte insbesondere Raymond Unwin, der berühmte Gestalter der englischen Gartenstadt, in seinem Buch „Town Planning in Practice“ (1909) ein stadtbaugeschichtliches Denkmal – anknüpfend an die Wiederentdeckung der städtebaulichen Werte der mittelalterlichen Stadt durch Camillo Sitte.In der wirtschaftlich schwierigen Zwischenkriegszeit festigte sich die Liebe zur Altstadt – wenngleich oft in einem finsteren Kontext. In der nationalsozialistischen Zeit wurde die deutsche Altstadt zunächst wieder positiv bewertet und in einigen Fällen, etwa in Stralsund, von späteren Zutaten befreit – „entschandelt“, wie es damals hieß. Die Politik führte jedoch in den Zweiten Weltkrieg, der eine zweite Welle der Zerstörung über die Altstädte brachte.

Zunächst war gar nicht klar, wie denn der Wiederaufbau erfolgen sollte – in moderner, autogerechter oder in traditioneller Form. Es gab eine bunte Palette von Lösungen, darunter die bis heute überzeugenden Wiederaufbauten des Prinzipalmarktes von Münster und der Innenstadt von München. Weniger bekannt ist die großartige Leistung des nicht kopierenden, aber traditionellen Wiederaufbaus eines im Krieg zerstörten Altstadtviertels von Rothenburg.

Prinzipalmarkt-Prinzipien: Münster gehört zu den Städten, die nach den Kriegszerstörungen im his­torischen Kern nicht das Neueste sehen wollten.

Doch bald formierte sich in der alten Bundesrepublik eine dritte Welle, die bis dato härteste, umfassendste Zerstörung der deutschen Altstädte. Im Zeichen des Fortschritts, der Überlegenheit des Neubaus, des autogerechten Ausbaus, der Verfügbarkeit billiger Energie, des Abschieds von Geschichte und Tradition wurden manche Altstädte bis zur Unkenntlichkeit überformt. In der DDR wurden Pläne gezeichnet, die Altstädte flächendeckend plattmachen wollten. Es fehlten die Ressourcen, dies auch auf breiter Front umzusetzen, doch unterbliebene Instandhaltung führte zu weiterem Verfall.

Erhaltende Stadterneuerung

Wirklich geschätzt wurden unsere Altstädte erst seit den 1970er-Jahren. Insbesondere das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 – eine internationale Kampagne des Europarats von einzigartiger Wirkung – lenkte diese Liebe bis in die letzten Altstadtwinkel. In diesen Jahren wurden Städte wie Bologna, Amsterdam, Krakau bewundert, die nicht nur einige Monumente, sondern das gesamte historische Zentrum als erhaltenswert und zukunftsfähig deklarierten. In der Bundesrepublik dienten vor allem Lübeck, Bamberg und Regensburg als Modellstädte.

Mithilfe der Städtebauförderung wurde in der Bundesrepublik Deutschland ein in Europa einmaliges Programm der erhaltenden Erneuerung auf den Weg gebracht. In den frühen 70er-Jahren wurde auch die Denkmalpflege erneuert. Die Länder verabschiedeten Denkmalgesetze und schufen Behörden, die sich im internationalen Vergleich sehen lassen konnten. Ohne Städtebauförderung und ohne die Behörden der Denkmalpflege wäre die erhaltende Erneuerung des Erbes nicht möglich gewesen.

Erhaltende Stadterneuerung – das bedeutete: Abkehr von der „Moderne“ der 1960er-Jahre, von einem nahezu ausschließlich autoorientierten Straßenbau, von Rücksichtslosigkeit gegenüber dem historischen Stadtgrundriss und -aufriss, von einer auf Abriss gerichteten Baupraxis, von Ignoranz gegenüber dem konkreten historischen Ort.

Baulich ging es vor allem um den Erhalt, die Rehabilitation und die rekonstruierende Ergänzung historischer Gebäude, um die Suche nach den historischen Spuren an ihnen. Hier war jedes Detail der Gestaltung und des Baumaterials von Bedeutung: von der Dachdeckung über die Fenster bis zur Türklinke. Aber nicht nur die behutsame Sanierung kennzeichnete die geschichtliche Zeugnisse respektierende Baukultur. Auch die Berücksichtigung der regionalen Bauweise bei Neubauten trug wesentlich zur Stärkung der Identität einer Altstadt bei.

Städtebaulich und verkehrsplanerisch ging es vor allem darum, die öffentlichen Räume wieder für den Fußgänger zu gewinnen. In den frühen 70er-Jahren entstand auch die Arbeitsgemeinschaft „Die alte Stadt“, ein noch heute aktives Netzwerk von über 100 Altstädten in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Südtirol. Programmatisches Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist die erhaltende Erneuerung der alten Stadt. Dem dienen Tagungen und eine Zeitschrift, die seit 1974 erscheint: „Die alte Stadt“ (aktuelles Heft 1/2009: „Zur Zukunft der alten Stadt“!), ein interdisziplinäres Forum für Denkmalpfleger, Architekten, Stadtplaner, Historiker und Soziologen (www.alte-stadt.de).

Verwelkende Liebe?

Heute sind die Altstädte längst nicht mehr das, was die Älteren noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit erlebt haben: ein Wohn- und Arbeitsort wie andere auch. Heute sind sie ein herausgehobener Ort besonderer Gebäude und Stadträume, die eine wenig aufregende und geschichtslose suburbane Landschaft dringend benötigt. Sie sind ein Ziel des Tourismus, und zwar nicht nur des weltweit wachsenden Ferntourismus, sondern vor allem auch des Lokaltourismus. Und sie sind Orte, wo regionale Kultur nach­gefragt wird und an dem Leute gerne wohnen, auch alte Menschen. Altstädte sind unverzichtbare, unwiederholbare Fixpunkte der Identität der Bewohner und Nutzer von Stadtregionen. Daher brauchen wir die Altstädte mehr denn je. Dafür bedarf es aber der Aufmerksamkeit, der Pflege und des Geldes. Doch in dieser Frage droht die Liebe zu welken.

Die in den 70er-Jahren geschmiedete Generation der Liebhaber der Altstädte verlässt langsam die Bühne von Politik und Fachwelt. Die neuen Generationen haben die Konflikte der 70er-Jahre nicht mehr erlebt. Die postindustriellen Altstädte, mit denen sie aufgewachsen sind, sind meist umfassend erneuert worden. Sie sind für sie selbstverständlich und oft kein Gegenstand besonderer Liebe mehr. Das mussten auch die Institutionen der Denkmalpflege erfahren – sie wurden zum Teil empfindlich geschwächt.

Zugleich sind die Altstädte harten neuen Herausforderungen ausgesetzt. Der Abschied von der Industriegesellschaft stellt auch die Altstädte auf die Prüfbank der Zukunftsfähigkeit. Zwar haben sie sich im Umkreis der Großstädte oft stabilisiert – dank einer neuen Einwohnerschaft, die das Besondere, Einzigartige, Historische liebt und pflegt. Doch zugleich geraten isolierte Altstädte im räumlichen Abseits in eine gefährliche Spirale von Abwanderung und Desinvestition – nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in Teilen Hessens, Niedersachsens und Bayerns.

Altstadt so alt wie noch nie

Die Antworten auf neue Herausforderungen, die Liebesbeweise von heute sind schillernd. Manche Politiker meinen, die Altstadt braucht einen neuen Anker – eine großes Shoppingcenter, das sich womöglich hinter den erhaltenswerten Fassaden historischer Gebäude verbirgt. Andere setzen auf Events, auf Massenspektakel, um noch mehr Touristen anzulocken. Wieder andere setzen auf ikonische Neubauten, die die Innovationsfähigkeit der Altstadt unterstreichen und diese ins Gespräch bringen sollen.

Auch Rekonstruktionen sind gefragt. Die real existierenden Altstädte werden mehr und mehr dem heiß geliebten Bild einer idealen Altstadt angepasst – mit blumengeschmückten Winkeln, Kopfsteinpflaster, Altstadtlaternen, Altstadtkneipen, Altstadtfassaden mit wenig Altstadt dahinter, Läden für Altstadttouristen. So alt wie heute war die Altstadt noch nie. All diese Maßnahmen sind nicht per se gut oder schlecht, es kommt, wie bei jeder Medizin, auf die Dosis an. Und diese Dosis ist oft zu hoch, zu modisch, zu „innovativ“, zu kommerziell, mit anderen Worten: zu wenig nachhaltig. Unter dem Vorwand, die Altstädte zu retten, werden diese oft geschunden. Heute wird es zunehmend schwieriger, eine Strategie der Balance zwischen kommerzieller historischer Maskerade und Altstadtmuseum zu entwickeln.

Altes neu poliert: Eine eher erdrückende Form von Liebe droht Altstädten die Seele zu nehmen. Aber selbst im Kern von Rothenburg ob der Tauber wird noch gewohnt und alltäglich gearbeitet.

Altstädte blühen weder, noch verfallen sie, wir lassen sie blühen und verfallen. Durch unsere politischen und alltäglichen Entscheidungen. Sicher: Architektur und Städtebau können großräumige globale und nationale Entwicklungen nicht aufhalten. Sie können aber entscheidend dazu beitragen, ob eine prosperierende Altstadt unerträglich überformt oder mit Augenmaß weiterentwickelt wird und ob eine Altstadt im Abseits der Entwicklungsstränge wenigstens überwintern kann.

Zentraler, strenger Maßstab für die Altstadtpolitik muss sein: Wird durch die geplanten Projekte die Altstadt in ihrer besonderen Eigenart langfristig erhalten? Oder dienen die Projekte nur kurzfristigen Effekten, Moden, Bereicherungen? Die Liebe zur Altstadt dient in erster Linie uns selbst, in zweiter Linie aber auch unseren Nachkommen. Die Altstadt haben wir über Jahrhunderte ererbt, wir schulden den künftigen Generationen, dieses Erbe weiterzugeben.

Prof. Dr. Harald Bodenschatz lehrt an der TU Berlin, Prof. Dr. Johannes Geisenhof an der FH Coburg.
Ihr Planungsbüro Gruppe DASS hat viele Altstadtprojekte betreut.