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[ Streitgespräch ]

Ein Amt, ein Club, eine Servicestelle?

Was können und sollen Architektenkammern für ihre Mitglieder tun, wo sind ihre Grenzen? Welchen Sinn hat die Kammerpflicht? Und was bringt eigenes Engagement? Drei Mitglieder gehen mit Skepsis, Kritik, aber auch mit Erfolgsmeldungen in eine offene Diskussion.

Roland Stimpel

München, Haus der Architektur: Um 19 Uhr ist eigentlich der Bürotag vorbei. Doch dann wird es ein lebhafter Abend. Eine Architektin und zwei Architekten aus der Stadt tauschen ihre sehr unterschiedlichen Standpunkte, Temperamente und Erfahrungen aus. Alle drei sind selbstständig. ­Einer hält sich der Kammer eher fern, zwei wollen sie mit eigener Arbeit verbessern. Unser Gespräch dokumentiert engagierte, detailkundige Meinungen, aber auch distan­zierte, mit dem Kammerleben weniger vertraute Positionen. Es zeigt auch persönliche Ansichten, die teils weit von dem Selbstverständnis und der Beschlusslage der Kammern abweichen.

Mirko Crummenerl, 38, ist freiberuflicher Architekt in München und vorwiegend für andere Büros tätig. Er studierte in Braunschweig und Dresden und war unter anderem bei J.S.K. und bei Henn Architekten im Entwurf, im Programming und in der Werkplanung tätig.

Lydia Haack, 43, ist Mitinhaberin des Büros Haack + Höpfner in München und Mitglied der Arbeitsgruppe Junge Architekten in der Bayerischen Architektenkammer. Das von Haack + Höpfner in Arbeitsgemeinschaft mit HCLA aus London realisierte und mehrfach preisgekrönte „micro compact home“ wird derzeit im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Auch für die Gestaltung von Tankstellen- und Waschstraßenbauten erhielt das Büro Preise und Anerkennungen.

Erwien Wachter, 65, ist freiberuflicher Architekt in München, Mitglied im BDA (kooptiertes Mitglied des Landesvorstandes, verantwortlicher Redakteur der BDA Informationen) und im DWB; Mitglied in der Vertreterversammlung der Bayerischen Architektenkammer und ehrenamtlich tätig als erster Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Belange der arbeitslosen Kammermitglieder“ und Ombudsmann. Hier gibt er Beratung und Unterstützung zur Auftrags- und Arbeitsbeschaffung, zu alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten und zu sozialen Themen.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie das Wort Architektenkammer hören?

Haack: Eine Vertretung des Berufsstands, die Werte transportieren soll, die das Ansehen der Architekten steigern, sie vertreten und die die Baukultur und -qualität hochhalten soll.
Crummenerl: Eine Art Behörde, ein Altherrenclub, der intransparent ist, der Zwangsgebühren erhebt, mir aber keine Vorteile bringt.
Wachter: Behörde – ja, schließlich ist sie in erster Linie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, in zweiter Linie eine Standesvertretung. Aber sie ist doch viel mehr – eine gemeinsame Veranstaltung ihrer Mitglieder, Selbsthilfeorganisation, Beratungsstelle, Kommunikationsplattform. Wenn man tiefer in die Kammer hineinschaut, kann sie eine Menge geben.
Crummenerl: Ich habe zwar schon mitbekommen, dass hier eine Menge läuft, wenn man sich engagieren will. Aber das ist eine Freizeitveranstaltung. Man hat keinen handfesten Nutzen wie als Mitglied einer Gewerkschaft oder eines Lobbyverbandes.
Wachter: Wir haben durchaus handfesten Nutzen davon. Unsere Berufsbezeichnung ist geschützt; die Kammer unterbindet ihren Missbrauch. Weitere Aufgaben kommen dazu – Versorgung, Fortbildung und so weiter.
Crummenerl: Von der Interessenvertretung sehe ich nicht viel. Und die Altersvorsorge war einmal sehr vorteilhaft. Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass wir einmal besser dastehen werden als in der gesetzlichen Rentenversicherung. Der demografische Kollaps macht vor den freiberuflichen Versorgungswerken nicht Halt, die Anwartschaften werden bereits gekürzt.
Haack: Die Altersvorsorge betrifft hauptsächlich die freiberuflichen Architekten. Mir persönlich erscheint sie angemessen. Man hat ja mal mehr und mal weniger Geld und kann entsprechend einzahlen. Darüber hinaus gehören wir als Architekten ja ohnehin zu den Berufsgruppen, die nicht mit 65 geschlossen in Pension gehen. Das Kürzungsproblem ist nicht größer als in anderen Systemen. Im Übrigen finde ich, Herr Crummenerl, man sollte sich schon genauer mit den Kammern auseinandersetzen. Allein Kritik zu üben empfinde ich persönlich als wenig hilfreich. Wenn Sie genau hinsehen, finden Sie in den Kammern und Verbänden viele Menschen, die für den Berufsstand etwas unternehmen. Ohne dieses Engagement stünde unser Berufsstand sicher viel schlechter da, vieles würde einfach wegfallen und wäre nicht ersetzbar!

Haben Sie mit der Kammer schlechte ­Erfahrungen gemacht?

Crummenerl: In der Bayerischen Kammer hatte ich ein paar positive Erlebnisse, in meiner früheren Zeit in Norddeutschland hatte ich eigentlich gar keine. Es gibt aber eine negative Grunderfahrung aus der Zeit nach dem Studium. Da hat man eine lange, teure Ausbildung absolviert, will den Beruf ausüben, und dann kommt eine Institution, die einen erst mal nicht machen lässt und die ziemlich hohe Forderungen stellt. Da bekommt man dann schon den Eindruck, es handelt sich um eine Schutzveranstaltung der Etablierten.
Haack: Das Vakuum zwischen Studienabschluss und Kammereintritt ist schon ein Problem. Die eher indifferente, gar negative Haltung mancher späterer Mitglieder gegenüber den Kammern bildet sich in dieser Zeit. Sinnvoll wäre es, eine Brücke zu bauen und für die Zeit nach dem Diplom bis zur Eintragung als Architekt Hilfestellung anzubieten. Es müsste eine Art Juniormitgliedschaft geben wie in manchen Kammern anderer Länder.

Was tut denn Ihre Arbeitsgruppe junger Architekten in der Kammer?

Haack: Das ist zunächst mal eine bunte Mischung von Leuten: Freiberufler, Beamte, Angestellte. Unsere Aufgabe ist es, die Anliegen der jungen Architekten innerhalb der Kammer sichtbar zu machen und auf die Sorgen und Nöte hinzuweisen, die so ein Start in den Beruf mit sich bringt. Wir wollen auch die unterstützen, die nicht wissen, wohin es gehen soll, oder bei denen es nicht richtig läuft. Aktionen der Arbeitsgruppe Junge Architekten sind etwa der jährliche Existenzgründertag, auf dem auch ehrlich von Schwierigkeiten berichtet wird …
Crummenerl: … das habe ich mir einmal angesehen, da waren wirklich kundige und hilfsbereite Leute. Aber ich brauche ja nicht Aufklärung in Grundfragen, sondern zu ganz konkreten Themen, wenn ich einen Auftrag habe oder einen akquirieren will.
Haack: Zu unserer Arbeit gehört die Aufklärung, dass sich die Berufswelt für Architekten stark geändert hat. Man muss die Realitäten aufzeigen. Viele glauben noch, sie könnten, so wie junge Architekten früher, am besten über Wettbewerbe aufsteigen. Aber die Zeit ist vorbei, und das muss man offen sagen.
Crummenerl: Da fügt sich die Kammer zu sehr ins Schicksal, und das ist ein ganz starker Schwachpunkt von ihr. Bei den meisten Wettbewerben ist ein Deckel drauf; fünf bis zwanzig etablierte Büros machen die Sache unter sich aus. Auch bei VOF-Kungelverfahren sieht man immer wieder die Gleichen. Warum sorgt die Kammer da nicht für faire Chancen für alle?
Wachter: Da tut die Kammer einiges mehr, als für Sie vielleicht sichtbar ist. Denn da liegt in der Tat manches im Argen und muss geändert werden. Es trifft ja nicht nur junge Leute. Ich bekomme noch nicht einmal von solchen Orten Einladungen, in denen ich früher einmal Wettbewerbe gewonnen habe. Um das Wettbewerbswesen zu ändern, brauchen wir eine starke Kammer.
Haack: Bei den Verfahren und Auswahlkriterien besteht wirklich einiger Verbesserungsbedarf. Es gibt zwar einen „Topf“ für kleine und junge Büros, aber das reicht bei Weitem noch nicht; große Büros sind vor allem durch die geforderten Referenzbeispiele, die kleinere Büros nicht für jeden Bautypus vorweisen können, nach wie vor begünstigt. Durch dieses „Schubladendenken“ bleibt viel Innovationspotenzial auf der Strecke.
Wachter: Durch die Töpfe öffnen sich für kleine und junge Büros wieder mehr Verfahren. Das Problem ist aber immer, dass niemand zu einem Wettbewerb verpflichtet ist. Der Auslober kann frei entscheiden, ob es einen gibt oder nicht. Und wenn ihm aus seiner Sicht zu strenge Bedingungen auferlegt werden, macht er vielleicht gar keinen Wettbewerb mehr. Für die Kammer ist es immer eine Gratwanderung. Sie darf auch nicht zu viel Druck machen.
Crummenerl: Aber die Auslober gewinnen doch durch Wettbewerbe ein viel breiteres Angebotsspektrum und haben durch die Markttransparenz in dieser frühen Konzeptphase den größten Kostenhebel. Das muss man ihnen viel stärker vermitteln! Außerdem handelt es sich bei öffentlichen Aufträgen um Steuermittel, deren Vergabe offen, anonym und transparent erfolgen muss.
Wachter: Ich fände es ja auch gut, wenn das mehr Bauherren verstehen würden. Aber manche sind da leider wenig offen. Es ist ein Bohren dicker Bretter.
Crummenerl: Ein anderer Punkt, wo ich von der Aktivität der Kammer wenig halte, ist die HOAI. Die gilt ja nur noch auf dem Papier. Faktisch richten sich nach ihr nur noch öffentliche Auftraggeber.

Haack: Das sind ja auch nicht wenige. Und es ist auch darüber hinaus hilfreich, dass es ein solches Instrument gibt. Dass der Berliner Referentenentwurf gestoppt werden konnte, der die HOAI verstümmeln wollte, ist im Übrigen wesentlich den Kammern zu verdanken.
Crummenerl: Aber nützt das auf längere Sicht etwas? Die EU strebt doch die Liberalisierung aller berufsständischen Schranken an und vollzieht damit nur, was auf unserem Raubtiermarkt längst Realität ist.
Wachter: Raubtiermarkt würde ich das nicht nennen, dafür ist er doch zu stark mit Regeln versehen, die von den Kammern überwacht werden. Regeln für die Qualifikation und den Zugang und für das Verhalten in der Praxis. Aber Sie sprechen da ein wichtiges Thema an: Gibt es überhaupt noch eine Chance für den klassischen freien Architekten mit seinem meist kleinen Büro? Oder geht der Trend zu ganz anderen Strukturen, zu großen und mittleren Firmen wie in vielen anderen Branchen auch?
Haack: Individualität und größere Schlagkraft schließen sich doch nicht aus. Vernetzung heißt das Stichwort, die Suche nach Partnern für größere und komplexere Projekte. Mit Landschaftsarchitekten zum Beispiel funktioniert die Zusammenarbeit im Wettbewerb oft prächtig. Und ich finde die Notwendigkeit einer solchen Suche nicht störend, sondern gut. Da kommen für unser Büro sehr spannende Sachen heraus. Über die Kammer lassen sich solche Netze sehr gut organisieren.
Crummenerl: Aber sie ist doch eine längst veraltete Organisationsform – eine Einrichtung des 19. Jahrhunderts. Das passt doch nicht mehr in die Zeit.
Haack: Das ist ein Pauschalurteil und stimmt so nicht. Die Kammern haben längst den
Wert der Vernetzung und die Anforderungen der Gegenwart erkannt. Das ist aber zu wenig sichtbar. Wir müssen aktiv daran arbeiten und uns gegenüber der Gesellschaft anders prä­sentieren – nicht als konkurrierende Einzelkämpfer, sondern als schlagkräftiger Berufsstand. Wir müssen zeigen, in welchen anderen Berufen Architekten tolle Arbeit leisten, etwa in Behörden, in der Politik oder in Unternehmen.
Crummenerl: Das hilft mir alles wenig. Ich will ein freier, unabhängiger Architekt sein. Ich will mich nicht netzwerkmäßig durchwursteln oder architekturferne Nischen suchen müssen, jetzt wo die Baukonjunktur wieder läuft.
Wachter: Für mich läuft es gut mit den Netzwerken. Meine Unabhängigkeit wächst unterm Strich sogar, weil sich mein Markt vergrößert. Es geht mir dabei übrigens nicht nur darum, formale Voraussetzungen für Ausschreibungen zu erfüllen. Es wäre schlimm, wenn man sich nur etwa wegen einer geforderten Zahl an Computern vernetzt. Ich sehe die Chance vor allem darin, interdisziplinär zu ­arbeiten.

Was geschieht denn hier, damit sich Netzwerke bilden?

Wachter: Es gibt schon gute Ansätze – Beratungen, Veranstaltungen aller Art und so weiter. Aber wir müssen auch die Kammer noch stärker nach innen öffnen. Allzu oft werden ihre Kommunikationsmittel nicht wahrgenommen oder sie reichen nicht aus.
Crummenerl: Ein offenes Haus im Sinne eines Debattierclubs ist die Kammer ja schon. Die paar Male, die ich hier war, hatte ich das Gefühl, hier haben Architekten ihre eigene Welt. Aber praktische Vorteile sehe ich nicht. Wenn ich zum Beispiel einen Mustervertrag brauche, wo kriege ich den denn?
Wachter: Im Internet auf den Kammerseiten, zum Beispiel auf der von Baden-Württemberg.
Haack: … oder rufen Sie an … fragen Sie nach!
Wachter: Aber man muss sich die Sachen schon aktiv holen. Man kann nicht verlangen, dass die Kammer den Architekten von fern alle Wünsche von den Augen abliest.
Crummenerl: O. k., das ist ja gut so. Aber Voraussetzung dafür, dass man etwas braucht, ist ein Auftrag. Und da hilft die Kammer wenig.
Haack: Unmittelbare Arbeitsbeschaffung kann nun wirklich nicht ihre Aufgabe sein. Die Kammer kann für die Architekten Öffentlichkeitsarbeit machen, sie kann politisch darauf hinwirken, dass Architektenleistungen gefragt und besser honoriert werden. Aber sie kann doch keinem Einzelnen einen Auftrag besorgen. Schon allein, weil dann immer andere fragen würden: Warum kriegt der den Job und nicht ich?
Crummenerl: Sie soll für offene Wettbewerbe der öffentlichen Hand sorgen, damit Chancengerechtigkeit bei der Auftragsvergabe besteht. Der Beste gewinne, nicht der mit den besten Beziehungen. Erst dann stellt sich die Frage, wie sie mir zu mehr Know-how bei der optimalen Auftragsbewältigung verhelfen kann.
Haack: Wissensvermittlung gibt es ja schon reichlich. Es muss aber die Auffindbarkeit von Informationen kontinuierlich verbessert werden. Es ist ja viel Know-how da, man müsste es nur unkomplizierter abgreifen können.
Wachter: Das soll jetzt auf der Homepage der Bayerischen Kammer besser werden. Der Weg zu den hinteren Seiten ist bisher in der Tat noch etwas kompliziert. Aber ich setze nicht nur auf technische Mittel. Ich setze auf das Motto „offenes Haus“, das zumindest die Mitglieder möglichst oft nutzen sollten, die in München und ringsum leben. Auch in anderen Regionen gibt es Architekturtreffpunkte, wie für Unterfranken, Ober- und Mittelfranken und für Schwaben, und seit Juli für Niederbayern und die Oberpfalz in Neumarkt. Die Kammer sollte noch mehr den Charakter eines Clubs haben, wo man einfach mal hingeht und Netzwerke knüpft. Also ich finde es gut, wenn Leute in die Kammer kommen, um nur mal einen Kaffee zu trinken, zu schauen, was es Neues gibt, und um Kollegen zu treffen. Das hilft den Mitgliedern und den Kammern. Bisher werden sie doch gerade von denjenigen angegriffen, die sich physisch und mental von ihr fernhalten. Genau die sagen, dass die Kammer nichts tue und nichts biete. Die Unkenntnis vieler Mitglieder ist ein Hauptproblem für die Kammern. Und die Unkundigen machen sich selbst das Leben unnötig schwer.

Zum Stichwort Öffnung fällt einem auch das Gegenteil ein: das Abschließen. Können und sollen Kammern den Zugang so regulieren, dass der immense Konkurrenzdruck unter den Architekten nachlässt?

Wachter: Das ist wohl unser größtes Problem. 1973 wurden fast dreimal so viele Wohnungen gebaut wie heute. Aber es gibt heute etwa viermal so viele Architekten wie damals.

Sind da die Kammern nicht in einem Widerspruch? Einerseits hilft ihnen Größe, andererseits würden sie gerne Druck aus dem Kessel nehmen.

Wachter: Es gab einmal die Tendenz in den Kammern, möglichst viele Mitglieder zu haben, um schlagkräftig zu sein. Die Aufnahme wurde also relativ großzügig gehandhabt. Dann aber hat sich die Architektendichte so erhöht, dass das zu einem Problem wurde. Die Frage ist, ob nicht die geforderte Qualifikation für die Eintragung in die Kammer erhöht werden sollte. Vielleicht gibt es dann eine Entspannung.
Haack: Die Kammer kann doch nicht willkürlich aussuchen, wen sie nimmt und wen nicht. Sondern sie muss jeden nehmen, der die formalen Kriterien erfüllt. Das finde ich auch grundsätzlich richtig so.
Crummenerl: Der Zeitpunkt zum Eingreifen ist sowieso zu spät, denn die Lebensentscheidung ist ja längst gefallen. Man muss viel früher ansetzen. Die Kammer sollte dafür sorgen, dass junge Leute nicht bei der Wahl ihres Studiums in die falsche Richtung gehen.
Wachter: Es sollte schon vor dem Studium Schnupperpraktika geben, um die Falschen vom Architekturstudium abzuhalten. Da kann die Kammer in der Tat ansetzen. Aber sie kann auch weiter sagen, dass das ein großartiger Beruf ist – nur nicht für jeden.
Haack: Es ist schon ein Anfang, wenn Abiturienten eine Woche lang den Alltag im Büro erleben. Wir haben mit den „Schülerpraktikanten“ gute Erfahrung gemacht. Es hilft, spätere Enttäuschungen zu vermeiden – und umgekehrt die richtigen Leute für den Beruf zu motivieren.

Herr Wachter, Sie selbst widmen sich denen, die die ­Entscheidung vor vielen Jahren gefällt und jetzt Probleme haben. Wie funktioniert eigentlich die Beratung von ­arbeits- und auftragslosen Kollegen, die Sie in der Kammer anbieten?

Wachter: Zunächst mal stehe ich hier in diesem Raum für jeden zur Verfügung und höre zu. Das habe ich schon nahezu 300-mal gemacht; dabei erfährt man die unterschiedlichsten Dinge. Im Wesentlichen versuche ich herauszuhören, was meinen Gesprächspartner über die Architektur hinaus interessiert. Es geht vielfach um die Erweiterung des beruflichen Spielraums. Wichtig ist übrigens, dass wir auf gleicher Augenhöhe miteinander reden. Ich bin ja auch als freier Kollege tätig.
Haack: Mit Rat zur Seite zu stehen funktioniert am allerbesten, wenn man sich persönlich kennt. Dazu braucht es Orte und Gegebenheiten. Je offener die „Türen der Kammer“ sind und je transparenter die Aktivitäten der Arbeitskreise werden, desto besser können wir Synergien erkennen und bündeln und gezielt an einer Verbesserung arbeiten.
Wachter: Es gibt so viele Mitglieder, die mit ihrer Kammer nichts anfangen können, die aber auf diese Weise eine positive Beziehung zu ihr aufbauen könnten.
Crummenerl: Es gibt ja in anderen Branchen die „Senior Experts“, pensionierte Kollegen, die Jüngeren helfen. Gut, dass es etwas Ähnliches hier jetzt auch gibt.
Haack: Wichtig finde ich auch den Stellenmarkt auf der Kammerhomepage – das ist der richtige Ort für die Suche. Es funktioniert gut und unbürokratisch.
Crummenerl: Da schaue ich auch immer wieder rein; das nutze ich mit hoher Frequenz.
Wachter: Man könnte auch an einem Abend zehn Architekten einladen, die sich alle noch nicht kennen …
Haack: Ein Blind Date?
Wachter: So kann man es ruhig nennen. Das wäre doch mal was, um über die Kammer die Kommunikation zu fördern.
Haack: Vielleicht tun wir manchmal sogar des Guten zu viel. Dass die Kammer für manche Mitglieder wenig sichtbar ist, liegt nicht am Angebotsmangel. Sondern eher daran, dass wir nicht immer alles optimal koordinieren. Das kann man keinem Einzelnen vorwerfen, es ist Folge der vielen verschiedenen Aktivitäten, die es gibt. Wir müssen da aber stärker die Energien bündeln, müssen darüber nachdenken: Was sind aktuell die wichtigsten Probleme, die uns bewegen, an die wir konzentriert herangehen müssen?

Dafür gibt es ja demokratisch gewählte Beschlussgremien. Haben Sie selbst ­Erfahrung damit, zum Beispiel mit der ­Vertreterversammlung?

Wachter: Ja, ich bin seit Neuestem dabei und erstaunt, wie viel über Formalien gesprochen werden muss, was bei 125 Mitgliedern vielleicht auch nicht anders möglich ist.
Haack: Ich bin nicht drin. Meine Energie stecke ich derzeit, neben der Arbeit im Büro, gezielt in die Arbeitsgruppe. Lieber etwas weniger Aktionen, aber dafür gründlich.
Crummenerl: Mir war gar nicht bewusst, dass es da so eine Art Demokratie gibt. Worüber wird da entschieden – über unser Geld?
Wachter: Genau: über Beiträge, den Haushalt, solche Themen werden dort abgestimmt.
Crummenerl: Da müsste man ja viel Zeit drangeben.
Haack: Ja, und das ist gerade für unsere Berufsgruppe ein Problem. Freiberufler haben meist noch weniger Zeit als andere. Da stößt das Engagement wirklich an äußere Grenzen. Auch in der Politik sind ja wenige Architekten engagiert. Das macht es für unseren Berufsstand so schwer, unsere Interessen durchzusetzen.

Könnten die Kammern sich aus Ihrer Sicht besser organisieren?

Crummenerl: Ich sehe keine Notwendigkeit für Länderkammern. Bayern hat noch die richtige Größe, andere nicht. Und die Umschreibung von einem Land zum anderen finde ich ärgerlich und teuer. Das ist doch Bürokratie von ges­tern. Auf der anderen Seite sollte das System nicht zu zentralistisch sein.
Wachter: Das finde ich auch. Es gibt regional völlig unterschiedliche Situationen, die man nicht über einen Kamm scheren kann.
Crummenerl: Aber die Lebenswirklichkeit geht nun mal nicht nach Regionen und Bundesländern; und sie spielt sich auch im Ausland ab.
Wachter: Die föderale schon. Kammern müssen nun mal auf Länderebene organisiert sein. Und für die übergreifende Vertretung gibt es die Bundeskammer und ihr Brüsseler Büro.
Crummenerl: Die BAK ist einerseits zu weit weg für alltägliche Fragen und andererseits zu wenig durchsetzungsfähig. Man denke nur an die Automobillobby, die Referentenentwürfe für Gesetzesvorlagen gleich selbst liefert.
Haack: Aber das ist doch eine sinnvolle Arbeitsteilung – einerseits die Vor-Ort-Arbeit und die spezifischen Regionalprobleme, andererseits die übergreifenden Fragen. Auch international ist in der Tat viel zu tun. Ich habe sieben Jahre in Großbritannien gearbeitet und kenne das Hin und Her mit den britischen und deutschen Diplomen.

Ist für Sie das Kammersystem alternativlos?

Crummenerl: Ich kann mir freiwillige Verbände vorstellen, die sich dann differenzieren. Da gibt es dann elitäre Verbände und anderen die jeden reinlassen. Was habe ich von der Kammer? Nichts außer Kosten. So geht es vielen jungen Kollegen, die sie als lästiges Übel betrachten. Warum nicht rein freiwillige Organisationen wie zum Beispiel in Großbritannien?
Haack: Nein, die haben eine Architektenkammer. Auch dort bin ich Mitglied. Im Übrigen geht es doch um zwei unterschiedliche Paar Stiefel. Das eine sind reine Interessenverbände, die es auch geben muss. Das andere ist eine Berufsorganisation, die Leistungen bietet und eine Art Schutzfunktion hat. Ich sehe es sogar als Privileg, dass wir unsere Angelegenheiten selbst verwalten können.
Wachter: Ich wüsste auch deshalb keine Alternativen, weil immer mehr Fremdberufler in unsere Tätigkeit eindringen wollen – Baufirmen, Handwerker und so weiter. Dagegen ist eine eigene Berufsorganisation der beste Schutz.
Crummenerl: Ich fühle mich da nicht besonders gut geschützt.
Haack: Ich finde es falsch, nur das Schlechte zu sehen, und darum eine Sache aufzugeben. Man muss doch die Dinge angehen, es auf dem eigenen Feld besser machen. Das bringt allemal am meisten.

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