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[ Querstreber ]

Tag der Geisterbahn

Fahren Sie bloß nicht mit der Architektur-Zeitmaschine.

Roland Stimpel

Fest anschnallen und noch mal tief durchatmen! Denn heute ist der Tag der Architektur-Zeitmaschine. Und die kombiniert die Abstürze der Achterbahn mit den Fratzen der Geisterbahn. Zum Start geht’s per Steilrampe auf die Höhe der Zeitgenossenschaft. Da baut man so, dass es aussieht wie von heute. Aber wer bestimmt, wie das aussieht? Die, die heute bauen. Also müssen wir so bauen, wie es die anderen tun. Und die anderen so wie wir.

Uups, wir fahren ja im Kreis. Noch ­eine Geisterbahn-Runde um die minimalistischen Skelette der zeit­genössischen Nach-, Spät- und reflexiven Moderne. Dann aber raus in die dekonstruierte Doppelkurve. Hei! Wie das rüttelt und schüttelt und uns fast aus der Zeitbahn wirft!Aber schon sind wir in Holland. Da pappt gar liebliches Klinkerdekor an der Geisterwand. Pranger, Galgen und Sensenmann springen uns in den Weg, aber wir wissen ja, die sind nicht echt.

Zeitgenössisch ist hier nämlich gerade ein Stijl wie von ganz früher, der deshalb auch New ­Urbanism heißt. Und das in einem Land, wo noch vor ein paar Jahren das Zeitgenössische ganz übermorgig war – globalisiert, virtualisiert, futuristisch spintisiert. Aber jetzt ist in Holland das Vorgestern von heute, also das Übermorgen von gestern. Nur raus aus dem Looping!

Wieder eine scharfe Kurve, und unser Zug ist beim Denkmalschutz. Bisschen modrig hier, ungedämmte Zeitschichten duften nun mal so. Der Denkmalschutz also will heute das Gestern für morgen bewahren. Er heiligt erstens jede Veränderung am Haus, die schon da ist. Weil man nämlich die Geschichte bewahren muss, wie sie nun mal lief. Und er verdammt zweitens jede Veränderung, die noch kommen könnte. Weil man nämlich die Geschichte verhindern muss, wie sie nun mal laufen würde. Unser Zug pendelt hektisch vor und zurück.

Jetzt holpert er auch noch über den Boden; kaputte Gleisstücke werden hier nämlich nicht ersetzt. Denn Rekonstruktion ist falsch, wo ein Denkmal weg ist. Schutz des Vorhandenen ist aber richtig, weil das Denkmal sonst weg wäre. Wird Zeit, dass die Fahrt endet. Endlich wieder raus auf den Rummelplatz des Alltags: rosa Zuckerwatte, kreischige Karussells, Eimer voller Nieten.

Schön zeitlos hier.