DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Rubriken

Services

Menü schließen

Rubriken

Services

Zurück
[ Querstreber ]

Corbus Gegenspieler

Warum Leberecht Hühnchen Le Corbusier überdauert.

Roland Stimpel

Heute weiter in der kleinen Reihe „Bau- und Romanhelden im schiefen Vergleich“. Nach Chipperfield und Gulliver widmen wir uns zwei Nachbarn im Alphabet und Rivalen im Leben. Deren Rangfolge scheint nach Buchgewicht und -preis erst mal klar: Das neue Huldigungswerk „Le Corbusier: Le grand“ wiegt neun Kilo und kostet 150 Euro. „Leberecht Hühnchen“ gibt’s beim Trödler mit 154 Gramm für eins fünfzig. Die Figur schuf ein dichtender Statiker: Heinrich Seidel, 1842 bis 1906, Dachkonstrukteur des Anhalter Bahnhofs in Berlin und auch bartstatisch begabt – siehe Bild rechts.

Sein Romanheld nahm Le Corbusier um Jahrzehnte vorweg. Der war gerade erst geboren, da praktizierte Hühnchen schon die Charta von Athen – als erster Pendler der deutschen ­Literaturgeschichte. Auf der Flucht vor der stickigen Berliner Luft kaufte er ein Häuschen in Steglitz ohne „ornamentales Gemüse“. Es war „eng wie ein ­Vogelbauer“, nahm also Modulor und Weißenhof-Schlafwagen vorweg.

Aber Hühnchen baute an und um, bis man nichts mehr wiedererkannte – wie später die Arbeiter von Pessac an ihren Le-Corbusier-Häusern. Rasch zeigt er sich im Roman als Anti-Corbu, der statt großer Visionen nur ein utopieloses Glück im Winkel will. Mit dieser Haltung sei er „vor den Gefahren der Moderne innerlich gewappnet“, schreibt sein Wikipedia-Rezensent. Und diese kleinbürgerlich-private Ambition ist dauerhafter als Le Corbusiers ästhetisch-so­zialer Ehrgeiz: Die Hühnchens von heute wollen Reihenhäuser statt Unités d’Habitation und Satteldach statt Villa Savoye.

Pilotis gibt’s nur am Carport, statt Flachbandfenstern zeigt man unechte Kreuzsprosse. Sie würden nie mehr im Kern von Steglitz siedeln, seit der mit Hochhaus und Schnellstraße ein bisschen Plan Voisin spielt. Wenn sie nicht aufs Dorf ziehen, dann in die chartawidrig gemischte, verkehrsberuhigte Innenstadt.

Der eine ist ins Jenseits entrückt und anbetbar in Saint Corbu du Ronchamps, die anderen bleiben im Leben wie im Buch aktuell. Seidels Best- und Longseller wird nach 120 Jahren immer noch neu aufgelegt, was das Neunkilobuch nicht schaffen wird. Le Corbusier übrigens zeigte Großmut, als er das von den Hühnchens über­formte Pessac wiedersah: „Es ist immer das Leben, das recht hat.“