DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Rubriken

Services

Menü schließen

Rubriken

Services

Zurück
[ Luxemburg ]

Wo jeder jeden kennt

Saarländische Büros arbeiten als Grenzgänger in Luxemburg. Und auch Kölner haben das nahe Ausland als Markt entdeckt.

Nils Hille

„Mit typischen deutschen Eigenschaften konnten wir überzeugen“, erinnert sich Albert Klemann, einer der beiden Geschäftsführer des Saarbrücker Architekturbüros Incopa. Kosten und Zeit – beide Rahmenbedingungen haben sie eingehalten und damit einen äußerst guten Eindruck hinterlassen. „Deutsche Bauleitungen werden in Luxemburg gerne gesehen. Die Überwachung von Baustellen war bis vor einigen Jahren durch einheimische Architekten eher sporadisch gegeben“, so der Architekt.

Der klassische Weg über einen internationalen Wettbewerb vor rund zwölf Jahren brachte seinem Büro den erfolgreichen Einstieg in das nur 100 Kilometer entfernte Land. 200 Millionen Euro standen für das „Hospital Kirchberg“, das „auf die grüne Wiese gesetzt werden sollte“, so Klemann, zur Verfügung. Innerhalb von dreieinhalb Jahren war die Klinik gebaut, mit Incopa als Generalplaner und einheimischen Partnern. Gerade war sie fertig, schon bekamen die Architekten über einen weiteren Wettbewerb einen Folgeauftrag oben auf dem Berg: eine private Frauenklinik mit fünf Kreißsälen. Vor drei Jahren konnte auch diese Einrichtung Einweihung feiern; mittlerweile werden „dort 2 000 Kinder pro Jahr geboren“, erzählt Klemann stolz.

Auch wenn sie „vom Garagenbau an alles machen“, so der andere Geschäftsführer Paul Wannemacher, sind sie momentan in Luxemburg vor allem weiter mit Klinikbauten beschäftigt: „Wir stehen vor der Herausforderung, eine ambulante Erweiterung der Jugendpsychiatrie zu bauen. Und in Esch werden wir ein altes Krankenhaus teilrenovieren, mit Fluchttreppenhaus und neuen Aufzügen.“
Vor Ort vertreten

Incopa hat einen kleinen Mitarbeiterstamm, der immer der Arbeit nachreisen muss. „Es ist aber besser, wenn man auf dem Boden sitzt, auf dem man arbeitet“, so Klemann. Im nächsten Jahr wollen sie daher ein eigenes Büro in Luxemburg eröffnen, mit einem Geschäftsführer und bis zu fünf Mitarbeitern. Die sollen als Anlaufstelle für die luxemburgischen Kunden dienen und sich um die Akquisition neuer Projekte kümmern. „Wir wollen uns dort auch noch mehr in der Stadtplanung bewegen“, so Wannemacher. Das Tochterbüro Argus Concept ist in diesem Bereich schon aktiv, hat bisher aber vor allem Beweidungskonzepte für die Landwirtschaftskammer entwickelt. „Ganz wichtig ist den Luxemburgern bei allen Planungs- und Bauaufgaben der Umweltaspekt. Hier muss man sehr viele Auflagen erfüllen“, so Klemann. Bebauungspläne und Umweltverträglichkeitsprüfungen sieht er als weitere potenzielle Felder für das Büroduo.

Belichtet: Großformatige Öffnungen in der Deckelfläche sollen für natürliches Licht an den Gleisen sorgen.

Amtliche Vor- und Nachteile

Der Umweltschutz führt aber auch dazu, dass Genehmigungsprozesse ihre Zeit brauchen. Dies und vieles Weitere läuft in Luxemburg vor allem über gute Kontakte, die man nach überzeugender Leistung bekommt und behält. „Bei den Behörden läuft vieles direkt über persönliche Gespräche. Wer fragt, bekommt auch eine Antwort. Und wenn man etwas vereinbart, dann bekommt man eine schriftliche Bestätigung und es ist erledigt“, so Klemann.

Auch die sprachlichen Barrieren halten sich in Grenzen. Die Formulare sind zwar meist auf Französisch verfasst. Dank mehrerer Amtssprachen können Anträge aber oft in Deutsch eingereicht werden. Doch manchmal hilft nur ein Landsmann weiter, wie Thomas Becker vom Büro Becker und Wender aus Saarlouis feststellen musste, der vor Jahren auch mal bei Incopa gearbeitet hatte. Er kam sozusagen über die Mosel nach Luxemburg. Auf der deutschen Seite hatte er ein Wohnhaus gebaut, wonach Bauherren „auf der anderen Seite“ ihn ebenfalls beauftragten.

Auch ein Baumarkt kam hinzu, doch Becker fehlte die Zulassung der Architektenkammer von Luxemburg. Anderthalb Jahre versuchte er vergeblich, sie zu bekommen, und baute in der Zeit gemeinsam mit einem Luxemburger Büro den Markt. Schließlich half ihm ein neu geknüpfter Kontakt: „Das war nur ein Telefonat auf Luxemburger Platt und einen Tag später hatte ich die Zulassung im Briefkasten“, erinnert sich Becker.

Seitdem hat er nicht einen Auftrag selbst akquirieren müssen. In dem kleinen Land, „wo jeder irgendwie jeden kennt“, hat sich die Qualität der Arbeit seines Büros herumgesprochen, das mittlerweile nicht nur in Saarlouis mit acht Mitarbeitern, sondern auch in Luxemburg mit einem eigenen Sitz und fünf Mitarbeitern vertreten ist.

So kam nach dem Baumarkt der Auftrag einer Frachtfluggesellschaft und daraufhin die Anfrage einer Bank für einen Umbau. Mit Bestandsmaßnahmen wie Letzterer kann Becker auch in Zukunft rechnen: „Nach einer gewissen Zeit müssen Unternehmen in Luxemburg ihre Betriebsgenehmigung erneuern. Wenn sich dann Auflagen geändert haben, müssen die innerhalb einer Frist berücksichtigt werden.“ So benötigte die Bank ein größeres Notstromaggregat, was zu einem Umbau führte. „Das sind Bauaufgaben für Architekten, die es sonst gar nicht geben würde“, so Becker – dem Staat sei Dank.

Lukrative Wertschätzung

Der demografische Wandel „nach oben“ sorgt ebenfalls für einen gewissen Baudruck in Luxemburg. Und die Möglichkeiten der Förderung von Stadt und Staat für Bauherren sind vielfältiger als in Deutschland, wie die Architekten erfreut erfahren konnten. Begeistert sind sie auch von den höheren Honoraren. „Die schätzen die gute Arbeit und sind bereit, dafür auch ordentlich zu bezahlen. Und auch die Zahlungsmoral ist hier um einiges größer“, so Becker. Da wundert es auch niemanden, dass „rund 80 Prozent der Ingenieure dort Deutsche sind“, wie Wannemacher schätzt.

Nur an zwei Zeitpunkten im Jahr helfen alle vermeintlichen Tugenden auch den Deutschen nicht weiter. Im August und um Weihnachten herum stehen die „Kollektivferien“ an. Jeweils drei bis vier Wochen lang bewegt sich für und auf Baustellen gar nichts. Auch die deutschen Architekten und ausführende Firmen müssen dann stillhalten. „Da verzweifelt man, wenn eigentlich Dinge aufzuholen wären und vier Wochen kein einziger Nagel bewegt wird“, so Becker.

Mittlerweile haben sich die Auftraggeber auch an die deutsche Pünktlichkeit und Gründlichkeit gewöhnt, wie er erfahren musste: „Nun lautet immer öfter die Ansage: Machen Sie Ihre Arbeit bis zum vereinbarten Zeitpunkt fertig – egal, wie Sie das hinkriegen.“ Ansonsten drohen teils hohe Geldstrafen. Tempo war auch bei einem der neusten Projekte vom Büro Becker und Wender gefragt. Ein Investor wollte aus drei bestehenden Gebäuden in bester Lage seinen Traumhotel machen. Nur müsse der Plan für den Umbau und die Erweiterung von Exbank, -gutshaus und -bäckerei in einer Woche vorliegen; nur an jenem Tag sei der Investor in Luxemburg. Becker bat um eine Stunde Bedenkzeit, dann sagte er zu. Tag und Nacht waren seine Mitarbeiter und er daraufhin beschäftigt. „Morgens um neun hatten wir den Termin beim Bürgermeister. Zehn Minuten davor hatten wir den letzten Plan eingepackt“, erinnert er sich.

Nische besetzt: Wartebereich in der luxemburgischen Privatklinik Dr. Bohler von incopa Architek­ten. Das Büro hat mehrere Krankenhäuser im benachbarten Ausland gebaut.

Solche Aktionen, die „bei uns keinesfalls zur Regel werden, denn sonst könnte ich mir jedes halbe Jahr neue Mitarbeiter suchen“, wie Becker erklärt, sichern ihnen auch ihre Gehälter. „Ich habe die Saarländer schon öfter mit den Luxemburger Honoraren mitbezahlen müssen. Mein Wunsch wäre nur, dass wir uns beiden Inhabern selbst auch regelmäßig ein Gehalt auszahlen könnten“, erklärt er ehrlich.

Herumgesprochen: Beginnend mit dem Hospital Kirchberg von incopa mit eigener Kapelle sind nach und nach weitere Bauten in der Nachbarschaft entstanden. Für einige von diesen wurde ebenfalls das saarbrücker Büro beauftragt.

Neue Dimensionen

„Vom Standort Saarbrücken aus bietet uns Luxemburg mehr Chancen im Umfeld, als wir in Deutschland haben. Auch wenn es da ebenso Konkurrenz gibt und mit harten Bandagen gekämpft wird“, so Klemann. Konstantin Jaspert, Partner von JSWD Architekten aus Köln, hat ähnliche Erfahrungen machen können: „Das hat natürlich auch etwas mit der Situation des Landes zu tun. Denen geht es wirtschaftlich gut, so können sie entspannter sein.“ Das Büro mit rund 50 Mitarbeitern hat noch keinen eigenen Standort in Luxemburg, was sich aber schnell ändern könnte.

Seit drei Jahren beschäftigen sie sich mit einer potenziellen Riesenbaustelle: der Restrukturierung des Hauptbahnhofareals „Luxembourg central“. Gleise und Bahnhof sollen auf einer Länge von rund 800 Metern gedeckelt werden. Eine daraufgesetzte öffentliche Parklandschaft soll die beiden Stadthälften verbinden. Den Grünbereich sollen neue Hochbauten, unter anderem mit Hotel und Kino, begrenzen. Mit einem französischen Partnerbüro haben JSWD am Wettbewerb teilgenommen und gewonnen. Und selbst wenn sie nicht erfolgreich gewesen wären, hätten sie sich zumindest ernst genommen gefühlt, so Jaspert: „Ein Wettbewerb wird dort immer zelebriert. Da werden auch die geehrt, die nicht für den ersten Platz ausgewählt wurden. Das spricht einfach für großen Respekt gegenüber unserem Berufsstand.“

Jaspert und seine Kollegen müssen sich nun gedulden – die Zustimmung zu einem Großprojekt wie dem Bahnhofs­areal braucht auch in Luxemburg seine Zeit. Eigentlich sollte schon ein Teilstück zum Kulturhauptstadtjahr 2007 realisiert werden – dies klappte nicht. Durch Stadt, Land und Bahn sind viele Gremien mit dem mindestens 475 Millionen Euro teuren Projekt beschäftigt, „die nicht alle an einem Strang ziehen“, so Jaspert. Stattdessen haben die Architekten allerdings eine Machbarkeitsstudie zur Realisierungsfähigkeit durchführen können.

Vieles ist demnach möglich, aber der Bau dauert mindestens zehn Jahre. Trotz der Unsicherheiten, die noch herrschen, ist Jaspert von der Arbeit in Luxemburg angetan: „Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung funktioniert gut. Uns wird von der Politik sehr viel Respekt entgegengebracht.“ So hat sich der Bürgermeister für das Projekt persönlich eingesetzt. Dies liegt wohl daran, dass „die Politiker viel mehr in die Bauprozesse eingebunden sind, sodass sie wissen wollen, was wir tun und was sie entschieden haben“, erklärt Jaspert.

Kapelle im Hospital Kirchberg

Die Architekten werden uneingeschränkt als Fachleute gesehen, die zurate gezogen werden können – wovon die Ämter in diesem Fall auch regen Gebrauch machen. JSWD sind auch dafür zuständig, Experten für die einzelnen Problembereiche zusammenzustellen, und greifen dabei auf ihr deutschlandweites Netzwerk zurück. „Das wäre in Deutschland nicht möglich. Da akzeptiert zum Beispiel die Bahn nur ihre eigenen Leute“, so Jaspert.

JSWD Architekten konnten im März dieses Jahres einen weiteren Wettbewerb gewinnen: für eine Grund- und Vorschule auf einem reizvollen Areal direkt am Fluss. Durch die zum Teil beengten Verhältnisse war die Planung nicht so einfach, hatte aber auch ihren Charme: „Das ist dort eine fast dörfliche Umgebung, obwohl die Fläche nur 400 Meter entfernt von der Innenstadt liegt.“ Noch Ende des Jahres soll der Bau beginnen.

Erfahrungsschatz erweitern

Luxemburg als Auslandsstation für Studenten oder junge Architekten? Alle drei Büros können dies nur empfehlen. „Man sollte sich aber mit der Stadt auseinandersetzen. Sie hat nur 80 000 Einwohner, wiegt aber in der Bedeutung so schwer wie Brüssel; 120 000 kommen täglich zur Arbeit hin“, so Jaspert. Becker ergänzt: „Man trifft dort Menschen aus so vielen unterschiedlichen Ländern. Und auch wenn man nur schlechtes Französisch spricht, nimmt einem ­dies keiner übel. Der Wille zählt.“ Eine Hürde sieht der Saarbrücker Klemann: „Die Büros nehmen eher erfahrene Kollegen. Wer eine Chance bekommt, der sollte sie also unbedingt nutzen.“