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[ Baukulturträger ]

Der Neuerer von Neumarkt

Architekturvorträge, ein ArchitektOurbus, ein Architekturtreffpunkt und nicht zuletzt viel gute Architektur: Wie Johannes Berschneider in der Oberpfalz die Baukultur belebt.

Johannes Berschneider hat immer wieder neue Ideen und Initiativen für den Berufsstand und seine Werke.

Fred Wagner

Wäre es ein Theaterstück, dann wäre es ein echter Kassenschlager. Jede Vorstellung ist seit Jahren bis auf den letzten Platz belegt. Doch mit Theaterspielen hat das, was  die Bürger von Neumarkt in der Oberpfalz regelmäßig aus dem Häuschen lockt, nichts zu tun. Bei der im Frühjahr und im Herbst stattfindenden Vortragsreihe geht es um Architektur. Dass der Veranstaltungsraum im Festsaal der Residenz trotzdem rappelvoll ist – wie bei einem guten Rockkonzert – ist einem besonders engagierten Architekten zu verdanken: Johannes Berschneider. Der 56-Jährige gilt in der Region als der Robin Hood der Baukultur, der mit Ausdauer und Fleiß, originellen Ideen und viel Herzblut die Bürger von Neumarkt für sein Thema begeistern kann.

Neumarkt? Wenn man von Nürnberg Richtung Regensburg fährt und nach zwanzig Minuten aus dem Zug steigt, steht man in Neumarkt und damit mitten in der Oberpfälzer Provinz. Von kleinstädtischer Beschaulichkeit will man hier aber nichts wissen. Die Neumarkter schreiben Erfolgsgeschichten, an denen sich der Rest der Republik ein -Beispiel nehmen kann. Die 40 000 Einwohner zählende -Gemeinde ist pro Kopf eine der reichsten Städte Deutschlands und nimmt einen Spitzenplatz beim Wirtschaftswachstum ein. Stetige Bevölkerungszunahme, einen steilen Anstieg der Arbeitsplatzzahlen und eine überdurchschnittliche Produktivität der regionalen Unternehmen verzeichnet die kleine Boomtown.

Auf eine Sache sind die Neumarkter jedoch ganz besonders stolz: auf ihre besondere Beziehung zur Architektur. Es gibt wohl keine andere deutsche Mittelstadt, in der das Interesse an Baukultur derartige Formen angenommen hat. Über das gesamte Jahr verteilt gibt es interessante Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen, die sich auch an interessierte Laien richten und jedes Mal begeisterten Zuspruch finden.

Regelmäßig holt Berschneider prominente Architekten, wie unter anderen den Schweizer Luigi Snozzi (rechts), in die Stadt, die hier ein begeistertes Publikum finden.

Szenestars live erleben

„Die Stars der Szene geben sich bei uns die Klinke in die Hand“, schwärmt Berschneider, der die Vortragsreihe zusammen mit einem seiner Mitarbeiter seit 2001 organisiert, und nennt ein paar Namen: „Meinhard von Gerkan, Hadi Teherani, Luigi Snozzi, Volker Staab, Stefan Behnisch.“ Die kommen nicht mit dem Regionalzug in die Oberpfalz, um das Wunder von Neumarkt zu erleben, sondern mit dem Flieger aus Schanghai, Wien oder Toronto. Berschneider setzt sich dann in seinen weißen Mini Cooper und holt – jeden persönlich vom Flughafen Nürnberg ab. „Die sind durchweg begeistert, wenn sie nach ihren Vorträgen wieder abreisen. Mit so einem riesigen Andrang hat niemand -gerechnet.“

Die Auswirkungen solcher Aktionen sind nach rund 50 Veranstaltungen seit 2001 in der Arbeitswelt der örtlichen Kollegen angekommen. „Wir dürfen heute das bauen, was vor zehn Jahren fast undenkbar war“, sagt Berschneider sichtbar zufrieden. „Architekten haben heute in Neumarkt einen ganz anderen Stellenwert, und Behörden und private Bauherren sind heute viel aufgeschlossener, was moderne Architektur betrifft.“

Daran ist nicht allein die Vortragsreihe „Architektur und Baukultur“ schuld, die Berschneider organisiert. Der in Neumarkt Geborene, den viele einfach nur „Berschi“ nennen und der mit seiner Frau Gudrun ein Büro mit 16 Mitarbeitern leitet, initiiert und veranstaltet auch den sogenannten „ArchitektOurbus“. Interessierte werden ein- bis zweimal im Jahr auf eine Bustour  zu spannenden Projekten in der Region eingeladen. Berschneider: „Dabei werden nicht nur schöne Hochglanzansichten präsentiert, sondern auch der gesamte Planungsweg über alle Bauphasen.“

Der erste ArchitektOurbus startete in Neumarkt vor acht Jahren. Inzwischen wird Berschneiders Idee in anderen Städten kopiert.

Für die Auswahl der Projekte können sich alle öffentlichen und privaten Bauherren und Architekten bewerben. Einzige Bedingung, sagt Berschneider, sei Qualität. Seit 2001 gingen die Busse in Neumarkt bereits zwölfmal auf Reisen und haben inzwischen Nachahmer gefunden: Die Busse starten jetzt auch in anderen Städten wie Regensburg, Passau oder Landshut zu informativen Rundfahrten.

Die Liebe zum Detail

Dass Berschneider mit solchen Aktionen die Bekanntheit seines Namens und den seines Büros erhöht, steht außer Zweifel. Doch den persönlichen Vorteil spielt er mit sympathischem Lächeln herunter. Dadurch, dass er oft auf der Bühne und in der Zeitung stehe, bekomme er schnell den Ruf eines Stararchitekten, der sich nicht mehr um die kleinen Dinge kümmert.Doch genau die Liebe zum Detail ist es, die Berschneider antreibt und für die er brennt. Schnell spürt man im Gespräch mit ihm, dass er gern die Kontrolle behält und ein Perfektionist ist, wenn es um seine Projekte geht. „Ich bin ein Detailfetischist“, gibt er gerne zu und lacht. „In Zeiten, in denen die Kosten immer wichtiger werden, darf man die Einzelheiten nicht aus den Augen verlieren. Das begeistert die Bauherren.“

Museum Lothar Fischer in Neumarkt.

Über fehlende Bauherren kann sich sein Büro nicht beklagen. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt und von der Wirtschaftskrise ist in seinem Büro nichts zu spüren. Auch Stornierungen gab es bisher noch nicht. Die meisten Bauvorhaben bewegen sich unterhalb von zehn Millionen Euro, darunter sind viele Einfamilienhäuser in der Region. Das bisher wichtigste Projekt war der Neubau des Lothar-Fischer-Museums 2004 in Neumarkt, das Johannes und Gudrun Berschneider auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht hat.

Sein bisher größtes Vorhaben steht kurz vor der Fertigstellung: der Bau des Maybach-Museums mit einer 200 000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche. Kurz vor dem endgültigen Abbruch der ehemaligen Express-Fahrradwerke Neumarkt gelang es einem privaten Investor, den Gebäudekomplex für das Maybach-Museum zu erwerben und somit ein Stück Neumarkter Geschichte zu bewahren.

Das neue „Museum für historische Maybach-Fahrzeuge“ in Neumarkt.

Johannes Berschneiders Geschichte beginnt mit einem Diplomstudium der Innenarchitektur an der FH Rosenheim. „Ich hatte immer etwas damit im Kopf, nur konnte man das damals noch nicht studieren. Also wollte ich ins Marketing oder in die Werbung. Bis plötzlich in Rosenheim die Ausbildung zum Innenarchitekten als Ingenieurstudium eröffnet wurde. Da habe ich gar nicht lange überlegt.“ Nach dem Abschluss geht er nach Nürnberg und arbeitet vier Jahre im Büro W. und M. Schlegtendal.  Danach folgt ein Zweitstudium der Architektur an der FH Regensburg.

1984 wird Berschneider Mitglied der Bayerischen Kammer und gründet mit seinem Kollegen Wolfgang Knychalla in Pilsach/Neumarkt ein eigenes Büro. Zwei Jahre später wird er in den BDA berufen und ist seit 2001 dessen erster Vorsitzender im Kreisverband Niederbayern/Oberpalz. Seit 2002 führt er sein Büro gemeinsam mit seiner Frau, die wie er Innenarchitektur und Architektur studiert hat. 2003 kommt ein weiteres Amt hinzu: Berschneider wird Mitglied der Vertreterversammlung der Bayerischen Architektenkammer und erster Vorsitzender der AG Öffentlichkeitsarbeit.

Seit Juli 2008 hat die Kammer auch in Niederbayern und der Oberpfalz einen Treffpunkt Architektur – nicht zufällig in Neumarkt. Der erste Vorsitzende ist Johannes Berschneider.Für sein berufliches und privates Engagement überreicht ihm 2004 der damalige Oberbürgermeister und jetzige Bundestagsabgeordnete Alois Karl den jährlichen Kulturpreis der Stadt Neumarkt – ein Ereignis, das er zu den bewegendsten Momenten in seiner beruflichen Laufbahn zählt.

Gute Mitarbeiter und zufriedene Bauherren

Privat hat sich der Planer mit den wach wirkenden Augen der bildenden Kunst verschrieben. Seit Jahren präsentiert er die Werke seiner Malerei in viel beachteten Ausstellungen und kann sie mit großem Erfolg verkaufen. Fragt man ihn nach der größeren Leidenschaft, muss er nicht lange überlegen. „Der Weg von der Zeichnung bis zum Bau – das ist stark! Ich muss Überzeugungsarbeit leisten, mit meinen Ideen begeistern und zusammen mit anderen Firmen die beste Lösung finden.“

Die Plakataktion zur Fußballweltmeisterschaft machte Berschneider und seine Kollegen bundesweit bekannt.

In diesem Prozess gilt Berschneider bei vielen in der Baubranche als „harter Hund“, der nichts durchgehen lässt. „Die Hälfte der Handwerker gibt bei mir erst gar kein Angebot ab, aber die andere Hälfte sind Stammkunden, die durch die Zusammenarbeit mit unserem Büro Aufträge bekommen, weil sie -weiterempfohlen werden“, sagt er stolz. Gute Mitarbeiter im Büro und zufriedene Bauherren, die zum zweiten oder dritten Mal vorbeikommen, sowie eine hohe Qualität der Architektur sind für ihn die wichtigsten Zeichen für den Erfolg.

Sicher kann es da auch mal Rückschläge geben. Berschneider: „Fehler können schon mal vorkommen, aber wenn es um Fahrlässigkeit und Dummheit, Gedankenlosigkeit und fehlendes Interesse geht und dadurch die Bauqualität leidet, gibt es bei mir kein Pardon.“ So gebe es immer wieder Auseinandersetzungen mit Projektanten der Haustechnik und Elektroplanung beim „Kampf um die beste Lösung für die Architektur“.

Doch woher kommen all die Energie und die Zeit für das berufliche und private Engagement? „Ich weiß auch nicht, woher ich diese Zeit habe“, sagt Berschneider und zuckt mit den Schultern. „Mein Glück ist es aber, dass ich nie müde bin.“ Wichtige Quelle seiner Energie ist seine Frau Gudrun, die er während des Studiums kennengelernt hat und mit der er seit 25 Jahren zusammenarbeitet. „Ich bin mir sicher, wenn ich eine Frau hätte, die nicht Architektin ist, dann hätte ich ein schweres Leben.“

Und er würde sein Ziel schwerer erreichen, das für ihn einfach zu formulieren ist: „Ich möchte dem Menschen Architektur näherbringen. Sie sollen auf gute Architektur aufmerksam werden. Das müssen ja nicht 100 Prozent der Menschen sein, es reichen auch schon 20.“

Unter dem Motto „Baustelle betreten“ finden Führungen statt, auf denen der Architekt dem Publikum seine Pläne präsentiert.

Ganz in diesem Sinne hat er gerade eine neue Idee ausgebrütet: Unter dem Motto „Baustelle betreten!“ fordert er in seiner neuesten Aktion dazu auf, Bauprojekte von Architekten der Region zu besichtigen, und lässt dafür grellgelbe Hinweisschilder drucken. Die erste Aktion dieser Art war ein voller Erfolg: Zur öffentlichen Baustellenbesichtigung des künftigen Museums für historische Maybach-Fahrzeuge kamen mehrere Hundert Besucher und ließen sich von ihm voller Spannung das Planungskonzept erläutern.

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