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[ DAB 10/08 ]

Haftzeichen

Architektur muss Zeichen setzen, bis der Arzt kommt. Oder der Psychologe.

Roland Stimpel

Zeichenhaft. Das klingt erst mal wie Strafvollzug mit inbegriffener Tätowierung oder wie Einsperren im Entwurfsseminar. Zeichenhaft meint aber, dass dem Bau ein Zeichen anhaften soll. Nein, anhaften doch nicht, denn das wäre ein Ornament und brächte einen Haftbefehl nach dem Loos-Gesetz. Sondern es soll selbst ein Zeichen sein, wird aber oft nur ein Fragezeichen. Zum Beispiel bei einem unorthodoxen Neubau in Scharans, Schweiz. Ihn sah kürzlich die „Bauwelt“ als „Faustschlag architektonischer Ambition, der jeglicher Dorfromantik den Garaus macht“.

Der Kollege von „Detail“ sah das Gegenteil: Das Haus sei „erstaunlich ruhig und im Kontext des Dorfs sogar selbstverständlich“. Obwohl es nicht viel Dorfkontext gab, wie derselbe Text mitteilte: „Das Gebäude aus rotbraun eingefärbtem Beton wirkt hermetisch.“ Falls es überhaupt eins ist. Das Schweizer Blatt „Archithese“ meint nämlich: „Eigentlich ist das Gebäude gar kein wirkliches Gebäude.“

Kaum besser ging es einem fein-kleinen Einkaufszentrum, das jetzt zum Thema „Zeichen“ in der Berliner BDA-Galerie diskutiert wurde. Betrachter sahen es als Stadtteilkrönchen, als Antwort auf die Häuserreihe gegenüber oder den Bahnhof nebenan, als Kirche (Konsumtempel!) oder als gefaltete Papierschachtel.

Ich fühlte mich trottelig, denn ich hatte nichts weiter wahrgenommen als eine Anspielung  an Fabrik-Sheddächer, an die ICEs, die hinterm Haus entlangbrausen, oder an ein bestimmtes 20er-Jahre-Kino. Doch es beruhigte mich an jenem Abend der Architekturpsychologe Riklef Rambow: „Die Intentionen von Architekten unterscheiden sich oft stark von dem, was beim Rezipienten ankommt. Und bei Laien kommt ein Großteil der Zeichen gar nicht an.“

Na gut, was wäre das Leben ohne Rätsel. Wenn der letzte Dummkopf das Haus verstehen würde, wäre es in den Augen anspruchsvollster Zeichen-l­iebhaber keine Architektur mehr. Auch nicht, wenn der Bau einfach nur brauchbar und gefällig sein, aber nichts weiter bezeichnen will.

Das traut man sich nur als Naivling im Erstsemester bei einem zeichenfixierten Professor abzuliefern. Die Strafe folgt auf dem Fuß: zehn Semester Zeichenhaft.

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