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[ Städtebaukongress in Oslo ]

Diesseits

In Oslo diskutierten Städtebauer handfeste Instrumente für nachhaltiges Planen und Entwerfen

Umweltfragen: Welche Stadtform begegnet am besten dem Klimawandel? Die in Oslo versammelten Experten favorisierten kleinteilige Formen mit hoher Flexibilität und stark gemischten Nutzungen – wie etwa am Tübinger Lorettoplatz.

Roland Stimpel
Während sich in Venedig die große Welt der Architektur feierte, traf sich in Oslo eine kleinere Welt der Städtebauer, organisiert vom Council for European Urbanism. Ihr Kongress „Klimawandel und Städtebau“ war in vielem das genaue Gegenstück zur Biennale: 220 Teilnehmer statt Zigtausender Besucher, Norden statt Süden, im biederen Haus des norwegischen Handwerks statt in der Kunstwelt des Arsenale. Und während es bei manchen Biennale-Beiträgen in Venedig etwas schwer war, im Lagunendunst den konkreten Kern der jeweiligen Idee auszumachen, standen die Konzepte am kühl-klaren Oslofjord ziemlich scharf im Raum. Als Gegenmotto zu Venedig hätte auch „Diesseits der Gebäude“ getaugt.

Für Gebäude werden Nachhaltigkeitskonzepte vielfach diskutiert und präsentiert, vom Stuttgarter Eigenheim bis zum 200-Geschosser in Dubai. Bildmächtige Einzelbauten lassen aber oft die Städtebaudimension vergessen. Oder verführen gar zu der Illusion, die Summe nachhaltiger Teile ergebe schon ein Ganzes. Etwa ein scheinbar solaroptimierter Städtebau mit West-Ost-Zeilen mit einer verglasten, sonnenoffenen Süd- und einer abgeschotteten Nordseite. Das Gleiche also wie in den Licht-Luft-Sonne-Konzepten der 20er- oder 50er-Jahre, nur eben diesmal energetisch und nicht hygienisch begründet. Aber ebenso eindimensional begründet, räumlich und sozial problematisch.

In Oslo reichte das den anwesenden Urbanisten, Architekten und Klimatologen nicht. „Stadt ist mehr“, sagte zum Beispiel George Ferguson, früherer Präsident des Royal Institute of British Architects. „Wer nachhaltig planen will, muss ihre ganze Vielschichtigkeit im Auge haben“: die der Nutzungen, ihrer klugen Zuordnung und Mischung über Verkehrsfragen und Kommunikationsnetze, die richtigen Dichten und Freiflächen bis hin zu so schlichten, aber oft vernachlässigten Themen wie dem Wohlfühlen und der Ansehnlichkeit von Städten – was man liebt und hegt, ist nachhaltiger als das mit wenigen Emotionen oder gar nur mit Plagen für die Sinne Genutzte.

Da vereinten sich unterm Kongressmotto „Klimawandel und Städtebau“ zwei Stränge aus ganz unterschiedlichen Richtungen: Auf Verbrauchsminimierung erpichte Klimatologen und Energieplaner plädierten für hohe Dichte mit lokalen Energieverbünden, Nutzungsmischung, kurzen Wegen und hoher Umfeldqualität. Gestaltungs- und entwurfsorientierte Städtebauer suchten die räumlichen Formen für diese Zukunft. Und fanden manche Anregungen in der Vergangenheit. „Vormoderne Städte hatten weder große Energiemengen noch eine hoch entwickelte Energietechnik“, erinnert etwa der deutsche Planer Michael Stojan, Baurat der Hannoveraner Großvorstadt Garbsen. „Wie Städte mit geringem Verbrauch funktionieren können, lässt sich an ihnen gut studieren.“

Stojan und andere plädierten für eine Renaissance klassischer Blöcke – dicht, vielfältig, kleinteilig, also nachhaltig dank ihrer Flexibilität, dank des geringen Flächenverbrauchs der sich jeweils gegenseitig dämmenden und wärmenden Nachbarhäuser und dank der oft kurzen Wege. Nicht zufällig diente als Kongresslogo der einschlägige Städtebauplan des Berliner Büros Krier Kohl für das holländische Brandevoort. Das Ganze war aber keine Veranstaltung der Provinzen. Amerikaner warteten mit ambitionierten Projekten auf, die man im Land der Suburbs nicht vermutet hätte, die aber gerade hier den Ehrgeiz wecken: neue, verdichtete Siedlungen oder ältere mit ambitionierten Nachverdichtungskonzepten. Ergebnis ist eine „Oslo-Denver-Initiative“, die das Thema transatlantisch fortführen will. Auch da geht es um sehr konkrete Voraussetzungen für Architektur. Weit diesseits von Venedig.