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[ Architektur und Esskultur ]

Eigenheim zum Dessert

Zwei Düsseldorfer kombinieren Architekturbüro mit Restaurant und wollen so Schwellenängste abbauen.

Die dunklen Farben im Restaurant sollen eine einladende Atmosphäre schaffen.

Nils Hille
Dai Tse, die gebratene Jakobsmuschel mit Algensalat, als Vorspeise. Oder doch lieber Caldereta Almede, eine kalte Mandelsuppe mit Gambas? Beides interessant. Und dann das Hauptgericht: Blanquette de veau, das Kalbsragout mit grünem Spargel, Polenta und Kräuterseitlingen? Oder den Simmentaler, ein Biorinderrücken aus dem Simmental mit frittierten Kartoffeln? Keine leichte Entscheidung.

Da ist die Wahl des Tisches im Düsseldorfer „Architektur und Esskultur“ schon einfacher. Den, den sonst niemand in einem Restaurant haben will: nahe der Tür. Er bietet hier einen ungemeinen Vorteil. Durch Glasfenster im Inneren schaut der Gast in das Büro Sievert Leister. Genüsslich kann er beim Essen der Architektin und Stadtplanerin Petra Sievert, dem Innenarchitekten Gerhard Leister und ihrem Team bei der Arbeit zusehen – ganz schamlos, denn die wollen es ja so.

Seit 20 Jahren entwerfen die beiden „Restaurants als architektonisch und kulturell prägende Orte“, erzählt Sievert. Nun haben sie Entwerfen und Essen für sich selbst konsequent miteinander verknüpft. Das Personal vorne im Lokal ist auch ihres. Und sie sind das kulinarisch wohl bestversorgte Architekturbüro Deutschlands.

Im Büro dominieren helle Töne.

Musterzimmer

Ihr „großer Showroom“, wie Sievert das Restaurant nennt, ist täglich außer montags von elf Uhr mittags bis ein Uhr nachts geöffnet. Der Begriff Showroom passt, denn seine Gestaltung bietet einen Eindruck von der Arbeit des Büros. „Unser Gastraum besteht aus Materialien und Produkten, die wir auch in Objekten bei Kunden einsetzen würden“, so die Architektin. Den Raum dominieren Gradlinigkeit und Materialien, die farblich aufeinander abgestimmt und noch bezahlbar sind. Zum Beispiel die Sitzgelegenheiten: Innen sind Tische wie Stühle einfache Modelle, draußen vor dem Lokal dienen umgekippte Blumenkübel aus Sichtbeton als Bänke.

„Außerdem wollen wir zeigen, dass die Lichtgestaltung uns sehr wichtig ist und wie wir damit geschickt arbeiten können.“ Das ist auch nötig, denn Schwarz und Lila herrschen als dunkle Töne im Esskulturbereich vor – ein Kontrast zu Theke und Regalen aus Stahl und zu der in Weiß gehaltenen Architekturbürozone hinten.

Vor allem dort ist zu erkennen, dass die Räume vorher anders genutzt wurden, zunächst als Autohaus, dann als Supermarkt. 600 der 1 000 Quadratmeter nutzen die beiden Planer momentan, zum Teil auf kreative Art. In der ehemaligen Kühlkammer für Lebensmittel haben sie ihr Archiv und unzählige Materialproben gelagert. Der Raum des Supermarktleiters mit einem schmalen Fenster in die Halle dient nun als ruhiger, aber zentraler Platz für Kind und Babyfon.

Selbst fühlt sich die Planerin aber nicht überwacht, trotz der offenen Gestaltung zum Restaurant hin, mit dem Gang zu den Toiletten an der Bürofront vorbei. Schon vorher hatten Sievert und Leister ihr Büro in einem Ladenlokal mit Schaufenstern. „Wir setzen ja gerade auf das Interesse der Leute, was wir durch unser Restaurant nun zusätzlich fördern können“, sagt Sievert. Aber es soll immer dezent sein. In der Speisekarte ist vorne das Konzept kurz beschrieben, Modelle von Projekten sucht man dagegen vergeblich.

„Wenn wir einzelne Details zeigen würden, wäre das immer nur ein Teil unserer Möglichkeiten. Das schränkt zu sehr ein“, meint Sievert. Und auch wenn das Restaurant ihr „Showroom“ ist, soll das nicht heißen, dass sie nun jeden Monat umgestalten. In erster Linie ist es ein Speiseraum, und das soll er auch bleiben. Variabel ist nur die Anordnung der Tische – und die wöchentlich wechselnde Mittagskarte.

Beschnupperungsbereich

Als Schnittstelle zwischen Büro und Restaurant oder „zwischen Opulenz vorne und Minimalismus hinten“, wie Sievert unterscheidet, dient ein großer, separat stehender Tisch hinter einem raumhohen, aber schmalen Weinregal.  Daran finden Teambesprechungen und Gespräche mit Bauherren statt. „Bei einem gemeinsamen Essen können wir in Ruhe herausfinden, ob ein Projekt etwas für unser Büro ist oder nicht“, so die Architektin. Mittlerweile wollen sie und ihr Büropartner es nicht mehr jedem Kunden recht machen. Nur wenn der Auftrag in ihren Augen interessant ist, greifen sie zu. Zum Beispiel bei der Sanierung des Opern- und Schauspielhauses in Dortmund, mit der sie sich gerade beschäftigen. „Das Restaurant soll dazu dienen, dass wir uns diesen Luxus der Wahl langfristig finanziell leisten können“, so Sievert.

Die Theke im Restaurant.

Und um Schwellenängste zum Architekten abzubauen. Denn potenzielle Neukunden können erst einmal „inkognito“ auf ein Abendessen oder einem Mittagslunch vorbeischauen und später entscheiden, ob sie Kontakt zum Planer aufnehmen wollen. Eine hohe Herausforderung an die Küche – denn wem es nicht schmeckt, dem ist sicher auch der Appetit auf die Architektur vergangen.

Für die Zukunft haben Sievert und Leister nun erst einmal „keine großen Pläne“ mehr. Nach ihrer Expansion wollen sie in der Bürogröße nicht mehr wachsen. „Dafür sind wir viel zu faul“, lacht Sievert und ergänzt: „Wir möchten selber noch in den Projekten sein, nicht nur koordinieren.“ Mit ihrem Kollegen und den acht Mitarbeitern versucht sie dabei, die Disziplinen zu verknüpfen. So entwirft das Team bei einer Städteplanung auch die passenden Musterhäuser für das Gebiet. „Wir bieten durchgehende Konzepte an, die billiger sind, da wir alles planen können“, sagt Sievert. Für die enge Zusammenarbeit unter den Disziplinen verzichten sie und Leister auch auf eigene Chefbüros. Beide sitzen mit im Großraumbereich. „Die kurzen Wege sind mal schön, mal weniger schön, aber effektiv“, so Sievert.

Im „Architektur und Esskultur“ geht es nun um die Optimierung des Konzeptes. Und auch wenn ihre Idee noch so erfolgreich sein wird: Damit in Serie zu gehen, also die Idee und Gestaltung an andere Architekten weiterzuverkaufen, kommt für sie nicht infrage. Sie setzen, so Sievert, „auf Individualität an einem bestimmten Ort für ein bestimmtes Publikum. Franchise finde ich furchtbar!“