DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Rubriken

Services

Menü schließen

Rubriken

Services

Zurück
[ Fassaden und Energiesparen ]

Dämmen oder Denkmal?

Der Konflikt zwischen Wärmedämmung und der Erhaltung des Stadtbilds tobt um Hamburger Backsteinfassaden besonders heftig.

Fassade freilegen: Im Hamburger Workshop-projekt Peter-Beenck-Straße wird eine unter Putz verschwundene Backsteinfassade (links) wieder sichtbar. Gedämmt wird vor allem innen.

Olaf Bartels
Die galoppierenden Energiepreise wachsen sich immer mehr zu einer zweiten Miete aus und können erhebliche soziale Probleme schaffen. Doch an Ideen zur Kostensenkung und zur Minderung von CO2-Emissionen mangelt es offenbar gerade hier. Nur schnelle, einfache Lösungen haben Hochkonjunktur: vor allem die sogenannten Wärmedämmverbundsysteme, die rasch und mit relativ geringem Aufwand aufgebracht werden können. Die Mieter können in ihren Wohnungen bleiben; die Handwerker müssen sich nur zum Austausch der Fenster mit ihnen abstimmen.

So ist Land auf, Land ab eine Art Tapetenwechsel zu beobachten, der so manches Stadtbild sehr verändert hat. In Regionen, in denen ohnehin Putzfassaden vorherrschen, mag dies nicht so sehr ins Gewicht fallen. Doch die Städte im Norden Deutschlands trifft dieser Stadtbildersturm härter: Hier verschwinden Backstein- und Klinkerfassaden schon fast flächendeckend hinter Dämmputz. Wenn dann Denkmalschützer oder aufmerksame Bürger protestieren, werden oft allenfalls Backsteinimitate aufgetragen.

„Techniker“ werden beim größten Hamburger Wohnungsunternehmen, der SAGA GWG, die mit diesen Themen betrauten Architekten und Ingenieure in toto genannt. Sie geben sich wenigstens alle erdenkliche Mühe, die Kopien optisch so nahe wie möglich an das Original heranzubringen. Dabei hat man erhebliche Fortschritte erzielt: War noch vor wenigen Jahren das Bemalen der Putzoberflächen die traurige Regel, ist es heute eine Mischung aus Kunstharz und Ziegelmehl, die nach einer vorherigen fotografischen Reproduktion der originalen Backsteinoberfläche auf die Dämmung aufgebracht wird.

Doch es nützt alles nichts: Eine technische Reproduzierbarkeit für Fassaden gibt es im Altbaubestand noch nicht. Es fehlt schlicht an der dritten Dimension, die vielen der Hamburger Backsteinbauten ihren Reiz im Fassadenrelief verschafft, was aber unter der Außenwärmedämmung verschwindet.

Gegen diese Praxis gab es Anfang des Jahres in Hamburg Protest – von der Denkmalpflege, der Architektenkammer, dem Bund Deutscher Architekten und den im Namen der großen Stadtbaumeister Fritz Schumacher und Gustav Oelsner gegründeten Gesellschaften sowie von einigen Einzelpersonen. Dem Protest stimmten auch Oberbaudirektor Jörn Walter und die damalige Staatsrätin in der Stadtentwicklungsbehörde, die jetzige Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach, im Prinzip zu.

Tagespresse und Regionalfernsehen sprachen vom „Untergang der Backsteinstadt Hamburg“ und lösten in der Wohnungswirtschaft heftige Abwehrreaktionen aus. Hier war man froh, eine Lösung gefunden zu haben, die angeblich 30 Prozent CO2 einsparen und die Heizkos­ten der Mieter mindern sollte. Man habe sich mit dem Denkmalschutz abgestimmt und begrüße es im Übrigen, dass die Dominanz der Architekten bei der Stadtbildgestaltung gebrochen sei, hieß es aus der SAGA GWG.

Phantasie statt Dämmorgien

Eine differenzierte Betrachtung des Baubestandes erscheint aber mehr als angebracht – und dabei kann die Außendämmung mit einem Wärmeverbundsystem nur eine Lösung von vielen sein. Sie ist nicht immer die effektivste. Das Blatt „Metamorphose. Bauen im Bestand“ berichtet über wesentlich effizientere Methoden, den Energieverbrauch zu senken, und führt dafür eine ganze Reihe von Beispielen an. In vielen Fällen ist beispielsweise eine Dämmung der Kellerdecken und Dachgeschosse so ergiebig, dass auf eine Außendämmung durchaus auch verzichtet werden könnte. Das gilt vor allem für Wohnungen, die in den mittleren Geschossen liegen und nur wenige Außenwände haben.

Loggien vorbauen: Am Kurdamm 15-17 bilden nach der Workshopidee Loggien (Skizze noch kein Gestaltungsentwurf) einen Wärmepuffer. Die Fassade bleibt dahinter sichtbar.

Ein genaueres Hinsehen und ein differenziertes Maßnahmenpaket zum Energiesparen im Bestand und zur Eindämmung der CO2-Absonderung muss also nicht zwangsläufig zur Demontage eines Stadtbildes führen. Dafür sind aber gezielte Untersuchungen und eine unvorein­genommene Haltung gegenüber innovativen Ansätzen ­notwendig. Darum bemühte sich auch die Internationale Bauausstellung (IBA), die in Hamburg-Wilhelmsburg ihre Ergebnisse 2013 präsentieren will. Eines ihrer Leitthemen ist die „Stadt im Klimawandel“, was selbstverständlich auch den Umgang mit dem Gebäudebestand, insbesondere dem Wohnungsbestand, einschließt. Doch in einem ihrer Schlüsselprojekte, dem „Weltquartier“ am südlichen Reihersteg, verweigert sich die Eigentümerin SAGA GWG schlicht dem Experiment, auf eine Außendämmung zu verzichten und die alte Backsteinoberfläche der Fassade nicht anzutasten.

Dass solche Ansätze aber sehr gewinnbringend sein können, zeigen Ergebnisse eines Workshops, den die IBA gemeinsam mit der HafenCity GmbH im August veranstaltet hat. Eine interdisziplinäre Gruppe aus Architekten, Denkmalpflegern, Ingenieuren und Projektentwicklern nahm sich dabei dreier Beispielgebäude an und kam zu erstaunlichen Ergebnissen.

Gegenstand der Untersuchungen war ein Gebäude aus den 50er-Jahren, dem keine besondere historische Relevanz beigemessen wurde, ein Wohnhaus mit einer denkmalwürdigen Fassade aus der Zeit um 1900 und ein 1912 fertiggestelltes Gebäude mit einer vielfältig strukturierten Backsteinfassade. Die Vorschläge der Arbeitsgruppen waren vielfältig und differenziert. Sie reichten von einer partiellen Außendämmung über bauphysikalisch unbedenkliche Innendämmung, einen Wärmeschutz der Dächer und Kellerdecken, den Einbau von Mehrscheibenglas in die Fens­ter bis hin zu partieller Bauteilthermie, der Schaffung von Pufferzonen und dem Einbau von Windfängen. Der zuvor für einen Energiepass festgestellte Energieverbrauch sank so zumindest rechnerisch um zwei Drittel.

Balkons oder Wintergärten: Am Nachkriegsbau Kurdamm 11-13 werden die Klinker mit modernen Gestaltungselementen ergänzt; das Gebäude wird zum Passivhaus.

Die Fassaden würden so ihre Backsteinoberfläche behalten können. In einem Fall war es sogar möglich, die Fassade denkmalgerecht zu sanieren und den Energiebedarf trotzdem um etwa zwei Drittel zu senken. Eine weitere Arbeitsgruppe untersuchte die Möglichkeiten eines Energieverbundes, der es erlaubt, den einzelnen Gebäuden ihre Eigenart zu bewahren und den Energieverbrauch im Verbund zu senken.

Neue, energieeffizientere Bauten könnten den höheren Verbrauch alter, weniger effizienter Gebäude ausgleichen. Ein Schwimmbad könnte seine Abwärme an Wohn- oder Bürogebäude zu Tageszeiten übertragen, in ­denen es wenig frequentiert wird. Eine Koordinierungs­einrichtung, etwa ein Blockheizkraftwerk, managt diesen Energieverbund. Es wurde deutlich, dass die Wohnungsunternehmen ihre Möglichkeiten bisher bei Weitem nicht ausschöpfen. Doch die Branche war allein durch die Vereinigte Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft vertreten, die auch die untersuchten Häuser benannt hatte. IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg betonte zum Abschluss des Symposiums, dass selbst ein noch geringerer Energieverbrauch  nicht unbedingt eine Außendämmung der Backsteinbauten erzwinge. Der Energieverbund macht es möglich.

Olaf Bartels ist Architektuepublizist in Hamburg und Berlin.

Anzeige