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[ Projekte in China ]

Chinesische Widersprüche

Ein deutsches Büro machte gute Erfahrungen in Peking, ein anderes fühlt sich betrogen.

Erfolg in China: Erweiterungsbau der chinesischen Nationalbibliothek in Peking von KSP Engel und Zimmermann

Rolf Toyka, Markus Schwieger
In diesem Monat wird der Erweiterungsbau der chinesischen Nationalbibliothek in Peking eingeweiht. Den Wettbewerb hatte im Juni 2003 das Braunschweiger Büro KSP Engel und Zimmermann mit einem von Jorge Veiga verfassten Entwurf gewonnen. Bereits im November wurde der Vertrag zur Ausführung des Projekts unterzeichnet. Die Bausumme beträgt 60 Millionen Euro, die Bruttogeschossfläche 80 000 Quadratmeter.

Das bestehende Gebäude der chinesischen Nationalbibliothek befindet sich auf einem campus ähnlichen, stark heterogen wirkenden Gelände. Mit ihrem Erweiterungsbau zielten KSP auf eine klare, ruhige Gesamtlösung ab. Die Architekten verzichteten darauf, den zahlreichen Hochhäusern der Nachbarschaft ein weiteres hinzuzufügen und entschieden sich für ein „liegendes“ Hochhaus mit einer klaren, strengen Gebäudegeometrie. Der Bau mit den Außenmaßen von 90 x 119 Metern besteht aus drei horizontalen Schichten. Im Sockel befinden sich die klassische Bibliothek mit Lese sälen und Präsenzbibliothek sowie der größte Schatz der Bibliothek, die Handschriftensammlung der Quin-Dynastie des 18. Jahrhunderts.

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Sie ist in einem Haus-im-Haus Körper untergebracht, einer modernen Interpretation eines Schreins. In der Zwischenzone über dem Sockel, einer Art großer Fuge, findet die Gegenwartsliteratur Platz. Schräge Säulen stehen für die Interaktion des chinesischen Volkes mit seinem kulturhistorischen Erbe, großflächige Verglasungen ermöglichen den direkten Bezug nach außen und den Blick in den Campuspark. Ein schwebendes Volumen bildet den oberen Abschluss des Gebäudes. Hier ist die digitale Bibliothek untergebracht, die ein Symbol für die Zukunftsorientierung des modernen Chinas und seine weltweite Vernetzung sein soll – auch oder gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Beschränkungen und Rückschläge. Der erhöhte Sockel, die Säulen und das Dach sind stilistische Mittel in der chinesischen Baugeschichte, die bedeutenden und meist öffentlichen Bauten vorbehalten waren und daher von KSP eingesetzt wurden.

Designbuch für die Ausführungsplaner

Bauherr der Nationalbibliothek ist der chinesische Staat, vertreten durch ein zuständiges Bauherrenteam. Dieses Team, bestehend aus Abgeordneten des Kulturministeriums und Mitarbeitern einer staatlichen Bauabteilung, übernahm gleichzeitig die Projektsteuerung. Aufgabe von KSP Engel und Zimmermann war es, eine komplette Entwurfsplanung zu erarbeiten. Für die Ausführungsplanung wurden alle wesentlichen Entwurfsbestandteile in einem Leitfaden ausführlich erläutert und deren mögliche Umsetzung mittels Leitdetails dargestellt.

Ein örtlicheschinesisches Partnerbüro erarbeitete anhand dieses „Designbuchs“ die Ausführungsplanung, in die die Mitarbeiter von KSP nur begrenzt eingebunden waren. Da eine solche Arbeitsteilung viele Konfliktmöglichkeiten birgt, waren eindeutige Vorgaben sowie die persönliche Kontaktpflege und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den örtlichen Kollegen umso wichtiger. Die Erarbeitung eines kompletten Farbkonzepts für das gesamte Bauvorhaben von den Fassaden über die Möbel bis hin zu einem Farbleitsystem gehörte ebenfalls zum „Design­buch“.

Die Lichtplanung übernahm das Unternehmen Zumtobel. Der imchinesischen Markt gut positionierte Hersteller konnte in wichtigen Bereichen eigene Produkte einsetzen; in den abgehängten Decken der Erschließungszonen und Leseräume wurden hingegen Leuchten eines anderen Herstellers installiert, die deutlich weniger attraktiv sind. Diese Lösung erforderte eine gewisse Toleranz der Beteiligten.

Bildsprache: Als „liegendes Buch“ ist die Nationalbibliothek in Peking konzipiert.

Die chinesische Nationalbibliothek wurde als Stahlbetonbau errichtet, der aufgeständerte Baukörper in Form eines „liegenden Buches“ als Stahlkonstruktion realisiert. Johannes Reinsch, Asienverantwortlicher bei KSP, spricht vom „Flieger“. Stützen und Träger sind vergleichsweise massiv ausgebildet. Das dient einerseits der geforderten Erdbebensicherheit und resultiert andererseits aus einer Risikozulage, wie sie in China wegen der nicht immer perfekten Ausführungsqualität üblich ist. Die Kastenträger aus Stahlblech haben eine Höhe von 2,50 Metern bei einer Mate rialstärke von acht Zentimetern. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen beträgt die für das Gestaltungsthema des „fliegenden“ Gebäudeteils so wichtige Auskragung nur maximal elf Meter. Die gesamte Stahlkonstruktion mit einem Gesamtgewicht von immerhin 11 000 Tonnen wurde komplett am Boden zusammengeschweißt und im fertigen Zustand an nur einem Tag mit hydraulischen Stützen 16 Meter hoch in die endgültige Position gefahren.

Da die Bauarbeiter in China als Wanderarbeiter oft über keine spezialisierte Ausbildung verfügen, führten die Wahl der Materialien und die Ausbildung der Details stets zu Lösungen, die vergleichsweise einfach umsetzbar waren. Aus Kostengründen kamen zudem überwiegend in China zu beziehende Materialien zum Einsatz. So bestehen etwa die Außenwandverkleidungen und die horizontalen, massiven Sicht- und Sonnenschutzelemente vor den Fenstern im Sockelbereich sowie die Erschließungswege und die Fußbodenbeläge in den Innenräumen aus mongolischen Granitsteinen, deren Zuschnitt und Einbau durch erstaunlich hohe Präzision auffielen.

Überraschend war das Konzept für die Sichtbetonoberflächen der Erschließungskerne: Da eine überzeugende Ausführungsqualität kaum erreichbar schien, wurden dünne Sichtbetonfertigteile als Verkleidung vorgesehen. Hier drängt sich die Frage auf, warum die Planer einer solchen „tapetenähnlichen“ Oberfläche den Vorzug vor einem schlichten Putz gaben. Dennoch beeindruckt die insgesamt hohe gestalterische Ausführungsqualität angesichts der Arbeitsteilung zwischen Entwurfs- und Ausführungsplanung sowie die zwangsläufig schwierige Umsetzung durch die Wanderarbeiter.

Sauberkeit auf der Vorzeigebaustelle

Beim Besuch im Februar fiel besonders die nahezu perfekte Sauberkeit und Ordnung auf der Baustelle auf, wie sie in Deutschland nie zu finden ist. Johannes Reinsch hatte eine einfache Erklärung: Da angesichts der Bedeutung des Bauvorhabens in regelmäßigen Abständen Minister erscheinen, um sich einen Eindruck vom jeweiligen Bauzustand zu verschaffen, wird die Baustelle permanent in einem absoluten Vorzeigezustand gehalten. Angesichts des aktuellen Ausbauzustandes erscheint der Fertigstellungstermin Ende Juni zwar vergleichsweise „sportlich“. Durch eine Erhöhung der Mitarbeiterzahl soll er jedoch eingehalten werden.

Die Bilanz von Johannes Reinsch: Zwar sind die Rahmenbedingungen für einen Architekten aus Deutschland vergleichsweise schwierig, beträgt die Planungstiefe im Vergleich zu Deutschland nur etwa 50 Prozent, fallen die Ausschreibungen von chinesischen Partnerbüros für deutsche Verhältnisse extrem „dünn“ aus. Trotzdem könne ein solches Bauvorhaben für alle Beteiligten erfolgreich verlaufen. In China hat das Image des „Made in Germany“ nach wie vor einen hohen Stellenwert, und deutsche Architekten genießen große Anerkennung. Davon profitieren einerseits diechinesischen Auftraggeber, andererseits transferieren auch sie viel Know-how bei der gemeinsamen Bearbeitung solcher Projekte.

Dipl.-Ing. Rolf Toyka leitet die Akademie der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen in Wiesbaden.


Die Baustelle wurde auf einer Akademieexkursion besichtigt.

Ein unterirdisches Ergebnis

In Peking ist eine oberirdische U-Bahn-Station nach den Plänen unseres Büros fertiggestellt worden. Wir waren 2003 in einem Wettbewerb mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden. Den Entwurf hatten wir in Kooperation mit dem Ingenieurbüro VCE/Jaako Pöyry Infra eingereicht. Schon kurz darauf tauchte der Wettbewerbsbeitrag ohne Nennung des Verfassers im Internet in englischer und chinesischer Sprache auf offiziellen Webseiten auf, die die Baumaßnahmen rund um die Olympischen Spiele beschreiben.

Bildverwendung: Der Entwurf aus Deutschland tauchte rasch ohne Nennung der Verfasser im Internet auf.

Gemeinsam mit dem Ingenieurbüro suchten wir in den folgenden Monaten eine Vertragslösung für die weitere Planung mit dem Ingenieur büro „Beijing Municipal Engineering Institute“, das für die Planungsleistungen der U-Bahn-Linie beauftragt war. Das Büro teilte uns im Lauf der Verhandlungen mit, dass unser Entwurf bereits in die offizielle Entwurfs planung übernommen worden sei.

Die Verhandlungen über eine Ko operation scheiterten jedoch und ein direkter Kontakt zu dem Auftraggeber kam nie zustande. Da auch die Zahlung des in der Auslobung angekündigten Preisgeldes ausblieb, ließen wir über eine international tätige Anwaltskanzlei die Möglichkeit rechtlicher Schritte prüfen und suchten Rat bei der Internationalen Handelskammer sowie beim Auswärtigen Amt.

Die Bemühungen blieben ohne Erfolg. Mittlerweile zeigen zahlreiche Fotografien und Filme im In ternet die bereits seit 2007 fertiggestellte und in Betrieb genommene Station. Der Entwurf wurde in der Außenkontur und Geometrie übernommen und ohne Beteiligung der Architekten an der weiteren Planung, ohne Wahrung der Urheberrechte und gänzlich ohne Honorierung umgesetzt.

Eine vertiefende Bearbeitung des Entwurfes, die Optimierung der Konstruktion und eine notwendige Detaillierung und Materialisierung im Sinne des Entwurfsgedankens ist ausgeblieben. Erschreckend ist, wie der Entwurfsgedanke im Innenausbau in den Teilen interpretiert und übertragen wurde, die die Wettbewerbsplanung offenließ oder nur abstrakt bearbeitete.

Dipl.-Ing. Markus Schwieger ist Mitinhaber des Büros netzwerkarchitekten in Darmstadt.