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[ Skisprungschanzen ]

Schwünge für Sprünge

Die Skischanzen von Innsbruck und Garmisch vereinen Architektur- und Ingenieurskunst.

Herausragend und angepasst: In Garmisch nimmt die Stahlkonstruktion mit ihrer Linienführung die Topografie des Gudibergs auf.

Cordula Rau
Beim Bau einer Sprungschanze fließen architektonische Gestaltung und Ingenieurbaukunst zusammen. Damit wird die Bauaufgabe zum Paradebeispiel einer interdisziplinären Leistung. Zudem ist Bekanntheit fast garantiert: Das Werk dient dem Sport und der Unterhaltung; seine Bilder verbreiten sich in den Medien unzählige Male und verschaffen ihm internationalen Ruhm.

Davon profitiert auch der Standort. Die sportliche und touristische Attraktivität Innsbrucks ist noch mehr gewachsen, seit dort Zaha Hadid 2002 eine neue Sprungschanze baute. Der Bergisel, ein Hügel im Süden Innsbrucks, ist bekannt für die Tiroler Selbstbehauptung in den legendären Schlachten um Andreas Hofer. Schon 1925 gab es hier eine Skisprungschanze. Für Olympia 1964 wurde sie ausgebaut und für die Spiele 1976 nochmals angepasst. Vor einigen Jahren genügte sie den sicherheitstechnischen Anforderungen nicht mehr.

Aus einem Einladungswettbewerb für den Neubau ging Hadid als Siegerin hervor. Die Qualität ihres Entwurfs: Die am Kopf des Turms konzentrierten Funktionen und Massen sind mit der Anlauframpe in einer eleganten Großform verbunden. Trotz der Ausmaße und der Konstruktion aus Stahl und Beton wirkt die Schanze leicht und dynamisch. Während die ersten Bauwerke für den Skisport in Innsbruck noch aus bescheidenen Holzkonstruktionen bestanden hatten, waren jetzt kühnere Ingenieursleistungen gefragt. Aus dem Brückenbau kommt die gewagte Idee einer stützenlosen Anlauframpe als unterspanntes Stahlfachwerk. Die Bahn für die Springer geht nahtlos in das weit nach hinten auskragende Volumen über – eine statische Herausforderung für den Innsbrucker Konstrukteur Christian Aste.

Besonders signifikant stellt sich die Form des Turmkopfes dar, in dem es in 50 Metern Höhe neben den Räumen für die Springer auch eine Aussichtsplattform und ein Panoramacafé gibt. Im Wechselspiel von Tages- und Jahreszeit reflektiert die gerillte Verschalung aus Edelstahlblech das Licht. Die Auszeichnung mit dem österreichischen Staatspreis für Architektur würdigte den gestalterischen Anspruch der Innsbrucker Sprungschanze.

Nachdem Innsbruck sich mit seiner spektakulären Schanze bereits vor Jahren hervortat, macht Garmisch-Partenkirchen seit dem vergangenen Winter Furore. Hier findet seit 55 Jahren das Neujahrsspringen der internationalen Vierschanzentournee statt. Das Profil der alten Schanze entsprach nicht mehr den Vorgaben und Anforderungen des Skiverbandes. Im Oktober 2006 entschied sich die Jury des ausgelobten Architektenwettbewerbes für den Entwurf von terrain: loenhart&mayr aus München. Damit setzte sich das Büro auch gegen Zaha Hadid durch, die ebenfalls am Verfahren teilnahm. Gemeinsam mit Mayr + Ludescher Ingenieure, die das Tragwerk planten, entwickelten sie eine großartige, weithin sichtbare Skulptur.

Alles am Kopf: In Innsbruck ist der Bau mit Springerräumen, Aussichtsplattform und Panoramacafé mit der Rampe zu einer Großform verbunden.

Himmelsleiter zum Schanzenkopf

Die Stahlkonstruktion, die mit ihrer Linienführung den Schwung der Bergwelt, insbesondere die örtliche Topografie des Gudibergs aufnimmt, ragt weit in die Luft hinaus. Aufsprung- und Anlaufbauwerk sind getrennte Baukörper. Den Sprungturm bildet ein mehrfach gebogener räumlicher Fachwerkträger aus Doppel-T-Profilen, während das Aufsprungbauwerk eine Brücke auf Stahlstützen mit ­einer als Stahlbeton-Verbundkonstruktion ausgeführten ­Decke ist. Unter dem Aufsprungbauwerk liegt das Schanzentischgebäude, in dem Serviceeinrichtungen für die Springer, Presseräume, ein Restaurant und der Zugang zum Aufzug untergebracht sind.

Der Schrägaufzug mit hängender Kabine fährt zu den drei Ebenen im Schanzenkopf knappe 50 Meter hinauf zum obersten Punkt und wird ­ergänzt durch eine Himmelsleiter, die parallel dazu mit 332 Stufen nach oben verläuft. Der Entwurf des Sprungrichtergebäudes, das 22 Meter waagrecht aus dem Steilhang herausragt, und die Planung der Schanzentechnik stammen von Sieber + Renn Architekten aus Sonthofen.

Durch ihre Fernwirkung ist die neue Sprungschanzenanlage K125 weithin sichtbar. Treffend bezeichnet man sie in Sportlerkreisen inzwischen mit dem Spitznamen „olympischer Freischwinger“. Die markante Konstruktion ist rundum mit transparenten Polykarbonatplatten verkleidet. ­Diese verändern sich je nach Tageslicht und Beleuchtung. Tagsüber schimmern sie weiß wie die umgebende Schneelandschaft. Abends leuchtet der Turm effektvoll von innen heraus über das Tal und wird zum Symbolbau für den Olympiaort Garmisch-Partenkirchen.

Dipl.-Ing. Cordula Rau ist Architektin und Journalistin in München.