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[ Interview ]

„Gegengewicht zur elektronischen Flut“

Zu Hans Stimmanns Berlin-Konzept gehörten straffe Baublöcke – aber auch neue und rekonstruierte Freiräume. Ein Rück- und Ausblick auf die grüne Seite der Stadt.

Hans Stimmann war von 1991 bis 2006 Senatsbaudirektor und Staatssekretär in Berlin.

Interview: Roland Stimpel

Sie gelten als Mann der Blockkante und Traufhöhe, nicht als Planer urbanen Grüns.

Ja leider, jeder kriegt so seine Marke. Aber was mich umtreibt, ist die Kultur der europäischen Stadt. Darunter fallen auch Projekte neuer Gartenarchitektur, die seit dem Mauerfall in Berlin realisiert wurden.

Wurden nicht vor allem Frei- und Brachflächen zugebaut?

Brachflächen auf jeden Fall, es gab ja auch mehr als genug. Aber gestaltete und benutzbare Freiflächen gibt es heute in der Berliner Innenstadt viel mehr als vor 20 Jahren.

Vereinbart sich das mit Ihrer Vorstellung von der dichten europäischen Stadt?

Zur europäischen Stadt gehören konstitutiv Parkanlagen, Plätze und Promenaden. Sie sind öffentlicher Raum im europäischen Sinne genau wie der Straßenraum, also klar abgegrenzt von den privaten Höfen und Gärten.

Genau wie beim Straßenraum könnte man aber sagen: Raum für die Stadt von gestern.

Das sagte man in den 90ern mehr als genug. Denken Sie an Rem Koolhaas’ Behauptung: „Der öffentliche Raum ist tot, weil die Stadt zu einem System untereinander verknüpfter Innenräume geworden ist.“ Und beobachten Sie heute, was selbst bei leidlichem Wetter im Spreebogen oder im Monbijoupark los ist. Der öffentliche Raum wird nicht nur gut genutzt, er wird teils sogar übernutzt.

Und Sie wussten vor über 15 Jahren, dass das so kommen würde?

Wer andere europäische Städte kennt, konnte wissen, dass solche Räume ihre Nutzer finden würden. Aber nicht, dass es so viele werden würden und wie sie genutzt werden würden. Aber andere wussten das noch weniger: Man stelle sich vor, es hätte damals jemand eine Animation des Spreeufers mit so vielen Menschen gezeichnet, wie dort heute auf den Promenaden an beiden Ufern flanieren und radeln. Den hätte man für verrückt erklärt.

Woher kommen denn die vielen Menschen?

Ein Teil kommt nicht aus der Stadt, sondern es sind Besucher, die sich auf diese Weise Berlin erschließen. Andere kommen aus Büros und Heimbüros. Die verlagern sie zeitweise nach draußen; sie setzen sich mit dem Laptop ins Grüne und telefonieren. Sie wollen für sich bleiben, aber unter anderen Menschen sein. Und ich glaube, sie schätzen unbewusst die eher kontemplative Atmosphäre als Gegengewicht zu ihrer eigenen Lebenswelt mit der Flut an elektronischen Bildern und Signalen.

Wo Sie damals Baublöcke planten, hatten Sie Ihre teils berüchtigten, aber heute geschätzten Grundregeln: Straße, Block, Haus, Traufe. Gab es ähnliche Grundregeln auch fürs Grün?

Nein, im Städtebau legten wir erst mal nur fest, wo die Freiflächen sein sollten. Aber wir definierten, dass hier Räume gebildet werden sollten, keine fließenden diffusen Flächen. Wettbewerbe für Landschaftsplaner gab es erst danach, genau wie wir auch im Städtebau keine Details der Architektur festgelegt haben.

Gibt es dann etwas Zeittypisches für die jüngeren Berliner Freiflächen?

Es gab zwei Themen, die aus dem Westberlin vor 1989 stammten. Das erste waren Ökoparks mit der Verwilderungsästhetik der Spontanvegetation, Trockenrasen und Feuchtbiotope. Die gab es vor allem auf ehemaligen Bahnflächen. Sie wurden dann vorsichtig mit Wegen erschlossen.

Und das andere Thema?

Das zweite Thema war die Gartendenkmalpflege, die sich gerade etablierte und die stark mit dem Namen Klaus von Krosigk verbunden ist, dem stellvertretenden Landeskonservator und Leiter der Gartendenkmalpflege in Berlin. Hier ging es nicht nur um Bewahrung, sondern öfter um die Wiederherstellung von zerstörten und verlorenen Parks, Gärten und Alleen.

Eine grüne Rekonstruktionsbewegung, lange vor der baulichen?

Und eine viel weniger ideologisch umstrittene. Bei Gartendenkmälern gibt es ja nicht das Thema der materiellen Zeitschichten, die man bewahren will – irgendwann stirbt jede Pflanze, jeder Baum. Um das einmal Geschaffene zu bewahren, muss man sowieso nachpflanzen. Da gibt es dann nicht solche Skrupel, einen früheren Zustand zu rekonstruieren. In Berlin hat man es einfach gemacht, etwa im östlichen Tiergarten, auf dem Pariser oder dem Hausvogteiplatz. Die letzten beiden sind weniger von Grün als von Brunnen geprägt. Trotzdem gab es keine großen Debatten.

Gab es denn nur lokale Impulse für die Berliner Freiraumgestaltung?

An prominenten Plätzen der City war es anders. Es gab einen ganzen Kosmos architektonischer Konzepte, dekonstruktivistische, Land-Art-, ökologische oder minimalistische Konzepte. Am Potsdamer Platz setzte sich auf zwei Plätzen die Land-Art durch, nach Entwürfen von DS Landschaftsarchitekten aus Amsterdam. Die Gestaltung ist minimalistisch und skulptural, es gibt schiefe Rasen­ebenen, harte Kanten und steile Wände. Hinter den Konzepten steckt Symbolik. Am alten Potsdamer Bahnhof werden die früheren Gleise angedeutet, und zwischen Sony Center und Tiergarten die Grenze, die hier einst verlief.

Das muss man aber wissen.

Nicht unbedingt. Man kann die Gestalt auch so schätzen. In beiden Parks liegen im Sommer viele Menschen auf dem Rasen. Es sind aber keine Idyllen oder Plätze für die Mittagspause der Büroarbeiter ringsum geworden, sondern sehr spezifische Antworten auf besondere Orte.

Auch Reichstag und Kanzleramt stehen im Grünen.

Nach dem Städtebaukonzept von Axel Schultes sollte es den Platz der Republik als Freifläche im Süden und den Spreebogenpark im Norden geben, beide getrennt vom sogenannten Band des Bundes. Leider ist dann ja das geplante zentrale Bürgerforum nicht entstanden. Und leider ist da eine Straße, die da hindurchführt, entgegen den Plänen entstanden. Eine Mini-Nord-Süd-Achse.

Jetzt sieht es da ironischerweise nach Stadtlandschaft der 50er-Jahre aus: große Solitärbauten, fließende Freiräume und mitten drin Straßen.

Nein, für die 50er-Jahre ist die Stadtfigur zu streng. Und es gibt vierreihige Eichenalleen am Kanzleramt und am Bundestagsbau von Stephan Braunfels. So was hätte man in den 50er-Jahren nie gepflanzt; Achsen und Eichen standen doch unter Faschismusverdacht.

Zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof gibt es die freien Großformen des Spreebogenparks und einzelne, sehr differenziert gestaltete Gartenflächen.

Die sollen daran erinnern, dass das einmal ein Villenviertel mit viel kleineren Maßstäben war als heute. Es sind Gärten ohne Häuser.

Bahngelände, Rekonstruktion, Mauererinnerung, Gartenparzelle – ist die Freiflächenplanung im Berliner Zentrum vor allem rückwärtsgewandt?

Geschichtsbewusstsein ist nicht rückwärtsgewandt. Unser gemeinsames Gedächtnis kann hier viel besser bewahrt werden als auf einem brachgefallenen Einzelgrundstück, das jetzt wieder neu bebaut ist. Aber es hat nie nur den Blick zurück gegeben. Es sollen doch Räume für die Menschen von heute und morgen sein.

Apropos morgen: Ist Berlins Innenstadt nun auch auf ihren Freiflächen weitgehend fertig?

Das unmittelbare Zentrum ja, abgesehen vom Gebiet um den Hauptbahnhof. Aber derzeit wird am Gleisdreieck noch ein Park gestaltet – 32 Hektar nach Plänen des Ateliers Loidl. Das ist schon nicht mehr City, da sind noch mal alte Schlachten geschlagen: Spontanvegetation für die Kreuzberger Straßenkämpfer, ein 20-Jahre-Volkspark für die Schöneberger Kleingärtner. Kleingärten gibt es da ja auch, nur heißen sie jetzt Community-Gardens.

Aber dann ist Schluss?

Dann kommt der Flughafen Tempelhof. Da bleibt der größte Teil ja frei. Es gab schon in den 90ern einen, wie ich finde, unschlagbaren Vorschlag von Kienast, Vogt und Partner und von Bernd Albers: Die Rollbahnen sollten als „Wiesenmeer“ frei bleiben und ein 50 Meter hoher Fliegerberg aufgeschüttet werden, in Erinnerung an Lilienthal und andere. Das hätten dann die Leute gestürmt wie den Teufelsberg im Grunewald. Leider scheint der Entwurf in Vergessenheit geraten zu sein.


Hans Stimmann, Erik-Jan Ouwerkerk (Fotos):

Buchtipp:

Gärten, Plätze, Promenaden.
Berlin 2008, 208 Seiten, 59,90 €Philipp Meuser, Hans Stimmann (Hg.), Erik-Jan
Ouwerker (Fotos):
Neue Gartenkunst in Berlin.
Berlin 2001, 208 Seiten, 49,90 €