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[ DAB 01/09 ]

Der Baum als Bauherr

Wie Holz sich emanzipiert.

Roland Stimpel
Die Moderne ist rettbar! Sie muss nur zurück zu den Wurzeln, und zwar buchstäblich. Den Weg weist die Baubotanik. Deren Treibhaus ist die Universität Stuttgart, wo Architekten und Statiker seit Langem zu einem stolzen Stamm verwachsen sind. Es geht aber nicht um die Casa arboris vulgaris, das gemeine Baumhaus. Das ist bloß in den Baum hineingebaut, aber der  gehört nicht richtig dazu. In der Baubotanik stellen Stämme und Äste dagegen selbst die Tragkonstruktion. Nur statisch unwichtige Teile kommen aus dem Baustoffhandel. Erste Versuchsbaumbauten stehen schon: in einem Ort namens Waldruhestetten ein eher zweckfreier Steg über eine Wiese mit Metallgitterrost auf Weidenstämmen. Und in Waldkirchen im Bayerischen Wald eine sechs Meter hohe Vogelbeobachtungsstation mit Membrandach, das zwischen Baumspitzen aufgehängt ist.

Aber wieso Rettung der Moderne? Baubotanik schafft ihr im Wald eine neue Massenbasis mit bewährten Mitteln: über ihren basisdemokratischen, partizipativen Ansatz. Das organische Traggerüst wächst, treibt aus, verändert Stärke und Struktur. Die Stuttgarter Baubotaniker sprechen von einer „Verselbstständigung und vielleicht sogar einer Emanzipation des Tragwerks und der Statik“. Es treibt, wie es will, und zwar nicht nach den Kitschwünschen holzköpfiger Bauherren, sondern funktionalistisch nach eigenen Bedürfnissen. Der Baum kennt sein Ziel: „Licht, Luft und Sonne, die altbekannten Forderungen der klassischen Moderne.“

Bäume bringen auch ersehnte Arbeit. Denn jetzt wird „die baubotanische Pflanze zu einem zweiten Auftraggeber des Architekten“. Zwar zu einem nervigen, der wächst und knorpelt und sich biegt, wohin er will. Aber auch zu einem dankbaren Auftraggeber, der mehr Blätter regnen lässt als jeder menschliche Bauherr Geldscheine. Und der Baum stellt keine Haftungsansprüche, nicht einmal, wenn sich der Architekt oben seinen eigenen Ast absägt. Das schlagende Argument zuletzt: Wenn der Hausbaum morsch und gefällt ist, kann man ihn nicht rekonstruieren. Vergesst das autoritäre Berliner Schloss, pflanzt einen emanzipierten Gerüstwald!