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[ Wirtschaft und Baukultur ]

Geld und Gestalt

Architekten und Unternehmer sind aufeinander angewiesen, aber verstehen sich oft nicht. Eine Lösung: Baukultur wird zum Managementthema.

Autohäuser: BMW-Quartier in München (links), VW-Autostadt in Wolfsburg

Roland Stimpel
Architekten Architekten brauchen bauende Unternehmen, und zwar dringender denn je: Der private Wohnungsbau liegt am Boden; der Staat kann seine Liegenschaften allenfalls halten, aber kaum noch ausbauen. Da bleiben nur Bauherren aus der Wirtschaft, die für sich selbst bauen oder für ihre Immobilien Dritte als Käufer oder Mieter suchen.

Aber Wunschpartner zum Bauen sind die Unternehmen oft nicht. Viele Architekten sehen für sich Probleme, wie sie der Kritiker Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung beschreibt: „Architekten, die nicht in der Lage sind, Vorstände mit wolkigen Visionen zu beeindrucken, sehen sich in ihrem Tun behindert.“ Die gelernte Architektin Antje Schulz-Eickhorst stellte in ihrem Buch „Die Bauherren-Architekten-Beziehung“ fest: „Weit verbreitet unter den Architekten ist das Vorurteil, dass die Verknüpfung von Kunst und Kommerz die Architektur leiden lässt.

Das Bild vom Architekten als Dienstleister passt nicht zu dem beruflichen Selbstverständnis eines Kreativen.“ Und die Website www.germanarchitects.com mokierte sich gerade erst über Hinweise anderer Medien, „wie man als Architekt erfolgreich dicke Knete scheffeln kann“. Erfolgreich wirtschaften ist unanständig, enges Verbandeln mit der Wirtschaft erst recht.

Dabei brauchen nicht nur Architekten Unternehmen, sondern auch umgekehrt: Unternehmen brauchen Architekten dringender denn je. So sagt Jons Messedat, Berater für „Corporate Architecture“ in Stuttgart: „In einem Markt, in dem Produkte und Dienstleistungen ähnlicher werden, ist eine klare Identität durch Architektur und Design ein wirtschaftlicher und kultureller Wettbewerbsvorteil.“ Messedat stellt fest: „Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Architektur als zentrales Element der Kommunikation von Unternehmens- und Markeninhalten einzusetzen. Doch ­diese Möglichkeiten werden trotz eines erheblichen Investitionsvolumens nicht effizient genutzt.“

Unternehmen suchen bessere Bauten

Dabei würden viele Unternehmen das gern tun. Die Architektin Susanne Knittel-Ammerschuber erfragte für ihre Doktorarbeit an der TU Wien „Industriearchitektur und Unternehmensführung“ die Stimmung bei meist mittelständischen Unternehmern. Von denen sahen „83 Prozent die Notwendigkeit, Unternehmensarchitektur als Thema in die Unternehmensführung zu integrieren“. Gar 90 Prozent meinten sogar, diese Unternehmensarchitektur habe zumindest teilweise Einfluss auf ihre wirtschaftlichen Kernziele.

Das sollte Nachfrage nach Bauqualität bringen. Doch in der Praxis ist davon nicht viel zu sehen. Jons Messedat stellt fest: „Ein Großteil der heutigen Firmenarchitektur bewegt sich in einer Grauzone aus gesichtslosen Gewerbe- und Verwaltungsbauten, die allenfalls durch optische Aufdringlichkeit oder kurzlebige Extravaganz hervorstechen.“ Geprägt werden diese Zonen laut Messedat „von austauschbaren Hallen, mit aufprojizierten Elementen des Corporate Designs wie Logos und symbolhaften Elementen“.

Da läuft etwas grundsätzlich schief: Architekten und Unternehmen brauchen einander, aber finden sich oft nicht. Auf beiden Seiten wabern Vorbehalte und Vorurteile; eine gemeinsame Sprache ist schwer zu finden. Viele Architekten tun sich schwer mit Bauherrenvorgaben dazu, was ihr Gebäude vermitteln soll – und erst recht mit kommerziellen Vorgaben. Dem nachzugehen, ist angeblich ein Verrat an der Baukultur. Dagegen fängt die gefühlte Zumutung für Manager und Firmenchefs oft schon an, wenn Architekten von „ihrem“ Gebäude sprechen und dessen Ausdruck selbst prägen möchten.

In der Welt der Wirtschaftsleute bestimmt die Musik, wer sie bezahlt. Ein eigenständiger Kultur- und Kommunikationsanspruch des Architekten erscheint da als weltfremde Frechheit. Also suchen sie einen braven Kollegen, nach dem Erschrecken über den selbstbewussten möglichst einen rückgratlosen. Entsprechend ist das Ergebnis: oft billig in jeder Hinsicht. Und damit auch für die Unternehmen enttäuschend, die doch für Selbstdarstellung und Arbeitsalltag etwas Besseres wollten.

Nicht-Architektur: Aldi tritt in ganz Deutschland gleich auf. Dieser Markt steht in Monheim am Rhein – es könnte ebenso gut Mochau in Sachsen sein.

Investoren wollen es markanter

Enttäuschend auch für Investoren, die das Haus nicht selbst nutzen, sondern verwerten wollen. Nach einem bei Architekten weit verbreiteten Vorurteil sind sie zwar die Totengräber der Baukultur, weil sie das Haus als solches nicht interessiert, sie nichts damit ausdrücken wollen und sich rasch von ihm trennen. Aber derart gleichgültig sind die Investoren doch nicht. Auch sie brauchen schließlich Kunden, die den Bau nutzen und mögen. Damit brauchen sie mehr als funktionelle Kisten, die mit denen der Konkurrenz komplett verwechselbar sind.

Das wünschen sich Branchenleute immer stärker. Klaus Kirchberger, Chef der Bayerischen Bau- und Immobiliengruppe in München: „Werthaltigkeit und Architektur sind zu Wettbewerbsfaktoren geworden.“ Kirchberger legt vor allem Wert auf „Zeitlosigkeit und eine schlichte, aber hochwertige Architektursprache, die beachtet wird und ein Alleinstellungsmerkmal bietet“. Der Düsseldorfer Gewerbemakler Marc Kleinpeter sagt: „Bei der Wahl zwischen Immobilien mit den gleichen Bedingungen kommt es häufig vor, dass die Architektur das Zünglein an der Waage ist.“

Und die Wiener Architektin Rita Reisinger hat in einer Studie festgestellt: „Objekte lassen sich besser verkaufen, wenn sie sich durch höhere Qualität bei Planung, Materialwahl und Ausstattung auszeichnen.“ Die Genialität des Entwurfs allein tut es aber auch nicht. Klaus Kirchberger: „Sogar beste Architektur kann bei der Vermietung Schwachpunkte wie mangelnde Flexibilität oder fehlende Flächeneffizienz nicht überspielen.“ Gefragt ist das, was eigentlich immer gesucht wird – und was nur Architekten leisten können: das integrierte Produkt aus Form, Funktion, Kosten und Nachhaltigkeit.

Manchmal erwarten Unternehmen von ihren Architekten da aber auch Wunder, die niemand servieren kann. Die Form soll zugleich dezent und irgendwie spektakulär sein, die Material- und Raumfülle üppig, aber das Budget ganz eng. Oder die Firmen überfrachten ihr Bauprojekt mit so viel Bedeutung, dass auch ein guter Architekt kein anständiges Haus mehr daraus machen kann. Wie viel Symbolik sich Firmen im Extremfall wünschen, zeigt die VW-„Autostadt“ in Wolfsburg,  entworfen von Gunter Henn Architekten aus München.

Da sollte jede Automarke des Konzerns ihre eigene Architektur erhalten, wie Jons Messedat berichtet. Ein paar Beispiele: „Der weitgehend verborgene Raum weist auf die vornehme Zurückhaltung der Marke Bentley hin. Die Rundungen der Gebäudestruktur stellen Assoziationen zur kurvigen Rennstrecke von Le Mans her, die eine besondere Bedeutung für die Marke hat.“ Innen rund ist auch der Pavillon der Marke Skoda, aber das hat einen anderen Grund: „Das Kugelvolumen des Zentralraums steht für Obhut der Familie und Schutz.“ Wieder einen anderen Rundungsgrund liefert Seat. Die Marke kommt bekanntlich aus Spanien, wo wir halbnackt am Strand liegen. Also hat der Seat-Pavillon eine „organisch geformte Gebäudehülle, die als weibliche, erotisch anmutende Form“ verstanden werden soll.

Und da die größte Marke im Konzern Volkswagen heißt, bekommt sie neben einer runden noch eine eckige Form. Beide zusammen symbolisieren fast alles Gute dieser Welt: „Der Kubus steht als Zeichen für Stabilität, Klarheit und Präzision, während die Kugel Globalität, Unendlichkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit ausdrücken soll.“

Man kann den architektonischen Ausdruckswillen übertreiben. Aber viel häufiger sind Unternehmer Untertreiber, die sich an Architektur gar nicht erst versuchen. Meist aus Geiz oder Ignoranz, manchmal aber auch aus Kalkül. Etwa Aldi, wie Susanne Knittel-Ammerschuber beschreibt: „Die Marktgebäude sind alle nach dem gleichen Schema entworfen: Die Unternehmensarchitektur in ihrer Einfachheit entspricht der Einfachheit des Sortiments.“

Ein Thema für die Chefetage

Bekanntestes Gegenbeispiel eines architektonisch ambitionierten Konzerns ist BMW. Mit dem legendären „Vierzylinder“-Turm erreichte die Firma schon vor 35 Jahren einen baukulturellen Höhepunkt. Die Metapher zum Automotor war „ursprünglich weder vom Unternehmen noch vom Architekten lanciert worden“, wie Jons Messedat berichtet. Stattdessen gab es von draußen „zahlreiche Deutungen der Entwurfsidee, die von Bierkrügen über Zündkerzen bis hin zum Vierzylindermotor“ reichten. Letzterer setzte sich als Bezeichnung durch.

BMW selbst hätte sie aber kaum prägen können, meint Messedat: „Es ist sicher nicht sinnvoll, die Bayerischen Motorenwerke, die den Zwölfzylinder als Spitzenprodukt entwickeln, langfristig durch einen Vierzylinder baulich zu vertreten.“ Umso mehr zeigt es die Qualität des Hauses, das von Eigentümer und Publikum noch nach 35 Jahren geachtet wird. Dagegen ist zweifelhaft, ob die modisch-hochkandidelte „BMW-Welt“ von Coop Himmelb(l)au auch im Jahr 2043 noch ihren Sinn erfüllt.

Wie nahe Architektur und Unternehmensführung einander kommen können, zeigt Susanne Knittel-Ammerschuber mit ihrem Konzept, das sie modisch-englisch „Management bei Architecture“ nennt. Für sie ist die Architektur eines der Mittel, ein Unternehmen zu führen und seine Ziele zu erreichen. Sie kann zu vielen Unternehmenszielen beitragen: zu Marketing- und  Kommunikationszielen, zur Organisation von Arbeitsabläufen und Arbeitsgruppen, zum Engagement und zur Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen. Für all diese Ziele gibt es auch andere Methoden. Ein ganzheitlich denkendes Unternehmen stimmt alle Wege miteinander ab, statt jeden Sektor sich selbst zu überlassen.

Für Architekten sieht das im ersten Moment nach einem starken Bedeutungsverlust aus: Fremde Ziele drohen eigene zu überlagern, Baukunst verliert gegen Dienstleistung. Auf der anderen Seite gewinnt Architektur in den Firmen an Bedeutung; sie wird ernster genommen als bisher und wird ein Thema für die Chefetage. Damit erhalten auch ihre Qualitätskriterien mehr Gewicht. Statt dass sich Architekt und Manager misstrauisch-distanziert beäugen, bringen Architektur-Manager ihre Welten überein.

Buchtipps

Susanne Knittel-Ammerschuber
Erfolgsfaktor Architektur.
Strategisches Bauen für Unternehmen.

49,90 Euro, 191 Seiten,
Birkhäuser Verlag, Berlin 2006
Jons Messedat
Corporate Architecture. Entwicklung, Konzepte, Strategien.
69 Euro, 191 Seiten,
avedition, Ludwigsburg 2005
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