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[ Innenarchitektur ]

Innen-Ansichten

Die Kooperation von Innen- und Hochbauarchitekten als Erfolgsmodell.

Einladend: Warteraum der Anwaltskanzlei Schlüter Graf & ­Partner in Dortmund.

Prof. Rudolf Schricker

Aus dem bewährten Blickwinkel der Institutionen scheint seit Jahren alles klar: Architekten planen und bauen Gebäude, meist planen und bauen sie das Innere gleich mit. Innenarchitekten sind auch Architekten, allerdings spezialisiert auf dieses Innere, und dürfen nicht automatisch das Gebäude mitplanen und bauen. Diese feine Differenzierung der Kompetenzen ist den meisten Menschen nicht geläufig und hat zu Vorurteilen und Komplexen geführt. Es ist eben anders als in der Medizin, wo Allgemeinmediziner ganz selbstverständlich zu Internisten überweisen und die Gesundheit der Menschen arbeitsteilig gewährleistet wird.

Erst jüngst – der Verbraucherschutz und die Bedürfnisformulierung mündiger Bürger in einer freien Gesellschaft stehen hoch im Kurs – verlangen Menschen nach Qualitätskriterien von beruflichen Dienstleistungen, die mit den anspruchsvollen Erwartungen der Aufgeklärten kompatibel sind. Die Frage nach Kompetenzen stellen mit einem Mal andere, und sie stellen sie in eine völlig neue Richtung.

Investoren wollen den „Mehrwert“ eines Bauprojektes, das stets auch ein Raumobjekt ist, rechtzeitig erkennen. Projektentwickler leben zunehmend von inhaltlichen Visionen, weniger von den Gebäudestrukturen und Konstruktionen. Bauherren fragen nach der „Botschaft“ – Corporate Architecture ist für sie eine Unterform von Corporate Identity. Wer man ist und was man ausdrücken will, sind keine reinen ­Architekturfragen. Zahlreiche Bauherren verbinden mit den Renditevorstellungen ihrer Investitionen die Erwartung, in diesen Gebäuden Identifikation, Motivation und Information zu vermitteln, mit einem Höchstmaß an Glaubwürdigkeit und Authentizität.

Lichtspiele: Das Foyer der Stadthalle von Mülheim an der Ruhr …

Gemeinsame Sprache für innen und außen

Die Erschöpfung der Neubautätigkeit bei gleichzeitiger Sanierungs- und Modernisierungseuphorie bestehender Bausubstanz zeigt Wirkung: Der Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit verlagert sich spürbar in das Innere. Jetzt wird plötzlich jedem klar: Das Innere der Architektur ist zu komplex, zu vielseitig, zu interessant, zu abwechslungsreich, letztlich zu verantwortungsbewusst, um es verkürzt in einem allgemeinen Begriff ausdrücken und automatisch als Verlängerung der Hochbauaufgaben subsumieren zu können. Das Innere von Architektur gewinnt Qualität und Bedeutung nicht mehr allein durch die bewährten Instrumente Konstruktion und Ästhetik, vielmehr wird deutlich, dass es die Menschen sind, die in ihrer Relation zum Innenraum und dessen Einrichtung eben diese Qualität und diese Bedeutung individuell fordern und erwartungsfroh definieren.

… ist nach der Modernisierung so wandelbar…

Die Innenräume werden wieder verstärkt von innen heraus konzipiert, geplant und realisiert, und sie sind nicht mehr automatisch Konsequenz eines architektonischen Gesamtkonzepts für das Gebäude. Das Innere reflektiert zunehmend die Konfliktsituation, in der Menschen das Phänomen „Zeit“ in Relation zum Aufenthaltsort „Raum“ stellen und damit an ihrem eigenen Leben messen. Das Innere wird Begleiter und Erlebnis, temporär und permanent. Die architektonische Dimension der Ewigkeit verliert in der alltäglichen Vergänglichkeit des individuellen Erlebens rasch an Bedeutung. Das Innere ist gleichbedeutend mit „Leben jetzt!“. Eine neue Form räumlichen Bewusstseins entsteht: lebendige Menschen im Raum, Lebendigkeit als innenräumliches Phänomen.

Zeitgemäße Innenarchitektur definiert soziale Verantwortung neu: An Körper und Geist angeschlagene Menschen benötigen Räume, die ihnen helfen, gesund zu werden. Junge Menschen sind auf Räume angewiesen, in denen sie sich entfalten können. Alte Menschen brauchen dringend eine Raumkultur der positiven Erinnerungen, um in Würde in Räumen steinalt zu werden. Das Innere zeichnet auch verantwortlich für das Funktionieren des Zusammenlebens von Menschen, fördert deren Leistungsbereitschaft bei der Arbeit und in der Freizeit und generiert Freude und Spaß, führt letztlich zum Sinn von allem.

Die motivierten Auftraggeber fordern eine Abkehr von Ressentiments zwischen den Disziplinen. Gesellschaftlich ist es dringend geboten, den gestiegenen Erwartungen und Anforderungen gemeinsam zu begegnen, indem Synergien gesucht und gefunden werden. Es geht nicht mehr um Kompetenzbeschneidung, vielmehr steht Kompetenzsteigerung durch Kooperation im Vordergrund. Die Zahl der Hochbauarchitekten in Deutschland liegt weit im sechsstelligen Bereich; dagegen erscheint die vierstellige Zahl der Innenarchitekten denkbar gering und für Architekten keinesfalls bedrohlich. Allerdings basiert die Kompetenz der Spezialisten für das Innere qualitativ besonders auf den Gebieten Gestalttherapie, Gestaltungspsychologie, Gestaltungssoziologie und untermauert das dezidierte Wissen um Medien im Raum, Wirkung des medialen Raums und Raumbedeutung in der individuellen Interpretation ebenso wie die klassischen Anwendungsbereiche Licht- und Klangtechnik, Ausbaukonstruktionen und funktionale Aspekte. Die gemeinsame Sprache ist durch die Diplomstudiengänge Architektur und Innenarchitektur seit Jahren gebildet.

…wie ein Chamäleon…

Die beiden Disziplinen müssten sich eigentlich verstehen, bringen sie doch beide am Ende Diplomingenieure hervor. Die Diplomstudiengänge werden allerdings auf breiter Front abgeschafft; disziplinübergreifende Bachelor- und Masterstudiengänge schießen in beiden Fachbereichen wie Pilze aus dem Boden, die Vielfalt der Schwerpunkte verursacht ein schier unüberschaubares Ausbildungschaos. Doch gerade zu diesem Zeitpunkt wird paradoxerweise durch den Qualitätszusatz des Studienabschlusses „… of arts“ bei angehenden Architekten ebenso wie bei zukünftigen Innenarchitekten eine neue Basis für eine gemeinsame Sprache gelegt: die Gestaltungsverantwortung.

Gleichsam als Antwort auf die Megatendenzen „Individualisierung“ und „Nachhaltigkeit“ wird durch die Herausstellung der Gestaltungskompetenz der zum Standard generierten Technikkompetenz ein neues Alleinstellungsmerkmal hinzugefügt. Gestaltungsaufgaben jedoch wirken, anders als die Technikaufgaben, weniger rational, funktional und verallgemeinernd, vielmehr synästhetisch und damit synergetisch und vor allem subjektiv konkret und individuell hautnah. Um die Gestaltungsverantwortung auch wirklich wahrnehmen zu können, bedarf es aber einer ausreichenden Qualität und Dauer des Studiums. Ein sechssemestriges Bachelor-Studium kann das Rüstzeug für diese Verantwortung nicht vermitteln. Wer die hohen Anforderungen der Praxis bestehen und Erfolg haben will – ob mit einem eigenen Büro oder als Angestellter – muss sich in einem Masterstudium weiterqualifizieren.

Partnerschaft statt Ressentiments

Die tatsächlichen oder auch nur angeblichen Divergenzen zwischen innen und außen sind bislang viel zu sehr hochgespielt worden, wohl auch, um verdeckt bestimmte Interessen zu bedienen. Die Konvergenzen, die es ja auch gibt, und die in Zukunft Beispiele von sinnvoller Kooperation für die nächste Generation darstellen können, werden immer noch zu wenig beachtet.

Dabei ist das Kooperationsmodell „Architekt – Innenarchitekt“ schon lange ein Erfolgsmodell. Nahezu jedes große und erfolgreiche Architekturbüro hat einen umfangreichen Stab an qualifizierten Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen, die sich um die Innenarchitektur kümmern, meist auch schon vor dem Hintergrund der differenzierten Spezialfelder Licht, Akustik, Medien, Klima, Einrichtung und Ausstattung. Es gibt die erfolgreichen Partnerschaften zwischen Architekten und Innenarchitekten in Koexistenz und in Symbiose eines gemeinsamen Büros, und nicht wenige davon haben sich bereits während des Studiums kennen- und schätzengelernt.

… zu jeder Veranstaltung gibt es den passenden Ton.

Die Komplexität des Planens und Gestaltens verändert sich von der reinen Baukompliziertheit hin zur nicht minder komplizierten Welt des Innenraumes oder vielmehr der Komplexität der Mensch-Raum-Relationen. Diese wiederum weiten das Gestaltungsspektrum von der baulichen Realität bis hin zu Ausstattung und Einrichtung, die häufig mobil und veränderbar über ein hohes Maß an Design­qualität verfügen. Architektur, Innenarchitektur und Design vereinen sich unter der Prämisse „Gestalten für Menschen imRaum“. Diese gesellschaftlichen Herausforderungen sind nur noch gemeinsam und frei von Hierarchien zu ­bewältigen. Innen und außen auf gleicher Augenhöhe behandelt, hat den zufriedenen, oft auch begeisterten Auftraggeber zur Folge. Er bekommt heute mehr als nur ein „richtiges“ Gebäude, mehr als nur einen „schönen“ Raum; er kann vielmehr eine richtig „gute“ Innenarchitektur erwarten, und zwar im physischen, psychischen und sozialen Sinne. Die Aktualität gängiger Planungspraxis zeugt von neuer Kollegialität und von vernünftigem Umgang ­miteinander.

Die Gesellschaft fordert Allianzen. Arbeiten verschiedene Kompetenzen eng zusammen, profitieren alle Beteiligten. Das Ganze ist auch hier mehr als die Addition der Einzelkompetenzen. Der Mehrwert resultiert aus dieser vertrauensvollen und von gegenseitiger Wertschätzung getragenen Zusammenarbeit. Unerwähnt bleiben sollte nicht, dass dieses Ganze und dieser Mehrwert fragil sind und dass die Verantwortlichen gut daran tun, bislang beträchtliche Hürden für eine Weitung dieser Kooperation abzutragen.

Notwendig ist eine öffentliche Diskussion über die Qualität von konzeptioneller, gestalterischer, planerischer Arbeit im Innenraum und die Bewertung dieser Arbeit. Die Frage „Welchen Wert hat Innenarchitektur für diese Gesellschaft?“ sollte möglichst rasch von Verantwortungsträgern beantwortet werden. Ansonsten schafft der Markt eigene Fakten und Realitäten. Architektur, Innenarchitektur und Design haben sich auf die Lösung der Probleme einer sich entwickelnden Gesellschaft zu konzentrieren, denn sie fordert die entsprechenden Räume.

Prof. Rudolf Schricker ist Präsident des Bundes Deutscher ­Innenarchitekten (BDIA) und Büroinhaber in Stuttgart.