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[ Center und Stadt ]

Öffentlicher Privatraum

Center und Stadtraum – geht das zusammen? Ein Neubau in Duisburg und ein 50er-Jahre-Zentrum in Berlin zeigen Potenziale und Schwierigkeiten.

Heike Oevermann

Gute Architektur und der Typus Shoppingmall schließen sich nicht aus. Das führen das im September eröffnete Forum Duisburg und seine Architekten Ortner und Ortner vor. Es liegt an der Duisburger Fußgängerzone und greift den existierenden Stadtgrundriss auf – und das bringt offensichtlich neue Spielräume für den Entwurf und für die Realisierung einer Stadtzentrumsmall. Der zuvor von Karstadt und anderen Immobilien besetzte Straßenblock war zu klein für das gesamte Raumprogramm.

Forum Duisburg: Das Center präsentiert sich außen mit mehreren Baukörpern. Sie sind durch ein Glasdach verbunden (oben), das Licht ins Innere gelangen lässt (unten).

Die Verwaltung des Kaufhauses wurde in einen Neubau im Nachbarblock ausgelagert, und auch eine zweite Anlieferung wurde dort geschaffen, die sich geschickt in die untergeordneten Seitenstraßen einfügt. So zwangen schon die existierenden Stadtstrukturen dazu, etwas mehr Kleinteiligkeit als üblich zu schaffen.

Schon die in den Hauptbau eingebundene Altbaufassade macht deutlich, dass der Block gestalterisch parzelliert ist – ungewöhnlich für diesen Bautyp. Die Baukörper fürs Einkaufen unterscheiden sich in den Fassaden durch Material, Profil und gestalterische Elemente. Sie sind, ähnlich den alten Pariser Passagen, durch eine verglaste Überdachung verunden. Der Komplex präsentiert sich als zusammengefügtes Ensemble und nicht als hermetischer Block. Sein differenzierter Maßstab wirkt aus dem Stadtraum heraus bis nach innen. Zudem behielt der anderswo oft vernachlässigte Stadtraum selbst an der Rückseite des Centers seine Verhältnismäßigkeit. Haupt- und Nebenbau sind durch einen gläsernen zweigeschossigen Brückengang verbunden, der schon aus den Seitenstraßen heraus Gutes erahnen lässt. Er erinnert an die vielen Brückengänge, die Bauten in den historischen Städten von jeher verknüpft hatten.

Allerdings ist die Aufnahme eines vorhandenen oder früheren Stadtgrundrisses kein Patentrezept. Das zeigt ein anderes Beispiel: die Potsdamer Platz Arkaden in Berlin (Innenansicht auf Seite 20). Hier wurde eine gradlinige frühere Straße wiederaufgenommen. So entstand eine Achse mit stur aufgereihten Läden und ohne räumliche Vielschichtigkeit.

Da kommt wenig Lust zum Schlendern auf. Anders im Duisburger Forum, wo sich die Verkehrszone um einen Kern herumwindet. Innen und außen an diesem Ring sind Läden unterschiedlicher Größen angeordnet, zwischen denen es je nach Etage unterschiedliche Verbindungen gibt. Selbst die Parketage ist als tiefste Ebene eines Hofes Teil dieses miteinander korrespondierenden Systems. Immer wieder ergeben sich neue Blicke und Perspektiven. Vertikale wie horizontale Aufweitungen der Verkehrszone, unterschiedliche Geh- und Rolltreppen, angedeutete Höfe und Plätze, Brücken, Arkaden und Vordächer greifen das ganze räumliche Repertoire der historischen Stadt auf, verlagern es in den Innenraum und interpretieren es in Material und Form neu.

Damit erscheint der Innenraum als ein in den Dschungel des Konsums geschlagener Weg. Er überzeugt durch Abwesenheit von Designschnickschnack, durch das nicht spiegelnde Glas und die gut gestalteten Details und Materialien. Der Konsumtempel wird zur Mallstadt, die ihre Vergangenheit als Disneyland oder Kaufmaschine abgelegt hat.

Dennoch bleibt ein etwas muffiges Odeur – buchstäblich, denn es fehlt die frische Luft. Sie fehlt wortwörtlich; Wind, Sonne, Kühle, vielleicht sogar Regen sind auf der Haut nicht spürbar. Und sie fehlt im übertragenen Sinn: Die Frage bleibt, wie städtischer Raum geschaffen werden kann durch ein rund 57 000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum mit über 80 überwiegend nach innen konzentrierten Läden, die in einer Hand organisiert sind. Wie können hier die Qualitäten von Straßen und Plätzen als heterogene Kommunikations- und Interaktionsräume entstehen? Die überzeugende Architektur ändert noch nichts am problematischen Nutzungsablauf in jeder Shoppingmall: Reinfahren, Einkaufen und noch mehr Einkaufen, Rausfahren – und alles ohne eine Berührung mit dem Stadtraum.

Ein Versuch von 1957

Einen ganz anderen Ansatz der Einbindung in die umgebende Stadt zeigt ein kleines, schon 50 Jahre altes Einkaufszentrum in Berlin, geschaffen zur Internationalen Bauausstellung am Hansaplatz. Dort wurden einerseits gezielt tradierte Formen des historischen Stadtraums – Straße, Block, Parzelle – aufgegeben, andererseits wurde dennoch der Versuch unternommen, offenen städtischen Raum ohne Abgrenzung nach draußen zu gestalten.
Das Einkaufszentrum Hansaplatz besteht aus ein- bis zweigeschossigen Einzelbauten, rund um zwei offene Höfe gruppiert. Überdachte Umgänge, leichte Stahlstützen und horizontale Bänder – Dachabschlüsse, Fassadengliederungen und Schriftzüge – verbanden die pavillonartigen Architekturen zu einem offenen Ensemble.

Damit wurden fließende Räume geschaffen. Unmerkliche Übergänge führten von Straße und Bürgersteig über Arkade und Hofsituation zu den Ladenlokalen, den Café-Restaurants und dem Theater. Auch der Eingang des zeitgleich entstandenen U-Bahnhofs konnte so integriert werden. Aufenthaltsqualitäten sollten in den unterschiedlichen Außenräumen entstehen. Das Einkaufszentrum sicherte nicht nur die Versorgung des täglichen Bedarfs der umliegenden Bewohner, sondern war auch als Ort des Verweilens, der Begegnung und Kommunikation gedacht. Gemeinsam mit der gegenüberliegenden Kirche und der Bibliothek sollte das Zentrum des Hansaviertels belebt werden. Mit dem gesamten Viertel steht es seit 1995 unter Denkmalschutz.

Allerdings sind Läden, Bibliothek und Kirche durch eine große Straßenkreuzung voneinander getrennt. Das sah man in der damaligen Autoeuphorie noch nicht als Problem, doch sprengt es die einzelnen Bereiche des Zentrums auseinander. Auch aus anderen Gründen kann das ursprüng liche Konzept heute kaum noch erfasst werden. Das Einkaufszentrum wurde in den 1970er-Jahren im Osten erweitert. Fassaden, Oberflächen und Schriftzüge sind vielfach umgebaut und verändert. Die Einkäufer, die U-Bahn-Nutzer, die Besucher des am Platz gelegenen Grips-Theaters und auch die Obdachlosen bilden zwar eine heterogene Mischung, aber der vernachlässigte und deformierte Raum bringt sie nicht miteinander in Berührung.

Düstere Gänge unter Denkmalschutz

Das Einkaufszentrum leidet heute unter Kundenschwund, verschärft durch die geringe Attraktivität in den engen, dunklen, überdachten Außenräumen des 70er-Jahre-Anbaus. Neue Perspektiven sollen ihm zwei Analysen und Entwürfe geben, die in diesem Jahr in der Architekturwerkstatt des Berliner Senats entstanden. Die Büros gmp aus Hamburg und Helm Westhaus aus Berlin haben kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen vorgeschlagen. Stadtbezirk und Denkmalschutzbehörde bearbeiten sie noch, doch Grundtendenzen sind schon deutlich: Der freie Außenraum zur Kreuzung Hansaplatz soll bewahrt bleiben, auch mit den Veränderungen und Erweiterungen der 60er- und 70er-Jahre. Selbst diese fallen inzwischen unter den Denkmalschutz. Er hat allerdings die Problematik der abschreckenden Außenräume erkannt; Weiterentwicklung ist möglich.

Es ist jedoch unklar, wie dieses Problem ohne größere Abrisse gelöst werden kann. Gmp will den unattraktiven Außenraum in einen Innenraum verwandeln und damit einem heutigen Center näherkommen. Doch das würde mit hoher Wahrscheinlichkeit keine neue Attraktivität erzeugen, sondern weitere gestalterische Beliebigkeit. Und das denkmalberechtigte ursprüngliche Ensemble, das sich durch den Außenraum von überzeugender Qualität ausgezeichnet hatte, wäre ganz aufgegeben. Gestaltungsspielräume gibt es dagegen an der bisherigen Rückseite des Einkaufszentrums hin zur S- Bahn-Trasse. Unklar bleibt insgesamt, wie die privaten und öffentlichen Eigentümer auf die Vorschläge reagieren. Sie haben für Planer und Behörden keinen gemeinsamen Ansprechpartner.

Senat, Denkmalbehörde und Bezirk versuchen jetzt, die einzelnen Eigentümer daran zu erinnern, über welche stadträumlichen Qualitäten dieser Ort im Hansaviertel verfügen könnte – ein langwieriges, aber sinnvolles Prozedere. Wenn es gelingen würde, an die architektonischen Schöpfungen von gestern anzuknüpfen, könnte eine weitere, zur alten ­europäischen Stadt alternative Raumform neue Überzeugungskraft gewinnen. Eine architektonisch überzeugende Gestaltung des Einkaufszentrums könnte hier, anders als die „Mall-Stadt“ in Duisburg, einen wahrhaft städtischen Raum schaffen, in dem man auch gerne einkauft – und nicht zuletzt frischen Wind genießt.

Heike Oevermann ist Architektin und lebt im Berliner Hansaviertel.